Fragilität und Dramatik. Time Is Not On Your Side von Sonus   Corona

Progressive Metal
Veröffentlicht: 22.11.2019
Inverse Records
https://www.facebook.com/sonuscoronaofficial
https://sonuscorona.bandcamp.com


sonus_corona-time800„Time Is Not On Your Side“ – das mag sich so manch einer denken, wenn er morgens in den Spiegel blickt oder wenn er auf dem Weg zur Arbeit im Stau steht. „Time Is Not On Your Side“ ist aber auch der Titel des zweiten Albums der finnischen Progressive Metaller Sonus Corona – und das hat es wahrlich in sich, denn es gibt an allen Ecken und Enden etwas zu entdecken. Inhaltlich befasst sich das Album mit dem Kampf mit der Flüchtigkeit des Verstandes. Wie die Finnen dieses Thema in ihren 11 Songs musikalisch verpacken ist wirklich faszinierend und begeisternd. Also los.

Das Intro „Induction“ gibt schon einen guten Ausblick auf die große Diversität an Instrumenten und Klängen, die Sonus Corona einsetzen: spacige Synthis, sanft perlende Pianoklänge, E-Orgel, mal schwere drückende, mal klagende Gitarren unterstützt von mal treibenden, mal unterstreichenden Drums. Das ganze Paket erinnert mich ein wenig an Opeth. Auch stimmlich. Der zweite Song, „Unreal“ packt dann zu den schon genannten Klängen noch Bass und Streicher dazu. Hach – seufz – so schön. Und so unbehaglich zugleich. Genial. Der Rhythmus treibt und beunruhigt. Die tiefen Pianoklänge zeichnen eine dunkle Stimmung und bringen Dramatik ins Spiel. Ganz anders wiederum ist „Swing Of Sanity“. Swing Drums und Swing Piano mit proggigen Gitarren und proggigem Bass – der Hammer. Macht einfach Spaß und wenn man sich den Fuß nicht zufällig bei der letzten Heimwerkersession mit der Nagelpistole  am Boden festgetackert hat, muss man einfach mitwippen. Es geht gar nicht anders. „Illusions“ wiederum ist ruhig, fragil, melodiös. Und auch auf die Gefahr hin, dass ich langsam als Heulsuse rüberkomme, aber es ist zum Heulen schön. Cleane Gitarren und eine klare, melancholische Stimme. Manchmal ist das alles, was es braucht. Und wieder macht das Album eine Kehrtwende. „Time Is Not On Your Side“ brettert mit Tempo und eingängigem, proggigem Gitarrenriff los und bietet ein schönes, entrücktes Gitarrensolo. Mit „Moment Of Reckoning“ haben die Finnen auch ein Instrumental auf das Album gepackt. Geiles Gitarrenriff, ein bisschen Metaloper vom Gefühl her. Mir allerdings, wie auch an anderen Stellen, manchmal etwas zu synthi-lastig, aber das ist Geschmackssache. Auch der letzte Song „Here“ transportiert Dramatik, wirft 9 Minuten lang noch einmal alles in die Waagschale, was uns zuvor so auf dem Album begegnet ist und bringt noch ein wenig weibliche Gesangspower mit ins Spiel.

Nachdem der letzte Ton verklungen ist, lässt „Time Is Not On Your Side“ mich noch eine Weile in mich lauschen. Das Album ist tiefsinnig und intensiv, bringt einen zum Nachdenken, löst Unbehagen aus, richtet dann aber wieder auf und stärkt. Es birgt jede Menge Kraft und Dramatik und verbindet perfekt harte Riffs mit zarten Melodien; proggige, aufgedrehte Passagen mit ruhigen, melancholischen. Es fährt schon allein von den Klängen und Instrumenten eine wahnsinnige Bandbreite auf, die sich auch in Rhythmik, Tempo, Stimmung und Melodik weiter durchzieht. Das verbindende Element ist Timo Mustonens klare Stimme. Langweilig wird es dank der Vielseitigkeit von Sonus Corona mit „Time is Not On Your Side“ also auf keinen Fall. Unbedingt anhören!

InverseRecordsFIN


Tracks:
1. Induction
2. Unreal
3. The Refuge
4. Swing Of Sanity
5. Oblivion
6. Illusions
7. Time Is Not On Your Side
8. Moment Of Reckoning
9. To The Ground
10. Fading
11. Here

Band:
Ari Lempinen (Gitarre, Gesang)
Harri Annala (Gitarre)
Aki Niemi (Bass)
Rasmus Raassina (Schlagzeug)
Esa Lempinen (Keyboards)
Timo Mustonen (Gesang)

Post Folk aus Tatarstan: Hunnar von Baradj

Folk Metal/Progressive Metal/Melodic Death Metal
Veröffentlicht: 19.06.2019
Eigenproduktion
facebook.com/baradjband/
https://baradj.bandcamp.com/


 

BARADJ-Hunnar-Cover-400x400Heute habe ich endlich mal wieder ein wenig Folk Metal im Gepäck. Wobei – ein wenig? Das neue Album „Hunnar“ der Band Baradj aus der russischen Provinz Tatarstan umfasst immerhin 14 Songs. Und Folk Metal? Also nur mit einer Schublade kommen wir hier bei Weitem nicht aus. Da müssen wir schon noch einige weitere Schubladen öffnen und vielleicht auch eine ganz neue Schublade zimmern. Die des Post Folk Metals, hier in der Spielart des „Tatar Ethnic Metal“, zum Beispiel. Häh? Wasndasnuwieder?

Baradj kreieren einen ganz eigenen Sound aus Elementen des Progressive Metal, Post Metal, Melodic Death Metal, Folk Metal und Ambient Elementen. Was erst einmal ein wenig viel klingt, vereint sich zu Songs, die oftmals eine sphärische Entrücktheit und Weite transportieren, wie zum Beispiel der Titeltrack „Hunnar“, „Dunay“ oder „Tengri“. Daran hat der extrem hallige Gitarrensound einen großen Anteil, der sich durch das gesamte Album zieht. Dazu kommen jede Menge melancholischer und entrückter Cleanparts, die gern mal ein Ambientfeeling entfalten. Kurioserweise habe ich mich beim Hören tatsächlich ab und zu an Ahab erinnert gefühlt, obwohl das alles eigentlich gar nicht zusammenpasst.

Songs wie „Altynchach“, „Juketaw“ oder „Bolgar Dalasy“ betonen etwas mehr den Folkaspekt, der in eine balkanische Richtung geht und durch cleanen Gesang und entsprechende Gitarrenparts transportiert wird. „Bolgar Dalasy“ birgt den Folk außerdem im Rhythmus. Insgesamt sind die Folkanteile aber eher dezent gehalten. Wer die üblichen „Ohoh“ Chöre und feuchtfröhliche Schunkelmelodien erwartet, ist hier definitiv verkehrt. Auch die zahlreichen Instrumentals wie „Khiyal-Tulu“ oder „Khiyal-Tedrehon“ – es gibt insgesamt sieben davon – tragen zur folkig-entrückten Stimmung bei. Huh – wie oft man das Wort „Folk“ in so einem Absatz doch unterbringen kann…

Bei all der sphärischen Entrücktheit gibt es auf „Hunnar“ aber auch die Songs, die einen mit Wucht und Härte wieder aus den Wolken holen. „Attila“ zieht das Tempo merklich an. Wüste Growls peitschen aus den Lautsprechern. „Juketaw“ oder „Tengri“ spielen mit dem Wechsel zwischen Growls und Cleangesang zwischen langsamen und schnellen Passagen und bringen tiefe Gitarren, aggressive Growls und hier und da ein wenig Rock und dort und da ein bisschen Death und Black Metal mit ein.

„Hunnar“ bietet einen gelungenen Mix aus verschiedenen Stilrichtungen. Baradj kreieren hier einen eigenen Sound, der natürlich auch von den speziellen folkigen Einflüssen herrührt. Ungeduldig darf man nicht sein, denn die Songs brauchen manchmal einige Augenblicke, bis sie sich entfalten. Man sollte also Zeit mitbringen und sich auf die Musik einlassen. Baradjs Post Folk hebt sich aber erfrischend ab. Daumen hoch.

Youtube Channel von Baradj


Tracks:
1. Hunnar
2. Dunay
3. Khiyal – Tulu
4. Attila
5. Khiyal – Ildico
6. Altynchach
7. Khiyal – Altynchach
8. Juketaw
9. Khiyal – Tedrehon
10. Tengri
11. Khiyal – Qubrat Khan
12. Bolgar Dalasy
13. Khiyal – Boiek Bolgar
14. Khiyal – Boygala ham

Band:
Djonathan Lindaive – Gesang, Gitarre
Anton Lisin – Schlagzeug
Aleksey Lozhenkov – Gitarre
Ruslan Latypov – Bass

Ein Hauch von Vergänglichkeit und Ewigkeit – Queen of Time von Amorphis

Melodic Death Metal/Dark Metal/Progressive Metal/Folk Metal
Veröffentlicht: 18.05.2018
Nuclear Blast Records
http://amorphis.net/


Queen of Time

Queen of Time

Donnerstagnachmittag. Im Briefkasten liegt das neue Album „Queen of Time“ von Amorphis. „Yippie“, denke ich mir. Das Tagwerk ist bereits erledigt, genug Zeit  und Ruhe also, um gleich mal reinzuhören. Schon die Hülle ist zum Sterben schön und ich verweile einige Zeit in andächtiger Betrachtung. Ich lege die Scheibe ein und drücke auf „Play“, flacke mich aufs Sofa und schließe die Augen. Die ersten Töne erklingen. Schöööön. „Ding-dong“. Dieses Türklingelgeräusch gehört definitiv nicht zum Konzept des neuen Werks der Finnen. DHL liefert die neue Garderobe. Kurz kämpfe ich mit mir, doch die nörgelnde Stimme des Pflichtbewusstseins siegt und ich höre „Queen of Time“ nicht auf dem Sofa, sondern während ich die neue Garderobe zusammenschraube. Und was soll ich sagen – ich musste wirklich aufpassen, dass ich mir vor lauter Begeisterung und Glückseligkeit nicht in den Finger dremle.

Das 13. Studioalbum von Amorphis entstand, wie schon das Vorgängeralbum „Death of a King“, in Zusammenarbeit mit Produzent Jens Bogren. Seine Handschrift ist auf „Queen of Time“ unverkennbar und man muss wirklich sagen: Amorphis und Bogren, das passt wie Arsch auf Eimer. Das Album ist noch einen Tick progressiver und epischer als sein Vorgänger und trotzdem absolut Metal. Es klingt definitiv wie die logische Weiterentwicklung von „Death of a King“. Neben bekannten Elementen wie der Flöte (Chrigel Glanzmann von Eluveitie), folkigen oder orientalisch anmutenden, eingängigen Melodien und Killerriffs, bietet „Queen of Time“ uns den Auftritt von Saxofonist Jørgen Munkeby und von Texter Pekka Kainulainen, der in „Daughter of Hate“ einige Worte spricht. Dazu kommen Chorgesang und Orchester. Außerdem stehen Keyboarder Santeri Kallio und sein Instrument deutlich mehr im Vordergrund als noch zuvor. So übernimmt er häufiger das Hauptriff und es gibt auch das ein oder andere Keyboardsolo. Aber natürlich kommen auch die Gitarren der Herren Holopainen und Koivusaari nicht zu kurz.  Inhaltlich geht es laut Gitarrist Esa Holopainen um „Kosmische Mächte, an die die Menschen vor langer Zeit glaubten, vom Aufstieg und Fall der Kulturen. Sie (die Biene, Anm. T!B!B!) steht für den Mikrokosmos, der dennoch kataklysmische Veränderungen auslösen kann. Der Fall von Weltreichen, der von einem kleinen sprießenden Samen eingeläutet wird. Der Schmetterling, der einen Hurrikan auslöst.“ So erklärt er das Albumcover.

Es fällt mir wirklich schwer einzelne Songs hervorzuheben, denn jeder von ihnen geht ins Ohr und setzt sich dort unerbittlich fest. Der Opener „The Bee“ startet mit einer sphärischen Frauenstimme, doch ruckzuck donnert Tomi Joutsen mit einem brachialen Röhrer mit Macht dazwischen. Ein Refrain, der hängenbleibt, gesellt sich dazu und ein wuseliges Keyboardriff begleitet alles und verbreitet ein Flair nicht von dieser Welt. In reizvollem Gegensatz zur Progressivität steht der Kehlkopfgesang von Albert Kuvezin und bringt eine schamanistisch-archaische Note in den Song ein. Zu meinen persönlichen Höhepunkten des Albums zählen jedoch „Message in the Amber“, „Daughter of Hate“, „Heart of the Giant“ und „Grain of Sand“. „Message in the Amber“ beginnt mit einer leichten, folkigen, verträumten Gitarrenmelodie und Joutsens sanftem, melancholischem Gesang, bevor er seine Growls aus den tiefsten Tiefen auspackt und uns unvermittelt eine ordentliche Packung verpasst. Chor und Orchester verleihen dem Song eine ganz eigene, wunderschöne Erhabenheit, die durch die Verzerrung der Stimmen hier und da einen leicht spacigen Einschlag bekommt. Gleichzeitig ist „Message in the Amber“ sehr druck- und kraftvoll. „Sister of hate“ startet mit einem knappen Orgeleinstieg und Joutsens zartschmelzender Stimme. Doch dann wird es schnell schwarzmetallisch. Fiese Screams zischen uns entgegen. Das Saxofonsolo hätte ich jetzt nicht gebraucht – traue nie einem Instrument, das aus Metall besteht, sich aber immer noch als Holzblasinstrument ausgibt. Nee, mag ich einfach nicht. Aber das ist Geschmacksache. Kombiniert mit einem wunderbar melancholischen Gitarrenriff und ein bisschen Chorgesang ergibt sich eine reizvolle Mischung aus Aggressivität, Melodik und Melancholie. Mit diesem Gegensatz spielen Amorphis ohnehin sehr gern und sehr gekonnt. Auch „Heart of the Giant“ bedient sich dieses Stilmittels. Einem verträumten Gitarrenintro folgen kraftvolle Streicher, energischer, aufpeitschender Chorgesang und ein Gitarrenriff wie aus dem Märchenbuch. Der Refrain wird getragen von Joutsens melancholischem Klargesang und seinen druckvoll herausgehauenen Growls. Ergänzt wird das Ganze durch ein Keyboard- und ein Gitarrensolo. Der ganze Song ist sehr energiereich und entfaltet eine cineastisch anmutende Kulisse. „Grain of Sand“ wirkt dagegen wieder roh, archaisch, bedrohlich und bodenständig, spielt aber ebenfalls mit den genannten Gegensätzen. Ein Duett bietet das Album auch noch. In „Amongst Stars“ umschmeicheln sich die Stimmen von Gastsängerin Anneke van Giersbergen und Tomi Joutsen und ergeben ein stimmiges Ganzes.

Amorphis haben wieder einmal ein Mörderding rausgehauen. Die Kombi aus flirrenden Synthiklängen, mal verträumt-melancholischen, mal aggressiv-druckvollen Gitarrenriffs, folkigen und orientalischen Melodien ist einfach nur gelungen. Auch wenn man die ein oder andere Kombi schon mal gehört hat, wirkt nichts an dem Album aufgewärmt und wiedergekäut. Orgel, Chor und Orchester verleihen den Songs eine Erhabenheit und Schönheit, die das Herz schneller schlagen lässt. Elemente wie der gesprochene Text in „Sister of Hate“, Albert Kuvezins Kehlkopfgesang oder Glanzmanns Flöte fügen einen schamanistisch-archaischen Touch hinzu. Und dann ist da natürlich noch Joutsens Ausnahmestimme. Ob fiese Screams, dunkle, bellende Growls, gequälter, schmerzerfüllter oder melancholischer, glasklarer Klargesang – Joutsen zieht einen unweigerlich in seinen Bann und treibt einem beinahe die Tränen in die Augen vor Begeisterung. Der Mann könnte „Alle meine Entchen“ growlen, würde dabei immer noch Begeisterungsstürme auslösen und nichts von seiner Würde einbüßen. Das Konzept vom Aufstieg und Verfall wird durch die Musik zur Gänze transportiert. Aus jedem Ton klingt ein Hall von Ewigkeit, etwas aus der Zeit Gehobenes, das über allem steht.


Tracks:
01. The Bee
02. Message In The Amber
03. Daughter Of Hate
04. The Golden Elk
05. Wrong Direction
06. Heart Of The Giant
07. We Accursed
08. Grain Of Sand
09. Amongst Stars
10. Pyres On The Coast

Band:
Tomi Joutsen (Gesang)
Esa Holopainen (Gitarre)
Tomi Koivusaari (Gitarre)
Santeri Kallio (Keyboards)
Olli-Pekka „Oppu“ Laine (Bass)
Jan „Snoopy“ Rechberger (Drums)

YouTube Channel von Nuclear Blast Records https://www.youtube.com/channel/UCoxg3Kml41wE3IPq-PC-LQw

YouTube Channel von Nuclear Blast Records

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Song des Monats 03/2018

Fast hätte es im März keinen Song des Monats gegeben, aber so hatten wir nicht gewettet. Der Song des Monats heißt dieses Mal „Marionette“ und kommt von Witherscape. Die Band wurde von Dan Swanö gegründet und dieser ist uns als Musiker (zum Beispiel Nightingale, Edge of Sanity, Bloodbath, Moontower) und auch als Produzent (Opeth, Dissection, Katatonia und Asphyx) bekannt.

„Marionette“ ist auf dem Album „The Northern Sanctuary“, das zweite das Swanö zusammen mit Ragnar Widerberg aufgenommen hat. Das Album lebt neben der schönen Gitarrenarbeit und den passend eingestreuten Progressive-Elementen vom Wechsel zwischen Cleangesang und Growls. Bei „Marionette“ erzeugt dies eine ganz besondere Stimmung. Clean umschmeichelt Swanös Stimme unsere Ohren zunächst, wirkt zurückhaltend, fast schon traurig. Und dann werden wir von den Growls förmlich weggeblassen und das mit einer Intensität und einem Ausdruck, daß mir beim Zuhören förmlich ein Klos im Hals steckt. Ich hoffe euch gefällt „Marionette“ auch und lege euch das gesamte Album hiermit nochmal wärmstens ans Herz.

Quelle: YouTube-Channel von Century Media Records, https://www.youtube.com/channel/UCnK9PxMozTYs8ELOvgMNKFA