Gelungener klassischer Doom: Destination Void von Wolf Counsel

Doom Metal
Veröffentlicht: 22.02.2019
Endless Winter
https://www.wolfcounsel.net/


DESTINATION-HI-RESDas neue Jahr steht bisher sehr stark im Zeichen des Doom. „Im Zeichen des Doom“ – das wäre ein schöner Titel für – für irgendwas eben. Ich sichere mir auf jeden Fall die Rechte. Eigentlich geht es aber um das neue und vierte Album der Schweizer Doom Metaller Wolf Counsel. „Destination Void“ entstand in nur vier Monaten und umfasst sieben Songs. Ich muss ehrlich gestehen, dass meine Kenntnisse des Schweizer Metal etliche verheerend peinliche Lücken aufweisen. Da fange ich doch heute glatt damit an, diese zu stopfen.

Der Opener „Nazarene“ bietet uns einprägsames Riffing und einen bildschönen cleanen Gitarrenpart, der für schauerliche Gänsehaut sorgt. Glockenklang am Schluss rundet das Ganze ab. Glockenklang ist das Stichwort. Ein wichtiges, ja unverzichtbares Stilmittel des Doom, das auch auf „Destination Void“ gern eingesetzt wird und zur schaurig ungemütlichen Atmosphäre beiträgt. So läuten die Glocken denn auch „Nova“ ein, das mich sehr an Candlemass erinnert. Schwer und zäh – also positiv zäh – wälzt sich der Song dahin. „Tomorrow Never Knows“, übrigens ein Malapropismus des Beatle Ringo Starr, ist ein kraftvoller Song, der mit schönen Bassmelodien brilliert und schon fast ein wenig Southern Rock Feeling aufkommen lässt. „Staring Into Oblivion“ hingegen überzeugt mit mystischem Beginn und schwerem Riffing im Stile von Black Sabbath. Mein persönlicher Höhepunkt des Albums ist allerdings „Destination Void“. Orgelklänge leiten den Song dramatisch ein. Gitarren tasten sich langsam, langsam vorwärts, lauern. Aufreizend langsame Bendings. „Destination Void“ ist ein Song, bei dem ein ungeduldiger Mensch wie ich beinahe durchdreht und das liebe ich. Es ist wie eine Erlösung, wenn es dann losgeht. Klar, ohne in übertriebene Hast auszubrechen. Der Song lebt von diesen Tempowechseln, die immer wieder absolute Spannung aufbauen. Ein tolles Gitarrensolo gibt’s auch noch obendrauf – ach, ich bin glücklich.

Wolf Counsel überzeugen mit ihrem vierten Album ausnahmslos. Variables, eingängiges Riffing, hypnotischer Gesang, der aber niemals ermüdet oder nervt, ansprechende Bassparts und rhythmisch tragende Passagen. Dazu der ein oder andere Tempowechsel und eine herrlich unheilvolle Grundstimmung. Hier und da fühlt man sich an Candlemass und Black Sabbath erinnert, aber die Musik bleibt immer eigenständig. Sehr gelungener, klassischer Doom. Und wisst ihr was? Ich habe das hier geschrieben, ohne einen dummen Flachwitz über Doom Metal und die Schweiz zu bringen. Ups…

Bis das neue Album erscheint, könnt ihr hier einstweilen ins Vorgängeralbum „Age Of Madness / Reign Of Chaos“ reinhören.


Tracks:
1. Nazarene
2. Nova
3. Mother of All Plagues
4. Men of Iron Men of Smoke
5. Destination Void
6. Tomorrow Never Knows
7. Staring into Oblivion

Band:
Ralf W. Garcia (Gesang, Bass)
Reto Crola (Schlagzeug)
Andreas Reinhart (Gitarre)
Ralph Huber (Gitarre)

Düster, verzweifelt, verträumt, wütend. Estuary von Mirror of Deception

Doom Metal
Veröffentlicht: 09.11.2018
Eigenproduktion
http://www.mirrorofdeception.de


the estuary cover

Wer nach den ganzen Weihnachts- und Neujahrsfeierlichkeiten momentan noch etwas lahm ist und wem deshalb jetzt noch nicht gleich wieder nach Speed Metal zumute ist, wer den Organismus sacht aus dem Feiertagskoma holen möchte, für den ist Doom Metal doch genau das Richtige. Und wie es der Zufall so will, habe ich da genau das Richtige auf Lager. Nach acht Jahren und einem kleinen Umbau in der Band 2015, veröffentlichten die deutschen Doom Metaller Mirror of Deception im November ihr neues Album „Estuary“, das acht Songs enthält.

Mit „Orphans“, „Divine“ und „Immortal“ finden sich auf Esturay gleich mehrere eingängige Songs, die sich schnell im Ohr festsetzen. „Orphans“ wartet mit verzweifeltem, zornigem Gesang auf, der uns mit jeder Menge Nachdruck entgegengeschleudert wird. Ergänzt wird das Ganze durch ein eingängiges Gitarrenriff. Ansprechend und melodisch mitreißend. „Divine“ ist melodisch wunderbar ausgefeilt und überzeugt mit melancholischen Gitarren und Gänsehautgesang. „Immortal“ macht gleich weiter damit und geht in die tiefsten Tiefen. Die Gitarre sitzt wie ein Stachel im Gehörgang und stichelt beständig. Der Song entwickelt sich schließlich immer mehr zu einem Epic Doom Kracher. Ein würdiger Abschluss des Albums.

Mit „To Drown a King“ findet sich auch eine echte, herrliche Doom Walze auf „Estuary“. Schwer schleppt sich der Song dahin. Drückend und bedrückend. Herrlich. Langsam pendelt der Kopf dahin und kommt ganz sacht in Schwung. „At my Shore“ hat mir besonders gut gefallen. Ab der Hälfte wird der Text nicht gesungen, sondern gesprochen. Geflüsterte Worte atmosphärisch untermalt. Langsam driften die Worte über in sanften Gesang. Man fühlt sich wie von Wellen als Treibgut an den Strand gespült. Der Song pendelt irgendwo zwischen sehnsuchtsvoll und vergessen, ankommen und nicht ankommen wollen. Das verzweifelte „To Dust“ gefällt mir ebenfalls sehr gut. Der Song lebt unter anderem von gequälten, verzweifelten Rufen im Wechsel mit dem Gesang. Der Break mit gesprochenen Worten, untermalt vom Bass, erzeugt ebenfalls wohligen Schauer.

Auf „Esturay“ findet ihr jede Menge absolut hörenswerten, düsteren Doom. Düster und noch viel mehr: wunderbar melancholische Melodien, Wut, Verzweiflung, Verträumtheit, Sehnsucht. Alles dabei, was ein gutes Doom Album braucht. Reinhören könnt ihr unter: https://mirrorofdeception-doom.bandcamp.com


Tracks:
1. Splinters
2. Orphans
3. At My Shore
4. Magnets
5. To Drown A King
6. To Dust
7. Divine
8. Immortal

Band:
Michael (Gesang, Gitarre)
Jochen (Gitarre)
Hans (Bass, Gesang)
Rainer (Schlagzeug)

Never forget your roots. Interview mit Guiseppe Caruso von Mind Enemies.

Seit dem 13.12. ist die neue EP „Remember“ von Mind Enemies auf dem Markt (hier geht es zum Review). Giuseppe Caruso, der Mann hinter Mind Enemies, war so nett, mir zu diesem freudigen Anlass ein kleines E-Mail Interview zu geben. Lest hier, wie das Album entstand, worum es in den Songs geht, und welche Bedeutung es für Caruso hat.

IMG-20181025-WA0028T!B!B!: When did you start the writing and recording process for the EP „Remember“? How long did it take and what was it like for you?

Giuseppe Caruso: It took me just a week to record these songs, after working on them a couple of months before. I wanted everything to be perfect. In 2011 I experienced recording in a real studio for the first time. Mind Enemies was born not so long ago and I didn’t believe in myself that much. Having made this, I felt it was time to begin working seriously on my project and I soon realized that was what I really wanted to do.

T!B!B!: Which role does this EP play for you and for Mind Enemies? What does it mean to you personally?

Giuseppe Caruso: These are my real first musical experiments, which represent a significant phase of my life and Mind Enemies. „The Covenant“ was one of the first songs ever written, it’s about my childhood. It means a lot to me. 

T!B!B!: After the Heavy Metal album „Revenge“ why did you turn back to the Alternative Rock roots of Mind Enemies? 

Giuseppe Caruso: I wanted to revalue all the work I did in the past, all the songs recorded which made me feel not much satisfied. Sadly I had to put them away for some time and I have to admit that it was hard listening to them without thinking of all the bad things I’ve been through. Now the sound of my music is getting close to heavy metal, but never forget your roots! Everything is important when it comes to your growth path. 

IMG-20181214-WA0042T!B!B!: The songs sound really „heavy“ or gloomy in their basic mood. What are they about?

Giuseppe Caruso: Every song has a long story behind. The main issue is pain and hatred in the society. “Illusions” is about self-deception. I wanted to talk about empty lies and media manipulation. „The Covenant“ are the last words of a man sentenced to death by the Inquisition in the 15th century, just because of looking for the truth, a man whose only “sin” was being different.

T!B!B!: Thank you very much for the interview.

Und das Ganze nochmal auf Deutsch:

T!B!B!: Wann hast du damit angefangen, die Songs für die EP „Remember“ zu schreiben und aufzunehmen? Wie lange hast du dafür gebraucht und wie war der Prozess für dich?

Giuseppe Caruso: Nachdem ich einige Monate an den Songs gearbeitet hatte, benötigte ich nur eine Woche, um sie aufzunehmen. Ich wollte, dass alles perfekt wird. 2011 war das erste Mal, dass ich etwas in einem richtigen Studio aufnahm. Mind Enemies existierten noch nicht lange und ich glaubte nicht so richtig an mich selbst. Durch die Aufnahmen fing ich an, ernsthaft an meiner Musik zu arbeiten und mir wurde klar, dass es das ist, was ich wirklich machen will.

T!B!B!: Welche Rolle spielt die EP für dich und für Mind Enemies? Was bedeutet sie für dich persönlich?

Giuseppe Caruso: Es sind meine ersten musikalischen Schritte. Sie markieren eine bedeutende Phase in meinem Leben und für Mind Enemies. „The Covenant“ ist einer meiner ersten Songs überhaupt. Es geht darin um meine Kindheit und er bedeutet mir sehr viel.

T!B!B!: Warum bringst du nach dem Heavy Metal Album „Revenge“ nun die EP mit den Alternative Rock Wurzeln von Mind Enemies heraus?

Giuseppe Caruso: Ich wollte all die Songs, die ich früher geschrieben und aufgenommen hatte, und mit denen ich nicht sehr zufrieden war, neu bewerten. Leider musste ich sie eine ganze Weile beiseitelegen. Zugegebenermaßen war es schwer sie dann wieder anzuhören, ohne an die ganzen schlechten Dinge zu denken, die damit verbunden sind. Meine aktuelle Musik bewegt sich im Bereich des Heavy Metal – aber vergiss nie deine Wurzeln! Alles ist wichtig, was deinen zurückgelegten Weg beschreibt.

T!B!B!: Die Songs sind von ihrer Grundstimmung her sehr schwer und düster. Worum geht es darin?

Giuseppe Caruso: Hinter jedem Song steckt eine lange Geschichte, doch die Hauptthemen sind Schmerz und Hass in der Gesellschaft. „Illusions“ handelt von Selbsttäuschung. Mir ging es um leere Behauptungen und Manipulation durch die Medien. In „The Covenant“ geht es um die letzten Worte eines Mannes, der im 15. Jahrhundert von der Inquisition zum Tode verurteilt wurde, nur weil er die Wahrheit aussprach. Sein einziger Fehler war es anders zu sein.

T!B!B!: Vielen Dank für das Interview.

Metallisierter Alternative Rock: „Remember“ von Mind Enemies

Alternative Rock/Metal
Veröffentlicht: 13.12.2018
https://de-de.facebook.com/mindenemies1/


rememberDen ersten Song der neuen EP „Remember“ von Mind Enemies hatte ich euch unlängst ja bereits vorgestellt. Nun ist auch der Rest der EP auf dem Markt – natürlich riskiere ich da gleich mal ein Öhrchen. Tja leider war das Ganze mit Hindernissen verbunden. Genau genommen haben mein Mann und ich uns gegenseitig torpediert, indem wir uns unwissentlich auf verschiedenen Geräten immer wieder die Songs abgebrochen haben. Glücklicherweise habe ich gewonnen – er gab auf, das Programm war schuld und ich kann euch deshalb jetzt meine Eindrücke schildern. „Remember“ enthält fünf Songs aus den eher rockigen Anfangszeiten von Mind Enemies. Entstanden sind sie schon 2010/11. Mit der EP blickt Giuseppe Caruso zurück auf seine Wurzeln.

Der erste Song, „Remember“, gibt die Marschrichtung für die EP schon gut vor. Düster, melancholisch, grungig. Das zum Heulen schöne Intro hatte ich ja ebenfalls bereits erwähnt. Im Vergleich zum letzten Album „Revenge“ wird deutlich, dass sich die Musik von Mind Enemies vom Alternative Rock mit Metaleinflüssen zum Heavy Metal hinentwickelt hat. Der zweite Song „The Covenant“, einer der ersten, die Caruso geschrieben hat, lässt erst einmal die Härchen am Arm vibrieren. Gemächlich stapft der Song los und bringt uns Bass. Schöner Cleanpart. Gegen Ende legt er an Tempo zu und geht dann ganz gut ab. Eine Reise von Rock nach Metal wenn man so will. „Illusions“ ist ein sehr melancholischer, fast schon zarter Song, der ebenfalls gegen Ende aber ebenfalls ordentlich Kraft entwickelt. Fingerakrobatik an der E-Gitarre ist hier das Stichwort. Von Stil und Anlage ist Song Nummer vier „Nirvana (Come Here)“ ähnlich. Rockig, grungig mit einem Hauch von Metal und mit dem Spiel zwischen gemächlichem und angezogenerem Tempo. Mit am besten gefällt mir der letzte Song „Die to Begin to Live“. Er kommt unheimlich kraftvoll daher mit einer wunderbaren Progressive Rock/Metal Note, die mir unheimlich gut gefällt und die ein bisschen orientalisches Flair aufblitzen lässt bevor der Song wieder handfest weiter rockt. Sehr gelungen.

Wir fassen zusammen: Der Mann hinter Mind Enemies, Giuseppe Caruso, hat mit „Remember“ etwas Hörenswertes geschaffen. Die EP bewegt sich im Bereich des Alternative Rock mit einer düster, grungigen Note, bisweilen melancholischem Flair, einem Schuss Progressive Rock und Metal und das ganze gewürzt mit wunderbaren cleanen Gitarrenparts, rasanten Soli, kurzweiligen Rhythmuswechseln und überzogen mit einem Hauch von Metal. Gelungene Reise in die Vergangenheit der Band. Falls ihr nun neugierig auf die Hintergründe zu „Remember“ seid, könnt ihr euch schon auf mein Interview mit Giuseppe Caruso freuen. Bald. Hier.

Update, 16.12.: Wie versprochen gibt es hier nun das Interview.

https://www.youtube.com/channel/UCEHaVrO0mMVP9qO1Cf5piug

https://www.youtube.com/channel/UCicilRP7CeVarQbm3b4Woow


Tracks:
1. Remember
2. The Covenant
3. Illusions
4. Nirvana (Come Here)
5. Die to Begin to Live

Band:
Giuseppe Caruso

Düster, aggressiv und heavy – Sorgir von Skálmöld

Pagan Metal/Folk Metal/Melodic Death Metal
Veröffentlicht: 12.10.2018
Napalm Records
https://skalmold.is/


Ja! „Sorgir“ von Skálmöld ist da. Es ist das fünfte Album der Isländer und es kommt wirklich genau zur richtigen Zeit, denn es soll düster, aggressiv und heavy sein und das brauche ich grad dringend. Neulich im Gitarrenunterricht: „Du spielst da grad den fröhlichen Akkord, gell, da klingt das nicht mehr so richtig düster.“ Bah, jetzt schleichen sich schon ungewollt fröhliche Akkorde ein – und alles, was ich mir denke ist: „Klingt irgendwie komisch?!“. Nee, nee, nee, ich muss mir dringend eine ordentliche Packung Dreck, Düsternis und Evilheit verpassen, nicht dass diese schleichende Helenisierung (und das hat nichts mit Griechen und nur was mir Schlager zu tun) noch fortschreitet.

Sorgir“ bedeutet „Sorge“ und deutet schon an, wohin die musikalische Reise geht. Aber die Isländer spielen nicht einfach planlos drauf los, sondern es steckt noch mehr dahinter. Das Album teilt sich quasi in zwei Teile: „Sagnir“ und „Svipir“. Es gibt jeweils vier „Sagnir“ (Geschichten) und vier „Svipir“ (Geister) Songs und wiederum jeweils zwei – einer aus jedem Teil – bilden ein Paar, das ein und dieselbe Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Einmal aus der Sicht der Person, der das Ganze widerfährt, und einmal aus der Sicht eines anderen Wesens. So, genug der Theorie… Lobend und voller Begeisterung muss ich auch noch das wunderschöne und liebevoll gestaltete Artwork von Kristján Lyngmo erwähnen. Sehr hochwertig und sehenswert!

Der Opener „Ljósið“ (Licht) löst dann auch sofort das gegebene Versprechen ein und haut uns ein schnelles, hartes Riff um die Ohren. Dazu gesellen sich Sänger Björgvins charakteristische, rhythmische Sprechgrowls, Baldurs Schreie und der glasklare, wunderschöne Chorgesang. „Sverðið“ (Schwert) macht mit gemächlicher Schunkelmelodie weiter. Was allerdings an dem Song so richtig Spaß macht, sind die Doppelleads und die vielschichtigen Gitarren, die sich immer wieder ineinander verweben. Fröhliche Folkmelodien sucht man allerdings auf „Sorgir“ tatsächlich vergeblich. Auch „Sverðið“ hat trotz Schunkelmelodie eine eher unheilvolle Stimmung. Mit „Brúnin“ wird es wieder zackiger und Gitarrist Þráinn Árni Baldvinsson haut sein erstes atemberaubendes Hochgeschwindigkeitssolo raus, während Drummer Jón uns mit seinen Doublebasses traktiert. „Barnið“ gefällt mir, weil der Song sehr von den Drums und vom Rhythmus dominiert wird. Er ist schwer, schleppend, drückend, die Gitarren schweben unheilvoll im Hintergrund und dann Bäm! Solo! „Skotta“ ist eine Wundertüte voll Unheil, Gänsehaut und ungutem Gefühl. Tempotechnisch pendelt der Song zwischen stampfenden Passagen und affenartigem Tempo mit Drum- und Gitarrensalven und rasendem Tapping. Gegen Ende taucht das Hochgeschwindigkeitstapping nochmal im Hintergrund auf. Im Vordergrund Cleangesang. Durch die verschiedenen Geschwindigkeiten ergibt sich ein eigentümlich verschobenes Gefühl. Herzklopfen pur.

Die beiden Highlights auf einem Album voller Highlights sind „Móri“ und „Mara“. Heidewitzka – echt. „Móri“ baut langsam und bedächtig durch dumpfe Trommel und anschwellende Gitarren eine unheilvolle Spannung auf. Gastsängerin Ragnheiður Steindorsdottir schafft dann durch ihren Gesang, unterlegt von einer Oboenmelodie, einen schon fast heilig wirkenden Moment, der etwas Tragisches in sich birgt. Und dann hauen die Gitarren und Björgvins Growls gewalttätig mitten rein. Der Hammer. Das Ganze ist so bombastisch, dass man sich fragt „Was soll da jetzt noch kommen?“ Wie „Móri“ besticht auch „Mara“ durch eine gut durchdachte und ausgeklügelte Komposition. „Mara“ ist Härte und Brutalität gegen Weichheit und Traurigkeit. Der von einem Break eingeleitete cleane Gitarrenteil ist dermaßen zum Heulen schön. Doch auch hier lauert schon wieder die Tempokeule und Gitarrist Þráinn Árni Baldvinsson haut nochmal alles raus, was die Finger, Saiten, das Plektrum und die Gitarre nur hergeben und fabrizieren können. Mir fallen einfach keine Superlative mehr ein, deshalb lasse ich es und bleibe mit meiner Gänsehaut hier sitzen.

Sorgir“ ist düster, aggressiv und heavy. Folkig ist das Album auch, aber durch die Blume und nicht mit der Axt. Skálmöld packen jede Menge haarsträub-Akkorde aus und arbeiten mit meisterhaften Tempowechseln und Überraschungseffekten, die eine unheilvolle Gruselatmosphäre schaffen. Typisch für die Isländer ist die riesige Bandbreite beim Gesang: rhythmische Growls, Screams, Cleangesang oder einfach Geschrei – es ist alles vorhanden. Baldur und Björgvin im Wechsel und Zwiegebrüll sind einmalig gut. Stimmige und harmonische Doppelleads und drei Gitarren, die sich vielschichtig ergänzen plus Hochgeschwindigkeitssoli und Ohrenbluttapping, die einem die Schlappen ausziehen, runden das Ganze perfekt ab. Kompositorisch sind die Songs der Isländer ausgeklügelt, kurzweilig und überraschend und im Fall von „Móri“ und „Mara“ mit einem irren Spannungsbogen versehen. Skálmöld erzählen mit ihrer Musik Geschichten und auch wenn der Text natürlich eine wichtige Rolle spielt, benötigt man ihn oft gar nicht, um die Geschichte nachzuempfinden und zu verstehen. Sie sind kalt, hart, abweisend, anrührend, gänsehautverursachend und zum Heulen schön.

YouTube Channel von Napalm Records https://www.youtube.com/user/napalmrecords


Tracks:
1. Ljósið
2. Sverðið
3. Brúnin
4. Barnið
5. Skotta
6. Gangári
7. Móri
8. Mara

Band:
Snæbjörn Ragnarsson – Bass, Gesang
Jón Geir Jóhannsson – Drums, Gesang
Baldur Ragnarsson- Gitarre, Gesang
Gunnar Ben – Keyboards, Oboe, Gesang
Þráinn Árni Baldvinsson- Gitarre, Gesang
Björgvin Sigurðsson- Gesang, Gitarre

Die Welt – ein Tor zu tausend Wüsten stumm und kalt! – Null & Void von 〇

Doom Metal, Black Metal
Veröffentlicht: 11.8.2014 (MC, Digital), 20.5.2015 (CD)
Vánagandr (MC), Pest Productions (CD)
https://0000000.bandcamp.com/


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Null & Void von 〇

Wenn sich eine Band 0 nennt und ihr erstes und bislang auch einziges Werk Null & Void (zu Deutsch soviel wie nichtig) nennt, das Cover mit grau-schwarzen Felsen, was erwartet einen da wohl? Richtig, melancholischer Black Metal. Aber nicht dieses in letzter Zeit sehr modische Teenie-Gedudel. Nein, ernster. Dazu später mehr. Aufmerksam geworden bin ich auf die Isländer wie folgt: Ich habe mich etwas über die Black-Metal-Szene auf der Insel tief im Atlantik belesen und bin dabei neben der Erkenntnis, dass alle Black-Metal-Bands Islands aus insgesamt nur maximal zehn verschiedenen Mitgliedern bestehen (insgesamt, nicht je Band!), über 0 gestolpert. Da ich als Funeral-Doom-Begeisterter immer für lange Lieder zu haben bin, war ich noch ohne den ersten Ton gehört zu haben angetan von Null & Void: gut 34 Minuten, ein Lied? Was soll da noch schiefgehen?

Nichts. Von Anfang bis Ende schleppt einen Null & Void durch eine steinerne Wüste voll Einsamkeit. Schmerz grüßt hinter diesem Felsen, Leid hinter jenem und die Trostlosigkeit dräut stets am Horizont. Meisterhaft komponiert, meist im mittleren Tempo, Themen immer mal wieder aufgreifend, kann man tief wie der Marianengraben im Klangteppich versinken. Anrührende Melodien, die hier mit voller Wucht in den Kopf drängen, schweben dort zerbrechlich und klirrend über allem und verstärken den beschriebenen Eindruck oft bis an den Rand des Erträglichen – vor allem in fast schon bis zur Ekstase crescendierenden Momenten (wie etwa ab Minute 30). Der Gesang tut sein übriges dazu, wechselt er doch passend zur Musik von zunächst elegischem Singsang zu verzweifeltem Kreischen. Nicht ganz umsonst habe ich als Überschrift eine Zeile aus Nietzsches Gedicht „Vereinsamt“ (er nannte es auch „Abschied“, „Heimweh“ und hatte noch viel mehr Titel) gewählt. Denn an dieses Gedicht musste ich gleich denken, als ich Null & Void gehört habe. Gedicht und Lied passen wunderbar zusammen und drücken die gleiche trostlose Stimmung aus. Schade, dass der Text nirgends zu finden ist.

In erstmal fast schon eigenartig anmutendem Kontrast zur traurigen Stimmung steht die wohlige Wärme, die sich durch Null & Void zieht und wofür vor allem der dumpfe Bass, aber auch die mich irgendwie an die Siebziger erinnernde Produktion verantwortlich ist. Auch wenn es gerade in der etwas schnelleren Passage nach etwa einer Viertelstunde durchblitzt: Klirrend kalt wie sonst im Genre üblich wird es hier so gar nicht. Und das passt einfach perfekt. Ob das so richtig Black Metal ist? Ehrlich gesagt: Völlig egal. Hier fügt sich alles zusammen. Ich wüsste nicht einen Punkt, wo ich zu negativer Kritik überhaupt nur ansetzen sollte. Deshalb: Ein Meisterwerk im Bereich melancholischer Musik.


Lieder:

1. Null & Void

Band:
D.G. – Gitarre
TMS – Schlagzeug
S.S. – Gesang
Ö.S. – Gitarre
H.K.F. – Bass

Herrlich schnell, herrlich irre – Ooka von Profane Omen

Groove Metal
Veröffentlicht: 07.09.2018
Playground Music
http://www.profaneomen.net/


OokaNiemals werde ich diesen Moment vergessen. Wir schreiben das Jahr 2014. Finntroll befinden sich auf ihrer Nattfödd Jubiläumstour und machen auch in Schwäbisch Hall Halt. Mit im Gepäck – als Vorband – Profane Omen. Ich werde niemals diesen Moment vergessen, in dem die Finnen auf die Bühne stürmten wie Irrwische auf Speed. Sänger Jules Näveri brüllte los wie ein wütender Troll und machte dazu den passenden Gesichtsausdruck und man hatte den Eindruck, dass es einem gleich die Perücke vom Kopf weht. In diesem Moment war es um mich geschehen.

Nun präsentieren Profane Omen ihr neustes Werk namens „Ooka“. Das Album gehört mit neun Songs eher zu den kürzeren. Die Zeit verfliegt beim Hören unheimlich schnell – was ja schon einmal ein gutes Zeichen ist. Es gibt durchaus auch kurze Alben, die wirken wie eine halbe Ewigkeit und länger… aber das ist ein anderes Thema. Das Album Cover ziert ein japanisches Kamikaze Flugzeug. Jawoll. Das passt zu „Ooka“ und das passt irgendwie zu den finnischen Groove Metallern mit der Kraft der zwei Bässe. Und wie ein Kamikazeflieger stürzen wir uns jetzt auch voller Todesverachtung mitten ins neue Album. Naja – keine Sorge – so schlimm wird es nicht.

Die ersten drei Songs bieten uns das, was wir von einem Profane Omen Song erwarten: voll in die Fresse und einen kräftigen Arschtritt hinterher. Vor allem „One Man Show“ überzeugt dabei mit mördermäßigen Breakdowns, Gesang, der teilweise herrlich manisch rüberkommt und einem ausgezeichneten Gitarrensolo. Samuli Mikkonens Arbeit an den Drums ist sowohl in diesem Song, sowie auch auf dem ganzen Album sehr überzeugend, variantenreich und hält immer wieder kleine Überraschungen parat.

So weit so gut. Aber da geht doch noch mehr, oder? Ja klar. „Terminal Disfunction“ führt uns vor Augen, was geschieht, wenn man zu viele bunte Pillchen einwirft. Näveris Stimme transportiert zu Beginn eine völlig abgedrehte, irre Stimmung, dass man selbst schon beginnt sich selbst über die Schulter zu spähen. Hat sich da nicht etwas bewegt? Und die vielen bösen Stimmen… Dann geben die Jungs Gas und der Song geht richtig, richtig gut ab, ohne seine ungute Grundstimmung einzubüßen. Auch „War Boy“ überzeugt vom ersten bis zum letzten Ton und war schon Song des Monats 06/18. Starker Text, starker Refrain und Tempowechsel, die Spaß machen. Definitiv ein herausragender Song auf dem Album. Als ich „Aftersound“ zum ersten Mal gehört habe, war mein erster Gedanke „Wie krank.“ Also gut krank natürlich. Der Song eröffnet mit einem Schrei aus tiefster Seele. Da ist eigentlich schon alles klar. Dazu gibt es einen Mix aus Cleangesang, Geschrei und tiefen Growls. Zwischendurch kommt ein bisschen Death Metal Feeling auf und das Ganze mündet in ein nackenbrecherisches Doublebass-Blast-Schredder-Dingsbumsinferno. Ein herrlich herzerfrischendes, irres Stück Musik. „The Wave“ hebt sich ebenso wie „War Boy“ vom restlichen Album ab. Das Tempo wird radikal zurückgenommen – nach „Aftersound“ muss man auch dringend ein wenig durchatmen. Der Beginn von „The Wave“ wirkt positiv melancholisch und entspannt. Näveris Stimme rollt tief und ruhig über uns hinweg begleitet von cleanem Gitarrensound und zurückgenommenen Drums. Nach einem Break entwickelt sich der Song kraftvoll und stampfend, Samuli zeigt, was er abseits des Üblichen drauf hat und das Ganze endet mit einer kleinen gepfiffenen Melodie.

„Ooka“ bietet auf jeden Fall das, was man von einem Profane Omen Album erwartet: volle Kanne auf die Fresse. Da bin ich schon voll zufrieden. Mörder Breakdowns, hereinbrechende Tempowechsel, Blastbeats und Doublebassparts und hals-, beziehungsweise fingerbrecherische Gitarrensoli dürfen natürlich keinesfalls fehlen – und auch da liefern die Groove Metaller voll ab. Doch sie gehen noch darüber hinaus. Samuli überrascht immer wieder mit kleinen Raffinessen und Jules‘ Stimme wird mit den Jahren offenbar immer wandelbarer. Herrlich, wie er Stimmungen in einem Song transportiert. Gut. Es gibt auch so ein bis zwei kleine Schwächen. Die ersten drei Songs sind alle nach einem ähnlichen Muster gestrickt – und der letzte Song „The Tide“ ist mir irgendwie zu poppig und zu hm…einfach zu hm… Aber trotzdem ist das Album absolut hörenswert. Also: legt euch das Album und ne Halskrause zu, denn die werdet ihr nach dem Hören mit Sicherheit brauchen.

Youtube Channel von Profane Omen: https://www.youtube.com/channel/UCtvbwm1K1Gyz05QQPNqJdKQ


Tracks:
1. They Came For Us
2. Make It Count
3. One Man Show
4. Terminal Dysfunction
5. War Boy
6. White Noise
7. Aftersound
8. The Wave
9. The Tide

Band:
Jules Näveri (Gesang)
Williami Kurki (Gitarre)
Antti Kokkonen (Gitarre)
Tomppa Saarenketo(Bass)
Antti Seroff (Bass)
Samuli Mikkonen (Drums)

Perfekte Symbiose aus Doom und Heavy Metal – Desolation von Khemmis

Epic Doom/Heavy Metal/NWoBH
Veröffentlicht: 22.06.2018
Nuclear Blast Records
http://khemmisdoom.com/


Ich hatte ja die grandiose Idee, das Sommerloch mit ein paar wertvollen und wirklich verblüffenden Life Hacks zu füllen. Und davon hätte ich ein paar wirklich gute auf Lager gehabt: 1. Wenn du ein Bild aufhängst und den Betonstaub mit dem Staubsauger einsaugen willst, hilft es, wenn du nicht nur das Rohr hinhältst, du musst auch noch einschalten, sonst rieselt das ganze Zeug doch glatt trotzdem auf den Boden. 2. Halte dich im Urlaub von Menschen fern. Besonders von Bauarbeitern, die ein Zimmer neben dir haben und um 5 Uhr aufstehen. Ich könnte jetzt noch ewig so weitermachen, aber zum Glück habe ich etwas Besseres gefunden, über das ich schreiben kann: das neue Album von Khemmis.

Die Herren aus Colorado galten bisher immer noch als Geheimtipp, sind aber mit ihrem neuen Album „Desolation“ auf dem besten Wege das zu ändern. Mit ihrem Mix aus Doom Metal und klassischem Heavy Metal mit einem kräftigen Schuss NWoBH lassen sich Khemmis nur schwer in irgendeine unserer so geliebten und wohlgeordneten Schubladen stecken – und das ist genau das, was mir an ihrer Musik so richtig gut gefällt. „Desolation“ bietet uns sechs facettenreiche Songs. Der Opener „Bloodletting“ gibt die Marschrichtung gleich gut vor. Schwere, doomige Gitarrenriffs, die eine zwielichtige Grundstimmung schaffen, klassische Heavy Metal Melodie, die das Ganze auflockert und nicht zu düster werden lässt. Natürlich darf das passende NWoBH Solo nicht fehlen. Die Krone setzt dem Ganzen Phil Pendergasts wunderbare Stimme auf, die mal klar und hell über allem thront, mal fies zischt und faucht. Auch die anderen fünf Songs bewegen sich in diesem Rahmen. „Seer“ beginnt herrlich schwer und drückend, überzeugt durch Pendergasts glasklare Cleanstimme gepaart mit bösartigem Gefauche, das eine schwarzmetallische Note hinzufügt, und träumerischer Melodie. Die größten Kracher auf dem Album sind für mich allerdings „Maw of Time“ und „From Ruin“. „Maw of Time“ ist stimmlich dermaßen intensiv, dass es echt an die Nieren geht. Von Cleangesang über tiefe Growls bis hin zu Blackmetalgekeife wird alles geboten. Das Tempo ist gemächlich – und wird dann nach fünf von sieben Minuten noch gemächlicher. Schwere Gitarren, Wummerbass gepaart mit Gekeife und Grummelgrowls. Woooooh. Schließlich jaulende Gitarren. Herzklopfen. Gänsehaut. Ehrlich mal. Auch „From Ruin“ geht gemächlich los, legt aber zur Mitte hin kurzfristig eine Schippe drauf. Die Finger flitzen übers Griffbrett und versetzten den Hörer in wahre Verzückung. Ja, sie flitzen immer noch getragen, aber sie flitzen. Heavy Metal mit wunderbarer Dramatik, Melodie, Pathos und Herzschmerz entfaltet sich in unseren Ohren, ohne kitschig, klischeehaft oder abgedroschen daherzukommen. Eine ruhige cleane Passage haben die Jungs auch noch eingeschoben. Zum Heulen schön. Der Text passt in seiner mitreißenden Verzweiflung meisterlich zur Musik. „From Ruin“ bietet für mich die perfekte Symbiose aus Doom und Heavy Metal.

Ich kann nur sagen: ran an das Album! Khemmis spielen eine wahnsinnig geile Kombi aus Doom und klassischem Metal. Ihre Musik ist offen, modern und qualitativ hochwertig und passt nicht wirklich in eine Schublade – oder eben in sehr viele Schubladen. Das mag den einen oder anderen irritieren. Ich finde es sehr erfrischend wie Khemmis Altes abstauben und in Ehren halten und Neues hinzufügen und kombinieren. Zum Beispiel die Anleihen aus dem Black Metal passen in die Songs wie die Faust aufs Auge. Mir gefallen die schweren doomigen Parts, die dunkel und zwielichtig sind, aber nie in die große, allumfassende Düsternis und Verzweiflung abgleiten. Mir gefallen die Dramatik und der Pathos des klassischen Heavy Metal, die aber nie kitschig oder drüber sind. Die Songs sind alle keine Tempomonster und dennoch leben sie auch von ihren Tempowechseln. Dann ist da noch die Stimme von Phil Pendergast, die unglaublich schön, ergreifend und wandelbar ist und jedem der sechs Songs einen unverwechselbaren Touch verleiht und die Krone aufsetzt.

YouTube Channel von Nuclear Blast Records: https://www.youtube.com/channel/UCoxg3Kml41wE3IPq-PC-LQw


Tracks:
1. Bloodletting
2. Isolation
3. Flesh to Nothing
4. The Seer
5. Maw of Time
6. From Ruin

Band:
Ben Hutcherson – Gitarre, Gesang
Phil Pendergast – Gitarre, Gesang
Daniel Beiers – Bass
Zach Coleman – Drums

Ein Hauch von Vergänglichkeit und Ewigkeit – Queen of Time von Amorphis

Melodic Death Metal/Dark Metal/Progressive Metal/Folk Metal
Veröffentlicht: 18.05.2018
Nuclear Blast Records
http://amorphis.net/


Queen of Time

Queen of Time

Donnerstagnachmittag. Im Briefkasten liegt das neue Album „Queen of Time“ von Amorphis. „Yippie“, denke ich mir. Das Tagwerk ist bereits erledigt, genug Zeit  und Ruhe also, um gleich mal reinzuhören. Schon die Hülle ist zum Sterben schön und ich verweile einige Zeit in andächtiger Betrachtung. Ich lege die Scheibe ein und drücke auf „Play“, flacke mich aufs Sofa und schließe die Augen. Die ersten Töne erklingen. Schöööön. „Ding-dong“. Dieses Türklingelgeräusch gehört definitiv nicht zum Konzept des neuen Werks der Finnen. DHL liefert die neue Garderobe. Kurz kämpfe ich mit mir, doch die nörgelnde Stimme des Pflichtbewusstseins siegt und ich höre „Queen of Time“ nicht auf dem Sofa, sondern während ich die neue Garderobe zusammenschraube. Und was soll ich sagen – ich musste wirklich aufpassen, dass ich mir vor lauter Begeisterung und Glückseligkeit nicht in den Finger dremle.

Das 13. Studioalbum von Amorphis entstand, wie schon das Vorgängeralbum „Death of a King“, in Zusammenarbeit mit Produzent Jens Bogren. Seine Handschrift ist auf „Queen of Time“ unverkennbar und man muss wirklich sagen: Amorphis und Bogren, das passt wie Arsch auf Eimer. Das Album ist noch einen Tick progressiver und epischer als sein Vorgänger und trotzdem absolut Metal. Es klingt definitiv wie die logische Weiterentwicklung von „Death of a King“. Neben bekannten Elementen wie der Flöte (Chrigel Glanzmann von Eluveitie), folkigen oder orientalisch anmutenden, eingängigen Melodien und Killerriffs, bietet „Queen of Time“ uns den Auftritt von Saxofonist Jørgen Munkeby und von Texter Pekka Kainulainen, der in „Daughter of Hate“ einige Worte spricht. Dazu kommen Chorgesang und Orchester. Außerdem stehen Keyboarder Santeri Kallio und sein Instrument deutlich mehr im Vordergrund als noch zuvor. So übernimmt er häufiger das Hauptriff und es gibt auch das ein oder andere Keyboardsolo. Aber natürlich kommen auch die Gitarren der Herren Holopainen und Koivusaari nicht zu kurz.  Inhaltlich geht es laut Gitarrist Esa Holopainen um „Kosmische Mächte, an die die Menschen vor langer Zeit glaubten, vom Aufstieg und Fall der Kulturen. Sie (die Biene, Anm. T!B!B!) steht für den Mikrokosmos, der dennoch kataklysmische Veränderungen auslösen kann. Der Fall von Weltreichen, der von einem kleinen sprießenden Samen eingeläutet wird. Der Schmetterling, der einen Hurrikan auslöst.“ So erklärt er das Albumcover.

Es fällt mir wirklich schwer einzelne Songs hervorzuheben, denn jeder von ihnen geht ins Ohr und setzt sich dort unerbittlich fest. Der Opener „The Bee“ startet mit einer sphärischen Frauenstimme, doch ruckzuck donnert Tomi Joutsen mit einem brachialen Röhrer mit Macht dazwischen. Ein Refrain, der hängenbleibt, gesellt sich dazu und ein wuseliges Keyboardriff begleitet alles und verbreitet ein Flair nicht von dieser Welt. In reizvollem Gegensatz zur Progressivität steht der Kehlkopfgesang von Albert Kuvezin und bringt eine schamanistisch-archaische Note in den Song ein. Zu meinen persönlichen Höhepunkten des Albums zählen jedoch „Message in the Amber“, „Daughter of Hate“, „Heart of the Giant“ und „Grain of Sand“. „Message in the Amber“ beginnt mit einer leichten, folkigen, verträumten Gitarrenmelodie und Joutsens sanftem, melancholischem Gesang, bevor er seine Growls aus den tiefsten Tiefen auspackt und uns unvermittelt eine ordentliche Packung verpasst. Chor und Orchester verleihen dem Song eine ganz eigene, wunderschöne Erhabenheit, die durch die Verzerrung der Stimmen hier und da einen leicht spacigen Einschlag bekommt. Gleichzeitig ist „Message in the Amber“ sehr druck- und kraftvoll. „Sister of hate“ startet mit einem knappen Orgeleinstieg und Joutsens zartschmelzender Stimme. Doch dann wird es schnell schwarzmetallisch. Fiese Screams zischen uns entgegen. Das Saxofonsolo hätte ich jetzt nicht gebraucht – traue nie einem Instrument, das aus Metall besteht, sich aber immer noch als Holzblasinstrument ausgibt. Nee, mag ich einfach nicht. Aber das ist Geschmacksache. Kombiniert mit einem wunderbar melancholischen Gitarrenriff und ein bisschen Chorgesang ergibt sich eine reizvolle Mischung aus Aggressivität, Melodik und Melancholie. Mit diesem Gegensatz spielen Amorphis ohnehin sehr gern und sehr gekonnt. Auch „Heart of the Giant“ bedient sich dieses Stilmittels. Einem verträumten Gitarrenintro folgen kraftvolle Streicher, energischer, aufpeitschender Chorgesang und ein Gitarrenriff wie aus dem Märchenbuch. Der Refrain wird getragen von Joutsens melancholischem Klargesang und seinen druckvoll herausgehauenen Growls. Ergänzt wird das Ganze durch ein Keyboard- und ein Gitarrensolo. Der ganze Song ist sehr energiereich und entfaltet eine cineastisch anmutende Kulisse. „Grain of Sand“ wirkt dagegen wieder roh, archaisch, bedrohlich und bodenständig, spielt aber ebenfalls mit den genannten Gegensätzen. Ein Duett bietet das Album auch noch. In „Amongst Stars“ umschmeicheln sich die Stimmen von Gastsängerin Anneke van Giersbergen und Tomi Joutsen und ergeben ein stimmiges Ganzes.

Amorphis haben wieder einmal ein Mörderding rausgehauen. Die Kombi aus flirrenden Synthiklängen, mal verträumt-melancholischen, mal aggressiv-druckvollen Gitarrenriffs, folkigen und orientalischen Melodien ist einfach nur gelungen. Auch wenn man die ein oder andere Kombi schon mal gehört hat, wirkt nichts an dem Album aufgewärmt und wiedergekäut. Orgel, Chor und Orchester verleihen den Songs eine Erhabenheit und Schönheit, die das Herz schneller schlagen lässt. Elemente wie der gesprochene Text in „Sister of Hate“, Albert Kuvezins Kehlkopfgesang oder Glanzmanns Flöte fügen einen schamanistisch-archaischen Touch hinzu. Und dann ist da natürlich noch Joutsens Ausnahmestimme. Ob fiese Screams, dunkle, bellende Growls, gequälter, schmerzerfüllter oder melancholischer, glasklarer Klargesang – Joutsen zieht einen unweigerlich in seinen Bann und treibt einem beinahe die Tränen in die Augen vor Begeisterung. Der Mann könnte „Alle meine Entchen“ growlen, würde dabei immer noch Begeisterungsstürme auslösen und nichts von seiner Würde einbüßen. Das Konzept vom Aufstieg und Verfall wird durch die Musik zur Gänze transportiert. Aus jedem Ton klingt ein Hall von Ewigkeit, etwas aus der Zeit Gehobenes, das über allem steht.


Tracks:
01. The Bee
02. Message In The Amber
03. Daughter Of Hate
04. The Golden Elk
05. Wrong Direction
06. Heart Of The Giant
07. We Accursed
08. Grain Of Sand
09. Amongst Stars
10. Pyres On The Coast

Band:
Tomi Joutsen (Gesang)
Esa Holopainen (Gitarre)
Tomi Koivusaari (Gitarre)
Santeri Kallio (Keyboards)
Olli-Pekka „Oppu“ Laine (Bass)
Jan „Snoopy“ Rechberger (Drums)

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