Düster, aggressiv und heavy – Sorgir von Skálmöld

Pagan Metal/Folk Metal/Melodic Death Metal
Veröffentlicht: 12.10.2018
Napalm Records
https://skalmold.is/


Ja! „Sorgir“ von Skálmöld ist da. Es ist das fünfte Album der Isländer und es kommt wirklich genau zur richtigen Zeit, denn es soll düster, aggressiv und heavy sein und das brauche ich grad dringend. Neulich im Gitarrenunterricht: „Du spielst da grad den fröhlichen Akkord, gell, da klingt das nicht mehr so richtig düster.“ Bah, jetzt schleichen sich schon ungewollt fröhliche Akkorde ein – und alles, was ich mir denke ist: „Klingt irgendwie komisch?!“. Nee, nee, nee, ich muss mir dringend eine ordentliche Packung Dreck, Düsternis und Evilheit verpassen, nicht dass diese schleichende Helenisierung (und das hat nichts mit Griechen und nur was mir Schlager zu tun) noch fortschreitet.

Sorgir“ bedeutet „Sorge“ und deutet schon an, wohin die musikalische Reise geht. Aber die Isländer spielen nicht einfach planlos drauf los, sondern es steckt noch mehr dahinter. Das Album teilt sich quasi in zwei Teile: „Sagnir“ und „Svipir“. Es gibt jeweils vier „Sagnir“ (Geschichten) und vier „Svipir“ (Geister) Songs und wiederum jeweils zwei – einer aus jedem Teil – bilden ein Paar, das ein und dieselbe Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Einmal aus der Sicht der Person, der das Ganze widerfährt, und einmal aus der Sicht eines anderen Wesens. So, genug der Theorie… Lobend und voller Begeisterung muss ich auch noch das wunderschöne und liebevoll gestaltete Artwork von Kristján Lyngmo erwähnen. Sehr hochwertig und sehenswert!

Der Opener „Ljósið“ (Licht) löst dann auch sofort das gegebene Versprechen ein und haut uns ein schnelles, hartes Riff um die Ohren. Dazu gesellen sich Sänger Björgvins charakteristische, rhythmische Sprechgrowls, Baldurs Schreie und der glasklare, wunderschöne Chorgesang. „Sverðið“ (Schwert) macht mit gemächlicher Schunkelmelodie weiter. Was allerdings an dem Song so richtig Spaß macht, sind die Doppelleads und die vielschichtigen Gitarren, die sich immer wieder ineinander verweben. Fröhliche Folkmelodien sucht man allerdings auf „Sorgir“ tatsächlich vergeblich. Auch „Sverðið“ hat trotz Schunkelmelodie eine eher unheilvolle Stimmung. Mit „Brúnin“ wird es wieder zackiger und Gitarrist Þráinn Árni Baldvinsson haut sein erstes atemberaubendes Hochgeschwindigkeitssolo raus, während Drummer Jón uns mit seinen Doublebasses traktiert. „Barnið“ gefällt mir, weil der Song sehr von den Drums und vom Rhythmus dominiert wird. Er ist schwer, schleppend, drückend, die Gitarren schweben unheilvoll im Hintergrund und dann Bäm! Solo! „Skotta“ ist eine Wundertüte voll Unheil, Gänsehaut und ungutem Gefühl. Tempotechnisch pendelt der Song zwischen stampfenden Passagen und affenartigem Tempo mit Drum- und Gitarrensalven und rasendem Tapping. Gegen Ende taucht das Hochgeschwindigkeitstapping nochmal im Hintergrund auf. Im Vordergrund Cleangesang. Durch die verschiedenen Geschwindigkeiten ergibt sich ein eigentümlich verschobenes Gefühl. Herzklopfen pur.

Die beiden Highlights auf einem Album voller Highlights sind „Móri“ und „Mara“. Heidewitzka – echt. „Móri“ baut langsam und bedächtig durch dumpfe Trommel und anschwellende Gitarren eine unheilvolle Spannung auf. Gastsängerin Ragnheiður Steindorsdottir schafft dann durch ihren Gesang, unterlegt von einer Oboenmelodie, einen schon fast heilig wirkenden Moment, der etwas Tragisches in sich birgt. Und dann hauen die Gitarren und Björgvins Growls gewalttätig mitten rein. Der Hammer. Das Ganze ist so bombastisch, dass man sich fragt „Was soll da jetzt noch kommen?“ Wie „Móri“ besticht auch „Mara“ durch eine gut durchdachte und ausgeklügelte Komposition. „Mara“ ist Härte und Brutalität gegen Weichheit und Traurigkeit. Der von einem Break eingeleitete cleane Gitarrenteil ist dermaßen zum Heulen schön. Doch auch hier lauert schon wieder die Tempokeule und Gitarrist Þráinn Árni Baldvinsson haut nochmal alles raus, was die Finger, Saiten, das Plektrum und die Gitarre nur hergeben und fabrizieren können. Mir fallen einfach keine Superlative mehr ein, deshalb lasse ich es und bleibe mit meiner Gänsehaut hier sitzen.

Sorgir“ ist düster, aggressiv und heavy. Folkig ist das Album auch, aber durch die Blume und nicht mit der Axt. Skálmöld packen jede Menge haarsträub-Akkorde aus und arbeiten mit meisterhaften Tempowechseln und Überraschungseffekten, die eine unheilvolle Gruselatmosphäre schaffen. Typisch für die Isländer ist die riesige Bandbreite beim Gesang: rhythmische Growls, Screams, Cleangesang oder einfach Geschrei – es ist alles vorhanden. Baldur und Björgvin im Wechsel und Zwiegebrüll sind einmalig gut. Stimmige und harmonische Doppelleads und drei Gitarren, die sich vielschichtig ergänzen plus Hochgeschwindigkeitssoli und Ohrenbluttapping, die einem die Schlappen ausziehen, runden das Ganze perfekt ab. Kompositorisch sind die Songs der Isländer ausgeklügelt, kurzweilig und überraschend und im Fall von „Móri“ und „Mara“ mit einem irren Spannungsbogen versehen. Skálmöld erzählen mit ihrer Musik Geschichten und auch wenn der Text natürlich eine wichtige Rolle spielt, benötigt man ihn oft gar nicht, um die Geschichte nachzuempfinden und zu verstehen. Sie sind kalt, hart, abweisend, anrührend, gänsehautverursachend und zum Heulen schön.

YouTube Channel von Napalm Records https://www.youtube.com/user/napalmrecords


Tracks:
1. Ljósið
2. Sverðið
3. Brúnin
4. Barnið
5. Skotta
6. Gangári
7. Móri
8. Mara

Band:
Snæbjörn Ragnarsson – Bass, Gesang
Jón Geir Jóhannsson – Drums, Gesang
Baldur Ragnarsson- Gitarre, Gesang
Gunnar Ben – Keyboards, Oboe, Gesang
Þráinn Árni Baldvinsson- Gitarre, Gesang
Björgvin Sigurðsson- Gesang, Gitarre

Die Welt – ein Tor zu tausend Wüsten stumm und kalt! – Null & Void von 〇

Doom Metal, Black Metal
Veröffentlicht: 11.8.2014 (MC, Digital), 20.5.2015 (CD)
Vánagandr (MC), Pest Productions (CD)
https://0000000.bandcamp.com/


a0428474764_10

Null & Void von 〇

Wenn sich eine Band 0 nennt und ihr erstes und bislang auch einziges Werk Null & Void (zu Deutsch soviel wie nichtig) nennt, das Cover mit grau-schwarzen Felsen, was erwartet einen da wohl? Richtig, melancholischer Black Metal. Aber nicht dieses in letzter Zeit sehr modische Teenie-Gedudel. Nein, ernster. Dazu später mehr. Aufmerksam geworden bin ich auf die Isländer wie folgt: Ich habe mich etwas über die Black-Metal-Szene auf der Insel tief im Atlantik belesen und bin dabei neben der Erkenntnis, dass alle Black-Metal-Bands Islands aus insgesamt nur maximal zehn verschiedenen Mitgliedern bestehen (insgesamt, nicht je Band!), über 0 gestolpert. Da ich als Funeral-Doom-Begeisterter immer für lange Lieder zu haben bin, war ich noch ohne den ersten Ton gehört zu haben angetan von Null & Void: gut 34 Minuten, ein Lied? Was soll da noch schiefgehen?

Nichts. Von Anfang bis Ende schleppt einen Null & Void durch eine steinerne Wüste voll Einsamkeit. Schmerz grüßt hinter diesem Felsen, Leid hinter jenem und die Trostlosigkeit dräut stets am Horizont. Meisterhaft komponiert, meist im mittleren Tempo, Themen immer mal wieder aufgreifend, kann man tief wie der Marianengraben im Klangteppich versinken. Anrührende Melodien, die hier mit voller Wucht in den Kopf drängen, schweben dort zerbrechlich und klirrend über allem und verstärken den beschriebenen Eindruck oft bis an den Rand des Erträglichen – vor allem in fast schon bis zur Ekstase crescendierenden Momenten (wie etwa ab Minute 30). Der Gesang tut sein übriges dazu, wechselt er doch passend zur Musik von zunächst elegischem Singsang zu verzweifeltem Kreischen. Nicht ganz umsonst habe ich als Überschrift eine Zeile aus Nietzsches Gedicht „Vereinsamt“ (er nannte es auch „Abschied“, „Heimweh“ und hatte noch viel mehr Titel) gewählt. Denn an dieses Gedicht musste ich gleich denken, als ich Null & Void gehört habe. Gedicht und Lied passen wunderbar zusammen und drücken die gleiche trostlose Stimmung aus. Schade, dass der Text nirgends zu finden ist.

In erstmal fast schon eigenartig anmutendem Kontrast zur traurigen Stimmung steht die wohlige Wärme, die sich durch Null & Void zieht und wofür vor allem der dumpfe Bass, aber auch die mich irgendwie an die Siebziger erinnernde Produktion verantwortlich ist. Auch wenn es gerade in der etwas schnelleren Passage nach etwa einer Viertelstunde durchblitzt: Klirrend kalt wie sonst im Genre üblich wird es hier so gar nicht. Und das passt einfach perfekt. Ob das so richtig Black Metal ist? Ehrlich gesagt: Völlig egal. Hier fügt sich alles zusammen. Ich wüsste nicht einen Punkt, wo ich zu negativer Kritik überhaupt nur ansetzen sollte. Deshalb: Ein Meisterwerk im Bereich melancholischer Musik.


Lieder:

1. Null & Void

Band:
D.G. – Gitarre
TMS – Schlagzeug
S.S. – Gesang
Ö.S. – Gitarre
H.K.F. – Bass

Herrlich schnell, herrlich irre – Ooka von Profane Omen

Groove Metal
Veröffentlicht: 07.09.2018
Playground Music
http://www.profaneomen.net/


OokaNiemals werde ich diesen Moment vergessen. Wir schreiben das Jahr 2014. Finntroll befinden sich auf ihrer Nattfödd Jubiläumstour und machen auch in Schwäbisch Hall Halt. Mit im Gepäck – als Vorband – Profane Omen. Ich werde niemals diesen Moment vergessen, in dem die Finnen auf die Bühne stürmten wie Irrwische auf Speed. Sänger Jules Näveri brüllte los wie ein wütender Troll und machte dazu den passenden Gesichtsausdruck und man hatte den Eindruck, dass es einem gleich die Perücke vom Kopf weht. In diesem Moment war es um mich geschehen.

Nun präsentieren Profane Omen ihr neustes Werk namens „Ooka“. Das Album gehört mit neun Songs eher zu den kürzeren. Die Zeit verfliegt beim Hören unheimlich schnell – was ja schon einmal ein gutes Zeichen ist. Es gibt durchaus auch kurze Alben, die wirken wie eine halbe Ewigkeit und länger… aber das ist ein anderes Thema. Das Album Cover ziert ein japanisches Kamikaze Flugzeug. Jawoll. Das passt zu „Ooka“ und das passt irgendwie zu den finnischen Groove Metallern mit der Kraft der zwei Bässe. Und wie ein Kamikazeflieger stürzen wir uns jetzt auch voller Todesverachtung mitten ins neue Album. Naja – keine Sorge – so schlimm wird es nicht.

Die ersten drei Songs bieten uns das, was wir von einem Profane Omen Song erwarten: voll in die Fresse und einen kräftigen Arschtritt hinterher. Vor allem „One Man Show“ überzeugt dabei mit mördermäßigen Breakdowns, Gesang, der teilweise herrlich manisch rüberkommt und einem ausgezeichneten Gitarrensolo. Samuli Mikkonens Arbeit an den Drums ist sowohl in diesem Song, sowie auch auf dem ganzen Album sehr überzeugend, variantenreich und hält immer wieder kleine Überraschungen parat.

So weit so gut. Aber da geht doch noch mehr, oder? Ja klar. „Terminal Disfunction“ führt uns vor Augen, was geschieht, wenn man zu viele bunte Pillchen einwirft. Näveris Stimme transportiert zu Beginn eine völlig abgedrehte, irre Stimmung, dass man selbst schon beginnt sich selbst über die Schulter zu spähen. Hat sich da nicht etwas bewegt? Und die vielen bösen Stimmen… Dann geben die Jungs Gas und der Song geht richtig, richtig gut ab, ohne seine ungute Grundstimmung einzubüßen. Auch „War Boy“ überzeugt vom ersten bis zum letzten Ton und war schon Song des Monats 06/18. Starker Text, starker Refrain und Tempowechsel, die Spaß machen. Definitiv ein herausragender Song auf dem Album. Als ich „Aftersound“ zum ersten Mal gehört habe, war mein erster Gedanke „Wie krank.“ Also gut krank natürlich. Der Song eröffnet mit einem Schrei aus tiefster Seele. Da ist eigentlich schon alles klar. Dazu gibt es einen Mix aus Cleangesang, Geschrei und tiefen Growls. Zwischendurch kommt ein bisschen Death Metal Feeling auf und das Ganze mündet in ein nackenbrecherisches Doublebass-Blast-Schredder-Dingsbumsinferno. Ein herrlich herzerfrischendes, irres Stück Musik. „The Wave“ hebt sich ebenso wie „War Boy“ vom restlichen Album ab. Das Tempo wird radikal zurückgenommen – nach „Aftersound“ muss man auch dringend ein wenig durchatmen. Der Beginn von „The Wave“ wirkt positiv melancholisch und entspannt. Näveris Stimme rollt tief und ruhig über uns hinweg begleitet von cleanem Gitarrensound und zurückgenommenen Drums. Nach einem Break entwickelt sich der Song kraftvoll und stampfend, Samuli zeigt, was er abseits des Üblichen drauf hat und das Ganze endet mit einer kleinen gepfiffenen Melodie.

„Ooka“ bietet auf jeden Fall das, was man von einem Profane Omen Album erwartet: volle Kanne auf die Fresse. Da bin ich schon voll zufrieden. Mörder Breakdowns, hereinbrechende Tempowechsel, Blastbeats und Doublebassparts und hals-, beziehungsweise fingerbrecherische Gitarrensoli dürfen natürlich keinesfalls fehlen – und auch da liefern die Groove Metaller voll ab. Doch sie gehen noch darüber hinaus. Samuli überrascht immer wieder mit kleinen Raffinessen und Jules‘ Stimme wird mit den Jahren offenbar immer wandelbarer. Herrlich, wie er Stimmungen in einem Song transportiert. Gut. Es gibt auch so ein bis zwei kleine Schwächen. Die ersten drei Songs sind alle nach einem ähnlichen Muster gestrickt – und der letzte Song „The Tide“ ist mir irgendwie zu poppig und zu hm…einfach zu hm… Aber trotzdem ist das Album absolut hörenswert. Also: legt euch das Album und ne Halskrause zu, denn die werdet ihr nach dem Hören mit Sicherheit brauchen.

Youtube Channel von Profane Omen: https://www.youtube.com/channel/UCtvbwm1K1Gyz05QQPNqJdKQ


Tracks:
1. They Came For Us
2. Make It Count
3. One Man Show
4. Terminal Dysfunction
5. War Boy
6. White Noise
7. Aftersound
8. The Wave
9. The Tide

Band:
Jules Näveri (Gesang)
Williami Kurki (Gitarre)
Antti Kokkonen (Gitarre)
Tomppa Saarenketo(Bass)
Antti Seroff (Bass)
Samuli Mikkonen (Drums)

Perfekte Symbiose aus Doom und Heavy Metal – Desolation von Khemmis

Epic Doom/Heavy Metal/NWoBH
Veröffentlicht: 22.06.2018
Nuclear Blast Records
http://khemmisdoom.com/


Ich hatte ja die grandiose Idee, das Sommerloch mit ein paar wertvollen und wirklich verblüffenden Life Hacks zu füllen. Und davon hätte ich ein paar wirklich gute auf Lager gehabt: 1. Wenn du ein Bild aufhängst und den Betonstaub mit dem Staubsauger einsaugen willst, hilft es, wenn du nicht nur das Rohr hinhältst, du musst auch noch einschalten, sonst rieselt das ganze Zeug doch glatt trotzdem auf den Boden. 2. Halte dich im Urlaub von Menschen fern. Besonders von Bauarbeitern, die ein Zimmer neben dir haben und um 5 Uhr aufstehen. Ich könnte jetzt noch ewig so weitermachen, aber zum Glück habe ich etwas Besseres gefunden, über das ich schreiben kann: das neue Album von Khemmis.

Die Herren aus Colorado galten bisher immer noch als Geheimtipp, sind aber mit ihrem neuen Album „Desolation“ auf dem besten Wege das zu ändern. Mit ihrem Mix aus Doom Metal und klassischem Heavy Metal mit einem kräftigen Schuss NWoBH lassen sich Khemmis nur schwer in irgendeine unserer so geliebten und wohlgeordneten Schubladen stecken – und das ist genau das, was mir an ihrer Musik so richtig gut gefällt. „Desolation“ bietet uns sechs facettenreiche Songs. Der Opener „Bloodletting“ gibt die Marschrichtung gleich gut vor. Schwere, doomige Gitarrenriffs, die eine zwielichtige Grundstimmung schaffen, klassische Heavy Metal Melodie, die das Ganze auflockert und nicht zu düster werden lässt. Natürlich darf das passende NWoBH Solo nicht fehlen. Die Krone setzt dem Ganzen Phil Pendergasts wunderbare Stimme auf, die mal klar und hell über allem thront, mal fies zischt und faucht. Auch die anderen fünf Songs bewegen sich in diesem Rahmen. „Seer“ beginnt herrlich schwer und drückend, überzeugt durch Pendergasts glasklare Cleanstimme gepaart mit bösartigem Gefauche, das eine schwarzmetallische Note hinzufügt, und träumerischer Melodie. Die größten Kracher auf dem Album sind für mich allerdings „Maw of Time“ und „From Ruin“. „Maw of Time“ ist stimmlich dermaßen intensiv, dass es echt an die Nieren geht. Von Cleangesang über tiefe Growls bis hin zu Blackmetalgekeife wird alles geboten. Das Tempo ist gemächlich – und wird dann nach fünf von sieben Minuten noch gemächlicher. Schwere Gitarren, Wummerbass gepaart mit Gekeife und Grummelgrowls. Woooooh. Schließlich jaulende Gitarren. Herzklopfen. Gänsehaut. Ehrlich mal. Auch „From Ruin“ geht gemächlich los, legt aber zur Mitte hin kurzfristig eine Schippe drauf. Die Finger flitzen übers Griffbrett und versetzten den Hörer in wahre Verzückung. Ja, sie flitzen immer noch getragen, aber sie flitzen. Heavy Metal mit wunderbarer Dramatik, Melodie, Pathos und Herzschmerz entfaltet sich in unseren Ohren, ohne kitschig, klischeehaft oder abgedroschen daherzukommen. Eine ruhige cleane Passage haben die Jungs auch noch eingeschoben. Zum Heulen schön. Der Text passt in seiner mitreißenden Verzweiflung meisterlich zur Musik. „From Ruin“ bietet für mich die perfekte Symbiose aus Doom und Heavy Metal.

Ich kann nur sagen: ran an das Album! Khemmis spielen eine wahnsinnig geile Kombi aus Doom und klassischem Metal. Ihre Musik ist offen, modern und qualitativ hochwertig und passt nicht wirklich in eine Schublade – oder eben in sehr viele Schubladen. Das mag den einen oder anderen irritieren. Ich finde es sehr erfrischend wie Khemmis Altes abstauben und in Ehren halten und Neues hinzufügen und kombinieren. Zum Beispiel die Anleihen aus dem Black Metal passen in die Songs wie die Faust aufs Auge. Mir gefallen die schweren doomigen Parts, die dunkel und zwielichtig sind, aber nie in die große, allumfassende Düsternis und Verzweiflung abgleiten. Mir gefallen die Dramatik und der Pathos des klassischen Heavy Metal, die aber nie kitschig oder drüber sind. Die Songs sind alle keine Tempomonster und dennoch leben sie auch von ihren Tempowechseln. Dann ist da noch die Stimme von Phil Pendergast, die unglaublich schön, ergreifend und wandelbar ist und jedem der sechs Songs einen unverwechselbaren Touch verleiht und die Krone aufsetzt.

YouTube Channel von Nuclear Blast Records: https://www.youtube.com/channel/UCoxg3Kml41wE3IPq-PC-LQw


Tracks:
1. Bloodletting
2. Isolation
3. Flesh to Nothing
4. The Seer
5. Maw of Time
6. From Ruin

Band:
Ben Hutcherson – Gitarre, Gesang
Phil Pendergast – Gitarre, Gesang
Daniel Beiers – Bass
Zach Coleman – Drums

Ein Hauch von Vergänglichkeit und Ewigkeit – Queen of Time von Amorphis

Melodic Death Metal/Dark Metal/Progressive Metal/Folk Metal
Veröffentlicht: 18.05.2018
Nuclear Blast Records
http://amorphis.net/


Queen of Time

Queen of Time

Donnerstagnachmittag. Im Briefkasten liegt das neue Album „Queen of Time“ von Amorphis. „Yippie“, denke ich mir. Das Tagwerk ist bereits erledigt, genug Zeit  und Ruhe also, um gleich mal reinzuhören. Schon die Hülle ist zum Sterben schön und ich verweile einige Zeit in andächtiger Betrachtung. Ich lege die Scheibe ein und drücke auf „Play“, flacke mich aufs Sofa und schließe die Augen. Die ersten Töne erklingen. Schöööön. „Ding-dong“. Dieses Türklingelgeräusch gehört definitiv nicht zum Konzept des neuen Werks der Finnen. DHL liefert die neue Garderobe. Kurz kämpfe ich mit mir, doch die nörgelnde Stimme des Pflichtbewusstseins siegt und ich höre „Queen of Time“ nicht auf dem Sofa, sondern während ich die neue Garderobe zusammenschraube. Und was soll ich sagen – ich musste wirklich aufpassen, dass ich mir vor lauter Begeisterung und Glückseligkeit nicht in den Finger dremle.

Das 13. Studioalbum von Amorphis entstand, wie schon das Vorgängeralbum „Death of a King“, in Zusammenarbeit mit Produzent Jens Bogren. Seine Handschrift ist auf „Queen of Time“ unverkennbar und man muss wirklich sagen: Amorphis und Bogren, das passt wie Arsch auf Eimer. Das Album ist noch einen Tick progressiver und epischer als sein Vorgänger und trotzdem absolut Metal. Es klingt definitiv wie die logische Weiterentwicklung von „Death of a King“. Neben bekannten Elementen wie der Flöte (Chrigel Glanzmann von Eluveitie), folkigen oder orientalisch anmutenden, eingängigen Melodien und Killerriffs, bietet „Queen of Time“ uns den Auftritt von Saxofonist Jørgen Munkeby und von Texter Pekka Kainulainen, der in „Daughter of Hate“ einige Worte spricht. Dazu kommen Chorgesang und Orchester. Außerdem stehen Keyboarder Santeri Kallio und sein Instrument deutlich mehr im Vordergrund als noch zuvor. So übernimmt er häufiger das Hauptriff und es gibt auch das ein oder andere Keyboardsolo. Aber natürlich kommen auch die Gitarren der Herren Holopainen und Koivusaari nicht zu kurz.  Inhaltlich geht es laut Gitarrist Esa Holopainen um „Kosmische Mächte, an die die Menschen vor langer Zeit glaubten, vom Aufstieg und Fall der Kulturen. Sie (die Biene, Anm. T!B!B!) steht für den Mikrokosmos, der dennoch kataklysmische Veränderungen auslösen kann. Der Fall von Weltreichen, der von einem kleinen sprießenden Samen eingeläutet wird. Der Schmetterling, der einen Hurrikan auslöst.“ So erklärt er das Albumcover.

Es fällt mir wirklich schwer einzelne Songs hervorzuheben, denn jeder von ihnen geht ins Ohr und setzt sich dort unerbittlich fest. Der Opener „The Bee“ startet mit einer sphärischen Frauenstimme, doch ruckzuck donnert Tomi Joutsen mit einem brachialen Röhrer mit Macht dazwischen. Ein Refrain, der hängenbleibt, gesellt sich dazu und ein wuseliges Keyboardriff begleitet alles und verbreitet ein Flair nicht von dieser Welt. In reizvollem Gegensatz zur Progressivität steht der Kehlkopfgesang von Albert Kuvezin und bringt eine schamanistisch-archaische Note in den Song ein. Zu meinen persönlichen Höhepunkten des Albums zählen jedoch „Message in the Amber“, „Daughter of Hate“, „Heart of the Giant“ und „Grain of Sand“. „Message in the Amber“ beginnt mit einer leichten, folkigen, verträumten Gitarrenmelodie und Joutsens sanftem, melancholischem Gesang, bevor er seine Growls aus den tiefsten Tiefen auspackt und uns unvermittelt eine ordentliche Packung verpasst. Chor und Orchester verleihen dem Song eine ganz eigene, wunderschöne Erhabenheit, die durch die Verzerrung der Stimmen hier und da einen leicht spacigen Einschlag bekommt. Gleichzeitig ist „Message in the Amber“ sehr druck- und kraftvoll. „Sister of hate“ startet mit einem knappen Orgeleinstieg und Joutsens zartschmelzender Stimme. Doch dann wird es schnell schwarzmetallisch. Fiese Screams zischen uns entgegen. Das Saxofonsolo hätte ich jetzt nicht gebraucht – traue nie einem Instrument, das aus Metall besteht, sich aber immer noch als Holzblasinstrument ausgibt. Nee, mag ich einfach nicht. Aber das ist Geschmacksache. Kombiniert mit einem wunderbar melancholischen Gitarrenriff und ein bisschen Chorgesang ergibt sich eine reizvolle Mischung aus Aggressivität, Melodik und Melancholie. Mit diesem Gegensatz spielen Amorphis ohnehin sehr gern und sehr gekonnt. Auch „Heart of the Giant“ bedient sich dieses Stilmittels. Einem verträumten Gitarrenintro folgen kraftvolle Streicher, energischer, aufpeitschender Chorgesang und ein Gitarrenriff wie aus dem Märchenbuch. Der Refrain wird getragen von Joutsens melancholischem Klargesang und seinen druckvoll herausgehauenen Growls. Ergänzt wird das Ganze durch ein Keyboard- und ein Gitarrensolo. Der ganze Song ist sehr energiereich und entfaltet eine cineastisch anmutende Kulisse. „Grain of Sand“ wirkt dagegen wieder roh, archaisch, bedrohlich und bodenständig, spielt aber ebenfalls mit den genannten Gegensätzen. Ein Duett bietet das Album auch noch. In „Amongst Stars“ umschmeicheln sich die Stimmen von Gastsängerin Anneke van Giersbergen und Tomi Joutsen und ergeben ein stimmiges Ganzes.

Amorphis haben wieder einmal ein Mörderding rausgehauen. Die Kombi aus flirrenden Synthiklängen, mal verträumt-melancholischen, mal aggressiv-druckvollen Gitarrenriffs, folkigen und orientalischen Melodien ist einfach nur gelungen. Auch wenn man die ein oder andere Kombi schon mal gehört hat, wirkt nichts an dem Album aufgewärmt und wiedergekäut. Orgel, Chor und Orchester verleihen den Songs eine Erhabenheit und Schönheit, die das Herz schneller schlagen lässt. Elemente wie der gesprochene Text in „Sister of Hate“, Albert Kuvezins Kehlkopfgesang oder Glanzmanns Flöte fügen einen schamanistisch-archaischen Touch hinzu. Und dann ist da natürlich noch Joutsens Ausnahmestimme. Ob fiese Screams, dunkle, bellende Growls, gequälter, schmerzerfüllter oder melancholischer, glasklarer Klargesang – Joutsen zieht einen unweigerlich in seinen Bann und treibt einem beinahe die Tränen in die Augen vor Begeisterung. Der Mann könnte „Alle meine Entchen“ growlen, würde dabei immer noch Begeisterungsstürme auslösen und nichts von seiner Würde einbüßen. Das Konzept vom Aufstieg und Verfall wird durch die Musik zur Gänze transportiert. Aus jedem Ton klingt ein Hall von Ewigkeit, etwas aus der Zeit Gehobenes, das über allem steht.


Tracks:
01. The Bee
02. Message In The Amber
03. Daughter Of Hate
04. The Golden Elk
05. Wrong Direction
06. Heart Of The Giant
07. We Accursed
08. Grain Of Sand
09. Amongst Stars
10. Pyres On The Coast

Band:
Tomi Joutsen (Gesang)
Esa Holopainen (Gitarre)
Tomi Koivusaari (Gitarre)
Santeri Kallio (Keyboards)
Olli-Pekka „Oppu“ Laine (Bass)
Jan „Snoopy“ Rechberger (Drums)

YouTube Channel von Nuclear Blast Records https://www.youtube.com/channel/UCoxg3Kml41wE3IPq-PC-LQw

YouTube Channel von Nuclear Blast Records

YouTube Channel von Nuclear Blast Records

Von Hexen und Schwarzer Magie – „Into Dark Science“ von Phantom Winter

Winter Doom, Blackened Sludge
Veröffentlicht: 2.3.2018
Golden Antenna Records
www.phantomwinter.com


a3262686280_10

Into Dark Science

Die letzten Töne von „Into Dark Science“ von Phantom Winter sind verklungen, etwas benommen geht der Blick irgendwohin und nirgendwohin. Etwas verstört, gleichzeitig begeistert und fassungslos. Déjà-vu! So ähnlich war das doch schon bei „Sundown Pleasures“, dem Vorgänger-Album. Sie haben es schon wieder getan. Und – Überraschung! – noch härter, noch extremer, noch finsterer. War „Cvlt“ schon beeindruckend frostig, insbesondere Wintercvlt hat bleibenden Eindruck hinterlassen, so hat „Sundown Pleasures“ diese Linie ohne Kompromisse fortgesetzt. Und nun wird eben noch eins oben drauf gepackt.

Lässt man sich auf „Into Dark Science“ ein, erwartet einen eine in Musik gegossene verstörende Reise in finsterste Winkel, albtraumhafte Landschaften, Nihilismus und seelische Abgründe. Das passt zur Inspiration durch die Autorinnen Sylvia Plath und Mary Shelley und fügt sich perfekt mit passenden Zitaten im Textbuch zusammen. Diese Melange aus extremer Härte ist gewiss nicht leicht verdaulich und setzt in der an extrem düsterer Musik nicht armen Doom-/Sludge-Landschaft ein bemerkenswertes Zeichen.

Altbekannt ist die Mischung aus Sludge-Doom-was-auch-immer härtester Gangart, gepaart mit fiesem Gekeife und wütendem Gebrüll mit einem ordentlichen Schuss schwarzer Tinte. Doch irgendwie ist „Into Dark Science“ anders. Vollgestopft ist das Album mit guten Ideen und Einfällen. Da treibt einem steinhartes Geschrabbel wie bei Ripping Halos From Angels oder The Craft And The Power Of Black Magic Wielding die Freudentränen ins Gesicht, ersteres noch mit wunderbar schrägen Leads zu Beginn. Im gesprochenen ruhigeren Teil von The Initiation Of Darkness setzt nicht nur eine Flöte (?) Akzente, nein, das Gesprochene ist am Ende auch noch mit dem Gitarrenrhythmus synchron. Glocken gibt es auch noch. Begeisterung stellt sich ein angesichts der zahlreichen kleinen, wohldurchdachten Details.

Auch melancholischer wird es an der ein oder anderen Stelle, etwa bei dem an Avalanche Cities erinnerenden Into Dark Science. Eine schöne Melodie und ein paar ruhige Momente bieten hier den geeigneten Kontrast zur unbändigen Härte. Der ruhigen Momente gibt es nämlich auch gar nicht so viele auf dem Album. Das ist auch gar nicht schlimm, sondern trifft meinen Geschmack aufs Exakteste. Die Entwicklung hin zu mehr Härte fühlt sich richtig an, unterstützt die trostlose, düstere Atmosphäre und passt einfach vorne und hinten. Dafür sorgt auch, dass die Musik gefühlt vielschichtiger und abwechslungsreicher geworden ist. Da darf es auch mal etwas vollgeladener, fast bombastisch werden, wie beim Ende von Frostcoven mit fast schon Mitsingqualitäten. Überladen wird es aber, das sei gesagt, an keiner Stelle. Dafür gibt es Gänsehaut- und Freudegrinsenspotential an allen Ecken und Enden. Wenn dann an manchen Stellen die fest gefügte Liedstruktur zerfasert und förmlich auseinander fällt, hat man genau dieses Gefühl: Alles zerbricht, nichts bleibt zurück. Nur Fassungslosigkeit und ein leerer Blick.


Quelle: Youtube-Kanal von Golden Antenna Records


Lieder:
1. The Initation Of Darkness
2. Ripping Halos From Angels
3. Frostcoven
4. The Craft And Power Of Black Magic Wielding
5. Into Dark Science
6. Godspeed! Voyager

Band:
Christof – Schlagzeug
Andreas – Gitarre, Bewitched Screams
Christian – Haunting Growls
Martin – Bass
Flo – Gitarre

Licht und Schatten – Pawn and Prophecy von Mike Lepond’s Silent Assassins

Heavy Metal / Power Metal
Veröffentlicht: 26.01.18
Frontiers Records
https://de-de.facebook.com/mikelepondssilentassassins/


Pawn and ProphecyNach einer Pause von fast vier Jahren veröffentlichen Symphony X Bassist Mike LePond und seine Silent Assassins heute ihr neuestes Werk. Es trägt den Namen „Pawn and Prophecy“. Nun ist natürlich die große Frage: Schleichen sich die Power Metaller über die Ohren in die Herzen? Verüben sie einen tödlichen Anschlag auf die Nackenmuskulatur? Oder ist das Album doch nur ein tödlicher Anschlag auf die Ohren und den guten Geschmack? Jaja, genug der schlechten Wortspiele. Das Vorgängeralbum „Mike Lepond’s Silent Assassins“ hat mich überzeugt und begeistert durch seine sich in den Gehörgang schmeichelnden Basslinien und Bassriffs und die Wahnsinns-Gitarrensoli. Allerdings bin ich kein Freund von Alan Tecchios typischer Power Metal Stimme. Aber das ist ja bekanntlich Ansichtssache. Abgesehen davon hatte mich das Album restlos mitgerissen. „Pawn and Prophecy“ überzeugt ebenfalls mit seiner Bass- und Gitarrenarbeit. Doch neben dem Licht gibt es leider auch Schatten.

Der Opener „Master of the Hall“ ist eine typische 80er Jahre Heavy Metal Nummer. Spritzig und temporeich. In die gleiche Kerbe schlägt „Avengers Of Eden“, das mit gekonnten Gitarrenläufen, einem geilen Gitarrensolo und einem Refrain mit Mitgrölpotential das Ohr erfreut. „Black Legend“ kommt etwas gemählicher daher und bietet Southern Rock Anklänge.

Bei „Antichrist“ habe ich zum ersten Mal so richtig aufgemerkt. Und da kommt die Sache mit dem Licht und dem Schatten ins Spiel. Der Song hat einen tollen Groove und wartet mit einem schweren Riff und einem tollen Gitarrensolo auf. Leider ist der Chorus absolut furchtbar mit seinen disharmonischen Synthiechören. Überhaupt! Diese nervigen, schon fast scheußlich zu nennenden Chöre vermiesen einem doch häufiger das Hörvergnügen und man fragt sich „Warum?“. Ein weiteres Highlight des Albums ist „I Am The Bull“. Exzellentes Bassintro, geiles Basssolo. Der Song ist schwer, wuchtig und stampfend und bietet eine angespannte Westernatmosphäre. Alan Tecchios Gesang unterstreicht diese gekonnt. Daumen hoch! Irgendwie drängen sich Bilder von Pistoleiros, High Noon, leeren Straßen und diesen herum wirbelnden Pflanzenballen auf. Störend sind lediglich wieder die Synthiechöre.

Mit „The Mulberry Tree“ mischt sich noch etwas mittelalterliches Flair auf die Platte. Und wieder – Licht und Schatten. Die Shakespeare Zitate kommen echt gut. Das Akustikgitarrensolo im spanischen Gypsy Style ist einfach nur der Hammer. Auch gesanglich gefällt mir der Song echt gut. Tecchios Stimme verpasst ihm das gewisse Etwas. Doch dieser schreckliche DaD (Dudelsack aus der Dose) sorgt zu Anfang und zum Schluss für einen gehörigen Dämpfer. Der Titeltrack „Pawn and Prophecy“ ist ein über 20-minütiger Klopfer. Wieder Licht und Schatten. Ein Bassintro eröffnet den Reigen. Der DaD kommt zu meinem Leidwesen auch wieder zum Einsatz. Drei Gastsängerinnen (Noa Gruman, Veronica Freeman und Phyllis Rutter) geben sich das Mikro in die Hand. Die Lyrics basieren auf Shakespeares „Macbeth“ und die drei Damen geben die drei Hexen. Der Song pendelt zwischen Heavy Metal und Akustik, variiert immer wieder das Tempo. Der Bass groovt wirklich hammermäßig und auch hier finden sich wieder Southern Rock/Metal Einflüsse. Soweit so begeisternd. Ein Pianobreak verleiht dem Song eine erhabene Note – zumindest bis die Synthies wieder stören. Aber das ist alles zu verschmerzen – denn es kommt viel schlimmer. Mal ehrlich. Dieser blöde jazzig-bluesige Break mit Hammond-Orgel Unterstützung und Hauchgesang passt so überhaupt gar nicht in den Song. Er ist auch nicht witzig, so wie der Dschingis Khan Part in Ensiferums „Two of Spades“. Er ist einfach nur schrecklich und raubt dem Song jeglichen Drive. Und nur allein, um mich zu echaufiieren, wurde zum Ende des Songs noch einmal der DaD ausgepackt. So! Ja!

„Pawn and Prophecy“ lässt mich mit gemischten Gefühlen zurück. Da sind die mitreißenden Basssoli, die groovigen Basslinien, die wahnsinnig geilen, schweren Riffs und Gitarrensoli. Die Songs sind abwechslungsreich – wenn die Experimentierfreude auch manchmal mit den Herren durchgegangen ist (siehe „Pawn and Prophecy“). Sicher, im Vergleich zum Vorgänger – auf dem Manches überraschend daherkam – kennt man das nun schon. Trotzdem, es ist gut und gefällt und versetzt einen hier und da in die 80er zurück. Umso weniger haben Mike LePond und Co. es eigentlich nötig, sich dieser schrecklichen Synthiechöre und Instrumente aus der Dose zu bedienen. Das trübt leider den guten Eindruck und schmälert das Hörvergnügen. Manchmal nervt es gar. Das ist schade, denn es vernebelt hier und da ein wenig die Sicht auf ein ansonsten gutes Album.

YouTube Channel von Frontiers Music srl: https://www.youtube.com/channel/UCBLAoqCQyz6a0OvwXWzKZag


Tracks:
1. Master of the Hall
2. Black Legend
3. Antichrist
4. I Am the Bull
5. Avengers of Eden
6. Hordes of Fire
7. The Mulberry Tree
8. Pawn and Prophecy

Band:
Mike LePond (Bass, Rhythmusgitarre, Backing Vocals)
Michael Romeo  (Gitarre, Keyboards, Drum programming)
Alan Tecchio  (Gesang)

Außerdem als Gäste dabei:
Lance Barnewold (Gitarre)
Rod Rivera (Gitarre)
Michael Pinnella (Piano/Orgel)

Duster im Kreis – „The Dismal Circle“ von Ophis

Death Doom
Veröffentlicht: 20.10.2017
FDA Records
http://ophisdoom.de/


81kds6iortl-_sl1200_

The Dismal Cricle

Tja, 2017 ist schon um, dabei ist zumindest in musikalischer Hinsicht noch lange nicht alles abgehandelt. Zum Beispiel ist in jenem Jahr das vierte Album der deutschen Death-Doom-Deibel (alles für die Alliteration) Ophis erschienen und gewiss würdig es hier zu würdigen. Ophis werden gerne in einem Atemzug mit Größen wie Paradise Lost, My Dying Bride oder Ahab genannt und es sind durchaus ein paar Ähnlichkeiten zu verzeichnen. Denn auch stilistisch, nicht nur in Sachen Können bestehen Parallelen. Ophis spielen eine dennoch eigene Mischung aus schwerfälligem Doom Metal, der unverkennbar Elemente des  Old-School-Death-Metal und hier wie da auch ein paar Sprenkler Funeral Doom enthält. Doch weg von Genre-Theoretisierung, hin zur Praxis: Sechs Lieder in gut einer Stunde Spielzeit erwarten den Hörer auf „The Dismal Circle“.

Zäh wie Teer ist der Einstieg in den Teufelskreis mit Carne Noir und Ophis beweisen gleich, dass sie nicht die Absicht haben, den Amigos Konkurrenz zu machen. Ähnlich Esoterics „The Maniacal Vale“ beginnt ein Abstieg in dunkle Gefilde. Anders als andere extremere Doom-Bands lassen Ophis aber hier schon durchblicken, dass Schneckengang nicht alles ist. Nach zwei Dritteln wird das Gaspedal auch mal einen Zentimeter weiter durchgedrückt und herrliche Death-Metal-Riffs mit Double-Bass-Untermalung aufgefahren – erinnert mich ein Wenig an Bolt Thrower. Sowieso zieht sich der Todeshauch durchs gesamte Album. Die genialen Death-Metal-Riffs geben sich die Klinke in die Hand. Besonders gelungen ist das bei Shrine of Humiliation oder The Vermin Age.

Extrem düster ist die Grundstimmung auf „The Dismal Circle“:  Hervorstechend ist dabei Engulfed in White Noise samt übrigens immer wieder stimmungsvoll eingesetzter Samples mit Schreien. Mein Highlight hier ist neben den majestätischen Leads der groovende, sehr heavye Kopfschüttelteil ab Minute Fünf. Das ist der Rhythmus, bei dem man mit muss. Leider dauert’s nur sehr kurz, erinnert dafür aber wohlig an alte Ahab-Glanztaten. Überhaupt, das ist nicht der einzige Mitgehteil, Ophis beweisen ihr Händchen für eingängige, harte Riffs

Aber auch Ruhepausen von der dahinwalzenden Todesmaschinerie gibt es genügend. Fast verträumt und schmerzhaft melancholisch wirkt der großen Platz einnehmende akustische Teil bei Ephemeral, übergehend in einen intensiven Schlussteil. In Kontrast zum sehr düsteren Rest des Liedes, stehen bei Dysmelian die atemberaubenden Leads am Ende. Auch hier gibt es keine Entschuldigung: eintauchen und mitleiden. Ebenfalls gut in diesen Reigen passt das oben erwähnte Engulfed in White Noise mit ruhigem Mittelteil und weltvergessener Melodie.

Der Ausklang des Albums schließlich greift den Grundgedanken von „The Dismal Circle“ auf: Verloren, trist und hoffnungslos wirkt die klagende Gitarre und bildet einen gelungenen Abschluss.

Ich gebe es zu. Ich war erst etwas skeptisch, weil ich Ophis erst spät für mich entdeckt habe und entsprechend verhalten reingehört habe: Die xte Death-Funeral-Doom-Band. Was kann da schon kommen? Und tatsächlich hat das Album den ein oder anderen Durchlauf gebraucht, um richtig zu zünden. Dafür dann aber umso flammender. Was Ophis von anderen Genrevertretern etwas unterscheiden mag ist die meisterhafte Mischung der verschiedenen Elemente. Vor allem der hohe Death-Metal-Anteil tut dem Album wirklich gut. Außerdem scheuen Ophis sich nicht, bei der Geschwindigkeit zu variieren und spielen nicht auf Teufel komm raus laaaaangsaaaam. Rückblickend ist „The Dismal Circle“ daher eines meiner Lieblingsalben des vergangenen Jahres.


Lieder:
1. Carne Noir
2. Engulfed in White Noise
3. Dysmelian
4. The Vermin Age
5. Ephimeral
6. Shrine of Humiliation

Besetzung:
Simon Schorneck (Gitarre)
Philipp Kruppa (Gesang, Gitarre)
Oliver Kröplin (Bass)
Steffen Brandes (Schlagzeug)

Explosiv und mit neuem Biss – „The Sin And The Sentence“ von Trivium

Modern/Heavy/Thrash/Core Metal
Veröffentlicht: 20.10.2017
Roadrunner Records
http://www.trivium.org/


The Sin And The Sentence

The Sin And The Sentence

Es ist schon ein paar Tage her, dass das neue Trivium Album „The Sin And The Sentence“ erschienen ist (Oktober 2017). Dennoch muss es unbedingt noch hier auf meinem Blog gewürdigt werden. Das Vorgängeralbum „Silence In The Snow“ sorgte ja überall für lange Gesichter und jede Menge Kritik. Der weitgehende Verzicht auf Shouts und Growls erregte Unmut und auch mir war das Album zu seicht. Der Biss fehlte einfach. Doch es gibt gute Nachrichten. Matt Heafy und Co. haben ihr Gebiss wieder aus dem Kukidentbad geangelt und können jetzt wieder kraftvoll zubeißen.

„The Sin And The Sentence“ eröffnet mit dem gleichnamigen Track und dem folgenden „Beyond Oblivion“ druckvoll. Rasend schnell und aggressiv fliegen einem atemberaubende Blastbeats um die Ohren. Überhaupt. Alex Bent, der Neue an den Drums, gibt der Band hörbar Auftrieb und bringt Abwechslung rein. Angriffslustige Shouts, Chorshouts und rasende Gitarren zwischen ansprechenden Riffs, Hochgeschwindigkeitsthrashgeschrammel und Black Metal Tremolo Picking wie in „Betrayer“. Dennoch verfallen Trivium dabei nie in blinde Raserei. Melodiöse Parts, ausgewogener Cleangesang und majestätische Gitarrensoli wie in „Endless Night“ runden das Album ab. So fügen sich auch zurückgenommenere, ruhigere Titel wie „The Heart From Your Hate“ perfekt ein. Mein Favorit ist „Sever The Hand“. Mehrere Tempowechsel, Heafys wandelbare Stimme zwischen Clean und Shouts, Coreelemente und ein absolut geiler Thrashschrammelteil machen den Song abwechslungsreich und vielschichtig. „The Revanchist“ dröppelt zu Beginn ein bisschen vor sich hin. Aber dann nimmt der Song an Tempo auf und zieht einen in seinen Bann, in dem er gekonnt verschiedene Stile miteinander verknüpft und harte, rasende Shouts und sanften Cleangesang nebeneinander existieren lässt. Die Vielschichtigkeit der Triviumsongs zieht sich eigentlich durch das ganze Album bis zum letzten Ton. Auch „Thrown Into The Fire“ vereint Core, Progressive, Thrash und Blackmetal Elemente gekonnt miteinander. Bassist Paolo Gregoletto verleiht besonders dem Anfang das gewisse Etwas. Und ich sach nur: Solo anhören! Die WahWah Gitarre ist der Hammer.

Es ist also an der Zeit aufzuatmen. Trivium haben die Seichtheit von „Silence In The Snow“ weit hinter sich gelassen und liefern mit „The Sin And The Sentence“ ein grandioses Album mit Banggarantie ab. Die Herren vereinen auf dem Album Elemente aus dem Metalcore, Thrash, Black, Death und Progressive Metal zu einem explosiven Mix. Agressiv, schnell, vielschichtig und abwechslungsreich. Treibende Blastbeats, extrem variantenreiches Drumspiel, heftige Shouts, atemberaubende Gitarrensoli – was will man mehr. Melodiöse Parts und Cleangesang sorgen für die nötige Abrundung. Das Album ist typisch Trivium. Nicht unbedingt neu und sensationell. Aber: Es ist gerade deswegen gut, weil die Jungs ihre Stärken ausspielen! Macht Spaß! Sehr gelungen!

YouTube Channel von Trivium: https://youtu.be/hHp5malMvHE

YouTube Channel von Alex Bent: https://www.youtube.com/channel/UCikP_ttW8TPfm-qMpQeUaZQ


Tracks:
1. The Sin And The Sentence
2. Beyond Oblivion
3. Other Worlds
4. The Heart From Your Hate
5. Betrayer
6. The Wretchedness Inside
7. Endless Night
8. Sever The Hand
9. Beauty In The Sorrow
10. The Revanchist
11. Thrown Into The Fire

Band:
Matt Heafy  (Gesang, Gitarre)
Corey Beaulieu  (Gitarre)
Paolo Gregoletto  (Bass)
Alex Bent  (Schlagzeug)