Gewaltig mystisch – Terraforming von Jupiterian

Sludge/Doom
Veröffentlicht: 15.11.2017
Transcending Obscurity Records
https://www.facebook.com/jupiteriandoom


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Terraforming

Terraforming heißt auf Deutsch soviel wie Erdbildung und bezeichnet den Prozess, einen Planeten mittels moderner Technik zu einem der Erde ähnlichen Planeten umzugestalten. Wer diesen Titel für ein Metal-Album wählt, verspricht in übertragenem Sinne also in der Tat weltbewegendes, vor allem aber gewaltiges. Damit nehmen Jupiterian den Mund auch beileibe nicht zu voll, denn urgewaltig schallt es tatsächlich aus Brasilien mit einer gekonnten Mischung aus Sludge, Doom und ein paar schwarz eingefärbten Versatzstücken. Der Titel und das Cover passen also, kommen wir zum Inhalt an sich. Sechs Lieder dräuen, allesamt in mittlerer Länge, den droneartigen Titeltrack mal ausgenommen.

Einsteigen will ich aber gar nicht mit dem ersten Lied Matriarch, sondern im Sinne eines gewagten umgedrehten Spannungsbogens mit Sol, dem letzten Lied, das mir schlichtweg am besten gefällt. Das liegt zuallererst am unglaublich wuchtigen Riffing. So düster auch alles klingen mag, muss man doch unwillkürlich grinsen, wenn die Walze mit ordentlich Bassfundament ins Rollen kommt. Melodisch wird’s dann auch noch, fast poppig mit getragenen Achteln. Sowieso können die Jungs bei aller Schwere auch die ein oder andere schöne Melodei hervorzaubern. Bestes Beispiel dafür ist Unearthly Glow, dessen Hauptriff mit ordentlich Ohrwurmcharakter daherkommt, bevor gegen Ende wundervolle Leads das Regiment übernehmen und unterlagert von einem Double-Bass-Teppich das Lied fast träumerisch ausklingen lassen.

Dieser Eindruck soll aber nicht täuschen, denn die Hauptstimmung von Terraforming ist dann doch eher im Bereich mit wenig Lux zu finden. Großteils geht es also finster zu, wenn es auch wie im Mittelteil von Us And Them sehr, sehr kurze Lichtblicke gibt. Bei dem Lied will ich auch kurz bleiben, wegen des genialen Einstiegs mit zunächst langsamer mystischer Gitarre, was nach wenigen Sekunden von wildem Gekloppe überlagert wird, um dann – Atem holen – in einem wohlgefälligen Groove aufzugehen.

Markenzeichen sind die typischen sludgigen, schrägen Gitarrenriffs, die mich ein ums andere Mal an die französischen Sludge-Kollegen Regarde Les Hommes Tomber erinnern. Besonders stark tritt das beim Einstieg Matriarch zutage. Das wird nach einem okkult wirkenden Intro von einem simplen, aber effektiven Bass-Riff dominiert. Über dem Basskeller schwebt wie eine bedrohliche Hornisse die eher dissonant klingende Gitarre, was ein wunderbar unheilvolles Bild ergibt. Als erstes Lied ist das wohlweislich gewählt, überrascht es doch zunächst und macht dann neugierig auf den Rest.

Alles in allem wird Terraforming wie es sich für das Genre gehört beherrscht von schweren Gitarren und stark verzerrtem Bass. Doch belassen es Jupiterian glücklicherweise nicht bei Heaviness alleine. Das würde das Album bei aller Liebe auch schlicht nicht tragen. Sie mischen geschickt Elemente aus anderen Musikrichtungen wie Black- oder Doom-Metal unter. Dabei gelingt ihnen das Kunststück, die Spannung durch immer neue Ideen bis zum letzten Lied hoch zu halten. Mit der mystisch-hypnotischen Atmosphäre, die sich durch Terraforming zieht, wird noch ein eigenes Markenzeichen gesetzt. Das hebt Jupiterian wohltuend von anderen Genrevertretern ab. Auch klingt das Album erstaunlich eingängig, hat viele Stellen zu bieten, die sich schon beim ersten Hören ins Ohr festbeißen und trotzdem genug Tiefe für viele, viele Wiederholungen. Im Gegensatz zu Exile von Regarde Les Hommes Tomber, das natürlich weit mehr an Black Metal angelehnt ist, ich sag’s gleich dazu, ist Terraforming auch nicht anstrengend, sondern leicht zu durchdringen. Bei dem Stoff ist das nicht einfach zu bewerkstelligen und verdient daher durchaus Beachtung.


Lieder:

  1. Matriarch
  2. Unearthly Glow
  3. Forefathers
  4. Terraforming
  5. Us And Them
  6. Sol

Band:
V – Gitarre, Gesang
R – Bass
A – Gitarre
G – Schlagzeug

Magisch. „Secrets Of The Magick Grimoire“ von Elvenking

Pagan/Folk/Powermetal
Veröffentlicht: 10.11.17
AFM Records
http://www.elvenking.net/


Secrets Of The Magick Grimoire

Secrets Of The Magick Grimoire

Gute Nachrichten, sofern du kein Ork oder auch ein Troll bist: die Elfenkönige sind zurück. Die italienischen Paganpowermetaller veröffentlichen am 10. November ihr neues Album „Secrets Of The Magick Grimoire“. Da ich das letzte Album „The Pagan Manifesto“ von 2014 ziemlich gut, ausgefeilt und voller genialer Ideen fand, gehe ich natürlich mit der nötigen Skepsis an die Sache: „Kann man das toppen? – Natürlich nicht!“ Man hat schließlich einen Ruf als ewiger Schwarzseher zu verlieren. Oder? Öffnen wir doch das Grimoire – das Zauberbuch voll magischen Wissens – und sehen und hören was passiert. Wenn die Zeilen hier abbrechen bin ich jetzt eine hässliche, picklige Kröte — Quaaaak!

Puh, also mir ist nichts passiert – den Vollbart hatte ich ja vorher schon. Wenden wir uns also endlich Elvenking und „Magick Grimoire“ zu. Ich habe tatsächlich einige Durchläufe gebraucht, um mich gedanklich vom überragenden „Pagan Manifesto“ zu lösen, und nicht ständig Vergleiche anzustellen. Das Album startet mit Sänger Damna, der uns ein geheimnisvoll-vielversprechendes „Lalala“ heraushaucht? Krächzt? Geflüsterte und gehauchte Worte. Streicher. Orchestrierung. Und dann geht’s los! Die Herren geben Gas. Ein eingängiges Gitarrenriff, mit Druck vorgebracht, Damnas kraftvolle Stimme. Ein eingängiger Mitsingrefrain. Dazu noch Synthis und Chöre, die ein wenig Geheimnis zaubern und feinste Gitarrenarbeit von Aydan und Rafahel. Mit „Invoking The Woodland Spirit“ verbreiten Elvenking absolute Aufbruchstimmung. Die eingängigen, schönen Ohrschmeichlermelodien und die Mitsingrefrains begleiten uns auf dem ganzen Album. „Draugen’s Maelstorm“, „The One We Shall Follow“, „The Wolves Will Be Howling Your Name“ oder „Summon The Dawn Light“ reihen sich ein. Leider fehlt aber hier und da auch der Kick und der Song plätschert belanglos vor sich hin. „3 Ways To Magick“ oder „Straight Inside Your Winter“ haben mich zumindest nicht so vom Hocker gerissen. Das gilt teilweise auch für „The Horned Ghost And the Sorcerer“. Zwischendurch plätschert es ganz schön. Aber da hat Fiedelfritze Lethien seinen ersten richtigen Einsatz und das reißt es wieder raus. Auch der neue Drummer Lancs und Bassist Jakob tragen dazu bei, dass der Song am Ende doch hörenswert ist. Ein FF-Mittelteil (Fiedel-Flöte) animiert zum mittelalterlichen Gesellschaftstanz, man kann aber auch nur lauschen und genießen. Keine Sorge, neben „Invoking The Woodland Spirit“ bietet „Secrets Of The Magick Grimoire“ noch ein paar weitere Highlights. „The One We Shall Follow“ schlendert zwar rhythmisch gemütlich vor sich hin, aber melodisch und gitarrentechnisch gefällt mir der Song echt gut. Auch hier wird wieder geflüstert – untermalt mit einigen Pianotönchen für die geheimnisvolle Note. „Grain Of Truth“ haut richtig schön rein. Drummer Lancs variiert immer wieder das Tempo, Cleangesang und Growls sorgen für Abwechslung, Streicher bringen die nötige Dramatik ins Spiel, das Xylophon rockt mal so richtig, Damna flüsterkrächzt dazu und eine weibliche Cleanstimme und ein wunderbares Gitarrensolo werden auch noch geboten. Ein bunter Strauß an tollen Ideen würde ich jetzt sagen – wenn ich jemand anderes wäre. „The Wolves Will Be Howling Your Name“ gefällt mir ebenfalls. Ein akustisches Flöte-Gitarre Intro, dann verbreitet die Fiedel hektische Hummel-Irrwisch-Stimmung. Das macht sie genialerweise auch später nochmal und dann wird das Tempo wieder radikal zurückgefahren. Das Tempo wechselt also immer wieder zwischen langsam-wiegend im Refrain, Midtempo und hektischer Fiedel. Und ’nen Chor gibt’s auch noch dazu. Chor ist das passende Stichwort für „The Court Of The Wild Hunt“, ein weiteres Highlight des Albums. Der Song startet mit Gesang? – ähm – Gegröle? – oder Gekrächze? – akustisch begleitet. Mit Tempo und Power geht’s weiter. Ein sanfter Break, rüde unterbrochen von Growls, Aydan und Rafahel zeigen eindrucksvoll, was sie aus ihren Gitarren so rausholen können. Fiedel und Gitarrenbreak mit Cleangesang. Aber man ahnt es schon, die Ruhe hält nicht lang. Tempowechsel, bedrohliche Stimmung durch Chöre und Streicher. Power. Akustisches Ende. Jawoll! Den Abschluss des Albums bildet „A Cloak Of Dusk“. Zart, akustisch mit Gitarre und Fiedel. Gesungen von Damna und einer weiblichen Stimme schließt sich das Zauberbuch sacht.

Ein Elvenking Album zu hören ist für mich jedes Mal, wie wenn man abends am knisternden Kamin das Märchenbuch aufschlägt. Es gibt wahrlich schöne, eingängige, magische Melodien, die verzaubern. Es gibt die fiesen, bösen Untertöne und das drohende Unheil – und beide ringen miteinander. „Secrets Of The Magick Grimoire“ kommt für mich zwar nicht ganz an das Vorgängeralbum heran – aber es fehlt auch nicht viel. Hier und da sind mir einige Songs zu seicht, zu plätschernd. Doch Songs wie „Invoking The Woodland Spirit“, „Grain Of Truth“, „The Court Of The Wild Hunt“ oder auch der sanfte Abschluss „A Cloak Of Dusk“ reißen das wieder raus. Sie ziehen einen in ihren Bann mit ihrer mal kraftvollen, mal sanften, geheimnisvollen, teils keltisch-mittelalterlichen Atmosphäre, ihren Melodien, die direkt ins Ohr gehen und den Mitsing (oder -gröl, je nach Begabung) Refrains. Und es gefällt mir wieder einmal, wie Elvenking die unterschiedlichsten Instrumente und ihre Stimmen einsetzen, um eine ganz eigene, märchenhafte, magische, plastische Stimmung zu schaffen. Wer neben Schwarz auch noch ein bisschen bunt vertragen kann, dem sei „Secrets Of The Magick Grimoire“ empfohlen.

Quelle: YouTube Channel von AFM Records https://www.youtube.com/channel/UCKdA5J4-opjla1aWOjF74mg


Tracks:
1. Invoking The Woodland Spirit
2. Draugen’s Maelstorm
3. The One We Shall Follow
4. The Horned Ghost And The Sorcerer
5. A Grain Of Truth
6. The Wolves Will Be Howling Your Name
7. 3 Ways To Magick
8. Straight Inside Your Winter
9. The Voynich Manuscript
10. Summon The Dawn Light
11. At The Court Of The Wild Hunt
12. A Cloak Of Dusk

Band:
Damna (Gesang)
Aydan (Gitarre, Gesang)
Rafahel (Gitarre)
Jakob (Bass, Gesang)
Lethien (Violine, Gesang)
Lancs (Schlagzeug)

Jenseitig – Mirror Reaper von Bell Witch

Funeral Doom Metal
Veröffentlicht: 20.10.2017
Profound Lore Records
https://www.facebook.com/BellWitchDoom


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Mirror Reaper

Bell Witch dürften Doom-Metal-Anhängern spätestens seit Four Phantoms ein Begriff sein. Ein Album, melancholisch, mit fast überirdischer Stimmung, das den Weg vierer Menschen in den Tod in ebenso vielen Liedern nachzeichnet. Bell Witch stechen aus der Doom-Metal-Masse heraus, weil sie eine einzigartige Atmosphäre schaffen. Ihnen gelingt das Kunststück, einen eigenen Klang hinzubekommen. Nicht zuletzt mag das an der ungewöhnlichen Band-Besetzung liegen. Ist es etwa im Black Metal durchaus mal üblich, keinen Bassisten zu haben (Sun Worship, Wiegedood), so ist dies bei Bell Witch genau umgekehrt: Gitarre gibt es nicht. Nur Gesang, Schlagzeug, Orgel und ein sechssaitiger Bass.

Nun haben Bell Witch mit Mirror Reaper nachgelegt und einen wahren Megalithen veröffentlicht. 83 Minuten, ein Lied. Ein monumentales Werk, dessen Entstehung alles andere als einfach war. In der Schreibphase ist der Ex-Schlagzeuger und -Sänger Adrian Guerra verstorben, was sich hörbar auf die Musik auswirkt. Auch darüber hinaus ist es sicher eine Mammutaufgabe ein kohärentes Lied über diese Länge zu schreiben. Und doch fiel die Entscheidung, das Material als einziges Lied zu veröffentlichen, tatsächlich erst kurz vor den Aufnahmen. Die Riffs und einzelnen Sektionen flossen laut Bell Witch schlichtweg auf natürliche Weise ineinander, so dass eine Auftrennung auf einzelne Lieder dem Gesamtwerk eher geschadet hätte.

Wie will man so ein Werk also besprechen? Man wird Mirror Reaper nicht gerecht, indem man einzelne Segmente herausgreift, weil es tatsächlich ein geschlossenes Werk ist. Deshalb an dieser Stelle der Versuch, die Besonderheit dieses Albums auch ohne feste Landmarken zu vermitteln.

Was Mirror Reaper komplett durchzieht, ist eine tiefe Traurigkeit, die sich aber deutlich von der hoffnungslosen Trauer unterscheidet, wie sie etwa bei Skepticism zu finden ist. Hier suhlt sich niemand im Elend. Nein, unter all der bittersüßen Melancholie verbirgt sich eine tiefe Schönheit, die ans Innerste rührt. Kurz, ganz kurz blitzt Dissonanz auf. Die Stimmung wandelt sich ins Düstere und löst sich doch wieder in traurige Erhabenheit auf. In anderen Sphären wähnt man sich durch die spirituelle Note, die durch dichte Orgelteppiche und insbesondere den ergreifenden Klargesang unterstützt wird. Schwerfällig kriechen monumentale Klangwellen dahin, wunderschöne Melodien verlieren sich in der Stille. Egal, ob 20 Minuten lang nur das sanfte Klagen mit wehmütiger Stimme zu hören ist, oder gigantische Klangbrocken auf einen einstürzen, ob in epischer Breite der Bass ätherische Elegien vorträgt und das Schlagzeug wie ein Donnerschlag hallt. Immer schwingt eine tiefe Betrübnis mit. Und wenn die einzelnen Noten im Crescendo verlassen verklingen, wird der Schmerz, der hinter diesem Werk steht, fast greifbar.  Mirror Reaper ist schier überwältigend mit Gefühlen beladen, was es zu außerordentlich schwerer Kost macht. Gleichzeitig ist es trotz der expressiven Emotionalität unglaublich in sich gekehrt, introvertiert und dadurch ein meditatives Erlebnis sondergleichen.

Man sollte sich in jedem Fall die Zeit nehmen, das ganze Werk am Stück durchzuhören. Dann ist es Musik, in der man sich verlieren kann, Zeit und Raum lösen sich scheinbar auf und der Strom der vermittelten Gefühle reißt einen unweigerlich mit und stößt Gedankenströme an. Mirror Reaper ist nicht irgendein Lied, nicht irgendeine Platte. Es ist Funeral-Doom-Metal, wie er besser kaum sein. Anders als die anderen und für mich ein neuer Maßstab.


Lieder:

  1. Mirror Reaper

Besetzung:

Dylan Desmond – Bass, Gesang
Jesse Shreibman – Schlagzeug, Gesang, Orgel

Song des Monats 10/2017

Der Song des Monats Oktober kommt von den schwedischen Melodic-Death-Metallern Scar Symmetry und heißt „Illuminoid Dream Sequence“. Er ist zu finden auf dem Album „The Unseen Empire“ von 2011, ist also schon ein wenig älter. Wie das ganze Album überzeugt der Song durch die schöne Gitarrenarbeit und den gelungenen Wechsel zwischen Cleangesang und Growl. Scar Symmetry liefern hier ein Paradebeispiel für Melodic Death Metal ab. Die Gitarre trägt den Song die ganze Zeit melodiös, wird immer wieder durch treibende Schlagzeugpassagen unterbrochen, in denen uns auch tiefe Growls um die Ohren gehauen werden. Dann fängt sie das Ganze wieder ein und die Zuhörer werden mit tollen Soli verwöhnt.

So richtig klasse finde ich, dass hier der Cleangesang zum einen gut in den Song passt und zum anderen mit Lars Palmqvist und Roberth Karlsson auch jemand am Werk ist, der singen kann. Oft läuft es ja so ab, dass der Typ, der schon nicht richtig Bass spielen kann, dann eben auch noch den Gesang macht – und so hört sich das dann auch an. Nicht so bei Scar Symmetry: der Cleangesang trägt die Melodie mit und wechselt sich toll mit den Growls ab. So geht Melodic Death Metal. Im Übrigen kann ich jedem das ganze Album nur empfehlen und reinhören könnt Ihr ja heute schon mal.

Quelle: YouTube-Channel von Nuclear Blast (https://www.youtube.com/channel/UCoxg3Kml41wE3IPq-PC-LQw)

Schwarz – Melancholisch – Poetisch – Emotional – „No Stars Upon the Bridge“ von Hallatar

Doom Metal
Veröffentlicht: 13.10.17
Svart Records
https://de-de.facebook.com/Hallatardoom/


No Stars Upon The Bridge

No Stars Upon The Bridge

Es ist das Album, auf das ich das ganze Jahr mit großer Spannung gewartet habe. Den Song „Mirrors“ daraus kennt ihr ja schon. Er war Song des Monats Juni. Der Grund der  Entstehung des Albums „No Stars Upon The Bridge“ von Hallatar ist allerdings leider ein sehr trauriger. Juha Raivio (Trees of Eternity) schrieb die Songs nach dem Tod seiner Lebensgefährtin Aleah Starbridge (Trees of Eternity) im April letzes Jahr. Laut eigener Aussage ein äußerst schmerzvoller, aber auch wichtiger und nötiger Prozess. Zusammen mit Tomi Joutsen (Amorphis) und Gas Lipstick (Ex-H.I.M.) nahm er die Songs schließlich auf. Die Texte sind zusammengesetzt aus Gedichten und Worten von Aleah. Die weiblichen Gesangsparts und die zwei gesprochenen Sequenzen übernahm Heike Langhans (Draconian), außer in „Dreams Burn Down“. Dort hören wir noch einmal Aleahs wundervolle Stimme.

Das Album eröffnet mit „Mirrors“ – und verlangt dem Hörer emotional gleich alles ab. Kein langsames Herantasten, kein Zögern. Der Song trägt Raivios typische Gitarrenhandschrift. Klagend, hallend und schmerzvoll schleppt sich die Gitarre dahin. Unverkennbar. Was einen dann aber mit voller Wucht trifft, ist Joutsens Stimme, die teilweise kaum noch etwas Menschliches hat. Gequältes, atemloses Zischen – herausgepresste, ausgekotzte Worte – tiefe, dunkle Growls und Klargesang, das ist die Bandbreite in der Joutsen sich bewegt. Und die einen sprachlos macht. „Mirrors“ transportiert mit jedem einzelnen Ton Schmerz und Hoffnungslosigkeit und lässt einen mit wild klopfendem Herzen und einem unangenehmen Klumpen im Magen zurück. Der düster-poetisch-melancholische Text und die Musik ergänzen sich perfekt.

Herausragend ist auch „My Mistake“. Heike Langhans‘ wunderschöne Stimme prägt den Song und steht in reizvollem Gegensatz zu Joutsens dunklen Growls. Im weiteren Verlauf des Songs steigt er kurzzeitig auf Cleangesang um, flüstert, nur um uns noch derbere Growls um die Ohren zu hauen. Orgelähnliche Synthiklänge, verwaschene, träumerische Gitarrenwände und im Gegensatz dazu der glasklare Drumrhythmus ergeben einen wahrlich melancholischen Höhepunkt des Albums. Abwechslung bietet „Pieces“. Heike Langhans spricht den Text und die Worte werden mit Pianoklängen untermalt.

Pieces that gave me access denied
Behind the shields of broken dreams – I hide

But nothing can remain
So recognise your war
Broken into pieces
you’re holding on no more

Fall into the dream
through the open door
It breaks your heart to free you
The life inside you core

to bleed is to feel…

Das Ganze wirkt sehr zart und fragil, auch im Gegensatz zu der Wucht, die uns in den vorigen Songs schon einige Male getroffen hat. Zerbrechlich und fragil geht es auch in Severed Eyes“ weiter. Tomi Joutsens wunderbare, melancholische Cleanstimme trägt den Song – begleitet von Juha Raivios zurückgenommenen, sanften, cleanen Gitarrenklängen, die Joutsens Gesang sanft umschweben. „Maze“ vollzieht wiederum eine komplette Kehrtwende zu „Severed Eyes“. Der Song walzt unglaublich langsam und zäh voran. Schöpft aus den tiefsten Tiefen der Hölle. Fieses Krächzen und herausgewürgte Growls begleiten das Ganze. Ein Pianobreak wirkt wie ein kleiner Hoffnungsstrahl im Dunkel, der die Seele wärmt. Schnell gleitet er jedoch zurück in tiefste Finsternis – versucht sich immer wieder durchzusetzen und plätschert am Ende unbestimmt aus. „Dreams Burn Down“ beschließt das Album. Es beginnt mit Kirchenglockengeläut und Chorgesang. Raivios Gitarre übernimmt und Joutsens Gezische mischt sich dazu. Und schließlich ertönt Aleahs elfenhafte, zarte Stimme. Der gesamte Song gewinnt an Kraft, bevor er mit Aleahs Gesang dann sanft ausklingt. Gänsehaut!

Mir fehlen die Worte! Blöd, denn ich sollte jetzt meinen Gesamteindruck wiedergeben. Ich taste mich mal ran. „No Stars Upon The Bridge“ – wahrlich kein Album, das man so nebenbei dudeln lassen kann. Es ist bleischwere, schwarze Kost, für die man aufnahmefähig sein muss. Abseits davon ist es für mich ein perfektes, faszinierendes, kleines Meisterwerk. Jeder Ton kommt aus tiefster Seele, jede Textzeile harmoniert perfekt. Lipsticks unerschütterliche Drumbeats, Raivios mal melancholische, mal jammernde, mal niederdrückend-wuchtige Gitarre und Joutsens zischende, bellende, keifende, röhrende und dann wieder sanfte, zarte, melancholische Stimme ergänzen sich beständig. Auch Heike Langhans‘ Stimme fügt sich perfekt ein und verpasst dem Album eine besondere Note. Und nicht zu vergessen natürlich Aleahs Worte und ihr elfenhafter Gesang, die in allem zu leben scheinen. Das Album ist so emotional und ergreifend. So berührend. So voller Schmerz, so voller Melancholie, Hass und Verzweiflung, dass einen diese schiere Fülle an musikalisch transportierter Negativität einfach überrollt und aufgewühlt mit klopfendem Herzen zurücklässt. Ein Wust an eigenen Gedanken und Erinnerungsfetzen setzt sich unweigerlich in Gang. Die Songs sind dermaßen kraftvoll und intensiv. Unglaublich. Sie sind eine erschreckend ehrliche und spezielle Momentaufnahme einer sehr dunklen Zeit im Leben eines Menschen – eines persönlichen Höllentrips, der einen unbarmherzig mit hinabzieht und Gänsehaut verursacht. Und dennoch sind die Songs auch wunderschön. Ich bin wirklich wieder einmal zutiefst beeindruckt, was Musik alles schaffen und auslösen kann.„No Stars Upon The Bridge“ lässt bestimmt niemanden kalt. Für mich das Album des Jahres.

Quelle: YouTube Channel von Svart Records: https://www.youtube.com/watch?v=YuVed39-p_A


Tracks:

1. Mirrors
2. Raven s Song
3. Melt
4. My Mistake
5. Pieces
6. Severed Eyes
7. The Maze
8. Spiral Gate
9. Dreams Burn Down

Band:

Tomi Joutsen – vocals
Gas Lipstick – drums
Juha Raivio – guitar, bass, keyboards

„Metal ist die Musikrichtung, in der man am besten man selbst sein kann.“ Interview mit Tobias Holzinger von Melodramatic Fools

Im Review zu „Dog in the Rain“ habt ihr schon einiges über die Melodramatic Fools und ihr neues Album erfahren. Lest jetzt im Interview mit Drummer Tobias Holzinger wie die Band zusammengefunden hat, wie sie ihre Songs schreibt und welche Rolle das Thema ‚Ungerechtigkeit‘ in ihren neuen Songs spielt.

Melodramatic Fools

Melodramatic Fools

T!B!B!: Wie habt ihr als Band zusammen gefunden? Kannst du ein wenig zu eurem Hintergrund sagen?

Tobias Holzinger: Die Band war ursprünglich eine Schulband einer Mittelschule, in der am Anfang nur Simon mit dabei war, mit einem Mitschüler am Schlagzeug und einem Lehrer am Bass. Es wurden Coversongs gespielt. Nachdem Simon und Burak nicht mehr an der Schule waren, wollten sie weitermachen und haben nach Mitstreitern gesucht und Maximilian und Timo gefunden. Simon kannte Timo von der Schule und Timo spielte mit Max in einer anderen Coverband. Da sie den Plan hatten auch eigene Songs zu machen, hatten die beiden auch Interesse. Burak, der Schlagzeuger, war aber irgendwann immer unzufriedener und ist dann mit seiner Freundin weggezogen, worauf Simon mich angeschrieben hatte, ob ich Lust auf die Fools hätte. Ich hatte die Fools schon zwei mal gesehen, kannte Burak persönlich und wusste, dass Simon ein Hammer Sänger ist, hatte gerade keine Band, aber zwei weitere Angebote. Die drei erklärten mich als tauglich und ich war auch gleich begeistert. Einfach, weil ich volle Kontrolle über die Schlagzeugstimme hatte. Bei einer anderen Band wäre ich nur der gewesen, der Sachen vom Songwriter nachspielt. Auch menschlich haben wir uns gleich super verstanden. Es hat einfach viel mehr Spaß gemacht! Und tut es auch immer noch. Ich kann stolz sagen, dass wir in den drei Jahren zu echt guten Freunden geworden sind, die schon echt viel erlebt haben mit Höhen und Tiefen.
 
T!B!B!: Warum spielt ihr Metal bzw. was bedeuten Metal und Musik generell für euch?
 
Tobias Holzinger: Nun ja wir selbst hören gerne Metal und gehen zu vielen Konzerten und Festivals. Ich denke, dass ich für die ganze Band spreche, wenn ich sage, dass Metal einfach die Musik ist, in der man am besten man selbst sein kann. Es gibt in jeder Musikrichtung gute Musiker und Songs. Aber im Metal muss man sich nicht dafür schämen, seine Emotionen zu zeigen. Du kannst bei Balladen weinen und bei nem Brettersong im Moshpit deine Aggressionen rauslassen, kannst aber auch durch Texte vielleicht ein paar Leute zum Nachdenken bringen. Das kenne ich so in keinem anderen Genre. Einzeln schon, aber nicht vereint in einer Musikrichtung.
Und Musik allgemein ist für uns einfach das Beste. Wir würden alle vier nichts lieber tun, als unser Geld damit zu verdienen. Ich bin Studienabbrecher und werde einen Ausbildungsberuf ergreifen und die anderen drei haben einen geordneten Beruf, aber Musik ist für uns alle eine Leidenschaft. Deswegen ziehen wir auch am gleichen Strang, wenn es um die Band geht. Wir investieren alle vier so viel Freizeit in die Band. Dieses Jahr haben wir von Mitte April bis Ende Juni, jedes Wochenende mindestens einen Auftritt gespielt, einmal in der Woche geprobt und zusätzlich noch die EP im Studio aufgenommen. Wir haben uns in den Wochen öfter gesehen, als manch anderer seine Freundin. Wir stecken echt viel Arbeit in die Band, weil wir doch noch den Traum haben, irgendwann einmal mehr damit zu erreichen. Es gibt einfach nichts Geileres, als auf der Bühne seine eigenen Lieder zu spielen und zu sehen, wie Leute dazu abgehen und es genauso feiern.
 
T!B!B!: Werdet ihr auch von anderen Richtungen bzw. Bands / Künstlern beeinflusst?
 
Tobias Holzinger: Jeder von uns hört viel Musik und dadurch haben wir, denke ich, sehr viele Einflüsse. Es gibt jedoch keine Richtung, oder Künstler, den wir uns als Beispiel für unseren Stil vorgenommen haben. Ich würde sagen, dass grundsätzlich bei jedem Musiker immer der eigene Musikgeschmack in die Lieder mit einfließt. Das reicht bei uns von Klassik bis hin zu Black Metal. Manches mehr und manches weniger. Hin und wieder kommt einer mal mit einer Idee und sagt: „Hey, habt ihr das neue Lied von Dingsbums gehört, sowas könnten wir auch mal machen.“ Da kommt aber meistens etwas ganz anderes zum Schluss dabei raus. Es passiert viel häufiger, dass wir etwas ausprobieren und einer sagt dann, „Hey, das klingt doch wie das eine Lied von Black Sabbath…das können wir so nicht spielen.“ Deswegen definieren wir unseren Musikstil auch nicht selbst. Wenn uns allen ein Song am Ende gefällt, dann ist er gut. Wir haben nie gesagt, wir wollen die neuen Metallica, Rammstein usw. sein, oder, wir müssen jetzt einen Thrashmetalsong schreiben. Jeder spielt an seinem Instrument so, dass der Song seiner Meinung nach gut klingt und was dabei rauskommt, hört man danach.
 
T!B!B!: Eure Songtexte setzen sich mit dem Thema Ungerechtigkeit auseinander. Wie seid ihr darauf gekommen? Was war der Anstoß dazu?
 
Tobias Holzinger: Geplant war das Thema nicht unbedingt.  Grundsätzlich ist es so, dass ich am besten Texte schreiben kann, wenn es mir scheiße geht, mich etwas aufregt oder schwer beeindruckt. Ich will keine Texte über ein tolles Leben schreiben, wenn in der Welt so viel falsch läuft. Außerdem sind unsere Lieder auch eher düster. Da kann ich schlecht über Einhörner auf Regenbögen schreiben. Ich hatte Texte zu drei Songs, die in die Richtung gingen, dann habe ich die anderen beiden auch so geschrieben, dass die EP einen roten Faden hat. „Steve“ habe ich geschrieben, nachdem ich mir in einem Netflixmarathon „Making a murderer“ reingezogen habe. Ich war schon immer dem amerikanischen Justizsystem kritisch gegenüber eingestellt und der Fall von Steven Avery ist einfach ein Paradebeispiel dafür. Die Texte zu „Dog in the Rain“, „Bullshit“ und „Picture of me“ sind entstanden, da ich glücklicherweise durch Zufall den Fotografen Heiko Roith von Rock&Royalty kennengelernt habe, welcher nicht nur schon alle möglichen Bands abgelichtet hat, sondern auch als Fotograf in Syrien und dort auch im Gebiet des IS war. Er hat mir Bilder gezeigt und mir Geschichten erzählt, welche mich echt beschäftigt haben, weil ich mich auch Abseits davon, viel mit Syrien und dem IS auseinandergesetzt habe. „Picture of me“ ist quasi sogar eine Geschichte über ihn. Eine Frau hat sich von ihm fotografieren lassen, ist Titelbild seiner Ausstellung „Faces of Syria“ und wurde dafür vom IS gesteinigt. Sowas lässt mich echt nicht kalt. Weniger spektakulär ist der Text zu „Too Late“, wo es nur darum geht, dass ich von einer Frau auf echt bescheuerte Art und Weise abserviert wurde. Das muss aber auch mal drin sein.
 
T!B!B!: Wie ist generell der Prozess des Songwritings bei euch?
 
Tobias Holzinger: Das läuft eigentlich immer so ab, dass Simon mit einer Grundidee, also einer Melodie oder einem Riff, in die Probe kommt und dann wird erstmal dazu gejamt. Jeder bringt ein paar Ideen ein und es entsteht ein Grundgerüst. Wir nehmen es billig mit dem Handy auf, damit wir nichts vergessen und in jeder Probe wird der Song dann gespielt. Mit der Zeit hat dann immer wieder mal einer eine Idee, was den Song vielleicht besser machen könnte und der Song wird so lange geändert, bis die Mehrheit der Band einverstanden ist, dass das Lied fertig ist. Manche Songs sind nach zwei Proben fertig, bei anderen haben wir nach einem Jahr noch Änderungen vorgenommen. Zum Schluss schreibe ich dann die Texte.
 
T!B!B!: „Ich liebe mein Instrument, weil … „
 
Tobias Holzinger: Das kann ich jetzt nur für mich beantworten. Meinen Eltern zufolge wollte ich immer Schlagzeug lernen und bekam deswegen auch Unterricht. Spiele nun glaube ich seit 19 Jahren mein Instrument, hab aber auch schon Klavier und Bass ausprobiert. Aber es macht einfach am meisten Spaß an den Drums. Würde auch gerne super Gitarrensoli spielen können, aber dazu habe ich zu dicke Wurstfinger. Nur das Transportieren eines Schlagzeugs ist echt nervig.
T!B!B!: Vielen Dank für das Interview und viel Erfolg mit dem neuen Album!

Metal Made in Marktredwitz – „Dog in the Rain“ von Melodramatic Fools

Thrash/Death/Heavy Metal/ Hard Rock
Veröffentlicht: 14.10.17
Eigenveröffentlichung
www.melodramaticfools.com
www.facebook.com/m.fools
Zum Interview mit dem Drummer von Melodramatic Fools, Tobias Holzinger >>>


Dog in the Rain

Dog in the Rain

Vorhang auf. Leinen los. Heute möchte ich euch die Melodramatic Fools vorstellen. Die junge Band aus Marktredwitz in Bayern veröffentlicht am 14.10. mit der EP „Dog in the Rain“ – nach dem Debutalbum „First Blood“  – schon ihr zweites Album. Mit ihrer Musik, mit der sie im übrigen schon den heimischen Weihnachtsmarkt ordentlich aufmischten (Metal Hammer berichtete), bewegen sich die Jungs irgendwo zwischen Thrash-, Death- und Heavymetal mit Hard Rock Einflüssen. „Dog in the Rain“ bietet fünf Songs, die sich alle in verschiedener Art und Weise mit dem Thema Ungerechtigkeit auseinandersetzen. Wenn ich das Wort „Hund“ nur von weitem höre, löst das meist eine nur schwer bezähmbare Panik aus. Glücklicherweise war das hier nicht der Fall – sonst hätte ich echt was verpasst. So weit, so klar. Genug der blöden Wortspielereien und sinnlosen Anekdoten.

Der Opener „Dog in the Rain“ startet mit dem a-cappella gesungenen Refrain. Die Melodie nimmt einen sofort bei der Hand, wird von den Gitarren wunderbar aufgenommen, und führt durch den kompletten Song. Der Cleangesang gefällt mir richtig gut. Da bin ich ja immer etwas pingelig. Hier gibt’s aber mal gar nichts zu kritteln. Nach einem tollen Gitarrensolo folgt eine Gesang- und Drumpassage, die dem Song nochmal eine aufrüttelnde Zäsur verpasst. Gelungen! Im Text geht es übrigens um einen Obdachlosen. Mit „Bullshit“ nimmt die EP dann tempomäßig Fahrt auf. Zum ansprechenden Cleangesang gesellen sich ansprechende Growls. Mehrere Tempowechsel, wummernder Bass und Gitarren, Führung durch präzise getaktete Drums und ein knackiges Gitarrensolo sind hier die Zutaten für einen mitreißenden Song. „Picture of Me“ überzeugt durch den starken Gegensatz zwischen melodiösem Refrain und einer fast schon zart zu nennenden Bridge und harten, stakkatoartigen Parts, die ab und an an Maschinengewehrfeuer erinnern. „Steve“, bei dem es um einen in den USA zu Unrecht Verurteilten geht, beginnt rockig, mit rauchiger Stimme. Der Gesang wechselt dann zwischen Cleangesang und bösem Gekeife. Der Song an sich bewegt sich weiter zwischen Hard Rock, ab und an gewürzt mit einer leicht bluesigen Note, und einigen Deathmetal Anklängen. „Too late“ beschließt die EP würdig mit seiner anklagend-schweren Atmosphäre, die durch den  drückenden Bass und die wuchtigen Gitarren kreiert wird. Und plötzlich löst sich wieder alles auf, die Gitarren wirken herrlich melodisch und harmonisch mit dem eindringlichen Cleangesang zusammen.

Mir gefällt „Dog in the Rain“ ziemlich gut. Es ist kein Song dabei, bei dem ich mir denke „Och nö!“ oder gar hektisch die Vorwärtstaste drücke. Im Gegenteil. Die Songs klingen frisch und kraftvoll. Sie pendeln beständig zwischen Tempo und Getragenheit, zwischen Wucht, Dreck und Melodie. Zwischen Cleangesang und Growls. Und dann ist das Ganze auch noch mit einer Prise Denkanstoß versehen, was die Texte betrifft. Echt gelungen. Überzeugt euch selbst! Demnächst gibt es hier übrigens auch ein E-Mail Interview mit Drummer Tobias Holzinger, in dem ihr noch einiges mehr über die Band und das neue Album erfahren könnt.


 

Tracks:

  1. Dog in the Rain
  2. Bullshit
  3. Picture of Me
  4. Steve
  5. Too late

Band:

Simon Pachali – Vocals/Guitar
Maximilian Hager – Guitar
Timo Wöhrl – Bass
Tobias Holzinger – Drums

Altbekanntes und frischer Wind. „Two Paths“ von Ensiferum

Folk/Pagan Metal
Veröffentlicht: 15.09.17
Metal Blade Records
http://www.ensiferum.com/


Two Paths

Two Paths

Es gibt wieder frischen Folkmetal auf die Ohren. Ensiferum haben vor wenigen Tagen „Two Paths“ veröffentlicht. Es ist das siebte Studioalbum der Finnen. Da der Vorgänger „One Man Army“ noch nicht so sehr lange zurückliegt, war ich ja etwas skeptisch. Oftmals bedeutet es für die Kreativität nichts Gutes, wenn Alben relativ schnell hintereinander folgen. Was bleibt also gleich, was ist neu? Hören wir doch mal rein!

Neu ist auf jeden Fall die Mitwirkung von Akkordeondame Netta Skog. Es ist das erste Album, an dem sie beteiligt ist, und das macht sich deutlich bemerkbar. Netta und ihr Instrument verleihen vielen der Songs eine beschwingt-folkige Note, die mir gut gefällt. Frischer Wind in den Segeln des finnischen Wikingerboots. Außerdem versuchen Ensiferum sich auf „Two Paths“ immer wieder am Cleangesang. „Two Paths“, „Don’t you say“ und „God is dead“ seien hier genannt. „God is dead“ erinnert übrigens sehr an die Nummern der Piraten von Alestorm. Macht gute Laune und bringt die Beine und den Nacken in Schwung. Auf jeden Fall verleiht auch der Cleangesang dem Album eine etwas andere Note. Bei „Feast with the Valkyries“ trällert uns Netta einen. Und das gar nicht schlecht. Ansonsten fehlt dem Song aber jegliche Besonderheit.

Zu meinen persönlichen Highlights des Albums gehört definitiv „For those about to fight for Metal“. Ich finde den Songtitel zwar bescheuert, aber der Song selbst vereint alle Stärken der finnischen Folk Metaller: ein temporeicher Schlachtensong, epische Chöre, das kokett wippende Akkordeon und wunderschön ausgefeilte Orchestrierung. Man sieht vor dem inneren Auge unweigerlich die wilden Horden gegeneinander anstürmen. Es sieht alles ganz düster aus – aber dann kommt der Held mit wehendem Haupthaar auf einem schwarzen Ross und wendet das Blatt. Ich sichere mir auf jeden Fall die Rechte und drehe einen Film in dem Schwaben gegen Badener oder Elfen gegen Orks oder Wiener gegen Würstchen in die Schlacht ziehen  – und im Hintergrund spielt „For those about to fight for Metal“. Ich suche übrigens noch Statisten…

Auch „Way of the Warrior“ gefällt mir gut. Sami Hinkkas Bass verleiht dem Song Wucht und Stärke, Janne Parvainen unterstreicht das gekonnt mit seinen Drums. Die Gitarrenmelodie ist eingängig-folkig und schraubt sich munter hoch und runter. Der Song wechselt flott zwischen Wucht und Leichtigkeit. „I will never kneel“ wartet mit einer erneuten Gesangseinlage von Netta auf und schafft gekonnt den Spannungsbogen zwischen ruhigen und wuchtig-epischen Passagen mit toller Orchestrierung. „Hail to the Victor“ ist schleppend, schwer und dramatisch. Auch sehr gelungen.

„Two Paths“ ist typisch Ensiferum – und doch ein wenig anders als die Vorgängeralben. Typisch sind die Schlachtensongs, die Partyhymnen, die oh-Chöre, die Orchestrierungen und auch die eine oder andere Tonfolge oder das eine oder andere Riff kommt dem langjährigen Ensiferum Hörer bekannt vor. Insgesamt wirkt das Album folkiger – vermutlich durch die Akkordeoneinlagen. Dafür gibt es weniger Passagen die so sehr nach Synthesizer klingen, was ich echt positiv finde. Der Cleangesang fügt dem Ganzen eine etwas andere Note hinzu. Die Orchestrierung ist bis ins Detail ausgefeilt und wird wirkungsvoll eingesetzt. Ensiferum arbeiten mit einigen rockigen Passagen und gewohnt knackig-schnellen Riffs. Und wieder einmal muss man die exzellente Arbeit von Drummer Parvainen hervorheben. „Two Paths“ bietet also viel Altbekanntes im Spannungsfeld zwischen Folk- Power- und Deathmetal. Mit etwas mehr Zeit hätte man eventuell noch mehr daraus machen können, denn einige Songs plätschern ohne große Spannung vor sich hin. Trotzdem ist „Two Paths“ ein starkes Album und bietet viel Neues und Hörenswertes. Ach ja – und ich liebe die In- und Outros von Ensiferum. Auch bei diesem Album.

Quelle: Youtube Channel von Metal Blade Records: https://www.youtube.com/channel/UCSldglor1t-5E-Gy2eBdMrA


Tracks:

  1. Ajattomasta Unesta
  2. For Those About to Fight for Metal
  3. Way of the Warrior
  4. Two Paths
  5. King of Storms
  6. Feast with Valkyries
  7. Don’t You Say
  8. I Will Never Kneel
  9. God Is Dead
  10. Hail to the Victor
  11. Unettomaan Aikaan
  12. God Is Dead (Alternative Version)
  13. Don’t You Say (Alternative Version)

Band:

Petri Lindroos – Vocals/Guitar
Markus Toivonen – Guitar/Vocals
Sami Hinkka – Bass/Vocals
Janne Parviainen – Drums
Netta Skog – Digital Accordion/Backing vocals

Song des Monats 09/17

Hymnen gibt es viele im Metal – Valhalla von Blind Guardian beispielsweise oder Number Of The Beast von Iron Maiden. Das Lied des Monats September fällt zweifelsohne ebenfalls in diese ominöse Kategorie der Hymnen: Mother North von Satyricon. Dieses Lied steht dabei nicht nur  für die Band, sondern für das Genre Black Metal.
Was macht das Lied denn nun aus? Die fast schon unverschämt eingängigen Leads  sind es, die sich gleich ins  Ohr fräsen und dort festsetzen. Selbst Tage, ja Wochen nachdem ich Mother North gehört habe, summe ich die Melodie noch vor mich hin. Dazu rasende Blast Beats aus Frosts Handgelenken und der perfekte Einstieg ist geglückt. Der stampfende, etwas aggressiver klingende Mittelteil rundet das ganze ab. Episch, majestätisch und mystisch zugleich geht es aufs Ende zu. Was aber wäre die Hymne  ohne den passenden Text zum Mitsingen?

Mother North
How can they sleep while their beds are burning?
Mother North
Your fields are bleeding

Memories… the invisible wounds
Pictures that enshrine your throne, gone

A future benighted, still they are blind
Pigeonhearted beings of flesh and blood
Keeps closing their eyes for the dangers
That threaten ourselves and our nature
And that is why they all enrage me

Sometimes in the dead of the night, I mesmerize my soul
Sights and visions, prophecies and horror
They all come in one

Mother North
United we stand (together we walk)
Phantom North
I’ll be there when you hunt them down

Der Text steht natürlich der Interpretation frei. Für mich geht es um Kritik an der Christianisierung Norwegens, aber auch um Naturverbundenheit und klar, Patriotismus. Da sieht man die Fjordlandschaft förmlich vor Augen und als Trve Norsk Black Metaller geht einem doch das Herz auf. Noch viel epischer als das Original klingt übrigens die Live-Version mit dem Nationalen Norwegischen Opernchor. Deshalb findet ihr die  unten eingebunden. Ich glaube, ich muss jetzt auch aufhören zu schreiben und nochmal Mother North hören. Und nochmal. Und nochmal. Und nochmal…

Quelle: Youtube-Kanal von Oytun Bektaş

Bis zum Äußersten – Endstrand von Valborg

Death Metal
Veröffentlicht: 7. April 2017
Prophecy


4-7-valborg

Endstrand

Brutal, postapokalyptisch, primitiv – mir fallen viele schöne Adjektive ein, um Valborgs aktuelles Album Endstrand zu beschreiben. Valborg legen hier ein Stück Musik vor, dass sich ganz der Philosophie des „Weniger ist mehr“ verschrieben zu haben scheint. Oder aber, wo ist eigentlich dieses Äußerste, zu dem man es sprichwörtlich treiben kann? So, als wäre die Band auf der Suche danach gewesen, wie weit man musikalisch gehen kann. Von Totenmond bin ich da schon einiges gewohnt und just an selbige erinnert mich Endstrand auch ein wenig. Schwere Riffs poltern aus den Lautsprechern, Wiederholung reiht sich an Wiederholung, Komplexität gibt es hier nicht. Alles ist aufs Wesentliche reduziert: Düstere, verstörende Musik.

Apropos verstörend: Die Texte fügen sich wunderbar mit der Musik zusammen. Grobschlächtig, roh, vulgär, aber auch durchaus augenzwinkernd, um nicht zu sagen albern, unterstreicht das Gekeife die durch und durch böse Stimmung. Irgendwo zwischen Expressionismus, Dadaismus, Wahnsinn und reiner Provokation pendeln die Valborgschen lyrischen Ergüsse hin und her. Kostprobe gefällig?

Heil Satan

Das ist der Text von Orbitalwaffe. Oder hier:

Beerdigungsmaschine

Das ist der Text von – na? – Beerdigungsmaschine.

Besonders gut gefällt mir aber der Text von Bunkerluft, das sich im Übrigen musikalisch etwas abhebt. Es ist gespenstisch ruhig, verstörend und Bilder atomar verseuchter Landschaften, eines apokalyptischen Ödlands ziehen vor dem inneren Auge vorüber.

Gehirne aus Kristall warten tausend Jahre lang
Strahlenschlag
Neutrinosarg
Krustenschild
Die ganze Welt

Ohnehin wirkt das ganze Album wie das Destillat ungehemmter Wut und Bösartigkeit und schafft so ein echtes Bedrohungsgefühl. Das Atomkriegkonzept (ich interpretiere das mal rein) kommt gut rüber. Martialisch bis zum Exzess und irgendwie auch mystisch oder besser gesagt unwirklich angehaucht  geht es so durch die dreizehn Lieder. Bei dem reduzierten Ansatz bleibt die ein oder andere Länge nicht aus. Für Auflockerung sorgen immer mal wieder cleane Gitarren, die ein Fünkchen Melodie erahnen lassen. Und ganz so primitiv, wie es Ein-Akkord-Riffs vermuten lassen, ist es dann stellenweise doch nicht (Plasmabrand). Hervorheben will ich noch den unglaublich passenden Gesang, der von Sprechpassagen, über roboterartige Sequenzen bis zum meist bösartigen Schreien reicht.

Anstrengend ist Endstrand aber trotz aller Extravaganz nicht. Im Gegenteil, ich finde das Album recht eingängig. Dafür ist es aber in meinen Ohren fast einzigartig in der Musiklandschaft. Wer von den Texten nicht abgeschreckt ist und auf einfachen, wuchtigen Metal steht, der höre rein.

Lieder

  1. Jagen
  2. Blut am Eisen
  3. Orbitalwaffe
  4. Beerdigungsmaschine
  5. Stoßfront
  6. Bunkerluft
  7. Geisterwürde
  8. Alter
  9. Plasmabrand
  10. Ave Maria
  11. Atompetze
  12. Strahlung
  13. Exodus

Besetzung

Jan Buckard – Gesang, Bass
Christian Kolf – Gitarre, Gesang
Flroian Toyka – Schlagzeug