The Burning Cold over Stuttgart – Omnium Gatherum Tour 2018

Nothgard

Nothgard

Der Melodic Death Metal Konzertabend stand unter keinem guten Stern. Nicht nur, dass ich es am Tag zuvor beim Sport dermaßen übertrieben hatte, dass ich nur noch auf allen Vieren kriechen konnte. Auch mein Magen-Darm-Trakt beschloss mich im Stich zu lassen. Natürlich alles kein Grund nicht zum Omnium Konzert zu gehen – mit dem Kopf nicken geht ja noch und darauf kommt es schließlich an. Vollgepumpt mit Imodium ging es also in den clubCann.

Der Auftritt der ersten Vorband Nothgard war schon in vollem Gang, als mein Mann und ich eintrafen, sodass wir von den Melodic Deathern aus Deggendorf leider nicht mehr allzu viel mitbekamen. Immerhin erlebten wir noch den verzweifelten Versuch, die versammelte Schwabengemeinde zu einem Circle Pit zu bewegen. „Wir wollen Bewegung sehen.“ Das zog sich durch den kompletten Abend, doch jede der drei Bands perlte daran ab, die als eher nicht so extrovertiert geltenden Schwaben zum Tanzen zu bringen. Da half keine Erpressung („Die anderen haben es auch alle hinbekommen“) und kein Sarkasmus („Das war der kleinste Circle Pit, den ich je gesehen habe. Wenn sich zu dem einen vielleicht noch ein zweiter gesellen könnte…“). Omnium Sänger Jukka Pelkonen versuchte es mit einem freiheitlichen pädagogischen Ansatz „Wir bangen jetzt gemeinsam voll ab – und wer sich traut, kann hier vielleicht auch einen Circle Pit eröffnen.“ Es nützte alles nichts. Das Publikum erwies sich als tanzresistent.

Tuomas Saukkonen

Tuomas Saukkonen

In der Pause schoben wir uns weiter nach vorn. Wobei ich positiv anmerken muss, dass der clubCann nicht so vollgestopft war, dass man sich nicht mehr regen konnte. Auch der Sound war klasse und ausgewogen. Großes Lob. Als Nächstes stürmten die finnischen Melodic Death Metaller von Wolfheart die Bühne. Gefiel mir gut. Ausgefeilte Songs mit Doom- und Blackmetal Anteilen und ein Auftritt, der Laune machte. Bassist Lauri Silvonen bewies eine Engelsgeduld. Ich weiß nicht, wenn man mir 5 Minuten ins Nasenloch filmen würde… Ähm. Ja. Beeindruckend war auch der Gitarrengurt von Gitarrist und Sänger Tuomas Saukkonen. Der bestand nämlich aus einer Kette aus Eisengliedern. Wirkt sehr martialisch und saucool, aber aua. Mein Mann nur lapidar:“Es heißt doch ‚Heavy Metal'“. Tja, auch wieder wahr. Allerdings lenkten zwei Herren direkt vor mir meine Aufmerksamkeit vom Geschehen auf der Bühne immer wieder ab. Der eine drehte ein Video auf seinem Smartphone und gab der Band mit Handzeichen Regieanweisungen. Da diese das frecherweise ignorierte, verlegte er sich aufs Tanzen und Bangen. Da kommt sicher ein Blockbuster dabei heraus. Sein Kumpel faszinierte durch seinen ausgefeilten Tanzstil. Eine Mischung aus „Hol dein imaginäres Lasso raus“, Techno und Bangen. Herrlich. Und da er in den langsamen Teilen schon immer etliche BPM schneller war, wurde es in den schnellen Passagen richtig witzig.

Omnium Gatherum

Omnium Gatherum

Wir erreichten die zweite Reihe pünktlich zum Auftritt von Omnium Gatherum. Die Melodic Deather sind ja auf Platte eher nicht so mein Ding – aber live die absolute Abrissbirne. Ich hatte ja das Glück Omnium schon einmal live erleben zu dürfen. Die Herren aus Finnland transportieren von ihrer Bühne herunter eine unglaubliche Energie und Kraft. Es macht irre Spaß, zuzuhören und zuzuschauen. Sänger Jukka Pelkonen ist ein echtes Biest. Er bangt, schreit, feuert das Publikum an. Er ist unheimlich interaktiv und leutselig, zeigt immer wieder ins Publikum, als wäre es sein gesetztes Ziel für den Abend mindestens einmal auf jeden im Raum gedeutet zu haben. Sein liebster Zeitvertreib – neben dem Singen – ist aber das Hörner abklatschen mit dem Publikum. Und man kann sich schon auch mal Nase an Nase mit dem Sänger wiederfinden, wenn man ganz vorn steht. Aber auch der Rest der Band versprüht eine wahnsinnige Energie. Einzig Gitarrist Joonas Koto thront eher in sich gekehrt über dem Geschehen und entlockt seiner Gitarre herrliche Melodien. Damit niemand etwas verpasst, weist Sänger Jukka Pelkonen auch meistens durch Fingerzeig darauf hin, dass jetzt ein Gitarrensolo kommt und lässt es sich auch nicht nehmen, Teile auf seiner Luftgitarre mitzuspielen oder die Gitarristen anzufeuern. Allerdings muss ich noch auf ein ernstes Thema hinweisen: misshandelte Bässe. Erkki Silvennoinens Bass wurde offensichtlich nicht gut behandelt, wie eine dicke Lage Tape an einem Flügel des Basses und die zu großen Teilen abgeblätterte Farbe beweisen. Das arme Instrument tat mir von Herzen leid. Andererseits wirkte es eigentlich ansonsten recht munter. Vielleicht doch kein Grund zur Sorge. Zwischendurch entstand sogar ein wenig Wackenfeeling als jemand beim Bangen sein Bier verschüttete und sich ein kleiner See bildete. Zum Schlammrutschen fehlte allerdings noch der Dreck. Neben einigen Songs vom neuen Album wie „Over the Battlefield“ „The Burning“ „Gods go first“ oder „Fearless Entity“ spielten die Finnen natürlich auch einige alte Kracher wie „Frontiers“, „Skyline“ „Nail“ und als Zugabe „Luoto“ und „New Dynamic“. Eine ausgewogene Mischung. Auch das Verhältnis zwischen schweren Walzen und flotten Nackenbrechern machte Spaß. Ein rundum gelungener Melodic Death Metal Abend. Aus Nostalgiegründen riefen wir zum Abschluss noch einmal „Whale ahead!“ und gingen dann tierisch ab. Mit dem Kopf nicken geht jetzt auch nicht mehr. Was soll’s?! Ein großes Dankeschön geht noch an unseren Freund – nennen wir ihn Moorin – dass er extra seine Geburtstagsparty verschoben hat, um uns das Ganze zu ermöglichen.

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Heathen Crusade Tour. Moonsorrow in Ludwigsburg.

Ville Sorvali, Gesang und Bass, Moonsorrow

Ville Sorvali, Gesang und Bass, Moonsorrow

Wir schreiben das Jahr 2018. Eine Horde Finnen und Iren brach in den ersten warmen Tagen des Aprils zu einem heidnischen Kreuzzug durch Europa auf. Moonsorrow und Primordial riefen ihre Anhänger auf, ihnen zu folgen. Und so bestiegen auch wir unser Stahlross, verließen unser kleines Dorf, in dem wir momentan im Exil leben, und ritten gen Rockfabrik Ludwigsburg, um Moonsorrow zu sehen. Gut, laut unserer Eintrittskarte handelte es sich zwar um die „Heaven Crusade Tour“ statt um die „Heathen Crusade Tour“, aber Fehler passieren nun mal, und wir ließen uns nicht verwirren und auf Irrwege leiten.

Nikita Kamprad, Gesang und Gitarre, Der Weg Einer Freiheit

Nikita Kamprad, Gesang und Gitarre, Der Weg Einer Freiheit

Um 19.30 Uhr eröffneten Der Weg einer Freiheit mit „Einkehr“ den schwarzmetallischen/paganmetallischen Abend. Ich kannte die Jungs vorher nicht und muss sagen, gefiel mir sehr gut, was da geboten wurde. Melodischer Progressive Blackmetal. Sehr meditativ. Häufig stand ich einfach nur mit geschlossenen Augen da und ließ alles auf mich einregnen. Auch Bassist Nicolas Ziska pendelte mit seinem Bass bisweilen entspannte 10 Zentimeter über dem Boden. Aber Vorsicht! Ich möchte an dieser Stelle eine dringende Warnung aussprechen: Zu tiefes Bangen in der ersten Reihe ist schlecht für die Zähne! „Einkehr“ folgten „Skepsis, Part I“, „Zeichen“ und „Requiem“. Den Auftritt beschloss „Aufbruch“. Mir gefiel der Wechsel zwischen entspannten, melodiös-ruhigen Passagen und brachialen Blackmetal Tremolo Picking – Doublebass Blastbeat Wänden, die einen gnadenlos an die Wand bliesen, sehr gut. Die Lichtshow war perfekt darauf abgestimmt, so dass man bald nicht mehr so richtig wusste „Bin ich das? Oder bin ich der Typ neben mir?“ Allerdings entwickelten wir die schlüssige These, dass das Blitzlichtgewitter hauptsächlich dazu diente, die lila Gitarre von Gitarrist Nicolas Rausch zu kaschieren – oder war sie doch schwarz? Wer weiß… Nach dem Auftritt wurde ich noch auf ein Problem aufmerksam, mit dem sich viele Blackmetal Bands herumschlagen müssen – die Zeit. Auf den Hinweis eines Fans, dass es schade sei, dass Der Weg einer Freiheit Teile eines Songs ausgelassen hätten, antwortete Bassist Nicolas Ziska, man habe schließlich nur 45 Minuten. Ja – das reicht halt mal grad für 1 1/4 Songs bei manchen Bands.

Der Weg Einer Freiheit, Rockfabrik Ludwigsburg

Der Weg Einer Freiheit, Rockfabrik Ludwigsburg

Die Umbaupause gestaltete sich zur Nervenprobe. Im Hintergrund wurde die Tonspur einer finnischen Soap eingespielt. Zumindest klang es so. Eine männliche Stimme jammerte, flehte und lamentierte – und strapazierte die Nerven aufs Äußerste. Damit sollte wohl sichergestellt werden, dass alle Weicheier, die dieser Folter nicht standhielten, den Raum verließen. Sie sind des Kreuzzuges nicht würdig. Eisern hielten wir durch. Die Hosen der Crew pendelten zwischen „How low can you go“ und „Hang ‚Em High“. Schnell wurde noch eine Art schwarzes Pümpelbecken an den Drums befestigt. Der uns von anderen Konzerten wohlbekannte Roadie „Mathias“ (wir nennen ihn so – vermutlich heißt er wie jeder anständige Finne Mika oder Klaus Kevin) checkte Drums und Mikros und hängte noch schnell eine kleine Gardine ums Schlagzeugpodest auf. Das sorgte für eine heimelige Atmosphäre. Leider verzichtete er aber auf die Geranienkästen. Und dann trat SIE in mein Leben. Eine handgefertigte, finnische Ruokangas Custom V in rot. Was für eine Schönheit.

Mitja Harvilahti, Gitarre, Moonsorrow

Mitja Harvilahti, Gitarre, Moonsorrow

Nach einigen Unstimmigkeiten beim Gitarrencheck und einem ausgiebigen Test der Nebelmaschine – hüstel -, enterten Moonsorrow mit ihren üblichen blutbeschmierten Gesichtern endlich die Bühne. Und mit ihnen natürlich die Ruokangas Custom V, die praktischerweise direkt vor meiner Nase schwebte. Zusammen mit ihrem Besitzer Mitja Harvilahti. Die Finnen eröffneten ihren Auftritt mit „Pimeä“. Am Funksender von Gitarrist Janne Perttilä musste noch ein wenig gebastelt werden, aber dann konnte auch er ordentlich Gas geben. Verfolgt von Mathias‘ besorgtem Blick. Es folgten „Ruttolehto“, „Suden Tunti“ und „Kivenkantaja“. Zu meiner persönlichen Freude spielten Moonsorrow auch „Mimisbrunn“. Was für ein Wahnsinnssong. Laut Sänger und Bassist Ville Sorvali ein Song zum Relaxen. Ich war und bin wieder einmal begeistert von Moonsorrow und ihrer Bühnenpräsenz und Spielgewalt. Man wird unweigerlich angelockt, mitgerissen, eingesogen. Harvilahti fegte über die Bühne wie ein wild gewordenes Irrlicht, animierte das Publikum oder poste erhaben über unseren Köpfen, die rote Gitarre majestätisch nach vorne gereckt. Manchmal stand er dann wieder minutenlang da und sang und spielte mit geschlossenen Augen – völlig versunken in der Musik. Auch Perttilä hat eine ganz eigene Ausstrahlung. Er erinnerte mich jedes Mal an eine der verrückten Figuren aus den russischen Märchen. Mal wackelte er wie eine Marionette durch die Gegend und grinste dabei hintergründig, mal feuerte er das Publikum an. Und dann ist da noch Ville Sorvali. Sein Krächzen und Zischen ging durch Mark und Bein. Sein Gesicht, mal schmerzerfüllt, mal gequält. Sein Blick so intensiv, so vernichtend, dass man unweigerlich in Gedanken die eigenen Verfehlungen der letzten Tage durchgeht. Er würde sich auch als Lehrer gut machen. Man spürt einfach vom ersten Ton an, dass er seine Musik mit jeder Faser seines Körpers lebt. Es folgte ein Geburtstagsständchen des Publikums für Keyboarder Markus Eurén. Um nicht zu viel unpassende Fröhlichkeit aufkommen zu lassen, verkündete Sorvali dann, dass wir alle irgendwann sterben müssen. Er, Markus, das Publikum – wir alle. Es folgte „Kuolleiden Maa“, der Song über das Land der Toten. Mit dieser optimistischen Zukunftsaussicht verließen Moonsorrow dann auch die Bühne. Wie? Sechs Songs und 1 1/4 Stunden schon um? Ein wirklich intensives, mitreißendes Konzert. Meditativ, aufpeitschend, aufwühlend, musikalisch exzellent. Wenn ihr die Chance habt, die Finnen einmal live zu sehen – ergreift sie! Es lohnt sich wirklich! Die Gardine wurde vom Drumpodest entfernt und zusammengeknüllt – aber das wird Mathias mit seinem Reisebügeleisen sicher wieder richten.

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Deep Calleth Upon Deep. Satyricon in Frankfurt.

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Satyricon, Batschkapp, Frankfurt

Nach den alten Klassikern, insbesondere Nemesis Divina hatte es mir angetan, habe ich Satyricons Treiben über Jahre nicht mehr wirklich verfolgt. Bis vergangenes Jahr das aktuelle Album Deep Calleth Upon Deep erschien. Skeptisch wegen der häufig eher kritischen Stimmen – verweichlicht, kein Black Metal mehr, Pop-Rock, etc. pp. – habe ich mir selbiges zugelegt und war begeistert. Nachdem also für den zweiten Teil der Europa-Tournee zu Deep Calleth Upon Deep ein Termin im schönen nahe gelegenen Frankfurt angekündigt wurde, hieß es nicht lange zögern und zuschlagen beim Kartenverkauf. Schließlich war es, wie ich mir sagen ließ, auch das erste Konzert in Frankfurt nach geschlagenen acht Jahren.

Der Abend des 14. März war gekommen, Beginn sollte um 20 Uhr sein. Ich war leider etwas länger unterwegs, als zuvor gedacht (wie, die Batschkapp ist vor Jahren ans Ostende von Frankfurt gezogen? Eine Stunde Fahrtzeit?). Doch die Stimmung war gut, spätestens als nach der inzwischen obligatorischen Sicherheitskontrolle am Eingang fröhlich auf Hessisch gegrüßt (Ei Gude!) wurde. Kurz vor halb Acht war der Andrang in der legendären Batschkapp noch überschaubar, die erste Reihe selbstverständlich trotzdem schon belegt. Blieb noch ein Platz in der zweiten Reihe neben dem freundlichen haarigen Biertrinker von nebenan. Die bunte Mischung aus Satyricon-, Immortal-, Rammstein- und Iron-Maiden-Shirts beäugend, war ich bereits auf die Vorband gespannt. Entgegen meiner sonstigen Angewohnheit hatte ich im Vorfeld nicht einen Ton angehört: Suicidal Angels aus Griechenland, klassischer Thrash Metal sollte es sein. Um viertel vor Acht ging es dann schon los und meine Herren, haben die einen Alarm gemacht. Kennt man es sonst von Auftritten der Vorbands, dass mit Ausnahme ein paar verrückter Fans (Oma, Onkel, Bruder) eher reservierte Höflichkeit im spärlich versammelten Publikum vorherrscht, ging es hier von Anfang an richtig zur Sache. Im passenden 80er-Dress überzeugten die Suicidal Angels mit hektischem Thrash Metal vom Feinsten, bei dem sogar textunsichere Konzertgänger nach wenigen Minuten vollhals mitgröhlen konnten (Seed! Of! Evil!). Highlight war neben Gus Drax’ Gepose und dem weißen Flying-V-Bass von Angel Lelikakis sicherlich der – Achtung! – Mosh Pit. Angesichts der Menge an Zuschauern und dass wir hier immer noch von einer Vorband reden eine reife Leistung. Ganz ohne mit Bier übergossen zu werden lief das Ganze dann auch nicht ab. Machte aber nichts. Abgehackter Schreigesang, Schrabbelriffs, Polka-Schlagzeug, weiße Adidas-Turnschuhe: Alles richtig gemacht und die Menge nach einer gefühlten Stunde ordentlich für den Hauptakt aufgewärmt.

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Nick Melissourgos von Suicidal Angels, Batschkapp, Frankfurt

Die etwas längliche Umbaupause wurde verkürzt vom Roadie, der die vor sich hin dudelnde Musik mit einem in herrlichstem British English vorgetragenen „I know you love it, but I fucking hate Iron Maiden“ kommentierte und dem Techniker, der den aufs Schlagzeug gerichteten Scheinwerfer mit einem gezielten Schubser den entscheidenden Millimeter bewegte. Das ist Einsatz!

Schließlich war des  dann soweit: Ein kurzes unheilvolles Intro und Satyricon entfesselten mit den Blastbeats der „Midnight Serpent“ vom aktuellen Album den Sturm und setzten eine unglaubliche Energie frei, die den Rest des Abends nicht mehr nachließ. Weiter ging’s mit „Our World, It Rumbles Tonight“, bei dessen Refrain dann auch die weniger singfreudigen Zeitgenossen in den Reigen einstimmten und erste pathetisch geballte Fäuste gen Himmel, naja, Dach gereckt wurden. Ein extrem hartes und aggressives Zeichen setzte dann „Black Crow On A Tombstone“. Haare flogen durch die Luft, mangels Länge zwar nicht die eigenen, was dem Mitkopfschütteln aber keinen Abbruch tat. Das mystische und düstere „Deep Calleth Upon Deep“ sorgte dann für eines der vielen atmosphärischen Highlights des Abends. Bei passender Beleuchtung und geschlossenen Augen konnte man hier herrlich in der Musik versinken – und Frosts leicht wahnsinnig wirkendem Double-Bass-Spiel bewundernd lauschen. Zu spüren war es in der Tat auch. Dann folgte die erste kleine Verschnaufpause. Überraschung Nummer 1: Das neue Material kommt bislang nicht minder gut an als das alte. Überraschung Nummer 2: Hier geht einfach jeder mit. Keine Schnarchnasen, keine Verweigerer. Überraschung Nummer 3: Der zwei Meter hohe und ebenso breite Herr vor mir ist so gnädig, sich die ganze Zeit über das Geländer zu lehnen, so dass stets freie Sicht herrschte. Überraschung Nummer 4: Kein peinliches Getanze der unmittelbar angrenzenden Leute, in das man unfreiwillig hineingezogen wird.

Viel mehr Zeit zu bilanzieren war dann auch nicht. Weiter ging es kraftvoll mit „Blood Cracks Open The Ground“, dem boshaften „Repined Bastard Nation“ und „Commando“ ehe mit „Now, Diabolical“ einer der rockigeren Hits gespielt wurde. Weiterhin textsicher und mitgehfreudig: das Publikum, insbesondere der Herr rechts vor mir mit stets überzeugend gereckter Faust. Weiterhin unglaublich tight zusammenspielend: Satyricon. Doch da die Herren auch nicht mehr so jung sind (ok, mit Ausnahmen), folgte erstmal ein weiteres kleines Intermezzo.

Den dritten Teil eröffnete „To Your Brethren In The Dark“. Mit der weiß-türkisfarbenen Beleuchtung wurde die finstere Stimmung des Lieds wunderbar eingefangen und das Mitwippen und Singen war eine reine Freude. Wegen der vielen Rhythmuswechsel und Breaks mutig für einen Live-Auftritt folgte „Dissonant“, ebenfalls von der aktuellen Platte. Das war für den ein oder anderen Headbanger entsprechend und sichtlich irritierend: Muss ich jetzt so? Ah, jetzt aber schön im… ah, ne schneller. Warum jetzt… was? Den ein oder anderen hilfesuchenden Blick später hat dann aber doch jeder in, nunja, seinen eigenen Rhythmus gefunden und der Stimmung im Publikum tat das natürlich keinen Abbruch.

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Satyricon, Batschkapp, Frankfurt

Als der Roadie von hinten mit der weißen Flying-V für Satyr angesprungen kam war klar: endlich Zeit für klassischen Black Metal! Ja, das haben die auch mal gemacht! Kram, den ich in und auswendig kenne! Mit den ersten Klängen von „Walk The Path Of Sorrow“ vom ersten Satyricon-Werk Dark Medieval Ages von immerhin 1993 ging deshalb wohl der Traum des ein oder anderen Anwesenden in Erfüllung. Und welche Energie da rüber kam: fantastisch. Und es zeigt: Trve Norsk Blakk Metal funktioniert live wunderbar. Doch damit nicht genug der Freude, kündigte Satyr nicht eines, nein, gleich zwei Lieder vom legendären Album Nemesis Divina (1996) an. Das, muss man jetzt dazu sagen, war meine erste Satyricon-Platte damals vor etwa 16 Jahren, also war ich, aber nicht nur ich, hellauf begeistert. Die Überraschung war dann groß als ausgerechnet ein Instrumental kam: „Transcendental Requiem Of Slaves“. Transzendent wurde es dann auch mit zahlreichen Einspielern vom Band (ja, schon klar, dass das heutzutage nicht mehr vom Band kommt) und spätestens als dann drei Gitarristen und ein Bassist in einer Linie nebeneinander einträchtig und monoton-entrückt spielten, konnte man in anderweltlichen Sphären schwelgen. Beeindruckend. Abschütteln und vorbereiten auf das nächste Highlight, denn als Satyricon-Fan war klar, was nun kommen musste: eine der, wenn nicht die Black-Metal-Hymne schlechthin: „Mother North“. Der rasende Einstieg dürfte wohl auch die letzte Schlafmütze im Publikum aufgeweckt haben und beim einmütigen Chorgesang machte dann auch wirklich jeder mit. Nach dem Break im Mittelteil zeigte Frost ein ums andere Mal seine Qualitäten als (Live-)Schlagzeuger und zog das Tempo wie ein wahnsinnig gewordener Derwisch auf Speed, Meth und Ecstasy gleichzeitig an. Ich vermeinte, den ein oder anderen Nacken brechen zu hören. Wahnsinnig intensive Atmosphäre und krönender Abschluss des regulären Teils. Das Klatschen und die Jubelgesänge wollten überhaupt keinen Abbruch mehr nehmen – wie übrigens immer und immer wieder an diesem Abend. Geniales Publikum.

So ließen sich Satyricon auch gar nicht besonders lange bitten, ehe die Instrumente wieder umgeschnallt und die Positionen erneut bezogen wurden: Zeit für die Zugaben. Beginn war „The Pentagram Burns“, gefolgt vom aggressiven „Fuel For Hatred“. Satyrs Aufforderung und die kreisenden Gesten des Bassisten Wargod waren kaum nötig, um jenen ausgelassenen Tanzritus namens Moshpit zu starten. Interessant hier die aufgerissenen Augen einer etwas zierlichen Person, die von der Erwartung, mitten im Sturm zu stehen, wohl nicht sonderlich angetan war und sich deshalb schleunigst an den vorderen Rand der Szenerie verkrümelte – während andere sich freudig erregt mitten ins Getümmel stürzten. Nach diesem denkwürdigen Augenblick etwas ausgepowert rundeten das geniale „To The Mountains“ und, um nochmal alle schön zum Mitsingen zu animieren, das rockige „K.I.N.G.“ das Konzert ab. Minutenlang dauerte der Applaus, das Jubeln und Klatschen an, Sprechgesänge wurden angestimmt und die in einer Linie angetretenen Musiker gebührend gefeiert. Frost stampfte noch etwas wie ein wütender Gnom auf den Brettern umher, um die Leute noch mehr anzustacheln und man merkte, wie die Begeisterung aufgesogen wurde.

Ich reihe dieses Konzert einfach mal ganz weit oben in der Liste der besten Konzerte, auf denen ich je war ein, denn das von der Vorband bis zum letzten Takt alles passt, kommt selten vor. Eine unglaubliche Spielfreude, technisch einwandfrei und Begeistern auf beiden Seiten der Bühne, so dass Band und Publikum wie eine Einheit, wie aus einem Guss wirkten. Fast schon ehrfurchtgebietend. Satyr merkte an, er freue sich auf das nächste Mal in der Batschkapp – und das tu ich auch.

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Satyricon, Batschkapp, Frankfurt

Urgewalt in Stuttgart. Sepultura do Brasil.

Sepultura, LKA Longhorn, Stuttgart

Sepultura, LKA Longhorn, Stuttgart

Freitag, der 9.3.2018! Ein historischer Tag! Der Tag, an dem für mich Weihnachten, Ostern, Geburtstag, Namenstag, Beltane und Sonnenwende auf einen Tag fielen. Der Tag, an dem Sepultura sich im LKA Longhorn in Stuttgart die Ehre gaben. Ich wollte die brasilianischen Metal Legenden ja schon länger endlich mal live sehen. Aber die Götter – irgendjemand muss ja Schuld sein – waren diesem Vorhaben bisher nicht gewogen. Bis letzten Freitag eben. Ich war aufgeregt, wie am ersten Schultag. Als mein lieber Gatte und ich dann gen Stuttgart aufbrachen, hatte ich mich allerdings, im Unterschied zum ersten Schultag, gegen das rosa Kleid und die Engelslöckchen entschieden. Die Götter des freien Parkplatzes waren uns an diesem lauen Abend hold und so konnte der Konzertabend starten.

Dank des üblichen Staus am Pragsattel spielte die erste von drei Vorbands, Fit For An Autopsy, schon als wir ankamen. Mein erster Eindruck? Die US-amerikanischen Core Metaller brachten die Toilettenwände zum Beben. Im wahrsten Sinn des Wortes. Allerdings stellte ich nach zwei Titeln wieder einmal fest, dass Core Metal nicht mein Ding ist, auch wenn die Herren ihre Sache gut machten. Damit hat sich also auch das Metal Disco Bowling für mich erledigt. Aber das ist eine andere Geschichte. Pause. Umbau.

Fit For An Autopsy, LKA Longhorn, Stuttgart

Fit For An Autopsy, LKA Longhorn, Stuttgart

Als Nächstes enterten die Death- und Blackmetaller von Goatwhore die Bühne. Nun ja, Sänger Ben Falgoust humpelte an Krücken auf die Bühne und nahm auf einem Transportcase Platz. Eine bedauerliche Begegnung mit der Tür des Tourtransporters, wie wir später erfuhren. Diese kleine Blessur tat dem Auftritt aber keinen Abbruch. Derbe Growls raushauen und Luftgitarre spielen geht ja auch prima im Sitzen – ebenso wie das Ausführen unheilschwangerer Gesten. Gitarrist Sammy Duet legte sich ebenfalls ins Zeug. Es machte wirklich Spaß ihm beim Spielen zuzusehen. Leider fand ich die Jungs musikalisch auf Dauer nicht so überzeugend. Goatwhore spielten sich durch die ersten Songs vom aktuellen Album „Vengeful Ascension“: „Forsaken“, „Under the Flesh, Into the Soul“, „Vengeful Ascension“ „Chaos Arcane“ und „Mankind Will Have No Mercy“. Außerdem gaben sie noch zwei ältere Titel zum Besten. Gut – aber nicht vollständig überzeugend. Pause, Umbau. Besorgte Blicke nach hinten. Der nette, schon ziemlich angeschickerte Herr hinter mir, der zeitweilig neben mir ein wahres Feuerwerk an pathetischen Gesten vollführte, die mir langsam aber sicher bedrohlich nahe kamen und glücklicherweise doch nie in meinem Gesicht landeten, lacht irre. Wird er durchhalten, bis Sepultura auf die Bühne kommen? Wohl eher nicht. Da braucht man noch nicht mal mehr Wetten abschließen.

Goatwhore, LKA Longhorn, Stuttgart

Goatwhore, LKA Longhorn, Stuttgart

Die dritte Vorband des Abends – Obscura – betrat die Bühne. Deutscher Technical Death Metal erwartete uns nun. Ich muss ehrlich gestehen, dass ich die meiste Zeit damit beschäftigt war, Gitarrist Rafael Trujillo staunend auf die Finger zu schauen. In der stolzen, aufrechten Haltung eines Kämpfers in der Arena flogen seine Finger über das Griffbrett seines Instruments, dass ich mir beim Tappen zeitweilig nicht mehr sicher war, ob er noch Gitarre oder schon Klavier spielt. Beeindruckend. Auch insgesamt haben mir Obscura live wirklich sehr, sehr gut gefallen. Technical Death Metal heißt ja leider oftmals einfach nur schnell, schnell. Das ist bei den Jungs aus Landshut definitiv nicht der Fall. Da kommt auch noch „wow“ dazu. Vom aktuellen Album „Akróasis“ spielten Obscura „Ten Sepiroth“, „Akróasis“ und „Ode to the Sun“. Außerdem noch „Ocean Gateways, „The Anticosmic Overload“ und „Centric Flow“. Pause. Umbau. Der nette, aber sehr angeschickerte Herr hinter mir hat es leider nicht geschafft. Er war weg, bevor Sepultura da waren. Tragisch.

Sepultura, LKA Longhorn, Stuttgart

Sepultura, LKA Longhorn, Stuttgart

Dann endlich war es soweit. Gänsehaut! Sepultura! Vom ersten Ton an brachten die Brasilianer eine unglaubliche Energie und Bühnenpräsenz mit, die mich voll in ihren Bann zog. Sänger Derrick Green glänzte mit seinen hervorragenden Deutschkenntnissen: „Guten Abend!, Wie geht es Ihnen? Bombenwetter heute!“ und noch mehr mit seinem Gesang und seiner gesamten Performance. Auch an der Trommel, über der Bühne thronend und neben Drummer Eloy Casagrande, machte Green eine gute Figur. Natürlich rhythmisch gesehen. Hier muss ich einen kleinen Gesprächsausschnitt der Herren vor mir wiedergeben: „Derrick Green. Isch des der neue Sänger?“ „Neuer Sänger? Der isch scho 20 Jahre dabei, der neue Sänger.“ Bassist Paulo Jr. versprühte gute Laune und Spielfreude und sah dabei ein wenig aus, wie der nette, zottelige Yeti von nebenan. Auf dem Podest machte er ebenfalls eine gute Figur und ließ den Bass dabei unheilvoll wummern. Auf Eloy Casagrande war ich richtig gespannt. Was der an den Drums abzieht, ist einfach nur der Hammer. Minutenlang sah ich mir an, wie er auf seine Trommeln, Tomtoms, Hi-Hats und das andere Gedöns mit unglaublicher Kraft, Geschwindigkeit und Präzision eindrosch und dabei kaum eine Schweißperle zu verlieren schien. Andreas Kisser wiederum zeigte eindrucksvoll, welch beachtliches Repertoire er besitzt, wenn es darum geht, der Gitarre jammernde, jaulende, ja gar äußerst gequält klingende Bendings und Laute zu entlocken. Wahnsinn. Jedes Solo begleitete er mit der entsprechend darauf abgestimmten Mimik. Man spürt absolut nichts davon, dass er diesen Job schon so viele Jahre macht. Er scheint immer noch jede Menge Spaß dabei zu haben, seine Gitarre Abend für Abend gequält aufjaulen zu lassen oder ihr tiefe Brummeltöne oder aggressive Riffs zu entlocken. Kisser spricht ebenfalls Deutsch, wie Green irgendwann feststellte: „Herr Kisser, Sie sprechen gut Deutsch.“ „Danke es geht.“ „Ihr Deutsch ist schaißa!“ Sepultura spielten eine ganze Ladung Songs vom aktuellen Album „Machine Messiah“. Darunter „I Am the Enemy“, „Phantom Self“, „Machine Messiah“, „Resistant Parasites“ oder das live wirklich geile, instrumentale „Iceberg Dances“. Natürlich fehlten aber auch die alten Kracher nicht. „Territory“, „Refuse/Resist“, „Arise“, „Ratamahatta“ und „Roots“ trieben auch gestandenen Metallern die Tränen in die Augen. Mit dem üblichen „Casagrande, por favor!“, leitete der an der Trommel stehende Green „Ratamahatta“ ein. Casagrande hatte allerdings noch andere Dinge zu tun und ließ sich mehrmals bitten. Aber dann… Die Stimmung riss alle – wirklich alle mit. Nie gekannte Tanzstile offenbarten sich dem Auge des Betrachters: Breitbeinig in eine Art Hocke gehen, Oberkörper 5 cm über dem Boden pendeln lassen, die Arme müssen allerdings in einer Art eckiger Robotertanzhaltung nach oben gereckt werden. Natürlich gab es aber auch Altbekanntes zu sehen wie die Bierbecherstatuenhaltung, sprich man reckt in Anerkennung des Geschehens auf der Bühne den Bierbecher minutenlang in die Höhe. Als Sepultura zum Abschluss dann „Roots“ anstimmten, stieg die Temperatur tatsächlich nochmal um ein Grad. Schon auf Platte der Hammer, ist der Song live gespielt eine wahre Urgewalt. Wie Sepultura auf der Bühne sowieso eine wahre Urgewalt sind. Energie, Spielfreude, aggressive Musik, die einen direkt in die Magengrube trifft – ich kann nur jedem empfehlen Sepultura einmal live zu sehen, wenn sich die Chance ergibt. Derrick Green verabschiedete das Publikum schließlich auf Deutsch: „Gute Nacht! Schlaf gut! Bis bald!“. Eine bierselige, völlig verschwitzte Umarmung (heeeeeey – hurgs) und ein Tour T-Shirt später, dankte ich den Göttern des Metal auf dem Heimweg für diesen äußerst gelungenen Weihnachtsostergeburtsnamensbeltanesonnenwendtag.

 

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Raise your horns! Amon Amarth in Ludwigsburg

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Es war an einem Freitag. Genau genommen am Freitag, den 18.11.2016 als die Wikinger in Ludwigsburg einfielen. Um ihren Triumph zu feiern und ihre Macht zu demonstrieren, wählten sie die MHP Arena. So machten auch wir uns auf gen Ludwigsburg, um die Männer aus dem fernen Norden zu sehen. Da wir mit unserem Drachenboot auf dem Goldbach nicht arg weit gekommen wären, entschieden wir uns dann doch mit dem Auto zum Amon Amarth Konzert zu fahren.

Wir erreichten die Arena als Grand Magus schon zu Werke gingen und das Publikum anheizten. Davon bekamen wir jedoch nicht viel mit, da wir noch eine eigene Quest zu erfüllen hatten – die spannende Quest „Finde deinen Platz“. Unsere Reihe war nämlich leider komplett abgesperrt. Wir wanderten also fleißig von einem Ordner zum nächsten, um Informationen zu sammeln. Der Vierte gab uns nun endlich den entscheidenden Tipp – „Ihr müsst zur Kasse raus und das Ticket umtauschen.“ Okeeee. Also wieder durch die Menge wühlen, gegen den Strom raus zur Kasse. Schnaub. Dort bekamen wir dann andere Tickets. Solchermaßen gerüstet wühlten wir uns wieder zurück in die Halle. Zwischen „Nasalstimme“ und „Bauarbeiterde­kolle­té“ (manche Dinge muss man einfach nicht gesehen haben) fanden wir schließlich unser Plätzchen. Grand Magus hatten ihren Auftritt beendet – weiter ging es mit Testament.

Alex Skolnick, Gitarre, Testament

Alex Skolnick, Gitarre, Testament

Die Thrash Metaller aus USA präsentierten einige ihrer neuen Songs vom Ende Oktober erschienenen Album „Brotherhood of the snake“: „The pale king“, „Stronghold“ und „Brotherhood of the snake“. Aber – klar doch – ein wenig „oldschool Thrashmetal“ durfte auch nicht fehlen und wurde zum Beispiel in Form von „Over the wall geliefert“. Hach naja – Sänger Chuck Billy ist natürlich schon eine Urgewalt auf der Bühne. Wenn er nicht singt, spielt er sämtliche Gitarrenriffs und Soli auf seinem halben Mikroständer in doppelter Geschwindigkeit mit. Herrlich. Und Alex Skolnick an der Gitarre ist wirklich flink und beeindruckend und reißt das Publikum definitiv mit. Außerdem habe ich ein Auge auf seine Gitarre geworfen – sparen, sparen, sparen. Allerdings sind meine richtig intensiven Thrash Metal Zeiten glaub ich vorbei – ich lasse euch nach der Sitzung mit meinem Therapeuten wissen, wie ich diese Erkenntnis verkraften kann. Jedenfalls hat es mich nicht so richtig vom Sitz gerissen.

Johan Hegg, Gesang, Amon Amarth

Johan Hegg, Gesang, Amon Amarth

Nach Testament folgte eine längere Umbaupause. Schließlich enterten Amon Amarth die Bühne. Und die Bühne konnte sich wirklich sehen lassen. Schlagzeuger Jocke Wallgren thronte mit seinen Trommeln auf einem gigantischen gehörnten Wikingerhelm. Auf beiden Seiten führten Treppen nach unten auf die Bühne. Die Augenlöcher des Helms leuchteten während des Konzerts in den verschiedensten Farben. Die Nordmänner boten wirklich in jeder Hinsicht eine gigantische Show. Einerseits war die Songauswahl super. Die Melodic Death Metaller spielten einiges vom neuen Album, zum Beispiel „First kill“, „On a sea of blood“ oder „One thousand burning arrows“ – außerdem in der Zugabe den Partykracher „Raise your horns“. Selbstverständlich erschienen die Schweden dazu mit ihren Trinkhörnern auf der Bühne und leerten diese bevor es los ging. Ein Song, den ich persönlich gar nicht liebe, der aber tatsächlich (Schein-) Tote erwecken kann. Durch die zwei Personen vor uns, die das ganze Konzert über mehr oder weniger apathisch vor sich hin dümpelten, ging plötzlich ein Ruck, sie sprangen auf, reckten ihre vier bis fünf Bierbecher, sangen die drei Worte, die sie sich noch merken konnten, mit – und spielten dazu noch erwartungsgemäß grottenschlecht Luftgitarre. Sehenswert. Ansonsten spielten Amon Amarth sich querbeet durch die Kracher eines Großteils ihrer Alben: „The pursuit of Vikings“, „Deceiver of the gods“, „Death in fire“, „Destroyer of the universe“, „Cry of the black birds“ – und extra für mich: „Guardians of Asgaard“ – und noch einige mehr. Gewürzt wurde das Ganze mit schauspielerischen Einlagen. Ab und an hatte man den Eindruck einem Theaterstück mit Musik zu folgen. Hegg sprach immer wieder Texte. Zwei behelmte Herren führten einen Schwertkampf auf, drohten mit Speeren und mit Streitkolben und zielten mit Bögen auf uns – bitte treffe irgendjemanden hinter mir! Da es mich in der Halle etwas fröstelte, kamen mir die Feuerfontänen, die die Musik perfekt unterstrichen, gerade recht. Am beeindruckendsten gestalteten Amon Amarth allerdings den letzten Song – das große Finale. Zu „Twilight of the thunder god“ kam Sänger Johan Hegg mit Thorhammer in der Hand auf die Bühne. Als er diesen auf die Bühne donnern ließ, knallte es ohrenbetäubend und es sprühten effektvoll Funken umher. Im Hintergrund erhob sich die Midgardschlange und wand sich bedrohlich. Ragnarök stand offensichtlich unmittelbar bevor. Im Laufe des Songs erklomm Hegg die Treppen und bekämpfte mit dem Hammer das böse Reptil. Einfach gut gemacht. Die Schweden wissen, wie man eine Horde Wikinger unterhält!

Amon Amarth, Ludwigsburg, 18.11.2016

Amon Amarth, Ludwigsburg, 18.11.2016

Moonsorrow und Korpiklaani. Die finnische Folk Metal Mafia in Lindau – und Skálmöld

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Yehaw. Gestern war einer meiner persönlichen Konzerthöhepunkte des Jahres: Skálmöld und Moonsorrow – jaja und auch Korpiklaani – gaben sich die Ehre im Club Vaudeville in Lindau. Da der beste Ehemann von allen so eine vage Ahnung hatte, dass mir das gefallen könnte, hat er dann auch Karten besorgt. So machten wir uns also gestern auf den Weg nach Lindau. Das Wetter zeigte sich von seiner besten schlechten Seite: Schnee, Schneeregen, Regen – alles dabei was das Herz nicht begehrt. Trotzdem schafften wir es ohne Zwischenfälle, pünktlich und im wahrsten Sinn des Wortes vor der Haustür des Vaudeville unser Auto in einträchtiger Nachbarschaft zum Tourbus abzustellen. Kaum waren wir da legten Skálmöld auch schon mit Wucht los. Perfektes Timing nenne ich das.

Skálmöld, Lindau, November 2016

Skálmöld, Lindau, November 2016

Die Isländer spielten einen Mix aus alten Sachen wie zum Beispiel „Miðgarðsormur“ – einer meiner absoluten Lieblingssongs – und Sachen vom neuen Album wie „Útgarður“ oder „Niðavellir“. Dass die Herren einen Mordsspaß an ihrem Job haben, hat sich absolut auch auf das Publikum übertragen. Es herrschte wirklich eine lockere, fröhliche – ähm hüstel aber auch sehr evil – Stimmung. Sänger und Gitarrist Björgvin Sigurðssons Gesichtsausdruck wechselte beständig zwischen „ich bin echt böse“ und „ick freu mir ja so, dass ihr alle da seid“. Seine bellenden Growls gingen live noch tiefer unter die Haut. Drummer Jón Geir Jóhannssons seliges Grinsen erinnerte mich dagegen an Ringo Starr, wie er völlig glückselig vor sich hintrommelt. Nur eben mit NOCH längeren Haaren. Während Gitarrist Þráinn Árni Baldvinsson mit seinem langen Blondhaar meist in sich versunken Riffs und Soli raus ballerte, düste Gitarrist Baldur Ragnarsson über die Bühne – bis in die Haarspitzen gespannt als ob er 20 Duracell im Körper eingesetzt hätte. Beständig riss er mit seinem „Come on“ Bandkollegen, Publikum und sich selbst mit. Außerdem sind seine Kreischer und Schreie eine herzzerreißende Bereicherung für jeden Song. Die Gitarrengewalt der Skálmöldgitarristen beeindruckte und begeisterte mich.  Dagegen war Bassist Snæbjörn Ragnarsson eher der ruhende Pol mitten auf der Bühne. Keyboarder Gunnar Ben entzog sich zwar beharrlich meinem Sichtfeld – aber seine wunderschöne Stimme drang dafür laut und deutlich zu mir durch und umschmeichelte mein Ohr vor allem bei “ Miðgarðsormur“. Generell muss ich hier anmerken, dass Skálmöld gesanglich wirklich enorm viel auf dem Kasten haben – auch live klingt alles lupenrein.

Leider verließen die Isländer die Bühne viel zu schnell wieder. Dafür wurde mir die Umbaupause mit einer netten Plauderei mit einer sympathischen jungen Dame aus Geislingen verkürzt. Wir hatten während des Konzerts einträchtig nebeneinander her gebangt. Huhu, liebe Grüße an dieser Stelle – hoffe du bist gut zuhause gelandet! Was macht der Nacken heute so?

Mitja Harvilahti, Gitarre, Moonsorrow

Mitja Harvilahti, Gitarre, Moonsorrow

Schließlich enterten Moonsorrow zu einem eingespielten Intro die Bühne, dass das Herz im Körper zum Vibrieren brachte. Und dann ging es auch schon los mit „Jumalten Aika“. Die finnischen Paganmetaller präsentierten ihr aktuelles, gleichnamiges Album fast komplett, denn sie spielten unter anderem auch noch „Ruttolehto“, „Suden Tunti“und „Ihmisen Aika“. Doch auch etwas Älteres durfte nicht fehlen. Bei „Sankaritarina“ unterstützte das Publikum Sänger und Bassist Ville Sorvali gesanglich tatkräftig. Zwischendurch forderte er diejenigen, die das neue Album noch nicht gekauft hatten auf, dies draußen am Merch Stand nachzuholen. Schließlich brauchen die Finnen Geld für Bier. Ja dann – was steht ihr hier noch so herum? Moonsorrow sind schon aus der Konserve ziemlich genial. Live kreierten sie eine absolute Gänsehautstimmung. Der beständige Wechsel zwischen monumentalen Gitarre-Bass-Drums-Keyboard Klangwänden, repetitiven Blackmetalelementen die wahlweise hypnotisierend und entspannend wirkten oder in wilde Raserei ausarteten, war schlichtweg elektrisierend und verzaubernd. Folkige Chöre, dezente folkige Melodien und ein Gastauftritt von Korpiklaanis Frontmann  Jonne Järvelä gaben dem Ganzen den gewissen Paganflair. Besonders begeistert haben mich der faszinierend ausladend-aggressive Spielstil von Gitarrist Mitja Harvilahti – und seine wunderschöne Gitarre – und Ville Sorvali. Der Moonsorrow Frontmann hat eine unheimliche Ausstrahlung – in doppeltem Wortsinn. Niemand zischt und keift so fies wie er. Mich jedenfalls rissen Moonsorrow völlig mit und weg und davon und vom Hocker. Was macht da schon die heutige Genickstarre? Den Auftritt von Korpiklaani ließen wir sausen. Ist halt nicht so unser Ding. Zum Abschluss des gelungenen Abends signierten mir Skálmöld noch mein frisch erstandenes Shirt. Man kann ja schließlich nie genug Bandshirts im Schrank haben.

Quelle: Eigenproduktion, Club Vaudeville in Lindau, 08. November 2016

Quelle: Eigenproduktion, Club Vaudeville in Lindau, 08. November 2016

Reisen bildet – auf nach Russland!

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Ha! Wer hätte es gedacht, dass es stimmt. Reisen bildet. Auch die Reise zum Festival Mediaval im nicht allzu fernen Selb. Und wer hätte gedacht, dass schon eine einzige Band die Reise sehr lohnenswert machen würde. Ich jedenfalls noch nicht als unsere Reisegruppe Samstag früh um 7.30 Uhr ins Fränkische aufbrach. Unser vorangegangener Band Check war ehrlich gesagt nicht so positiv ausgefallen. Also fuhren wir diesbezüglich ohne große Erwartungen los.

Storm Seeker mit ihrem Pirate Folk Metal verbreiteten dann aber schon gute Laune und nachdem ich mich mit Karamell ordentlich vollgestopft hatte, vernahmen meine Ohren gar herrliche E-Gitarren Klänge. Da es sich aber noch um den Soundcheck handelte mussten wir erst noch etwas Zeit überbrücken bevor es losging mit Grai („Rabenschrei“). Die Band besteht aus zwei Damen und vier Herren – Gesang, Flöte, zwei E-Gitarren, Bass und Drums – und sie spielen russischen Folk Metal. Damit bin ich bisher nur flüchtig durch Arkona in Berührung gekommen, die mich aber nie überzeugen konnten und bei denen man sich ja auch in politischer Hinsicht nie so ganz sicher sein kann wohin die Reise geht. Grai hingegen animierten zum Hüpfen, Bangen, Tanzen und Klatschen. Klatschen – übrigens ein besonderes Hobby von Sängerin Irina Zybina, die fast jeden Song mit „Ich brauche eure Hände.“ einleitete. Die zudem auch noch eine der wenigen weiblichen Stimmen im Metal besitzt, die meine Nerven nicht peinigt – ich weiß, ich weiß. Mit Stimmen bin ich wirklich heikel. Schlimme Erfahrungen in der Kindheit? Keine Ahnung. Bassist Yuri haute uns dazu noch wirklich absolut dunkle Growls um die Ohren. Die Musik von Grai weicht vom Folk Metal, wie man ihn üblicherweise aus Skandinavien kennt, etwas ab. Gut – logisch – die Folkelemente sind von der russischen Folklore inspiriert und Grai singen russisch. Zarte Melodien und kernige, harte Riffs wechseln sich ab und ergänzen sich wunderbar. Die Songs sind facettenreich. Ab und an haben sie sogar einen punkigen Touch. Besonders erwähnen möchte ich hier auch noch den Einsatz von Maultrommeln, den ich nur gut heißen kann. Nur der Blick in die slawische Seele wird mir ab und an dann doch ein wenig zu tief. Das tut meiner Begeisterung aber insgesamt keinen Abbruch.

Nachdem Grai uns also ordentlich eingeheizt hatten musste die CD her. Die bekamen wir dann sogar von der Band persönlich signiert. Coole Band, schöner Tag, was will man mehr?

Quelle: YouTube Channel von Thor Svalnar: https://www.youtube.com/channel/UC8kGei9lvdZ378OtfbAwv1A

Der Messias des Folkmetal in Karlsruhe – Ensiferum

Nachdem die Thrash!Boom!Bang! April Tour letzte Woche wegen – nennen wir es technische Schwierigkeiten – etwas ins Stocken geraten ist – war der letzte Teil der Tour ein voller Erfolg. Leider konnte ich mir das Konzert von Amorphis nur ungefähr zu einem Drittel anschauen, deshalb gibt es dazu keinen Konzertbericht.

Martin Jensen_Carlos G.R.

Carlos G.R., Jardén Schlesinger, Heidra

Gestern führte mich die Tour dann nach Karlsruhe ins Substage. Der Club ist wirklich toll, gute Raumaufteilung und vor allem – toller Sound. Auch die Handstempel sind toll, man versaut sich damit nicht Bettlaken und Bauch. Aber das ist eine andere Geschichte.  Um 19.30 Uhr enterten die dänischen Folk- und Blackmetaller Heidra die Bühne. Die Musik gefiel mir recht gut, vor allem der Abschlusssong, dessen Namen ich peinlicherweise vergessen habe. Sehenswert waren vor allem die beiden Gitarristen. Carlos G.R. versuchte einen Rekord im Evil-Schauen und Publikum erschrecken aufzustellen. Er hatte auch eine sehr überzeugende Art die Menschen im Raum zu animieren. Mit bösem Blick, Gesten und Worten teilte er mit: „I see you all. Muahaha. Grrrrr!“ Oder so. Jardén Schlesinger hingegen, der eigentlich bei Sylvatica die Gitarre schwingt, atmete schon immer eine gefühlte Minute vor seinem Solo tief durch und dann – los. Begleitet wurde das ganze von einem Gesichtsausdruck à la „Waaaah, meine Finger sind viel schneller als ich.“ Höchst amüsant und musikalisch auch höchst unterhaltend.

Paolo Rossi, Bass und Gesang, Fleshgod Apocalypse

Paolo Rossi, Bass und Gesang, Fleshgod Apocalypse

Danach übernahm die Technical Death Metal/Symphonic Metal Band Fleshgod Apocalypse die Bühne. Der Bühnenaufbau mit dem abgewrackt aussehenden Klavier war natürlich beeindruckend. Auch ließen sich die Herren aus Italien nicht das übliche Bierchen auf die Bühne stellen, sondern ein Glas Rotwein. Entsprechend war auch das äußere Erscheinungsbild der Bandmitglieder: weiß geschminkte Gesichter und barock anmutende Kostüme rundeten das Bild ab. Die Musik war allerdings nicht so mein Ding. Der Drummer Francesco Paoli hat mich zwar wirklich beeindruckt. Er schuf eine fast durchgängig während des gesamten Konzerts anhaltende Double Bass Wand in einer unglaublichen Geschwindigkeit. Auch die rasenden Finger des Bassisten Paolo Rossi zu beobachten war eine wahre Freude. Doch auf Dauer verschwammen die kunstvoll gewobenen Death Metal Klangwände mit klassischen Elementen für mich zu einem Einheitsstrom.

Markus Toivonen, Gitarre und Gesang, Ensiferum

Markus Toivonen, Gitarre und Gesang, Ensiferum

Schließlich war es endlich so weit und Ensiferum betraten die Bühne. Sie eröffneten ihr Konzert mit „One Man Army“, was auch gleich den ersten Mosh Pit nach sich zog – es wurde eng, kuschelig und ab und an hatte ich Angst um meine Zähne. Es gibt halt Menschen, die doch arge Probleme damit haben gleich vier Extremitäten auf einmal zu kontrollieren. Ensiferum boten einen Mix aus Songs vom neuen Album wie „Heathen Horde“, „Warrior without a war“ oder dem herrlich temporeichen und skurrilen „Two of spades“. Aber auch die alten Gassenhauer wie „From afar“, „Twilight Tavern“, „Iron“ oder „Lai, lai hei“ fehlten nicht. „Lai,lai hei“ wurde „because of technical issues“ quasi zweigeteilt. Ensiferum unterbrachen den Song und Bassist Sami Hinkka versuchte charmant-witzig die Probleme zu überspielen, in dem er die psychotherapeutisch wertvolle Aussage traf „I’m a shrimp.“. Es folgte eine folkige Bass- und Akkordeoneinlage von Sami und Netta – die übrigens nun offiziell als neues Mitglied und Ersatz für Emmi Silvennoinen bestätigt wurde. Anschließend wurde deutlich, dass die Pause langsam zu lang wurde, als Sami etwas von „no shrimp under the kilt“ erklärte und schließlich hoffte, das cable of doom würde nun halten. Nachdem er Sänger und Gitarrist Petri Lindroos dann noch als „Messiah of Folkmetal“ pries, brachten Ensiferum den Song zu ende. Bluesig wurde es zwischendurch auch noch. Dabei legte Gitarrist Markus Toivonen einen astreinen Slide hin. Und da er nun einmal keinen metallenen Bottleneck zur Hand hatte, nahm er einfach seine Bierflasche – und grinste sich einen. Gute Laune, guter Sound und Folkmetal. Was will man mehr. Ich werde mich jetzt erstmal von meiner Tour erholen.

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Northwinds over Weinheim – Månegarm, Skyforger und Ereb Altor

Gestern startete meine kleine Thrash!Boom!Bang! Baden-Württemberg Tournee. In irgendeinem Reiseführer muss wohl der Tipp stehen, dass Deutschland im April für Metal Bands besonders schön ist – oder warum sind die momentan alle hier unterwegs? Egal. Gestern ging es los mit den „Northwinds over Europe“ im Café Central in Weinheim. Gleich drei Pagan Metal Bands gaben sich dort die Ehre: Ereb Altor aus Schweden, Skyforger aus Lettland und Månegarm aus Schweden.

Ereb Altor, Weinheim, 06.04.16

Ereb Altor, Weinheim, 06.04.16

Kurz vor Beginn trafen wir in dem schnuckeligen, kleinen Club ein. Ereb Altor starteten mit viel Elan – leider aber mit einem wirklich grausigen Sound, wofür die Herren, wie der weitere Abend zeigen sollte, nur bedingt etwas konnten. Die Songs klangen verwaschen und matschig und der Gesang war trotz größter Anstrengungen von Sänger Mats manchmal kaum noch zu hören. Doch das machten die Jungs durch um so größeren Einsatz wieder Wett und die Stimmung war super. Vor allem Bassist Mikael beherzigte den Tipp, den mein Gitarrenlehrer mir dereinst gab: „Du musst deiner Gitarre weh tun.“ und bearbeitete sein Instrument mit ausladenden Gesten. Unter anderem gaben Ereb Altor „Twilight of the Gods“ von ihrem Bathory Tribute Album Blot-Ilt-Taut zum besten. Da sich vor mir zwei wahrlich mächtige Herren im Türsteherformat postiert hatten, zwischen denen ich mit einem „Du kommst hier net rein“ Gefühl hervorspähen musste, wechselten wir in der Umbaupause ganz nach vorne.

Pēteris, Gitarre und Gesang, Skyforger

Pēteris, Gitarre und Gesang, Skyforger

Nicht nur in den Songs der Bands traf man an diesem Abend auf Märchenwesen. Pünktlich zum nächsten Auftritt – Skyforger machten sich bereit – trat Pippi Langstrumpf auf den Plan und unterhielt uns vortrefflich, in dem sie wie ein Trommeläffchen auf Speed vor der Bühne agierte. Die Umbaupause wurde für Skyforger, die Roadies und Tonleute sehr hektisch. Die Technik wollte nicht so recht, es gab Tests und Diskussionen. Letztendlich konnte das Problem nicht behoben werden, so dass Sänger und Gitarrist Pēteris schließlich leicht genervt das Startzeichen für die musikalische Geschichtsstunde gab. Doch auch wenn Skyforger sich etwas schneller als sonst durch ihre Setlist und die lettische Geschichte spielten und am Ende noch einen oder zwei Songs wegfallen ließen, lieferten sie eine tolle Show. Pēteris legte einige tolle Gitarrensoli hin – es macht einfach immer wieder Spaß den Herren direkt auf die Finger schauen zu können. Und Bassist Zirgs ist auch immer wieder ein Erlebnis: er bangt, growlt, rollt die Augen und wirkt irgendwie immer komplett irre und in seiner Musik versunken. Herrlich. Skyforger traten übrigens nur zu dritt auf. Gitarrist Alvis fehlte und an den Drums gab es außerdem ein neues Gesicht. Dank der unfassbaren Hitze im Club, lief bei dem Drummer der Schweiß auch in Strömen und ich möchte an dieser Stelle meinen imaginären Hut vor allen Drummern des Abends ziehen. Das war wirklich Hochleistungssport bei Subsaharatemperaturen.

Månegarm, Weinheim, 06.04.16

Månegarm, Weinheim, 06.04.16

In der nächsten Umbaupause wurde schließlich der Star des Abends geboren. Im Hintergrund der Bühne hingen die Banner der Bands schön übereinander wie Vorhänge hinter den Bands herab, natürlich mit dem jeweiligen Namen drauf – soweit so klar. Als nun die Bühne für Månegarm vorbereitet wurde, wollte einer der Roadies das Banner von Skyforger mittels einer langen Stange abhängen, damit das von Månegarm dahinter zum Vorschein kommen konnte. Der arme Mensch stocherte eifrig und mit tomatenrotem Kopf vergeblich mehrere Minuten lang herum, behindert durch Månegarm Drummer Jacob Hallegren, der da noch sein Schlagzeug justierte. Als dieser seinen Hocker schließlich räumte, konnte der Herr mit seiner Stange drauf klettern und nach weiterem minutenlangem Gestochere löste sich das widerspenstige Stück Stoff endlich. Frenetischer Applaus und Jubelrufe – so werden Helden geboren. Mittlerweile gesellte sich Märchenwesen Nummer zwei zu uns. Pippi Langstrumpf war weg, Rapunzel hatte ihren Platz eingenommen und peitschte mich den ganzen Gig über mit ihrem Haar. Månegarm waren extrem gut drauf, witzelten und posten. Sänger und Bassist Erik Grawsiö verkündete stolz, dass er einen Bass mit gleich – und jetzt haltet euch fest – mit vier Saiten spiele. Auch der Tonmann wurde noch einmal lobend erwähnt: „Our sound guy. We love him.“ Woraufhin Gitarrist und Geiger Martin Björklund ein kokettes „not“ anfügte. Der Tonmann wehrte sich mit Wurfgeschossen, die wieder Drummer Jacob trafen. Abseits der guten Laune hatten die Herren aber natürlich auch jede Menge toller Songs im Gepäck. Sie eröffneten mit „Blodörn“. „Odin owns ye all“ und „Legions of the north“ durften auch nicht fehlen. Ganz besonders toll können Månegarm auch akustisch, wie sie mit „Segervisa“ und „Eld“ bewiesen. Dabei sollte sich laut Erik Grawsiö übrigens „romantical shit“ zwischen ihm und Martin Björklund abspielen. Herzerwärmend. Die Temperatur im Raum war inzwischen auf gefühlte 50 Grad gestiegen und als die Jungs dann noch „Hemfärd“ anstimmten, gab es wirklich gar kein Halten mehr. Der Schweiß floss in Strömen, die Haare flogen. Drummer Jacob Hallegran sah am Ende so aus als würde er gleich vom Hocker kippen. Immerhin bekam er zum letzten Song noch etwas Ventilatorluft ab. Mir hat es sehr viel Spaß gemacht. Hoffentlich kommen die Jungs bald mal wieder in meine Nähe – nur von fremden Haaren hab ich vorläufig echt genug! Nächste Woche macht die Thrash!Boom!Bang! Tournee dann in Ludwigsburg bei Amorphis halt.

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Das beste Konzert des Jahres – Amorphis in Memmingen

Amorphis, Kaminwerk Memmingen, 2015

Amorphis, Kaminwerk Memmingen, 2015

Kennt ihr dieses Gefühl: ihr schwebt auf Wolken, das Grinsen hat sich in eurem Gesicht festgesetzt und ihr fühlt euch irgendwie als ob ihr an einer Flasche Met geschnüffelt hättet? Seit dem 06.12. hält dieses Gefühl unvermindert an und es liegt ausnahmsweise weder am besten Ehemann von allen noch an den Unmengen süßem Zeug, die man um diese Jahreszeit so verdrückt. Es kann also nur noch einen Auslöser geben – genau Musik.

Running Death, Kaminwerk Memmingen, 2015

Running Death, Kaminwerk Memmingen, 2015

Genau genommen war an diesem Abend ein Amorphis Konzert im Memminger Kaminwerk und der Weg dahin sowie das Ignorieren des rebellischen Magens haben sich mehr als gelohnt. Wir kamen genau rechtzeitig zum Auftritt der Vorband Running Death im Kaminwerk an und positionierten uns vorläufig locker im Raum. Die Jungs aus Kaufbeuren boten Thrash Metal, der direkt in Nacken und Beine ging und gute Laune machte. Sänger und Gitarrist Simon Bihlmayer überzeugte nicht nur mit Stimme und Gitarrenkunst, sondern auch mit dem Talent seine Musik grimassentechnisch perfekt zu unterstützen. Zum Abschluss ihres Auftritts brachten die Jungs auch noch ein tabuisiertes Thema zur Sprache: Masturbation. Gut, dass des jetzt au g’schwätzt isch. Zumindest bei den „Motörhead Boyz“ vor uns löste das eine wahre Bangorgie aus. Da kann man schonmal den Haargummi aus dem Haar nehmen.

In der halbstündigen Pause vor dem Auftritt von Amorphis brachten wir lieber ein wenig Abstand zwischen uns und die nicht mehr ganz standfesten, in aller Heimlichkeit rauchenden „Motörhead Boyz“, versorgten uns mit Getränken und fanden uns in der zweiten Reihe wieder – die Domäne der Groupiegirls und -boys wie wir noch leidvoll erfahren sollten. Um 21.15 Uhr enterten Amorphis dann die Bühne und legten mit „Red cloud“ vom neuen Album los. Die Jungs waren blendend aufgelegt und es folgte „Sacrifice“, ebenfalls vom neuen Album.

Tomi Joutsen, Amorphis

Tomi Joutsen, Amorphis

Meine Highlights waren allerdings andere Songs. Bei „On rich and poor“ herrschte Tanzalarm, was mir ob der Tanzwut der Dame vor mir eine geplättete Nase und Plattfüße einbrachte. „Enemy at the gates“ gehört zu meinen absoluten Lieblingssongs vom neuen Album und ich war begeistert als Amorphis es anstimmten. Leider war das orientalisch anmutende Riff etwas leise, das war aber auch alles was ich bekritteln könnte. Generell muss ich den Sound und die Tonleute wirklich loben. Sie hatten alles perfekt im Griff. „The four wise ones“ folgte direkt auf „Enemy at the gates“. Was soll ich sagen: Ich habe Tomi Joutsens Stimme ja schon häufig in den höchsten Tönen gelobt. Wahrscheinlich seid ihr schon alle total genervt davon – aber ich kann einfach nicht anders. Gesanglich liefert Joutsen in diesem Song – auch live – eine Meisterleistung ab. Man hat das Gefühl es stehen drei Sänger auf der Bühne. Dieses fiese Gezischel einerseits und die tiefen Growls andererseits, die irgendwo aus den Tiefen der Eingeweide zu kommen scheinen – phänomenal. Was für eine körperliche Leistung da auch dahintersteckt, konnte man ab und an sehen, wenn Joutsen in längeren Gesangspausen die Körperspannung etwas lockerte und dabei leicht zitterte.

Esa Holopainen, Santeri Kallio, Amorphis

Esa Holopainen, Santeri Kallio, Amorphis

Die Groupiefraktion vor und neben uns versuchte derweil Selfies zu schießen, auf denen sowohl der eigene Kopf als auch Tomi *Herzchen* Joutsen zu sehen sein sollte. Also es waren so circa 30 bis 40 Versuche Die andere Groupiefraktion war damit beschäftigt Gitarrist Esa Holopanien durch dezent lautes Brüllen seines Namens nach jedem Song auf sich aufmerksam zu machen. Auch weit ausholende Tanzgesten und theatralische Griffe ans Herz gehörten zum Repertoire des Esa-schau-ich-bin-wegen-dir-da-Programms. Vor der Zugabe erbarmte sich der solchermaßen angeschmachtete und trennte sich von seinem Plektrum. Allerdings warf er es leider hinter die Gruppe, was ein lustiges auf dem Boden mit dem Handy Herumkriechen und leuchten nach sich zog. Die allgemeine Aufregung nutze Groupie number next um weiter Richtung Bühne vorzudrängeln – und als eine kleine Rangelei und Treterei entstand, vor der ich lieber flüchtete – fühlte ich mich vollends an alte Boygroupzeiten erinnert. Ähalso nicht dass ich mich da auskennen würde.

Niclas Etelävuori, Amorphis

Niclas Etelävuori, Amorphis

Zurück zum Wichtigsten an diesem Abend. Der geilen Musik. Ich hätte Esa Holopainen noch ewig beim Gitarre spielen zusehen und – hören können – er hat übrigens wieder eine besonders geile Gitarre dabei gehabt. Den Gedanken ebenfalls zu kreischen, in der Hoffnung er überlässt sie mir, habe ich aufgrund des Peinlichkeitsfaktors und der geringen Erfolgschancen schnell verworfen. Dann doch lieber sparen. Auch Keyboarder Santeri Kallio gefiel mir gut. Es ist cool zu sehen, wie er in die Musik förmlich eintaucht und so schnell auch nicht wieder auftaucht. Schlagzeuger Jan Rechberger leistete unterdessen schweißtreibende Schwerstarbeit am Schlagzeug und ließ sich auch durch Joutsens Fotografiererei nicht aus dem Takt bringen. Bassist Niclas Etelävuori sorgte unterdessen für Spaß beim Tonmann und Gitarrist Nummer zwei, Tomi Koivusaari, sorgte gegen Ende für Hektik beim Instrumentenbeauftragten, denn seine Gitarre hatte Blessuren davongetragen und musste ausgewechselt werden. Joutsen plauderte außerdem locker flockig aus, dass Esa während die Band am Mittag die Memminger Cafés ausprobierte, ein Schläfchen hielt.  Tja, was ist nur aus dem guten alten Rock’n‘ Roll geworden?

Als Amorphis auch noch „Silent Waters“ spielten – juhuuuuu – war ich höchst entzückt. Ganz anderer Song vom Charakter her, eine neue Facette von Joutsens Stimme. Sanft wie ein flauschiges Taschentuch umschmeichelte sie unsere Ohren. Es folgte das flotte „My Kantele“ und bei „House of sleep“, dem Abschlusssong vor der Zugabe, war Gänsehaut pur angesagt. Selbst Joutsen war einigermaßen sprachlos bei der schönen Gesangseinlage des Publikums. Die Zugabe eröffneten Amorphis mit „Death of a king“ – live noch besser als auf CD und ein absoluter Ausrastgarant. Zum endgültigen Abschluss folgten dann noch „Silver bride“ und „The smoke“. Man konnte nicht glauben, dass fast 2 Stunden vergangen waren. Für mich war es das beste Konzert, das ich je gesehen habe.

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