Ausbrechende Gewitterwolke – Killing Starts Where Hate Begins von Enoch

Alternative / Groove Metal
Veröffentlicht: 31.01.20
Soundmass
https://www.facebook.com/enoch.nz


cover Enoch - Killing Starts Where Hate BeginsNeulich stellte ein Bekannter sich während seines Umzugs die Frage, wie er in Zukunft seine Musiksammlung strukturieren sollte. Wieder nach Genres unterteilt und alphabetisch sortiert oder sollte er es wagen, die Genregrenzen aufzulösen und zu schauen, was passiert, wenn Sepultura neben Sido landet. Meine digitale Playlist ist schon so strukturiert und ich kann nur sagen, es kommen herrliche Dinge dabei heraus. Wenn auf Vader plötzlich Paul Anka folgt, gibt dir das einen ganz neuen und unverbauten Blick aufs Leben. Die eigene Komfortzone verlasse ich auch mit der Debüt EP von Enoch. „Killing Starts Where Hate Begins“ heißt das gute Stück und schon über den Titel sollte man kurz mal nachdenken. Danke! Die Alternative/Groove Metaller kommen aus Neuseeland und Sängerin Lorraine Brodie hat die Oberhoheit über das Mikrofon. Wer mich ein bisschen kennt weiß, dass ich mich mit Sängerinnen traditionell schwertue. Jaja…es ist halt so, verdammt. Doch im Fall von Enoch hat es sich gelohnt, die eigenen Grenzen zu verschieben.

Denn Lorraine Brodie ist nicht irgendeine Wald- und Wiesensängerin, die operesk vor sich hintrilliert. Nein, sie haut richtig raus und ist dabei extrem wandelbar. In den fünf Songs auf „Killing Starts Where Hate Begins“ klingt ihre Stimme mal klar, mal schmeichelnd, mal dreckig, mal growlt sie wütend und mal klingt sie ziemlich durchgeknallt. Erinnert mich bisweilen an die frühe Nina Hagen. Natürlich gibt es zur Sängerin auch noch eine Band. Eine gute sogar, die man unter keinen Umständen vernachlässigen sollte. „Pieces“ groovt sich mit djentigem Rhythmus und jeder Menge Bass ziemlich cool voran. Der sehr präsente Bass von John Brodie verleiht dem Album Charakter und wummernde Tiefe. „Reasons Why“ bietet uns ein geschmeidiges Riff, eine aufjaulende Gitarre und die gesamte stimmliche Varianz der Lorraine Brodie perfekt aufeinander abgestimmt. „Stranger“ greift mich mit einem geilen Gitarrensolo von Micheal Germon. Der leicht entrückte und gleichzeitig handfeste Klang der Gitarre passt exzellent. „Loner“. Tiefes, drückendes Riff, Growls, rhythmisch perfekt unterstützt von Drummer Ross Curtain. Dann erhebt sich die Gitarre mit hektisch, grooviger Melodie. Sehr cool. „Bow And Be Devoured“ schaltet tempomäßig einen Gang zurück. Teilweise cleane Gitarre, cleaner Gesang. Baut sich aber auf wie eine Gewitterwolke, die dann losbricht. Schwer, dunkel, dräuend. Herrlich.

Äußerst gelungene Debüt EP von Enoch. Den Neuseeländern gelingt mit „Killing Starts Where Hate Begins“ ein Album, das schwer, drückend, düster und dabei doch äußerst groovig und modern daherkommt. Reinhören!

YouTube Channel Enoch – Official


Tracks:
1. Pieces
2.Reasons Why
3.Stranger
4.Loner
5.Bow and Be Devoured
6.Reason Why (Live)

Band:
Lorraine Brodie – Gesang
Micheal Germon – Gitarre, Gesang
John Brodie – Bass
Ross Curtain – Schlagzeug

Neujahrsträgheit wegbangen – Beast In Me von Melodramatic Fools

Thrash/Death/Heavy Metal/ Hard Rock
Veröffentlicht: 24.01.20
Eigenveröffentlichung
www.melodramaticfools.com
www.facebook.com/m.fools


BeastInMeMit frischem Wind aus Marktredwitz starten wir ins Metaljahr. Am 24.1. erscheint das neue Album der Melodramatic Fools. „Beast In Me“ heißt das Werk und es umfasst 11 Songs, die uns hoffentlich helfen die restliche Weihnachts- und Neujahrsträgheit wegzubangen. Mit ihrer 2017 erschienenen EP „Dog In The Rain“ hat das ja schon prächtig funktioniert.

Und auch die Aussichten für das neue Album sind glänzend, denn die Fools präsentieren uns Songs wie „Beast In Me“, „We Are The Fools“ oder „The Higher You Fly“, die mit Nackenbrechertempo, einem erfrischenden Spritzer Aggressivität, ansprechenden Riffs und Melodien  und eingängigem Refrain sofort ins Ohr gehen, von welchem aus es nur einen Befehl ans Hirn geben kann: Bangen! Doch die Fools gehen noch einen Schritt weiter und überraschen immer wieder mit Variationen im Rhythmus, im Gesang, im Tempo und bauen hier und da kleine und große Überraschungen und Details ein, die unglaublich viel Spaß machen. „The Higher You Fly“ zum Beispiel. Man bangt und groovt so vor sich hin und dann kommt dieser rhythmisch coole Break mit immer wieder gequält aufjaulender Gitarre, während Sänger Simon Pachali zunehmend manisch „Head shot“ growlt.

„Be My Little Slave“ setzt im Intro auf eine coole Bassmelodie, ein wunderbares Gitarrenriff, ein geiles Gitarrensolo, Tempowechsel, spacige Gitarreneffekte und ein beachtliches Repertoire an Screams und Growls. In „No Forever“ gehen Drums und Bass eine reizvolle Liaison ein, untermalt vom drängenden Gitarrenrhythmus bevor das Ganze in eine ansprechende Gitarrenmelodie übergeht. Ein breites Grinsen machte sich auf meinem Gesicht breit, als ich zum ersten Mal das kleine, aber feine und überraschende Rockabilly Gitarrenintro von „Little Piece Of War“ hörte. Ehrlich gesagt auch noch beim zweiten und dritten Mal. Wie cool. Wie witzig. Es hat irgendwie in Kombination etwas slapstickartiges. Sehr gelungen. Im weiteren Verlauf prägen der treibende Rhythmus und der eingängige Refrain den Song – auf der Flucht vor den giftigen Pfeilen der Sioux? In „Feed The Greed“ setzen die Fools gegen Ende auf hallige, stark verzerrte Gitarren und Killer-Screams – ein bisschen Surrealismus ist also auch mit am Start. In völligem Kontrast dazu steht das langsame, melancholische „Ben“ mit seinem cleanen Gitarrenbeginn. Die Fools beschließen ihr Album mit „R.I.P.“, einer Hommage an bereits verstorbene Rocklegenden. Southern Rock Feeling kommt auf.

Sodele. Die Neujahrsträgheit haben die Melodramatic Fools sowas von weggerockt. Auf „Beast In Me“ befindet sich jede Menge Musik, die Spaß macht und erfrischend aggressiv, tonnenschwer und gleichzeitig federleicht daherkommt. Die Jungs präsentieren eine Fülle an Riffs und Melodien, die sofort ins Ohr gehen. Stimmlich präsentiert sich Sänger Simon Pachali variabel zwischen cleanem Gesang, dreckigem Rockgesang und Growls. Die rhythmische Vielfalt ist ebenfalls groß, so dass es nie langweilig oder gar eintönig wird. Dafür sorgen auch die kleinen, feinen Kniffe und Überraschungen, die akzentuiert eingesetzten Gitarreneffekte, das Rockabillyintro oder die reizvolle Kombination der Instrumente. Mit ihren Texten greifen die Fools die verschiedensten Themen auf und stellen sie in ein kritisches Licht. Sei es die Kultur des Wegschauens, die Doppelmoral der Kirche, der Tod oder das liebe Geld, das die Welt regiert. Auf jeden Fall reinhören!

YouTube Channel Melodramatic Fools



Tracks:
1. Intro
2. Beast In Me
3. We Are The Fools
4. Be My Little Slave
5. No Forever
6. Little Piece Of War
7. Feed The Greed
8. Ben
9. Hypocrite
10. The Higher You Fly
11. R.I.P.

Band:
Simon Pachali – Gesang, Gitarre
Maximilian Hager – Gitarre
Timo Wöhrl – Bass
Tobias Holzinger – Schlagzeug

Eine Geschichte von Dunkelheit und Depression – A Dark Lament von Mortem Atra

Melodic Death Metal / Doom Metal
Veröffentlicht: 6.12.2019
Pitch Black Records
https://www.facebook.com/Mortem-Atra-Official-230874790321813/
https://pitchblackrecords.bandcamp.com/album/a-dark-lament


cover MORTEM ATRA - A Dark LamentMit und durch Metal die Welt entdecken. Es ist immer wieder schön zu sehen, dass es anscheinend auf jedem Flecken unseres Erdenrunds eine talentierte Metalband gibt, die dem Genre eine paar neue Töne und Klänge hinzufügt und alles wieder ein wenig anders interpretiert. Heute möchte ich euch Mortem Atra aus Zypern näher bringen. Die Band existiert seit 2011 und veröffentlichte am 6.12. ihr Debütalbum „A Dark Lament“. Uns erwartet eine Mischung aus Melodic Death und Doom Metal mit melodisch-orientalischen Einflüssen. Das Album widmet die Band ihrem an Krebs verstorbenen Drummer Tasos Bratsos, den wir auf „A Dark Lament“  trommeln hören. Nicht nur die Musik der Zyprioten ist bemerkenswert, auch die eindringlichen, aufwühlenden Texte, die von inneren Kämpfen, Depression und Dunkelheit erzählen, gehen unter die Haut.

„A Dark Lament Prologue „ stimmt perfekt auf das Album ein. Gesprochene Worte, untermalt von Synthistreichern und eine Botschaft, die sich folgendermaßen zusammenfassen lässt: Schöne Albträume! Im Anschluss entfaltet sich das Album in all seinen schön-schaurigen Facetten. „Frozen Illusion“ zieht einen mit einem rhythmisch eindringlichen Gitarrenriff, einem trockenen Schrei und den Gänsehaut erzeugenden, aus tiefster Tiefe stammenden Growls von Sänger Takis Antoniou sofort in seinen Bann. Eine Synthistreichermelodie bietet einen zarten, aber nicht weniger unheilvollen Kontrast und ein melodisches Gitarrensolo setzt dem Ganzen die Krone auf. Dass Puppen immer Unheil bedeuten, weiß jeder bewanderte Horrorfilmgucker. „The Puppet“ beginnt mit einem Xylofon-Intro, gaukelt irgendwie Frieden, heile Welt und Geborgenheit vor. Zum ersten Mal hören wir die klare, liebliche Stimme von Keyboarderin und Sängerin Christina Papadjiakou. Die Growls von Takis Antoniou bilden dazu einen rauen, reizvollen Gegensatz. Der ganze Song wird beherrscht von diesem Gegensatz zwischen Lieblichkeit und Düsternis. Gegen Ende wechselt das Tempo von schreitend zu schneller schreitend. Double Basses, schreddernde Gitarren und das immer wieder ausgestoßene Wort „The Puppet“ kreieren eine schaurige Atmosphäre.

Das können die Zyprioten wirklich gut. Dieses Spiel zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit, zwischen lieblich und düster. Einfach perfekt. Und mir gefällt wirklich gut, wie sie die verschiedenen Instrumente einbinden. In „A Voice“ verbindet sich ein eindringliches Gitarrenriff mit dem im Hintergrund unheilvoll dräuenden Bass, Synthistreichern und den Stimmen der beiden Sänger zu einem perfekt abgestimmten Ganzen. In „Evil Rise“ sind es die Drums, ist es der eigenwillige Rhythmus, den die Gitarren dann aufnehmen. Ein temporeiches Gitarrensolo forciert, gesprochene, ausgespuckte Worte voll Wut und Hass heben den Song wieder auf eine neue Ebene. Und wieder ein Twist. In „In Superstitious Breath“ hören wir zum ersten Mal die cleane Singstimme von Sänger Takis Antoniou. Cleane Gitarren, Streicher und ein orientalischer Touch geben dem Song Charakter. „Mirror“ ist wiederum ruhig, melancholisch und – hach – ich liebe den wunderbaren Klang dieser klaren, leise klagenden Gitarren. Ruhig beginnt auch „Harmful Obsession“ mit einer wunderbaren, cleane Gitarre in die sich Piano und Streicher mischen. Christina Papadjiakou und Takis Antoniou im Duett. Herzzerreißend. Der Song ändert sich ungefähr ab der Hälfte zum Unangenehmen. Fiese Growls, wirklich superfies. Manisch. Irre. Ausgeflippt. Eindringlich. Die Gitarre unterstützt das Ganze mit einem leicht dissonanten Lauf. Mein absoluter Favorit. Super gelungen. Perfekt komponiert. Gänsehaut. „Depressed“ beschließt das Album mit Donnergrollen, Chor, Streicher und einem Hauch von Candlemass.

Ich liebe Alben, die wie eine Geschichte, wie eine Mär aus einem alten, verstaubten Märchenbuch sind. Als würde ein Barde sie abends am warmen Lagerfeuer zum Besten geben und man rückt noch ein wenig näher ans Feuer – streckt die Hände hilfe- und schutzsuchend zu den züngelnden Flammen und hofft, dass sie die Finsternis fern halten. So ist für mich „A Dark Lament“. Mortem Atra gelingt es durch die Kombination der verschiedener Instrumente, die alle ihre Momente haben und zum Ganzen beitragen, eine Geschichte von Dunkelheit, Irrsinn und Depression zu erzählen, die unter die Haut geht und einen frösteln lässt. Bedrückend und düster. Besonders eindringlich gelingt das Takis Antoniou mit seinen irren Growls, die manchmal förmlich ausrasten. Aber ich liebe auch die klaren, bildschönen Gitarrenmelodien, die Streicher, die ausgefeilte Rhythmik und Christina Papadjiakous Stimme, welche hier und da einen zarten Lichtstrahl in die Dunkelheit sendet. Ein Album, das berührt und nachwirkt!


Tracks:
1. A Dark Lament Prologue
2. Frozen Illusion
3. The Puppet
4. A Voice
5. Evil Rise
6. Hymn of Doom
7. In Superstitious Breath
8. Mirror
9. Harmful Obsession
10. Depressed

Band:
Takis Antoniou – Gesang
Christina Papadjiakou – Keyboards / Gesang
Marios Gavrielides – Gitarre
Valantis Pavlou – Gitarre
Aris Ioannou – Bass
Antonis Papas – Drums (album drums recorded by Tasos Bratsos)

Doom² – [B O L T] vs. Morasth – Split

Doom/Drone/Noise/Sludge/Black
Veröffentlicht: 22.11.2019
dunk!records
https://wearebolt.bandcamp.com/
https://morasth.bandcamp.com/music


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[B O L T] und Morasth. Zwei Mal Dunkelheit, zwei Mal Verderbnis, zwei Mal tief versumpfen irgendwo im Dröhnen und Scheppern der Langsamkeit. Auf der Split-LP der beiden Genreverwandten hat jede der Gruppen ein Lied um die 20 Minuten, wie es sich wohl gehört – jedenfalls steigt gefühlt die Zahl der zweiliedrigen Splits mit 40 Minuten Laufzeit stetig an -, beigesteuert. Da kommt natürlich genremäßig zusammen, was zusammen gehört – und das Cover könnte kaum besser sein. Was wird also auf den beiden Vinylseiten, rein digital gibt’s natürlich auch, geboten?
Fangen wir doch mit [B O L T] aus Duisburg an. Die bezeichnen ihre eigene Musik unter anderem als repetitiv, experimentell, bedrohlich, düster und natürlich langsam. Eine ziemlich treffende Selbstbeschreibung. Denn zäh mäandert es da aus den Lautsprechern. Vor allem aber dröhnend. Zwei Bässe plus Schlagzeug. Das Rezept kommt entfernt bekannt vor, haben doch beispielsweise Bell Witch eine ähnlich Konstellation, wenn auch nur einen Bass. Zieht man das ab, bleibt allerdings nicht viel Gemeinsamkeit. Ja, der Bass dröhnt auch hier ganz ordentlich und es gibt jede Menge Doom. Funeral steckt aber nicht so sehr drin. Doch das Lied, „(06)“ betitelt, ist lang, sehr lang und, anders als ich das oft betone, nicht unbedingt kurzweilig. Es tost allenthalben und das Tempo ist in der Regel langsam, ganz, ganz langsam. Umso überraschender sind die eingestreuten Schlagzeug-Einlagen. Genre-untypisch gibt es immer wieder hektische Double Bass oder auch mal schmetternde Blast Beats, wobei sich der Bass in Sachen Geschwindigkeit unbeeindruckt zeigt. Da schimmert ein Hauch Black Metal durch, der der Klangmelange ganz gut tut. Stellenweise an das ebenfalls schwerfällige Wright Valley Trio aus Wiesbaden erinnernd, bietet sich ein düsterer Sumpf aus schwarzem Teer, aus dem es kaum ein Entkommen gibt. So lädt „(06)“ zum Verweilen ein und im Gegensatz zur freundlichen Kneipe nebenan ob man will oder nicht. Hypnotisiert mit Druck auf den Ohren gibt es nicht viel mehr, als sich in die undurchdringlichen Tiefen hinabziehen zu lassen.
Morasth aus Mainz und somit dem im Rhein-Main-Gebiet ansässigen vielleicht nicht unbekannt steuern „Ut in caligine terrae residam, tamen patria aether manet“ bei. Der Bandname kommt natürlich nicht von ungefähr. Dennoch zeigen sie sich im Vergleich mit [B O L T] ein Stückchen zugänglicher und sind, wenn auch nicht auf der sonnigeren, doch eher auf der doomigen als dronigen Seite des Lebens unterwegs. Die Songstruktur ist klarer ausdefiniert, Stringenz wird hier eher hochgehalten und ein schöner Break lässt aufhorchen. Selten ziehen die Morasth sogar das Tempo etwas an, fast schon rockig. In solchen und ähnlichen Momenten kann man gar nicht anders, als ordentlich mitzuwippen. Ganz anders als bei den Split-Kollegen schimmert hier und dort ein Anschein von Melodie durch den dickflüssigen, schwarzen Nebel. Vom vertonten Meenzer Frohgemut ist man freilich dennoch weit entfernt. Tiefe, tiefe Riffs wummern beständig vor sich hin, getrieben von Bass, Verzerrung und Schlagzeug.
Wer also Schnecken als irgendwie hektische Tierchen, Schwarz als doch etwas zu hell und Presslufthammer viel zu melodisch findet, der möge ein Ohr riskieren. Enttäuschung gibt es woanders.


Lieder:
1. (06) von [B O L T]
2. Ut in caligine terrae residam, tamen patria aether manet von Morasth

Fragilität und Dramatik. Time Is Not On Your Side von Sonus   Corona

Progressive Metal
Veröffentlicht: 22.11.2019
Inverse Records
https://www.facebook.com/sonuscoronaofficial
https://sonuscorona.bandcamp.com


sonus_corona-time800„Time Is Not On Your Side“ – das mag sich so manch einer denken, wenn er morgens in den Spiegel blickt oder wenn er auf dem Weg zur Arbeit im Stau steht. „Time Is Not On Your Side“ ist aber auch der Titel des zweiten Albums der finnischen Progressive Metaller Sonus Corona – und das hat es wahrlich in sich, denn es gibt an allen Ecken und Enden etwas zu entdecken. Inhaltlich befasst sich das Album mit dem Kampf mit der Flüchtigkeit des Verstandes. Wie die Finnen dieses Thema in ihren 11 Songs musikalisch verpacken ist wirklich faszinierend und begeisternd. Also los.

Das Intro „Induction“ gibt schon einen guten Ausblick auf die große Diversität an Instrumenten und Klängen, die Sonus Corona einsetzen: spacige Synthis, sanft perlende Pianoklänge, E-Orgel, mal schwere drückende, mal klagende Gitarren unterstützt von mal treibenden, mal unterstreichenden Drums. Das ganze Paket erinnert mich ein wenig an Opeth. Auch stimmlich. Der zweite Song, „Unreal“ packt dann zu den schon genannten Klängen noch Bass und Streicher dazu. Hach – seufz – so schön. Und so unbehaglich zugleich. Genial. Der Rhythmus treibt und beunruhigt. Die tiefen Pianoklänge zeichnen eine dunkle Stimmung und bringen Dramatik ins Spiel. Ganz anders wiederum ist „Swing Of Sanity“. Swing Drums und Swing Piano mit proggigen Gitarren und proggigem Bass – der Hammer. Macht einfach Spaß und wenn man sich den Fuß nicht zufällig bei der letzten Heimwerkersession mit der Nagelpistole  am Boden festgetackert hat, muss man einfach mitwippen. Es geht gar nicht anders. „Illusions“ wiederum ist ruhig, fragil, melodiös. Und auch auf die Gefahr hin, dass ich langsam als Heulsuse rüberkomme, aber es ist zum Heulen schön. Cleane Gitarren und eine klare, melancholische Stimme. Manchmal ist das alles, was es braucht. Und wieder macht das Album eine Kehrtwende. „Time Is Not On Your Side“ brettert mit Tempo und eingängigem, proggigem Gitarrenriff los und bietet ein schönes, entrücktes Gitarrensolo. Mit „Moment Of Reckoning“ haben die Finnen auch ein Instrumental auf das Album gepackt. Geiles Gitarrenriff, ein bisschen Metaloper vom Gefühl her. Mir allerdings, wie auch an anderen Stellen, manchmal etwas zu synthi-lastig, aber das ist Geschmackssache. Auch der letzte Song „Here“ transportiert Dramatik, wirft 9 Minuten lang noch einmal alles in die Waagschale, was uns zuvor so auf dem Album begegnet ist und bringt noch ein wenig weibliche Gesangspower mit ins Spiel.

Nachdem der letzte Ton verklungen ist, lässt „Time Is Not On Your Side“ mich noch eine Weile in mich lauschen. Das Album ist tiefsinnig und intensiv, bringt einen zum Nachdenken, löst Unbehagen aus, richtet dann aber wieder auf und stärkt. Es birgt jede Menge Kraft und Dramatik und verbindet perfekt harte Riffs mit zarten Melodien; proggige, aufgedrehte Passagen mit ruhigen, melancholischen. Es fährt schon allein von den Klängen und Instrumenten eine wahnsinnige Bandbreite auf, die sich auch in Rhythmik, Tempo, Stimmung und Melodik weiter durchzieht. Das verbindende Element ist Timo Mustonens klare Stimme. Langweilig wird es dank der Vielseitigkeit von Sonus Corona mit „Time is Not On Your Side“ also auf keinen Fall. Unbedingt anhören!

InverseRecordsFIN


Tracks:
1. Induction
2. Unreal
3. The Refuge
4. Swing Of Sanity
5. Oblivion
6. Illusions
7. Time Is Not On Your Side
8. Moment Of Reckoning
9. To The Ground
10. Fading
11. Here

Band:
Ari Lempinen (Gitarre, Gesang)
Harri Annala (Gitarre)
Aki Niemi (Bass)
Rasmus Raassina (Schlagzeug)
Esa Lempinen (Keyboards)
Timo Mustonen (Gesang)

Lärm mit Sinn und Verstand. Scylla/Charybdis von Lady Crank

Punk / Metal / Post Hardcore / Grunge
Veröffentlicht: 23.11.19
http://www.ladycrank.de
https://ladycrank.bandcamp.com/


ARTWORK-01Dass ich ab und an auf infernalischen Lärm und manisches Geschrei stehe, dürfte inzwischen hinlänglich bekannt sein. Und wie es der Zufall so will, liefern Lady Crank aus Berlin/Hannover infernalischen Lärm mit manischem Geschrei vom Feinsten. Es bei dieser Charakterisierung zu belassen würde ihrem aufpeitschenden, wütenden Mix aus verschiedenen Musikstilen allerdings nicht gerecht. Das neue Album „Scylla/Charybdis“ erscheint am 23.11. digital und auf CD und enthält 11 Songs. Was hat es also zu bieten?

Scylla und Charybdis sind zwei Meeresungeheuer, welche der griechischen Mythologie entspringen und jeweils ein Ende einer Meerenge besetzen. Jedes von ihnen hat seine ganz eigenen unangenehmen Features. Der Albumname gibt uns also den Hinweis, dass es irgendwie um die Wahl zwischen zwei Übeln gehen muss. Das Pianointro „Phenomenon“ ist der ruhigste und friedlichste Part des Albums, hinterlässt aber schon mal ein Flattern in der Magengrube. Genau dort landet „Polymorph“ dann mit voller Wucht. Herrlich. Manisch. Punkig. Schnell. Geil. Lady Crank spielen einen tollen Mix aus Punk, Metal, Post Hardcore und Grunge, der Spaß macht. Und zwar jede Menge davon: Das groovige, punkige „Feed The Rats“, das trotz eingängigem Refrain nicht glattgebügelt wirkt oder die ebenfalls punkigen Songs „Persephone“ (wohoo, sehr coole Bassline) oder „Fruits Of Apathy“ mit seinem  Wahnsinnsbreak mit halliger Gitarre. Eher grungig mit einem Hauch von Soundgarden und einer Stimme, die mich hier an Steven Tyler erinnert, kommt „What Comes Next“ daher. Und dann wieder bekommt man feinstes Metal Riffing zu hören wie in „Attention“ oder einem meiner persönlichen Favouriten „Celebrating Deathlessness“, das zwischendurch Deathmetalfeeling verbreitet.

„Scylla/Charybdis“ ist wütend, laut, düster, roh, rotzig und aufpeitschend. Wer quasi auf feine, ausgefeilte Laubsägearbeiten steht, ist hier falsch. Hier kommt eher die Motorsäge und dann und wann gar die Axt zum Einsatz, was meinem Naturell sehr entgegenkommt… hüstel. Damit meine ich allerdings nicht die musikalische Qualität, die ist top. Lady Crank machen keinen Lärm ohne Sinn und Verstand, sondern geilen Krach mit manischem Geschrei, der trotzdem absolut ins Ohr, den Kopf, den Nacken und das Herz geht. Was wollte ich mit dem seltsamen Vergleich jetzt eigentlich ausdrücken? Ah ja. Anhören! Lohnt sich! Und wenn ihr mehr über Lady Crank und ihre Musik erfahren wollt, könnt ihr euch schon auf mein Interview mit Sänger Janni freuen.


Tracks:
1. Phenomenon
2. Polymorph
3. Feed The Rats
4. Symbols And Interpretations
5. What Comes Next
6. Fruits Of Apathy
7. Celebrating Deathlessness
8. Attention
9. Experimental Lust
10. As Big As A Giant But Still A Coward
11. Persephone

Band:
Janni Stefos (Gesang, Gitarre)
Johannes Horas Möllers (Bass, Gesang)
Christoph Schöneberg (Schlagzeug, Gesang)

Power, Energie und erfrischende Aggressivität – „Diabolical World“ von Diabolical Mental  State

Thrash Metal/ Groove Metal
Veröffentlicht: 13.09.2019
Selbstveröffentlichung
https://www.facebook.com/diabolicalmentalstate


logoSei Wasser! Diese hilfreiche Empfehlung bekommen wir auf dem Debütalbum „Diabolical World“ von Diabolical Mental State. Eigentlich gab uns einst Bruce Lee diesen philosphischen Rat, aber die portugiesischen Thrash Metaller greifen ihn wieder auf und verpacken ihn in ein ansprechendes, musikalisches Gewand, wie wir gleich noch hören werden. Wenn damit nun gemeint ist „Fühl dich wie ein Schluck Wasser in der Kurve!“, habe ich heute Meisterschaft erlangt. Doch ich habe so das vage Gefühl, dass es darum nicht geht. Nur ganz vage. Deshalb lege ich die Phiolosophie einstweilen beiseite und widme mich lieber „Diabolical World“. Nach der EP „Basic Social Control“ von 2014 ist es das erste Album in voller Länge und es präsentiert uns 10 Songs.

Den Anfang macht ein instrumentales Intro, dominiert von dramatischen, düster dräuenden Akustikgitarren. Sehr stimmungsvoll. Danach ziehen die Portugiesen das Tempo aber an und lösen es auch kaum noch. Kopf und Nacken grooven sich schnell ein und bangen quasi durch. So erwartet man das von einem guten Thrash Metal Album. Allerdings bieten Diabolical Mental State mehr als verstaubten Old School Thrash. „The Town“ zum Beispiel ist unheimlich luftig und groovig. Auch „Home Invasion“ startet mit einem coolen Bassintro, das ordentlich groovt. Weitere Zutaten des unwiderstehlichen Sounds von Diabolical Mental State sind die Gitarrensoli, die das Herz vor Freude in die Hände klatschen lassen. Zu hören in „Home Invasion“ oder „Anger Within“. „Home Invasion“ entwickelt mit seinen doppelläufigen Leads ein bisschen Battle-Charakter, was wiederum den sozialkritischen Text unterstreicht. Auch João Saraivas Schreigesang und die gesprochenen Passagen, die in jedem Song  auftauchen, untermalen den sozialkritischen Anstrich.

Power und Aggressivität verströmt das zackige Hardcore- und Djentriffing wie in „Jungle“, „Dark Days“ oder „Anger Within“. Überhaupt. „Anger Within“. Großartig. Es beginnt mit einer gesprochenen Anklage, rifft sich dann djentig voran, wartet mit einem cleanen Zwischenpart auf, um schließlich ein packendes Solo rauszuschleudern, sich wandmäßig aufzubauen und dann völlig auszurasten. Wohooo kann ich da nur sagen! Hab Schweißflecke unter den Armen vor Begeisterung. Mein zweites Highlight auf „Diabolical World“ heißt „Children Of The Tides“. Ganz überraschend beginnt der Song mit Ozeanrauschen. Es folgt ein nettes und nachdrücklich wiederholtes „This is for you motherfuckers!“ Dann grummelt der Bass mitreißend los, das Gitarrenriff peitscht rein, das Gitarrensolo lässt dich begeistert nicken. Es folgt das gesprochene Zitat von Bruce Lee mit dem Wasser und den Flaschen. Pause. Grad als du denkst, die Boxen sind kaputt, geht es weiter mit einem cleanen Gitarren- und Trommelpart mit leichtem Ethno Feeling.

Das Debüt ist sowas von geglückt, würde ich sagen! „Diabolical World“ bietet hochqualitativen Nackenbrecherthrash. Gleichzeitig offeriert das Album aber so viel mehr! Melodische Leads, groovige und djentige Riffs. Trotzig und wütend herausgeschriene, kritische Texte. Power, Energie und eine erfrischende Aggressivität, die in reizvollem Gegensatz stehen zu dem ein oder anderen leisen Moment.

YouTube Channel von Diabolical Mental State


1. Intro
2. The Town
3. Home Invasion
4. Jungle
5. Elements of War
6. Dark Days
7. Anger Within
8. Children of the Tides

Band:
João Saraiva – Gesang
Pedro Isaac Ribeiro – Gitarre
Ricardo „Apache“ Neto – Bass
Gonçalo Assunção – Gitarre
Rafael Santos – Schlagzeug

Grandioser Auftakt. Reader Of The Runes – Divination von  Elvenking.

Folk Metal/Power Metal
Veröffentlicht: 30.08.2019
AFM Records
http://www.elvenking.net/


Huch, schon wieder zwei Jahre um. Nicht ganz, aber fast. Potztausend. Die Ankündigung des neuen Elvenking Albums „Reader Of The Runes – Divination“ traf mich einigermaßen unvorbereitet. Jetzt bin ich aber wieder in der Spur und ich sage mal, ihr dürft euch auf ein grandioses Album freuen. Wie immer hatte ich etwas Bauchweh, wegen der kurzen Zeit, die zwischen „Secrets Of The Magick Grimoire“ und „Reader Of The Runes – Divination“ liegt, aber das löste sich schnell in Luft auf. Dazu gleich mehr. Das neue Album bildet jedenfalls den Auftakt zu einer mehrere Alben umfassenden Reihe. Erzählt wird eine Geschichte, die in einer völlig eigenen Welt spielt. Das zehnte Album der italienischen Folk und Power Metaller ist also ein Konzeptalbum und macht neugierig darauf, wie die Sache weitergeht.

„Reader Of The Runes – Divination“ startet mit einem netten kleinen, folkigen „Ahaha, Trommel-Violine Intro“ namens „Perthro“, das den Hörer gleich abholt und in die musikalische Welt von Elvenking mitnimmt. „Divination“ und „Silverseal“ wurden schon im Vorfeld veröffentlicht. Vor allem „Divination“ entpuppt sich als Ohrwurm mit elvenkingtypischen Qualitäten: gefällige Melodie, eingängiger Mitsingrefrain, wunderschöne Gitarren- und Violinenparts. Der Song enthält genau den Mix aus Folk und Power Metal, der die Band ausmacht. „Silverseal“ schlägt in eine ähnliche Kerbe, ist aber ein wenig harscher und Damnas stimmliche Varianz blitzt hier zum ersten Mal auf. Außerdem gibt’s noch ein tolles Violinensolo. In „The Misfortune Of Virtue“ legt er da noch eine Schippe drauf. Halb gesungen, halb gesprochen. Auch Tempo und Härtegrad legen zu. Piano, Drums, Gitarren und Bass erzeugen leicht chaotische Soundwände, die einen einlullen, so dass man manchmal nicht mehr richtig weiß, wo man sich befindet. Auch die Tempowechsel sind sehr effektvoll und stimmig.

Dann wird es etwas sanfter. Das folkige „Eternal Eleanor“ schlendert tempomäßig so dahin, ist aber trotzdem sehr kraftvoll. Der Song lebt vom Spiel zwischen akustischer Gitarre und Violine, seiner träumerischen Melodie und dem Wechsel zwischen einer weiblichen und Damnas Stimme. „Diamonds In The Night“ zeigt wieder eine andere Facette der Italiener. Interludemäßig, mit akustischer Gitarre, gesungene und geflüsterte Worte. Wirklich sehr atmosphärisch. Und damit haben wir noch längst nicht alle Facetten dieses Diamanten betrachtet. „Malefica Doctrine“ sticht definitiv hervor, denn es ist ein ordentliches Brett. Der Song zieht das Tempo mächtig an. Blastbeats hageln uns um die Ohren, Growls und Gitarren erzeugen Death Metal Feeling, epische Chöre, Orgel, hallige Gitarren und Glockengeläut am Ende sorgen für eine gehörige Portion Epik. „Reader Of The Runes – Book I“ packt dann nochmal alles, was die Musik von Elvenking ausmacht, gekonnt in einen Song. Ein epischer Hammer-Rauswerfer der Extraklasse. Schon der Einstieg ist furios und wuchtig. Natürlich dürfen die erhabenen Chöre nicht fehlen. Eine traumhafte Violinenmelodie, ein eingängiger Chorus der zum Mitsingen anregt. Ein akustischer Break, zum Träumen schön. Dann baut der Song Druck auf, es wird gitarrentechnisch schwarzmetallisch und temporeich bevor er sanft mit einem Piano ausklingt.

Man kann es manchmal kaum fassen, aber Elvenking steigern sich mit „Reader Of The Runes – Divination“ noch einmal. Das Songwriting ist ausgefeilt und überzeugend. Das Album bombardiert einen geradezu mit eingängigen, schönen, träumerischen Melodien, die sich ohne Probleme zwischen schwere, harte Riffs einfügen. Nicht nur das, sie ergeben ein stimmiges Ganzes. Auch das Spiel mit progressiven Elementen gelingt den italienischen Folk und Powermetallern hervorragend. Violine und Gitarren und die wunderbare Gitarrensoli machen den Sound von Elvenking markant und rund. Damnas Stimme ist variabel und zeigt verschiedene Facetten, welche die Songs atmosphärisch und kurzweilig gestalten. Atmosphäre ist ohnehin das Stichwort. Elvenking schaffen es einmal mehr den Hörer in eine andere Welt mitzunehmen und ihn alles um sich herum vergessen zu lassen. Selbst den rasenmähenden Nachbarn oder den hektisch klingelnden Paketboten. „Reader Of The Runes – Divination“ spielt mit Gegensätzen und das macht den Reiz des Albums aus. Es ist mystisch, märchenhaft, auf eine schöne Art kitschig, manchmal auf liebenswerte Art chaotisch. Gleichzeitig kraftvoll, manchmal aggressiv und meistens episch. Kurz: unglaublich facettenreich. Fallen mir noch mehr Adjektive ein? Durchaus, aber ich bin jetzt durch.

YouTube Channel von AFM Records


Tracks:
1. Perthro
2. Heathen Divine
3. Divination
4. Silverseal
5. The Misfortune Of Virtue
6. Eternal Eleanor
7. Diamonds In The Night
8. Under The Sign Of A Black Star
9. Malefica Doctrine
10. Sic Semper Tyrannis
11. Warden Of The Bane
12. Reader Of The Runes – Book I

Band:
Damna – Gesang
Aydan – Gitarre
Rafahel – Gitarre
Jakob – Bass
Lancs – Schlagzeug
Lethien – Violine

Konsequent – Zentrum von Valborg

Death Metal
Veröffentlicht: 17.05.2019
Prophecy Productions (Soulfood)


a2586591844_10Nach dem „Endstrand“ also das „Zentrum“. Valborg sind in der Metallandschaft sicherlich ein künstlerisches Phänomen, das von unverständigem Kopfschütteln bis zu grenzenloser Begeisterung eine große Bandbreite an Reaktionen bei den Hörern hervorruft. Was also bietet „Zentrum“ nach dem bis an die Grenzen primitiv-brutalen Dadaismusbrocken von Vorgänger? Cover und Songtitel lassen jedenfalls großartiges erahnen.
Es ist nach wie vor faszinierend, wie mit wenig Mitteln viel erreicht wird. Ja, die Musik ist großteils einfach, um nicht zu sagen stumpf. Das reicht von simplem Geballer wie beim Einstand „Rote Augen“ oder „Schwerter der Zeit“ zum doomigem Groove („Vakuum“). So weit, so „Endstrand“. Was aber deutlich auffällt ist zum einen, dass Ein-Wort-Texte nicht mehr vorkommen und die Lyrics nachdenklicher, gar tiefgründiger wirken, wie bei „Nahtod“ zu lesen:

Ich kann mich nicht erinnern
Woher wir kommen

Ich kann mich nicht erinnern
Wohin wir sollen

Sie geben der Musik, neben diversen anderen Stilmitteln, oft eine packende Mystik und Rätselhaftigkeit und geben ein Gefühl von Fremdartigkeit, das sich nur schwer in Worte packen lässt. Häufig sind die Texte aber auch einfach nur verdammt cool, wie „Ultragrab“ beweist:

Kein Verstand
Erde verbrannt

Ultragrab

Wie viel tatsächlich drinsteckt, ist nur schwer zu erahnen. Die Einflüsse sind vielfältig, die Ideenfindung vom Zufall geprägt. Für das Ergebnis ist das aber auch egal. Hilfreich dabei ist der vermehrt eingesetzte Klar- und Sprechgesang. Gefühlt steckt auch eine größere Bandbreite von Emotionen im Gesang.

Zum anderen wird die Atmosphäre unterstützt von zahlreichen Details wie Klangteppichen („Vakuum“) oder sanfter Elektroeinsatz („Alphakomet“). Diese Elemente bleiben für gewöhnlich angenehm im Hintergrund und sorgen so für die richtige Stimmung und Abwechslung ohne zu stören. Im Gegensatz dazu steht beispielsweise das gewaltige, monolithische Schallsignal am Ende von „Kreuzer“. Mehrfach ertönt es verzerrt, begleitet von leisem Ticken. Das gibt nicht nur beim ersten Hören Gänsehaut. Solche Komponenten haben wohldosiert die Endzeitstimmung auf „Endstrand“ schon perfektioniert und werden hier noch weit häufiger und deutlicher eingesetzt.

Das war jetzt viel zum Drumrum, aber was ist eigentlich nochmal der Kern der Valborgschen Musik? Der besteht nach wie vor aus viel Härte. Die kommt von einfachen, aber wirkungsvollen schweren Riffs, garniert mit viel, viel Bass. Stilistisch schwebt das irgendwo zwischen groovigem Death, schleppendem Doom und rasendem Black Metal. Düster und schwer, nahezu ohne leichtfüßige Momente (am ehesten noch bei „Nonnenstern“). Nun heißt es immer irgendwas von simpel, einfach, primitiv etc. pp. Das heißt aber noch lange nicht, dass Zentrum in irgendeiner Art und Weise eingängig wäre. Klar, wenn bei „Alphakomet“ das Stampfriff gezückt wird, kann man nicht widerstehen. Aber so richtig gezündet hat das Album erst nach und nach, wenn man die Vielschichtigkeit trotz aller Einfachheit kennen- und lieben lernt.

Durch und durch ähnlich zum Vorgänger ist „Zentrum“ also und doch durch und durch auch eine entscheidende Weiterentwicklung. Wo „Endstrand“ ganz brutal im Zeichen der Apokalypse stand, bietet „Zentrum“ Raum für eine vielfältigere Spanne an Stimmungen – gleichwohl ohne groß an Härte zu verlieren. Valborg machen in letzter Konsequenz, was sie machen wollen. Und das Resultat gibt ihnen Recht.

Lieder
1. Rote Augen
2. Alphakomet
3. Anomalie
4. Nahtod
5. Ultragrab
6. Nonnenstern
7. Kreuzer
8. Schwerter der Zeit
9. Vakuum

Band
Jan Buckard – Bass, Gesang
Christian Kolf – Gitarre, Gesang
Florian Toyka – Schlagzeug