Song des Monats 05/18

Der Monat Mai steht ganz im Zeichen von Amorphis und ihrem neuen Album „Queen of Time“. Der Song des Monats heißt deshalb „The Bee“. Der Song ist progressiv und archaisch-geerdet zugleich. Einerseits wartet er mit einem wuselig-flirrenden Synthiriff, orientalischen Klängen, Chorgesang und Orchesterarrangement auf. Dann kombinieren die Finnen dazu aber den Kehlkopfgesang von Albert Kuvezin und Joutsens dunkle Growls und verleihen dem Ganzen so eine gewisse Erdung, etwas Schamanistisches, sogar eine gewisse Rohheit. Die steht wiederum in reizvollem Gegensatz zum sirenenhaften Gesang einer weiblichen Stimme und zu Chor und Orchester. Die Synthis sorgen für eine weltentrückte Stimmung, die kraftvollen Gitarren holen das Ganze wieder zurück auf den Boden. Man denkt, all das kann nie zusammen funktionieren. Tut es aber doch! Viel Spaß beim Hören!

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Ein Hauch von Vergänglichkeit und Ewigkeit – Queen of Time von Amorphis

Melodic Death Metal/Dark Metal/Progressive Metal/Folk Metal
Veröffentlicht: 18.05.2018
Nuclear Blast Records
http://amorphis.net/


Queen of Time

Queen of Time

Donnerstagnachmittag. Im Briefkasten liegt das neue Album „Queen of Time“ von Amorphis. „Yippie“, denke ich mir. Das Tagwerk ist bereits erledigt, genug Zeit  und Ruhe also, um gleich mal reinzuhören. Schon die Hülle ist zum Sterben schön und ich verweile einige Zeit in andächtiger Betrachtung. Ich lege die Scheibe ein und drücke auf „Play“, flacke mich aufs Sofa und schließe die Augen. Die ersten Töne erklingen. Schöööön. „Ding-dong“. Dieses Türklingelgeräusch gehört definitiv nicht zum Konzept des neuen Werks der Finnen. DHL liefert die neue Garderobe. Kurz kämpfe ich mit mir, doch die nörgelnde Stimme des Pflichtbewusstseins siegt und ich höre „Queen of Time“ nicht auf dem Sofa, sondern während ich die neue Garderobe zusammenschraube. Und was soll ich sagen – ich musste wirklich aufpassen, dass ich mir vor lauter Begeisterung und Glückseligkeit nicht in den Finger dremle.

Das 13. Studioalbum von Amorphis entstand, wie schon das Vorgängeralbum „Death of a King“, in Zusammenarbeit mit Produzent Jens Bogren. Seine Handschrift ist auf „Queen of Time“ unverkennbar und man muss wirklich sagen: Amorphis und Bogren, das passt wie Arsch auf Eimer. Das Album ist noch einen Tick progressiver und epischer als sein Vorgänger und trotzdem absolut Metal. Es klingt definitiv wie die logische Weiterentwicklung von „Death of a King“. Neben bekannten Elementen wie der Flöte (Chrigel Glanzmann von Eluveitie), folkigen oder orientalisch anmutenden, eingängigen Melodien und Killerriffs, bietet „Queen of Time“ uns den Auftritt von Saxofonist Jørgen Munkeby und von Texter Pekka Kainulainen, der in „Daughter of Hate“ einige Worte spricht. Dazu kommen Chorgesang und Orchester. Außerdem stehen Keyboarder Santeri Kallio und sein Instrument deutlich mehr im Vordergrund als noch zuvor. So übernimmt er häufiger das Hauptriff und es gibt auch das ein oder andere Keyboardsolo. Aber natürlich kommen auch die Gitarren der Herren Holopainen und Koivusaari nicht zu kurz.  Inhaltlich geht es laut Gitarrist Esa Holopainen um „Kosmische Mächte, an die die Menschen vor langer Zeit glaubten, vom Aufstieg und Fall der Kulturen. Sie (die Biene, Anm. T!B!B!) steht für den Mikrokosmos, der dennoch kataklysmische Veränderungen auslösen kann. Der Fall von Weltreichen, der von einem kleinen sprießenden Samen eingeläutet wird. Der Schmetterling, der einen Hurrikan auslöst.“ So erklärt er das Albumcover.

Es fällt mir wirklich schwer einzelne Songs hervorzuheben, denn jeder von ihnen geht ins Ohr und setzt sich dort unerbittlich fest. Der Opener „The Bee“ startet mit einer sphärischen Frauenstimme, doch ruckzuck donnert Tomi Joutsen mit einem brachialen Röhrer mit Macht dazwischen. Ein Refrain, der hängenbleibt, gesellt sich dazu und ein wuseliges Keyboardriff begleitet alles und verbreitet ein Flair nicht von dieser Welt. In reizvollem Gegensatz zur Progressivität steht der Kehlkopfgesang von Albert Kuvezin und bringt eine schamanistisch-archaische Note in den Song ein. Zu meinen persönlichen Höhepunkten des Albums zählen jedoch „Message in the Amber“, „Daughter of Hate“, „Heart of the Giant“ und „Grain of Sand“. „Message in the Amber“ beginnt mit einer leichten, folkigen, verträumten Gitarrenmelodie und Joutsens sanftem, melancholischem Gesang, bevor er seine Growls aus den tiefsten Tiefen auspackt und uns unvermittelt eine ordentliche Packung verpasst. Chor und Orchester verleihen dem Song eine ganz eigene, wunderschöne Erhabenheit, die durch die Verzerrung der Stimmen hier und da einen leicht spacigen Einschlag bekommt. Gleichzeitig ist „Message in the Amber“ sehr druck- und kraftvoll. „Sister of hate“ startet mit einem knappen Orgeleinstieg und Joutsens zartschmelzender Stimme. Doch dann wird es schnell schwarzmetallisch. Fiese Screams zischen uns entgegen. Das Saxofonsolo hätte ich jetzt nicht gebraucht – traue nie einem Instrument, das aus Metall besteht, sich aber immer noch als Holzblasinstrument ausgibt. Nee, mag ich einfach nicht. Aber das ist Geschmacksache. Kombiniert mit einem wunderbar melancholischen Gitarrenriff und ein bisschen Chorgesang ergibt sich eine reizvolle Mischung aus Aggressivität, Melodik und Melancholie. Mit diesem Gegensatz spielen Amorphis ohnehin sehr gern und sehr gekonnt. Auch „Heart of the Giant“ bedient sich dieses Stilmittels. Einem verträumten Gitarrenintro folgen kraftvolle Streicher, energischer, aufpeitschender Chorgesang und ein Gitarrenriff wie aus dem Märchenbuch. Der Refrain wird getragen von Joutsens melancholischem Klargesang und seinen druckvoll herausgehauenen Growls. Ergänzt wird das Ganze durch ein Keyboard- und ein Gitarrensolo. Der ganze Song ist sehr energiereich und entfaltet eine cineastisch anmutende Kulisse. „Grain of Sand“ wirkt dagegen wieder roh, archaisch, bedrohlich und bodenständig, spielt aber ebenfalls mit den genannten Gegensätzen. Ein Duett bietet das Album auch noch. In „Amongst Stars“ umschmeicheln sich die Stimmen von Gastsängerin Anneke van Giersbergen und Tomi Joutsen und ergeben ein stimmiges Ganzes.

Amorphis haben wieder einmal ein Mörderding rausgehauen. Die Kombi aus flirrenden Synthiklängen, mal verträumt-melancholischen, mal aggressiv-druckvollen Gitarrenriffs, folkigen und orientalischen Melodien ist einfach nur gelungen. Auch wenn man die ein oder andere Kombi schon mal gehört hat, wirkt nichts an dem Album aufgewärmt und wiedergekäut. Orgel, Chor und Orchester verleihen den Songs eine Erhabenheit und Schönheit, die das Herz schneller schlagen lässt. Elemente wie der gesprochene Text in „Sister of Hate“, Albert Kuvezins Kehlkopfgesang oder Glanzmanns Flöte fügen einen schamanistisch-archaischen Touch hinzu. Und dann ist da natürlich noch Joutsens Ausnahmestimme. Ob fiese Screams, dunkle, bellende Growls, gequälter, schmerzerfüllter oder melancholischer, glasklarer Klargesang – Joutsen zieht einen unweigerlich in seinen Bann und treibt einem beinahe die Tränen in die Augen vor Begeisterung. Der Mann könnte „Alle meine Entchen“ growlen, würde dabei immer noch Begeisterungsstürme auslösen und nichts von seiner Würde einbüßen. Das Konzept vom Aufstieg und Verfall wird durch die Musik zur Gänze transportiert. Aus jedem Ton klingt ein Hall von Ewigkeit, etwas aus der Zeit Gehobenes, das über allem steht.


Tracks:
01. The Bee
02. Message In The Amber
03. Daughter Of Hate
04. The Golden Elk
05. Wrong Direction
06. Heart Of The Giant
07. We Accursed
08. Grain Of Sand
09. Amongst Stars
10. Pyres On The Coast

Band:
Tomi Joutsen (Gesang)
Esa Holopainen (Gitarre)
Tomi Koivusaari (Gitarre)
Santeri Kallio (Keyboards)
Olli-Pekka „Oppu“ Laine (Bass)
Jan „Snoopy“ Rechberger (Drums)

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Song des Monats 04/18

Obscura haben mir live als Vorband von Sepultura so gut gefallen, dass der Aprilsong „Ten Sepiroth“ heute von den Landshuter Technic Death Metallern kommt. Ihr findet den Song auf dem wirklich großartigen Album „Akróais“, das 2016 veröffentlicht wurde. Dort trifft Rationalität auf Metaphysik, sturkturierter Technical Death Metal auf progressive Elemente. Alles dreht sich ums Universum und seine Schwingungen und um Eschatologie.

In „Ten Seprioth“ geht es um das Hervorgehen der verschiedenen Schöpfungsphasen aus dem Einen. Es geht um Licht, um Gegensätze, um hell und dunkel, männlich und weiblich. Ich habe das jetzt mal sehr laienhaft zusammengefasst. Wer sich näher mit dem Thema befassen möchte – fragt bloß nicht mich!

A crown, created with divine will
An infinite light of the creator

Through wisdom, from nothingness, a first revelation
An unbound flash widespread, sheer cataclysm

A vessel, made of comprehension
To give it grasp, of breadth and depth

Ten Sepiroth – A central state of unity
Ten Sepiroth – Amanations pure creation

Upholding the heavens, saturating the stars
In splendor bright glory, deliverance ascends
Sustaining the cosmos, a maelstrom of spirits
In newborn distress, emblazed sparkling spheres

Loving grace of inspiring vision
Withhold this victory in mere sincerity
To envision the concentric circles
Conscious alone the heretic

Through wisdom, from nothingness, a first revelation
An unbound flash widespread, sheer cataclysm
Ten Sepiroth – A central state of unity
Ten Sepiroth – Emanations pure creation

Bevor sich das Hirn jetzt vollends verknotet, wenden wir uns lieber der Musik zu. Der Song beginnt mit einem cleanen Gitarrenintro mit Bassuntermalung, nimmt dann aber recht schnell Fahrt auf und verpasst uns den Tritt in den Hintern, den wir gelegentlich brauchen. Rafael Trujillos Finger flattern Schmetterlingsflügeln gleich über das Griffbrett, das Schlagzeug bläst uns die Perücke weg und der Bass sorgt dann wieder für ein wenig Entspannung. Ein paar schöne Harmonien gibts auch noch und am Ende driftet der Song unbestimmt aus. Und weil es Spaß macht den Herren bei ihrer Arbeit zuzusehen, nutzen wir doch die Chance, dass es zu „Ten Sepiroth“ mehrere Videos gibt und betrachten den Song von allen Seiten genau. Sehr wissenschaftlich, oder? Viel Spaß!

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Heathen Crusade Tour. Moonsorrow in Ludwigsburg.

Ville Sorvali, Gesang und Bass, Moonsorrow

Ville Sorvali, Gesang und Bass, Moonsorrow

Wir schreiben das Jahr 2018. Eine Horde Finnen und Iren brach in den ersten warmen Tagen des Aprils zu einem heidnischen Kreuzzug durch Europa auf. Moonsorrow und Primordial riefen ihre Anhänger auf, ihnen zu folgen. Und so bestiegen auch wir unser Stahlross, verließen unser kleines Dorf, in dem wir momentan im Exil leben, und ritten gen Rockfabrik Ludwigsburg, um Moonsorrow zu sehen. Gut, laut unserer Eintrittskarte handelte es sich zwar um die „Heaven Crusade Tour“ statt um die „Heathen Crusade Tour“, aber Fehler passieren nun mal, und wir ließen uns nicht verwirren und auf Irrwege leiten.

Nikita Kamprad, Gesang und Gitarre, Der Weg Einer Freiheit

Nikita Kamprad, Gesang und Gitarre, Der Weg Einer Freiheit

Um 19.30 Uhr eröffneten Der Weg einer Freiheit mit „Einkehr“ den schwarzmetallischen/paganmetallischen Abend. Ich kannte die Jungs vorher nicht und muss sagen, gefiel mir sehr gut, was da geboten wurde. Melodischer Progressive Blackmetal. Sehr meditativ. Häufig stand ich einfach nur mit geschlossenen Augen da und ließ alles auf mich einregnen. Auch Bassist Nicolas Ziska pendelte mit seinem Bass bisweilen entspannte 10 Zentimeter über dem Boden. Aber Vorsicht! Ich möchte an dieser Stelle eine dringende Warnung aussprechen: Zu tiefes Bangen in der ersten Reihe ist schlecht für die Zähne! „Einkehr“ folgten „Skepsis, Part I“, „Zeichen“ und „Requiem“. Den Auftritt beschloss „Aufbruch“. Mir gefiel der Wechsel zwischen entspannten, melodiös-ruhigen Passagen und brachialen Blackmetal Tremolo Picking – Doublebass Blastbeat Wänden, die einen gnadenlos an die Wand bliesen, sehr gut. Die Lichtshow war perfekt darauf abgestimmt, so dass man bald nicht mehr so richtig wusste „Bin ich das? Oder bin ich der Typ neben mir?“ Allerdings entwickelten wir die schlüssige These, dass das Blitzlichtgewitter hauptsächlich dazu diente, die lila Gitarre von Gitarrist Nicolas Rausch zu kaschieren – oder war sie doch schwarz? Wer weiß… Nach dem Auftritt wurde ich noch auf ein Problem aufmerksam, mit dem sich viele Blackmetal Bands herumschlagen müssen – die Zeit. Auf den Hinweis eines Fans, dass es schade sei, dass Der Weg einer Freiheit Teile eines Songs ausgelassen hätten, antwortete Bassist Nicolas Ziska, man habe schließlich nur 45 Minuten. Ja – das reicht halt mal grad für 1 1/4 Songs bei manchen Bands.

Der Weg Einer Freiheit, Rockfabrik Ludwigsburg

Der Weg Einer Freiheit, Rockfabrik Ludwigsburg

Die Umbaupause gestaltete sich zur Nervenprobe. Im Hintergrund wurde die Tonspur einer finnischen Soap eingespielt. Zumindest klang es so. Eine männliche Stimme jammerte, flehte und lamentierte – und strapazierte die Nerven aufs Äußerste. Damit sollte wohl sichergestellt werden, dass alle Weicheier, die dieser Folter nicht standhielten, den Raum verließen. Sie sind des Kreuzzuges nicht würdig. Eisern hielten wir durch. Die Hosen der Crew pendelten zwischen „How low can you go“ und „Hang ‚Em High“. Schnell wurde noch eine Art schwarzes Pümpelbecken an den Drums befestigt. Der uns von anderen Konzerten wohlbekannte Roadie „Mathias“ (wir nennen ihn so – vermutlich heißt er wie jeder anständige Finne Mika oder Klaus Kevin) checkte Drums und Mikros und hängte noch schnell eine kleine Gardine ums Schlagzeugpodest auf. Das sorgte für eine heimelige Atmosphäre. Leider verzichtete er aber auf die Geranienkästen. Und dann trat SIE in mein Leben. Eine handgefertigte, finnische Ruokangas Custom V in rot. Was für eine Schönheit.

Mitja Harvilahti, Gitarre, Moonsorrow

Mitja Harvilahti, Gitarre, Moonsorrow

Nach einigen Unstimmigkeiten beim Gitarrencheck und einem ausgiebigen Test der Nebelmaschine – hüstel -, enterten Moonsorrow mit ihren üblichen blutbeschmierten Gesichtern endlich die Bühne. Und mit ihnen natürlich die Ruokangas Custom V, die praktischerweise direkt vor meiner Nase schwebte. Zusammen mit ihrem Besitzer Mitja Harvilahti. Die Finnen eröffneten ihren Auftritt mit „Pimeä“. Am Funksender von Gitarrist Janne Perttilä musste noch ein wenig gebastelt werden, aber dann konnte auch er ordentlich Gas geben. Verfolgt von Mathias‘ besorgtem Blick. Es folgten „Ruttolehto“, „Suden Tunti“ und „Kivenkantaja“. Zu meiner persönlichen Freude spielten Moonsorrow auch „Mimisbrunn“. Was für ein Wahnsinnssong. Laut Sänger und Bassist Ville Sorvali ein Song zum Relaxen. Ich war und bin wieder einmal begeistert von Moonsorrow und ihrer Bühnenpräsenz und Spielgewalt. Man wird unweigerlich angelockt, mitgerissen, eingesogen. Harvilahti fegte über die Bühne wie ein wild gewordenes Irrlicht, animierte das Publikum oder poste erhaben über unseren Köpfen, die rote Gitarre majestätisch nach vorne gereckt. Manchmal stand er dann wieder minutenlang da und sang und spielte mit geschlossenen Augen – völlig versunken in der Musik. Auch Perttilä hat eine ganz eigene Ausstrahlung. Er erinnerte mich jedes Mal an eine der verrückten Figuren aus den russischen Märchen. Mal wackelte er wie eine Marionette durch die Gegend und grinste dabei hintergründig, mal feuerte er das Publikum an. Und dann ist da noch Ville Sorvali. Sein Krächzen und Zischen ging durch Mark und Bein. Sein Gesicht, mal schmerzerfüllt, mal gequält. Sein Blick so intensiv, so vernichtend, dass man unweigerlich in Gedanken die eigenen Verfehlungen der letzten Tage durchgeht. Er würde sich auch als Lehrer gut machen. Man spürt einfach vom ersten Ton an, dass er seine Musik mit jeder Faser seines Körpers lebt. Es folgte ein Geburtstagsständchen des Publikums für Keyboarder Markus Eurén. Um nicht zu viel unpassende Fröhlichkeit aufkommen zu lassen, verkündete Sorvali dann, dass wir alle irgendwann sterben müssen. Er, Markus, das Publikum – wir alle. Es folgte „Kuolleiden Maa“, der Song über das Land der Toten. Mit dieser optimistischen Zukunftsaussicht verließen Moonsorrow dann auch die Bühne. Wie? Sechs Songs und 1 1/4 Stunden schon um? Ein wirklich intensives, mitreißendes Konzert. Meditativ, aufpeitschend, aufwühlend, musikalisch exzellent. Wenn ihr die Chance habt, die Finnen einmal live zu sehen – ergreift sie! Es lohnt sich wirklich! Die Gardine wurde vom Drumpodest entfernt und zusammengeknüllt – aber das wird Mathias mit seinem Reisebügeleisen sicher wieder richten.

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Von Hexen und Schwarzer Magie – „Into Dark Science“ von Phantom Winter

Winter Doom, Blackened Sludge
Veröffentlicht: 2.3.2018
Golden Antenna Records
www.phantomwinter.com


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Into Dark Science

Die letzten Töne von „Into Dark Science“ von Phantom Winter sind verklungen, etwas benommen geht der Blick irgendwohin und nirgendwohin. Etwas verstört, gleichzeitig begeistert und fassungslos. Déjà-vu! So ähnlich war das doch schon bei „Sundown Pleasures“, dem Vorgänger-Album. Sie haben es schon wieder getan. Und – Überraschung! – noch härter, noch extremer, noch finsterer. War „Cvlt“ schon beeindruckend frostig, insbesondere Wintercvlt hat bleibenden Eindruck hinterlassen, so hat „Sundown Pleasures“ diese Linie ohne Kompromisse fortgesetzt. Und nun wird eben noch eins oben drauf gepackt.

Lässt man sich auf „Into Dark Science“ ein, erwartet einen eine in Musik gegossene verstörende Reise in finsterste Winkel, albtraumhafte Landschaften, Nihilismus und seelische Abgründe. Das passt zur Inspiration durch die Autorinnen Sylvia Plath und Mary Shelley und fügt sich perfekt mit passenden Zitaten im Textbuch zusammen. Diese Melange aus extremer Härte ist gewiss nicht leicht verdaulich und setzt in der an extrem düsterer Musik nicht armen Doom-/Sludge-Landschaft ein bemerkenswertes Zeichen.

Altbekannt ist die Mischung aus Sludge-Doom-was-auch-immer härtester Gangart, gepaart mit fiesem Gekeife und wütendem Gebrüll mit einem ordentlichen Schuss schwarzer Tinte. Doch irgendwie ist „Into Dark Science“ anders. Vollgestopft ist das Album mit guten Ideen und Einfällen. Da treibt einem steinhartes Geschrabbel wie bei Ripping Halos From Angels oder The Craft And The Power Of Black Magic Wielding die Freudentränen ins Gesicht, ersteres noch mit wunderbar schrägen Leads zu Beginn. Im gesprochenen ruhigeren Teil von The Initiation Of Darkness setzt nicht nur eine Flöte (?) Akzente, nein, das Gesprochene ist am Ende auch noch mit dem Gitarrenrhythmus synchron. Glocken gibt es auch noch. Begeisterung stellt sich ein angesichts der zahlreichen kleinen, wohldurchdachten Details.

Auch melancholischer wird es an der ein oder anderen Stelle, etwa bei dem an Avalanche Cities erinnerenden Into Dark Science. Eine schöne Melodie und ein paar ruhige Momente bieten hier den geeigneten Kontrast zur unbändigen Härte. Der ruhigen Momente gibt es nämlich auch gar nicht so viele auf dem Album. Das ist auch gar nicht schlimm, sondern trifft meinen Geschmack aufs Exakteste. Die Entwicklung hin zu mehr Härte fühlt sich richtig an, unterstützt die trostlose, düstere Atmosphäre und passt einfach vorne und hinten. Dafür sorgt auch, dass die Musik gefühlt vielschichtiger und abwechslungsreicher geworden ist. Da darf es auch mal etwas vollgeladener, fast bombastisch werden, wie beim Ende von Frostcoven mit fast schon Mitsingqualitäten. Überladen wird es aber, das sei gesagt, an keiner Stelle. Dafür gibt es Gänsehaut- und Freudegrinsenspotential an allen Ecken und Enden. Wenn dann an manchen Stellen die fest gefügte Liedstruktur zerfasert und förmlich auseinander fällt, hat man genau dieses Gefühl: Alles zerbricht, nichts bleibt zurück. Nur Fassungslosigkeit und ein leerer Blick.


Quelle: Youtube-Kanal von Golden Antenna Records


Lieder:
1. The Initation Of Darkness
2. Ripping Halos From Angels
3. Frostcoven
4. The Craft And Power Of Black Magic Wielding
5. Into Dark Science
6. Godspeed! Voyager

Band:
Christof – Schlagzeug
Andreas – Gitarre, Bewitched Screams
Christian – Haunting Growls
Martin – Bass
Flo – Gitarre

Song des Monats 03/2018

Fast hätte es im März keinen Song des Monats gegeben, aber so hatten wir nicht gewettet. Der Song des Monats heißt dieses Mal „Marionette“ und kommt von Witherscape. Die Band wurde von Dan Swanö gegründet und dieser ist uns als Musiker (zum Beispiel Nightingale, Edge of Sanity, Bloodbath, Moontower) und auch als Produzent (Opeth, Dissection, Katatonia und Asphyx) bekannt.

„Marionette“ ist auf dem Album „The Northern Sanctuary“, das zweite das Swanö zusammen mit Ragnar Widerberg aufgenommen hat. Das Album lebt neben der schönen Gitarrenarbeit und den passend eingestreuten Progressive-Elementen vom Wechsel zwischen Cleangesang und Growls. Bei „Marionette“ erzeugt dies eine ganz besondere Stimmung. Clean umschmeichelt Swanös Stimme unsere Ohren zunächst, wirkt zurückhaltend, fast schon traurig. Und dann werden wir von den Growls förmlich weggeblassen und das mit einer Intensität und einem Ausdruck, daß mir beim Zuhören förmlich ein Klos im Hals steckt. Ich hoffe euch gefällt „Marionette“ auch und lege euch das gesamte Album hiermit nochmal wärmstens ans Herz.

Quelle: YouTube-Channel von Century Media Records, https://www.youtube.com/channel/UCnK9PxMozTYs8ELOvgMNKFA

Deep Calleth Upon Deep. Satyricon in Frankfurt.

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Satyricon, Batschkapp, Frankfurt

Nach den alten Klassikern, insbesondere Nemesis Divina hatte es mir angetan, habe ich Satyricons Treiben über Jahre nicht mehr wirklich verfolgt. Bis vergangenes Jahr das aktuelle Album Deep Calleth Upon Deep erschien. Skeptisch wegen der häufig eher kritischen Stimmen – verweichlicht, kein Black Metal mehr, Pop-Rock, etc. pp. – habe ich mir selbiges zugelegt und war begeistert. Nachdem also für den zweiten Teil der Europa-Tournee zu Deep Calleth Upon Deep ein Termin im schönen nahe gelegenen Frankfurt angekündigt wurde, hieß es nicht lange zögern und zuschlagen beim Kartenverkauf. Schließlich war es, wie ich mir sagen ließ, auch das erste Konzert in Frankfurt nach geschlagenen acht Jahren.

Der Abend des 14. März war gekommen, Beginn sollte um 20 Uhr sein. Ich war leider etwas länger unterwegs, als zuvor gedacht (wie, die Batschkapp ist vor Jahren ans Ostende von Frankfurt gezogen? Eine Stunde Fahrtzeit?). Doch die Stimmung war gut, spätestens als nach der inzwischen obligatorischen Sicherheitskontrolle am Eingang fröhlich auf Hessisch gegrüßt (Ei Gude!) wurde. Kurz vor halb Acht war der Andrang in der legendären Batschkapp noch überschaubar, die erste Reihe selbstverständlich trotzdem schon belegt. Blieb noch ein Platz in der zweiten Reihe neben dem freundlichen haarigen Biertrinker von nebenan. Die bunte Mischung aus Satyricon-, Immortal-, Rammstein- und Iron-Maiden-Shirts beäugend, war ich bereits auf die Vorband gespannt. Entgegen meiner sonstigen Angewohnheit hatte ich im Vorfeld nicht einen Ton angehört: Suicidal Angels aus Griechenland, klassischer Thrash Metal sollte es sein. Um viertel vor Acht ging es dann schon los und meine Herren, haben die einen Alarm gemacht. Kennt man es sonst von Auftritten der Vorbands, dass mit Ausnahme ein paar verrückter Fans (Oma, Onkel, Bruder) eher reservierte Höflichkeit im spärlich versammelten Publikum vorherrscht, ging es hier von Anfang an richtig zur Sache. Im passenden 80er-Dress überzeugten die Suicidal Angels mit hektischem Thrash Metal vom Feinsten, bei dem sogar textunsichere Konzertgänger nach wenigen Minuten vollhals mitgröhlen konnten (Seed! Of! Evil!). Highlight war neben Gus Drax’ Gepose und dem weißen Flying-V-Bass von Angel Lelikakis sicherlich der – Achtung! – Mosh Pit. Angesichts der Menge an Zuschauern und dass wir hier immer noch von einer Vorband reden eine reife Leistung. Ganz ohne mit Bier übergossen zu werden lief das Ganze dann auch nicht ab. Machte aber nichts. Abgehackter Schreigesang, Schrabbelriffs, Polka-Schlagzeug, weiße Adidas-Turnschuhe: Alles richtig gemacht und die Menge nach einer gefühlten Stunde ordentlich für den Hauptakt aufgewärmt.

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Nick Melissourgos von Suicidal Angels, Batschkapp, Frankfurt

Die etwas längliche Umbaupause wurde verkürzt vom Roadie, der die vor sich hin dudelnde Musik mit einem in herrlichstem British English vorgetragenen „I know you love it, but I fucking hate Iron Maiden“ kommentierte und dem Techniker, der den aufs Schlagzeug gerichteten Scheinwerfer mit einem gezielten Schubser den entscheidenden Millimeter bewegte. Das ist Einsatz!

Schließlich war des  dann soweit: Ein kurzes unheilvolles Intro und Satyricon entfesselten mit den Blastbeats der „Midnight Serpent“ vom aktuellen Album den Sturm und setzten eine unglaubliche Energie frei, die den Rest des Abends nicht mehr nachließ. Weiter ging’s mit „Our World, It Rumbles Tonight“, bei dessen Refrain dann auch die weniger singfreudigen Zeitgenossen in den Reigen einstimmten und erste pathetisch geballte Fäuste gen Himmel, naja, Dach gereckt wurden. Ein extrem hartes und aggressives Zeichen setzte dann „Black Crow On A Tombstone“. Haare flogen durch die Luft, mangels Länge zwar nicht die eigenen, was dem Mitkopfschütteln aber keinen Abbruch tat. Das mystische und düstere „Deep Calleth Upon Deep“ sorgte dann für eines der vielen atmosphärischen Highlights des Abends. Bei passender Beleuchtung und geschlossenen Augen konnte man hier herrlich in der Musik versinken – und Frosts leicht wahnsinnig wirkendem Double-Bass-Spiel bewundernd lauschen. Zu spüren war es in der Tat auch. Dann folgte die erste kleine Verschnaufpause. Überraschung Nummer 1: Das neue Material kommt bislang nicht minder gut an als das alte. Überraschung Nummer 2: Hier geht einfach jeder mit. Keine Schnarchnasen, keine Verweigerer. Überraschung Nummer 3: Der zwei Meter hohe und ebenso breite Herr vor mir ist so gnädig, sich die ganze Zeit über das Geländer zu lehnen, so dass stets freie Sicht herrschte. Überraschung Nummer 4: Kein peinliches Getanze der unmittelbar angrenzenden Leute, in das man unfreiwillig hineingezogen wird.

Viel mehr Zeit zu bilanzieren war dann auch nicht. Weiter ging es kraftvoll mit „Blood Cracks Open The Ground“, dem boshaften „Repined Bastard Nation“ und „Commando“ ehe mit „Now, Diabolical“ einer der rockigeren Hits gespielt wurde. Weiterhin textsicher und mitgehfreudig: das Publikum, insbesondere der Herr rechts vor mir mit stets überzeugend gereckter Faust. Weiterhin unglaublich tight zusammenspielend: Satyricon. Doch da die Herren auch nicht mehr so jung sind (ok, mit Ausnahmen), folgte erstmal ein weiteres kleines Intermezzo.

Den dritten Teil eröffnete „To Your Brethren In The Dark“. Mit der weiß-türkisfarbenen Beleuchtung wurde die finstere Stimmung des Lieds wunderbar eingefangen und das Mitwippen und Singen war eine reine Freude. Wegen der vielen Rhythmuswechsel und Breaks mutig für einen Live-Auftritt folgte „Dissonant“, ebenfalls von der aktuellen Platte. Das war für den ein oder anderen Headbanger entsprechend und sichtlich irritierend: Muss ich jetzt so? Ah, jetzt aber schön im… ah, ne schneller. Warum jetzt… was? Den ein oder anderen hilfesuchenden Blick später hat dann aber doch jeder in, nunja, seinen eigenen Rhythmus gefunden und der Stimmung im Publikum tat das natürlich keinen Abbruch.

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Satyricon, Batschkapp, Frankfurt

Als der Roadie von hinten mit der weißen Flying-V für Satyr angesprungen kam war klar: endlich Zeit für klassischen Black Metal! Ja, das haben die auch mal gemacht! Kram, den ich in und auswendig kenne! Mit den ersten Klängen von „Walk The Path Of Sorrow“ vom ersten Satyricon-Werk Dark Medieval Ages von immerhin 1993 ging deshalb wohl der Traum des ein oder anderen Anwesenden in Erfüllung. Und welche Energie da rüber kam: fantastisch. Und es zeigt: Trve Norsk Blakk Metal funktioniert live wunderbar. Doch damit nicht genug der Freude, kündigte Satyr nicht eines, nein, gleich zwei Lieder vom legendären Album Nemesis Divina (1996) an. Das, muss man jetzt dazu sagen, war meine erste Satyricon-Platte damals vor etwa 16 Jahren, also war ich, aber nicht nur ich, hellauf begeistert. Die Überraschung war dann groß als ausgerechnet ein Instrumental kam: „Transcendental Requiem Of Slaves“. Transzendent wurde es dann auch mit zahlreichen Einspielern vom Band (ja, schon klar, dass das heutzutage nicht mehr vom Band kommt) und spätestens als dann drei Gitarristen und ein Bassist in einer Linie nebeneinander einträchtig und monoton-entrückt spielten, konnte man in anderweltlichen Sphären schwelgen. Beeindruckend. Abschütteln und vorbereiten auf das nächste Highlight, denn als Satyricon-Fan war klar, was nun kommen musste: eine der, wenn nicht die Black-Metal-Hymne schlechthin: „Mother North“. Der rasende Einstieg dürfte wohl auch die letzte Schlafmütze im Publikum aufgeweckt haben und beim einmütigen Chorgesang machte dann auch wirklich jeder mit. Nach dem Break im Mittelteil zeigte Frost ein ums andere Mal seine Qualitäten als (Live-)Schlagzeuger und zog das Tempo wie ein wahnsinnig gewordener Derwisch auf Speed, Meth und Ecstasy gleichzeitig an. Ich vermeinte, den ein oder anderen Nacken brechen zu hören. Wahnsinnig intensive Atmosphäre und krönender Abschluss des regulären Teils. Das Klatschen und die Jubelgesänge wollten überhaupt keinen Abbruch mehr nehmen – wie übrigens immer und immer wieder an diesem Abend. Geniales Publikum.

So ließen sich Satyricon auch gar nicht besonders lange bitten, ehe die Instrumente wieder umgeschnallt und die Positionen erneut bezogen wurden: Zeit für die Zugaben. Beginn war „The Pentagram Burns“, gefolgt vom aggressiven „Fuel For Hatred“. Satyrs Aufforderung und die kreisenden Gesten des Bassisten Wargod waren kaum nötig, um jenen ausgelassenen Tanzritus namens Moshpit zu starten. Interessant hier die aufgerissenen Augen einer etwas zierlichen Person, die von der Erwartung, mitten im Sturm zu stehen, wohl nicht sonderlich angetan war und sich deshalb schleunigst an den vorderen Rand der Szenerie verkrümelte – während andere sich freudig erregt mitten ins Getümmel stürzten. Nach diesem denkwürdigen Augenblick etwas ausgepowert rundeten das geniale „To The Mountains“ und, um nochmal alle schön zum Mitsingen zu animieren, das rockige „K.I.N.G.“ das Konzert ab. Minutenlang dauerte der Applaus, das Jubeln und Klatschen an, Sprechgesänge wurden angestimmt und die in einer Linie angetretenen Musiker gebührend gefeiert. Frost stampfte noch etwas wie ein wütender Gnom auf den Brettern umher, um die Leute noch mehr anzustacheln und man merkte, wie die Begeisterung aufgesogen wurde.

Ich reihe dieses Konzert einfach mal ganz weit oben in der Liste der besten Konzerte, auf denen ich je war ein, denn das von der Vorband bis zum letzten Takt alles passt, kommt selten vor. Eine unglaubliche Spielfreude, technisch einwandfrei und Begeistern auf beiden Seiten der Bühne, so dass Band und Publikum wie eine Einheit, wie aus einem Guss wirkten. Fast schon ehrfurchtgebietend. Satyr merkte an, er freue sich auf das nächste Mal in der Batschkapp – und das tu ich auch.

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Satyricon, Batschkapp, Frankfurt

Urgewalt in Stuttgart. Sepultura do Brasil.

Sepultura, LKA Longhorn, Stuttgart

Sepultura, LKA Longhorn, Stuttgart

Freitag, der 9.3.2018! Ein historischer Tag! Der Tag, an dem für mich Weihnachten, Ostern, Geburtstag, Namenstag, Beltane und Sonnenwende auf einen Tag fielen. Der Tag, an dem Sepultura sich im LKA Longhorn in Stuttgart die Ehre gaben. Ich wollte die brasilianischen Metal Legenden ja schon länger endlich mal live sehen. Aber die Götter – irgendjemand muss ja Schuld sein – waren diesem Vorhaben bisher nicht gewogen. Bis letzten Freitag eben. Ich war aufgeregt, wie am ersten Schultag. Als mein lieber Gatte und ich dann gen Stuttgart aufbrachen, hatte ich mich allerdings, im Unterschied zum ersten Schultag, gegen das rosa Kleid und die Engelslöckchen entschieden. Die Götter des freien Parkplatzes waren uns an diesem lauen Abend hold und so konnte der Konzertabend starten.

Dank des üblichen Staus am Pragsattel spielte die erste von drei Vorbands, Fit For An Autopsy, schon als wir ankamen. Mein erster Eindruck? Die US-amerikanischen Core Metaller brachten die Toilettenwände zum Beben. Im wahrsten Sinn des Wortes. Allerdings stellte ich nach zwei Titeln wieder einmal fest, dass Core Metal nicht mein Ding ist, auch wenn die Herren ihre Sache gut machten. Damit hat sich also auch das Metal Disco Bowling für mich erledigt. Aber das ist eine andere Geschichte. Pause. Umbau.

Fit For An Autopsy, LKA Longhorn, Stuttgart

Fit For An Autopsy, LKA Longhorn, Stuttgart

Als Nächstes enterten die Death- und Blackmetaller von Goatwhore die Bühne. Nun ja, Sänger Ben Falgoust humpelte an Krücken auf die Bühne und nahm auf einem Transportcase Platz. Eine bedauerliche Begegnung mit der Tür des Tourtransporters, wie wir später erfuhren. Diese kleine Blessur tat dem Auftritt aber keinen Abbruch. Derbe Growls raushauen und Luftgitarre spielen geht ja auch prima im Sitzen – ebenso wie das Ausführen unheilschwangerer Gesten. Gitarrist Sammy Duet legte sich ebenfalls ins Zeug. Es machte wirklich Spaß ihm beim Spielen zuzusehen. Leider fand ich die Jungs musikalisch auf Dauer nicht so überzeugend. Goatwhore spielten sich durch die ersten Songs vom aktuellen Album „Vengeful Ascension“: „Forsaken“, „Under the Flesh, Into the Soul“, „Vengeful Ascension“ „Chaos Arcane“ und „Mankind Will Have No Mercy“. Außerdem gaben sie noch zwei ältere Titel zum Besten. Gut – aber nicht vollständig überzeugend. Pause, Umbau. Besorgte Blicke nach hinten. Der nette, schon ziemlich angeschickerte Herr hinter mir, der zeitweilig neben mir ein wahres Feuerwerk an pathetischen Gesten vollführte, die mir langsam aber sicher bedrohlich nahe kamen und glücklicherweise doch nie in meinem Gesicht landeten, lacht irre. Wird er durchhalten, bis Sepultura auf die Bühne kommen? Wohl eher nicht. Da braucht man noch nicht mal mehr Wetten abschließen.

Goatwhore, LKA Longhorn, Stuttgart

Goatwhore, LKA Longhorn, Stuttgart

Die dritte Vorband des Abends – Obscura – betrat die Bühne. Deutscher Technical Death Metal erwartete uns nun. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich die meiste Zeit damit beschäftigt war, Gitarrist Rafael Trujillo staunend auf die Finger zu schauen. In der stolzen, aufrechten Haltung eines Kämpfers in der Arena flogen seine Finger über das Griffbrett seines Instruments, dass ich mir beim Tappen zeitweilig nicht mehr sicher war, ob er noch Gitarre oder schon Klavier spielt. Beeindruckend. Auch insgesamt haben mir Obscura live wirklich sehr, sehr gut gefallen. Technical Death Metal heißt ja leider oftmals einfach nur schnell, schnell. Das ist bei den Jungs aus Landshut definitiv nicht der Fall. Da kommt auch noch „wow“ dazu. Vom aktuellen Album „Akróasis“ spielten Obscura „Ten Sepiroth“, „Akróasis“ und „Ode to the Sun“. Außerdem noch „Ocean Gateways, „The Anticosmic Overload“ und „Centric Flow“. Pause. Umbau. Der nette, aber sehr angeschickerte Herr hinter mir hat es leider nicht geschafft. Er war weg, bevor Sepultura da waren. Tragisch.

Sepultura, LKA Longhorn, Stuttgart

Sepultura, LKA Longhorn, Stuttgart

Dann endlich war es soweit. Gänsehaut! Sepultura! Vom ersten Ton an brachten die Brasilianer eine unglaubliche Energie und Bühnenpräsenz mit, die mich voll in ihren Bann zog. Sänger Derrick Green glänzte mit seinen hervorragenden Deutschkenntnissen: „Guten Abend!, Wie geht es Ihnen? Bombenwetter heute!“ und noch mehr mit seinem Gesang und seiner gesamten Performance. Auch an der Trommel, über der Bühne thronend und neben Drummer Eloy Casagrande, machte Green eine gute Figur. Natürlich rhythmisch gesehen. Hier muss ich einen kleinen Gesprächsausschnitt der Herren vor mir wiedergeben: „Derrick Green. Isch des der neue Sänger?“ „Neuer Sänger? Der isch scho 20 Jahre dabei, der neue Sänger.“ Bassist Paulo Jr. versprühte gute Laune und Spielfreude und sah dabei ein wenig aus, wie der nette, zottelige Yeti von nebenan. Auf dem Podest machte er ebenfalls eine gute Figur und ließ den Bass dabei unheilvoll wummern. Auf Eloy Casagrande war ich richtig gespannt. Was der an den Drums abzieht, ist einfach nur der Hammer. Minutenlang sah ich mir an, wie er auf seine Trommeln, Tomtoms, Hi-Hats und das andere Gedöns mit unglaublicher Kraft, Geschwindigkeit und Präzision eindrosch und dabei kaum eine Schweißperle zu verlieren schien. Andreas Kisser wiederum zeigte eindrucksvoll, welch beachtliches Repertoire er besitzt, wenn es darum geht, der Gitarre jammernde, jaulende, ja gar äußerst gequält klingende Bendings und Laute zu entlocken. Wahnsinn. Jedes Solo begleitete er mit der entsprechend darauf abgestimmten Mimik. Man spürt absolut nichts davon, dass er diesen Job schon so viele Jahre macht. Er scheint immer noch jede Menge Spaß dabei zu haben, seine Gitarre Abend für Abend gequält aufjaulen zu lassen oder ihr tiefe Brummeltöne oder aggressive Riffs zu entlocken. Kisser spricht ebenfalls Deutsch, wie Green irgendwann feststellte: „Herr Kisser, Sie sprechen gut Deutsch.“ „Danke es geht.“ „Ihr Deutsch ist schaißa!“ Sepultura spielten eine ganze Ladung Songs vom aktuellen Album „Machine Messiah“. Darunter „I Am the Enemy“, „Phantom Self“, „Machine Messiah“, „Resistant Parasites“ oder das live wirklich geile, instrumentale „Iceberg Dances“. Natürlich fehlten aber auch die alten Kracher nicht. „Territory“, „Refuse/Resist“, „Arise“, „Ratamahatta“ und „Roots“ trieben auch gestandenen Metallern die Tränen in die Augen. Mit dem üblichen „Casagrande, por favor!“, leitete der an der Trommel stehende Green „Ratamahatta“ ein. Casagrande hatte allerdings noch andere Dinge zu tun und ließ sich mehrmals bitten. Aber dann… Die Stimmung riss alle – wirklich alle mit. Nie gekannte Tanzstile offenbarten sich dem Auge des Betrachters: Breitbeinig in eine Art Hocke gehen, Oberkörper 5 cm über dem Boden pendeln lassen, die Arme müssen allerdings in einer Art eckiger Robotertanzhaltung nach oben gereckt werden. Natürlich gab es aber auch Altbekanntes zu sehen wie die Bierbecherstatuenhaltung, sprich man reckt in Anerkennung des Geschehens auf der Bühne den Bierbecher minutenlang in die Höhe. Als Sepultura zum Abschluss dann „Roots“ anstimmten, stieg die Temperatur tatsächlich nochmal um ein Grad. Schon auf Platte der Hammer, ist der Song live gespielt eine wahre Urgewalt. Wie Sepultura auf der Bühne sowieso eine wahre Urgewalt sind. Energie, Spielfreude, aggressive Musik, die einen direkt in die Magengrube trifft – ich kann nur jedem empfehlen Sepultura einmal live zu sehen, wenn sich die Chance ergibt. Derrick Green verabschiedete das Publikum schließlich auf Deutsch: „Gute Nacht! Schlaf gut! Bis bald!“. Eine bierselige, völlig verschwitzte Umarmung (heeeeeey – hurgs) und ein Tour T-Shirt später, dankte ich den Göttern des Metal auf dem Heimweg für diesen äußerst gelungenen Weihnachtsostergeburtsnamensbeltanesonnenwendtag.

 

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Song des Monats 02/18

Es gibt Bandnamen, da muss man keine großen Worte machen – die haben ihren ganz eigenen Klang. Iron Maiden. Ha, klappt doch, oder? Fast jeder, der Metal mag, verbindet etwas mit den englischen Heavy Metal Haudegen und ihrem Maskottchen Eddie. Und der Februar Song „Run to the Hills“, der 1982 auf dem Album „The Number of the Beast“ veröffentlicht wurde, gehört heute immer noch zu den beliebtesten Metal Songs überhaupt. Ein echter Klassiker also.

In „Run to the Hills“ geht es um einen Konflikt zwischen europäischen Soldaten und den Cree. Zu Beginn wird dieses denkwürdige Ereignis aus Sicht der Einheimischen beschrieben:

White man came across the sea
He brought us pain and misery
He killed our tribes, he killed our creed
He took our game for his own need

We fought him hard we fought him well
Out on the plains we gave him hell
But many came too much for Cree
Oh will we ever be set free?

Schließlich geben die europäischen Neuankömmlinge ihre Sicht der Dinge wieder:

Riding through dust clouds and barren wastes
Galloping hard on the plains
Chasing the redskins back to their holes
Fighting them at their own game
Murder for freedom’s a stab in the back
Women and children the cowards attack

Und zu guter Letzt meldet sich noch ein beobachtender Erzähler zu Wort:

Soldier blue in the barren wastes
Hunting and killing’s a game
Raping the women and wasting the men
The only good Indians are tame
Selling them whiskey and taking their gold
Enslaving the young and destroying the old

Bassist Steve Harris, der den Song geschrieben hat, wollte in „Run to the Hills“ übrigens das Galoppieren der Pferde nachahmen. Die Basslinie ist also äußerst hörenswert. So, jetzt schnall ich mir meinen 80er Jahre Flokati auf den Kopf, schmeiß mich in die hautengen Leggins und geh noch ne Runde ab. Viel Spaß beim Hören! Und verpasst nicht mein Special über „Metaller in Leggins – gelungener Modetrend oder Epic Fail?“

YouTube Channel von Iron Maiden https://www.youtube.com/channel/UCaisXKBdNOYqGr2qOXCLchQ