„Musik bedeutet Identität.“ – Interview mit Janni von Lady Crank

So. meine Einschätzung zum neuen Album Scylla/Charybdis von Lady Crank habe ich ja schon abgegeben. Aber ich dachte, es wäre eine gute Idee die Band und das Album noch ein wenig näher kennenzulernen. Ihr auch? Perfekt! Hier kommt mein E-Mail Interview mit Sänger Janni mit freundlicher Vermittlung durch Drummer Christoph. Viel Spaß!

WGdlLbqA

T!B!B!: Wie würdet ihr euren Musikstil bezeichnen?

Janni: Sich heutzutage auf einen Musikstil zu reduzieren ist schwierig. Wir sind wie viele Filme, die in den letzten Jahren aus Süd-Korea kommen – ein Gemisch aus allem. Zoomt man rein, findet man Hardcore-Elemente, Punk-Anleihen, Grunge-Krümel, Metal-Späne, Pop-Liebeleien, Progressive Zweige usw. Das Ganze ist also ziemlich interdisziplinär. Der Einfachheit halber kann man es Post-Hardcore nennen, was aus meiner Sicht sowieso ein Sammelbegriff ist.

T!B!B!: Was macht eure Musik aus?

Janni: Wir haben in den meisten Stücken keine klassischen Songstrukturen. Wir können während eines Songs sowohl lyrisch als auch musikalisch verschiedene Blickpunkte auf ein Thema oder Stadien des Wütens, Trauerns und des Grauens durchlaufen. Als Autodidakt habe ich wenig Ahnung von Musiktheorie und gebe auch relativ wenig drauf, weshalb unsere Musik auch durchaus chaotisch sein kann und Theorieliebhabern vielleicht die Ohren bluten lässt. Außerdem sind wir ziemlich laut und rau.

T!B!B!: Was bedeutet Musik im Allgemeinen für euch?

Janni: Musik bedeutet Identität. Eine zu haben, eine zu finden, eine zu entwickeln war während der Pubertät extrem wichtig, kennt jeder. Für mich zumindest hat Musik genau dazu beigetragen und tut es noch heute. Der Fakt, dass ich noch heute Gänsehaut bekommen kann, wenn ich Musik höre, sollte klar machen, dass es eine höchst emotionale Angelegenheit ist.

T!B!B!: Worauf legt ihr bei eurer Musik besonderen Wert?

Janni: Wir legen keinen besonderen Wert auf etwas außer darauf, dass wir glücklich mit dem sind, was wir tun.

T!B!B!: Worum geht es in den Songs auf Scylla/Charybdis?

Janni: In dem Song zu unserer aktuellen Single ‚Feed The Rats‘ geht es um die Auseinandersetzung mit mir selbst. Mit meiner Sicht auf Gesellschaft, meinem Blick auf mich selbst und meinem Handeln. Dieser Song war ein Bewältigungsprozess, der mich dazu gebracht hat mich politisch noch mehr zu engagieren. Er lässt sich aber auch als Kritik an eine suizidal anmutende Gesellschaft lesen.
In den Songs geht’s, wie der Titel es andeutet, um die Wahl zwischen einem Übel und einem weiteren Übel. Ich habe viele beschissene Erfahrungen gemacht oder ärgere mich sehr über gewisse Zustände. Allerdings biete ich in einem Song auch eine alternative, vielleicht positivere Betrachtungsweise an.
Konkrete Themen sind Populismus und der Umgang damit – Polizeigewalt – Drogensucht –  Politik – Menschen- und Rollenbilder, die in den Medien vermittelt werden und der damit verbundene Konsum.

T!B!B!: Wie lang habt ihr am Album gearbeitet und wie muss man sich so einen Albumentstehungs- und Aufnahmeprozess bei Lady Crank vorstellen?

Janni: Die Aufnahmen waren leider recht schwierig, weil ich zu Beginn der Aufnahmen für lange Zeit sehr krank war. Deshalb und aufgrund der Ansteckungsgefahr konnte ich bei vielen Prozessen nicht dabei sein. Dies hatte zur Folge, dass sich die Aufnahmen über einen sehr langen Zeitraum erstreckt haben. Dann kamen noch finanzielle Schwierigkeiten dazu. Ein Album aufzunehmen, zu pressen, zu bewerben, mit Videos usw. ist kein günstiges Unterfangen. Es war ne beschissene Zeit, vor allem, weil ich es liebe aufzunehmen und mit Christoph und Johannes rumzuhängen. Um so mehr hat jeder Progress, zumindest bei mir, enorme Euphorie hervorgebracht.
Früher haben wir Songs geschrieben, fanden sie geil und haben sie einfach aufgenommen. Nachdem wir unsere letzte EP ‚Bad Attitude‘ aufgenommen haben, wussten wir was uns am meisten Spaß macht und haben uns weiter in jene Richtung bewegt. Daraufhin haben wir einen Haufen Songs weggeschmissen, die wir zu jenem Zeitpunkt bereits geschrieben hatten und fingen komplett von vorne an. Wir haben also ungefähr eineinhalb Jahre an dem Album gearbeitet. Auf dem Weg dorthin haben wir uns von über 20 Songs und noch viel mehr Ideen verabschiedet.

 

T!B!B!: Vielen Dank für das spontane E-Mail Interview und viel Erfolg für Scylla/Charybdis!

Lärm mit Sinn und Verstand. Scylla/Charybdis von Lady Crank

Punk / Metal / Post Hardcore / Grunge
Veröffentlicht: 23.11.19
http://www.ladycrank.de
https://ladycrank.bandcamp.com/


ARTWORK-01Dass ich ab und an auf infernalischen Lärm und manisches Geschrei stehe, dürfte inzwischen hinlänglich bekannt sein. Und wie es der Zufall so will, liefern Lady Crank aus Berlin/Hannover infernalischen Lärm mit manischem Geschrei vom Feinsten. Es bei dieser Charakterisierung zu belassen würde ihrem aufpeitschenden, wütenden Mix aus verschiedenen Musikstilen allerdings nicht gerecht. Das neue Album „Scylla/Charybdis“ erscheint am 23.11. digital und auf CD und enthält 11 Songs. Was hat es also zu bieten?

Scylla und Charybdis sind zwei Meeresungeheuer, welche der griechischen Mythologie entspringen und jeweils ein Ende einer Meerenge besetzen. Jedes von ihnen hat seine ganz eigenen unangenehmen Features. Der Albumname gibt uns also den Hinweis, dass es irgendwie um die Wahl zwischen zwei Übeln gehen muss. Das Pianointro „Phenomenon“ ist der ruhigste und friedlichste Part des Albums, hinterlässt aber schon mal ein Flattern in der Magengrube. Genau dort landet „Polymorph“ dann mit voller Wucht. Herrlich. Manisch. Punkig. Schnell. Geil. Lady Crank spielen einen tollen Mix aus Punk, Metal, Post Hardcore und Grunge, der Spaß macht. Und zwar jede Menge davon: Das groovige, punkige „Feed The Rats“, das trotz eingängigem Refrain nicht glattgebügelt wirkt oder die ebenfalls punkigen Songs „Persephone“ (wohoo, sehr coole Bassline) oder „Fruits Of Apathy“ mit seinem  Wahnsinnsbreak mit halliger Gitarre. Eher grungig mit einem Hauch von Soundgarden und einer Stimme, die mich hier an Steven Tyler erinnert, kommt „What Comes Next“ daher. Und dann wieder bekommt man feinstes Metal Riffing zu hören wie in „Attention“ oder einem meiner persönlichen Favouriten „Celebrating Deathlessness“, das zwischendurch Deathmetalfeeling verbreitet.

„Scylla/Charybdis“ ist wütend, laut, düster, roh, rotzig und aufpeitschend. Wer quasi auf feine, ausgefeilte Laubsägearbeiten steht, ist hier falsch. Hier kommt eher die Motorsäge und dann und wann gar die Axt zum Einsatz, was meinem Naturell sehr entgegenkommt… hüstel. Damit meine ich allerdings nicht die musikalische Qualität, die ist top. Lady Crank machen keinen Lärm ohne Sinn und Verstand, sondern geilen Krach mit manischem Geschrei, der trotzdem absolut ins Ohr, den Kopf, den Nacken und das Herz geht. Was wollte ich mit dem seltsamen Vergleich jetzt eigentlich ausdrücken? Ah ja. Anhören! Lohnt sich! Und wenn ihr mehr über Lady Crank und ihre Musik erfahren wollt, könnt ihr euch schon auf mein Interview mit Sänger Janni freuen.


Tracks:
1. Phenomenon
2. Polymorph
3. Feed The Rats
4. Symbols And Interpretations
5. What Comes Next
6. Fruits Of Apathy
7. Celebrating Deathlessness
8. Attention
9. Experimental Lust
10. As Big As A Giant But Still A Coward
11. Persephone

Band:
Janni Stefos (Gesang, Gitarre)
Johannes Horas Möllers (Bass, Gesang)
Christoph Schöneberg (Schlagzeug, Gesang)

Irre gut. „Perpetual Creeping Horrors“ von One Past Zero

20191103_155730Heute möchte ich eure geneigte Aufmerksamkeit noch einmal auf eine EP lenken, die mir sehr am Herzen liegt – weil sie einfach geil ist: „Perpetual Creeping Horrors“ von One Past Zero. Wer auf herrlich irren, schrägen, abgeratzten 70ies inspirierten Rock-Doom steht, kann seinen Ohren mit dieser EP etwas Gutes tun. Ich hatte gestern einen extrem glücklichen Moment am Briefkasten. Den Grund dafür seht ihr auf dem Bild. Cooles Cover, oder? Ick freu mir riesig.

https://onepastzero.bandcamp.com/

 

You Tube Channel rebejr1

Worldwired Tour 2019. Metallica, ihre Family und so much love in   München.

Metallica, München 2019

Metallica, München 2019

23. August 2019. Ich sitze auf meinem Sitz im Münchner Olympiastadion und bin aufgeregt. Wenn ich mir die Nägel nicht so dermaßen kurz geschnitten hätte, würde ich sie mir vermutlich tatsächlich abknabbern. Nur noch wenige Minuten, dann würden sie die Bühne entern: Metallica. DIE Metalband auf diesem Planeten – und wenn man den Gerüchten trauen kann – auch bald auf dem Mond. Geliebt und umjubelt. Oft auch verspottet und belächelt. So oder so. Man kommt nicht um Metallica herum. Und was haben die Jungs für Songs geschrieben… Der Weg auf diesen Sitz im Olympiastadion war allerdings eine Geduldsprobe.

Vom Hotel aus mit den Öffentlichen fahren oder mit dem Auto. Das war die entscheidende Frage an diesem Freitag. Da die Rückfahrt mit den Öffentlichen nachts zurück zum Hotel allerdings ein wenig in den Sternen stand, haben wir uns für das Auto entschieden in vollem Bewusstsein, dass wir es bereuen würden. Wir brauchten dann auch für die sonst 10- minütige Fahrt vom Hotel zum Parkhaus geschlagene 1 1/2 Stunden im Münchner Berufsverkehr. So mancher musste im Stau sein Auto an den Straßenrand parken, um sich in die Büsche zu schlagen. Dramatische Szenen spielten sich ab… Sobald das Auto aber endlich geparkt war, wurde es einfacher. Man musste nur dem Menschenstrom folgen.

Dann saßen wir also endlich auf unseren Plätzen. Ghost spielten noch, konnten uns jetzt aber nicht so richtig mitreißen. Teilweise wirkte es eher so, als würde Sänger Tobias Forge mit seinen Ansagen das Publikum ein wenig peinlich berühren. Dafür war das Unterhaltungsprogramm in der Umbaupause zwischen Ghost und Metallica – nun ja – ziemlich speziell. Drei Herren fanden es eine ziemlich dufte Idee in angetrunkenem Zustand an einen Zaun zu pinkeln. Also so, dass unsere Hälfte des Stadions wirklich live mit dabei war. Von einem erhabenen Moment steuerte das bunte Programm schon auf den nächsten zu: „The Ecstasy of Gold“ begann zu spielen und man wusste, gleich sind se da. Ich muss ehrlich sagen, dieses Gefühl, wenn diese Melodie anfängt und knapp 70000 Menschen mitfiebern ist unbeschreiblich. Zumindest bis zu dem Moment, an dem mein Nebensitzer 2 Töne daneben und völlig out of tune anfing mitzugrölen. Das raubte dem Augenblick schon ein wenig von seinem Glanz.

Metallica, München 2019

Metallica, München 2019

Metallica starteten mit „Hardwired“. Drei weitere Songs vom aktuellen Album sollten im Lauf des Abends noch folgen: „Here Comes Revenge“, „Moth Into The Flame und „Spit Out The Bone“. Ansonsten hielten sich die Herren fast peinlich genau an die Liste mit Liedwünschen, die ich ihnen im Vorfeld hab zukommen lassen. Von den ersten beiden Platten spielten sie „Ride The Lightning“, „Creeping Death“ und „For Whom The Bell Tolls“. Natürlich mit der üblichen kleinen „Showeinlage“ beim Intro bei der sich Rob und Kirk im Tiefgang auf der Bühne jagen. Mit „Seek And Destroy“ brachten Metallica das Stadion zum Ende des Konzerts zum Beben. Letzter Song vor der Zugabe. Glückwunsch zu der Auswahl. Es ist einfach so geil, wenn knapp 70000 Menschen den Refrain herausbrüllen. Gänsehaut. Ein gutes Händchen für die Songauswahl bewiesen Metallica außerdem mit „Harvester Of Sorrow“ – ich liebe das Intro, total energiegeladen und Kirk mit wehenden Locken – „Sad But True“ und „Master Of Puppets“. Mit „The Memory Remains“ und „The Unforgiven“ gab es auch noch zwei ruhigere Momente. Mutig spielten Metallica sogar „Frantic“ vom von fast allen geliebten Album „St. Anger“. Allerdings kam der Song wegen der fehlenden Drum-Mülltonne nicht so authentisch rüber. Das wär mal was gewesen… Aber Hetfields Kermit der Frosch Stimme an manchen Stellen war wiederum sehr erheiternd. Und irgendwie hatte man ständig „I`m searching for donuts im Ohr“. Komisch. „Frantic“ machten Metallica aber mit einer netten Überraschung wieder wett. Sie spielten doch tatsächlich „The Call Of Ktulu“. Darauf hatte ich nicht in meinen kühnsten Träumen zu hoffen gewagt. Ein unheimlich wunderbarer Moment, in dem man sich einfach zurücklehnen und genießen konnte. Sogar ungestört von meinem Nachbarn, der sonst Refrains und Gitarrensoli mit seiner untalentierten Stimme mitzusingen pflegte. Danach legten die Herren Rob und Kirk ihre Version von „Schickeria“ aufs Parkett. Gut – außer dem Wort „Schickeria“ verstand man zwar nichts, aber es war ganz witzig und charmant und riss sogar die Herrschaften von ihren Sitzen, die bisher mit starrer Miene dort festgepinnt waren. Mein nächstes Highlight des Abends war natürlich „One“. Zusammen mit der Animation auf den Leinwänden im Hintergrund, den Lasern und den „Feuerexplosionen“ kreierten Metallica, einen unvergesslichen Gänsehautmoment.

Metallica, München 2019

Metallica, München 2019

Eher gegen Ende des Konzerts wechselten Metallica gemeinsam auf den Ausleger der Bühne mitten ins Publikum. Dort fuhr ein zweites Schlagzeug aus dem Boden – ja ja, Show und Revue haben sie halt drauf. Rob spielte außerdem ein Basssolo, das sehr viel Spaß machte – und ein bisschen wehmütig, wurde es doch hinterlegt mit Bildern von Cliff. Auch Kirk, seine unzähligen coolen Gitarren und sein Wahwahpedal gaben alles. Er legte bei der Zugabe noch ein kleines Solo hin und es nötigt einem schon Respekt ab, wenn man sieht, was er trotz seines bewegten Lebens immer noch so raushaut. James war ebenfalls gut drauf. Er beschwor zu jeder Gelegenheit die „Metallica Family“ und schwärmte von der Liebe, welche ihm vom Publikum entgegenschlug. Ein wenig protzte er auch mit seinen Gitarren („Ah, I’ve got so many cool guitars“). Und als einige Leute gegen Ende des Konzerts, aber noch vor der Zugabe, anfingen, das Stadion zu verlassen, hakte er nach: „Why do you have to leave so early?“ Er versicherte dann, das würde zu Hause schon alles klar gehen, wenn die Leute sagen würden, James hätte ihnen erlaubt, noch zu bleiben. Aber da kennt er eben den Deutschen schlecht, der schnell zu seinem Auto muss, bevor der ganze Rest auch ausparken will. James jedenfalls ließ sich davon nicht beeindrucken. „Da wir das ganze Equipment jetzt schon aufgebaut haben, spielen wir einfach noch was.“ Als Zugabe spielten Metallica dann „Spit Out The Bone“, „Nothing Else Matters“ und zum krönenden Abschluss „Enter Sandman“. Ein kleines Feuerwerk wurde am Ende außerdem noch geboten. Geiles Konzert, geile Setlist, geile Stimmung. Metallica haben es nach all den Jahren live absolut immer noch drauf. Ich laufe jedenfalls immer noch mit einem fetten Grinsen herum.

 

Metal United World Wide 2019

Metal United World Wide wurde ins Leben gerufen von Metal-Roos und Black-Roos Entertainment. Das Projekt bringt Metal Bands und Metal Fans rund um den Globus zusammen zu einer großen Metal Party und soll das Gemeinschaftsgefühl unter Metallern auf der ganzen Welt fördern. Weitere Infos findet ihr hier: www.metal-united-world-wide.com Dieses Jahr fand das Event am 15. Juni statt. Die Band Envenomed hat dafür extra den Song „Metal United“ geschrieben. Viel Spaß beim Hören:

You Tube Channel von El Puerto Records

Metallisierter Alternative Rock: „Remember“ von Mind Enemies

Alternative Rock/Metal
Veröffentlicht: 13.12.2018
https://de-de.facebook.com/mindenemies1/


rememberDen ersten Song der neuen EP „Remember“ von Mind Enemies hatte ich euch unlängst ja bereits vorgestellt. Nun ist auch der Rest der EP auf dem Markt – natürlich riskiere ich da gleich mal ein Öhrchen. Tja leider war das Ganze mit Hindernissen verbunden. Genau genommen haben mein Mann und ich uns gegenseitig torpediert, indem wir uns unwissentlich auf verschiedenen Geräten immer wieder die Songs abgebrochen haben. Glücklicherweise habe ich gewonnen – er gab auf, das Programm war schuld und ich kann euch deshalb jetzt meine Eindrücke schildern. „Remember“ enthält fünf Songs aus den eher rockigen Anfangszeiten von Mind Enemies. Entstanden sind sie schon 2010/11. Mit der EP blickt Giuseppe Caruso zurück auf seine Wurzeln.

Der erste Song, „Remember“, gibt die Marschrichtung für die EP schon gut vor. Düster, melancholisch, grungig. Das zum Heulen schöne Intro hatte ich ja ebenfalls bereits erwähnt. Im Vergleich zum letzten Album „Revenge“ wird deutlich, dass sich die Musik von Mind Enemies vom Alternative Rock mit Metaleinflüssen zum Heavy Metal hinentwickelt hat. Der zweite Song „The Covenant“, einer der ersten, die Caruso geschrieben hat, lässt erst einmal die Härchen am Arm vibrieren. Gemächlich stapft der Song los und bringt uns Bass. Schöner Cleanpart. Gegen Ende legt er an Tempo zu und geht dann ganz gut ab. Eine Reise von Rock nach Metal wenn man so will. „Illusions“ ist ein sehr melancholischer, fast schon zarter Song, der ebenfalls gegen Ende aber ebenfalls ordentlich Kraft entwickelt. Fingerakrobatik an der E-Gitarre ist hier das Stichwort. Von Stil und Anlage ist Song Nummer vier „Nirvana (Come Here)“ ähnlich. Rockig, grungig mit einem Hauch von Metal und mit dem Spiel zwischen gemächlichem und angezogenerem Tempo. Mit am besten gefällt mir der letzte Song „Die to Begin to Live“. Er kommt unheimlich kraftvoll daher mit einer wunderbaren Progressive Rock/Metal Note, die mir unheimlich gut gefällt und die ein bisschen orientalisches Flair aufblitzen lässt bevor der Song wieder handfest weiter rockt. Sehr gelungen.

Wir fassen zusammen: Der Mann hinter Mind Enemies, Giuseppe Caruso, hat mit „Remember“ etwas Hörenswertes geschaffen. Die EP bewegt sich im Bereich des Alternative Rock mit einer düster, grungigen Note, bisweilen melancholischem Flair, einem Schuss Progressive Rock und Metal und das ganze gewürzt mit wunderbaren cleanen Gitarrenparts, rasanten Soli, kurzweiligen Rhythmuswechseln und überzogen mit einem Hauch von Metal. Gelungene Reise in die Vergangenheit der Band. Falls ihr nun neugierig auf die Hintergründe zu „Remember“ seid, könnt ihr euch schon auf mein Interview mit Giuseppe Caruso freuen. Bald. Hier.

Update, 16.12.: Wie versprochen gibt es hier nun das Interview.

https://www.youtube.com/channel/UCEHaVrO0mMVP9qO1Cf5piug

https://www.youtube.com/channel/UCicilRP7CeVarQbm3b4Woow


Tracks:
1. Remember
2. The Covenant
3. Illusions
4. Nirvana (Come Here)
5. Die to Begin to Live

Band:
Giuseppe Caruso

Ein Hauch von Vergänglichkeit und Ewigkeit – Queen of Time von Amorphis

Melodic Death Metal/Dark Metal/Progressive Metal/Folk Metal
Veröffentlicht: 18.05.2018
Nuclear Blast Records
http://amorphis.net/


Queen of Time

Queen of Time

Donnerstagnachmittag. Im Briefkasten liegt das neue Album „Queen of Time“ von Amorphis. „Yippie“, denke ich mir. Das Tagwerk ist bereits erledigt, genug Zeit  und Ruhe also, um gleich mal reinzuhören. Schon die Hülle ist zum Sterben schön und ich verweile einige Zeit in andächtiger Betrachtung. Ich lege die Scheibe ein und drücke auf „Play“, flacke mich aufs Sofa und schließe die Augen. Die ersten Töne erklingen. Schöööön. „Ding-dong“. Dieses Türklingelgeräusch gehört definitiv nicht zum Konzept des neuen Werks der Finnen. DHL liefert die neue Garderobe. Kurz kämpfe ich mit mir, doch die nörgelnde Stimme des Pflichtbewusstseins siegt und ich höre „Queen of Time“ nicht auf dem Sofa, sondern während ich die neue Garderobe zusammenschraube. Und was soll ich sagen – ich musste wirklich aufpassen, dass ich mir vor lauter Begeisterung und Glückseligkeit nicht in den Finger dremle.

Das 13. Studioalbum von Amorphis entstand, wie schon das Vorgängeralbum „Death of a King“, in Zusammenarbeit mit Produzent Jens Bogren. Seine Handschrift ist auf „Queen of Time“ unverkennbar und man muss wirklich sagen: Amorphis und Bogren, das passt wie Arsch auf Eimer. Das Album ist noch einen Tick progressiver und epischer als sein Vorgänger und trotzdem absolut Metal. Es klingt definitiv wie die logische Weiterentwicklung von „Death of a King“. Neben bekannten Elementen wie der Flöte (Chrigel Glanzmann von Eluveitie), folkigen oder orientalisch anmutenden, eingängigen Melodien und Killerriffs, bietet „Queen of Time“ uns den Auftritt von Saxofonist Jørgen Munkeby und von Texter Pekka Kainulainen, der in „Daughter of Hate“ einige Worte spricht. Dazu kommen Chorgesang und Orchester. Außerdem stehen Keyboarder Santeri Kallio und sein Instrument deutlich mehr im Vordergrund als noch zuvor. So übernimmt er häufiger das Hauptriff und es gibt auch das ein oder andere Keyboardsolo. Aber natürlich kommen auch die Gitarren der Herren Holopainen und Koivusaari nicht zu kurz.  Inhaltlich geht es laut Gitarrist Esa Holopainen um „Kosmische Mächte, an die die Menschen vor langer Zeit glaubten, vom Aufstieg und Fall der Kulturen. Sie (die Biene, Anm. T!B!B!) steht für den Mikrokosmos, der dennoch kataklysmische Veränderungen auslösen kann. Der Fall von Weltreichen, der von einem kleinen sprießenden Samen eingeläutet wird. Der Schmetterling, der einen Hurrikan auslöst.“ So erklärt er das Albumcover.

Es fällt mir wirklich schwer einzelne Songs hervorzuheben, denn jeder von ihnen geht ins Ohr und setzt sich dort unerbittlich fest. Der Opener „The Bee“ startet mit einer sphärischen Frauenstimme, doch ruckzuck donnert Tomi Joutsen mit einem brachialen Röhrer mit Macht dazwischen. Ein Refrain, der hängenbleibt, gesellt sich dazu und ein wuseliges Keyboardriff begleitet alles und verbreitet ein Flair nicht von dieser Welt. In reizvollem Gegensatz zur Progressivität steht der Kehlkopfgesang von Albert Kuvezin und bringt eine schamanistisch-archaische Note in den Song ein. Zu meinen persönlichen Höhepunkten des Albums zählen jedoch „Message in the Amber“, „Daughter of Hate“, „Heart of the Giant“ und „Grain of Sand“. „Message in the Amber“ beginnt mit einer leichten, folkigen, verträumten Gitarrenmelodie und Joutsens sanftem, melancholischem Gesang, bevor er seine Growls aus den tiefsten Tiefen auspackt und uns unvermittelt eine ordentliche Packung verpasst. Chor und Orchester verleihen dem Song eine ganz eigene, wunderschöne Erhabenheit, die durch die Verzerrung der Stimmen hier und da einen leicht spacigen Einschlag bekommt. Gleichzeitig ist „Message in the Amber“ sehr druck- und kraftvoll. „Sister of hate“ startet mit einem knappen Orgeleinstieg und Joutsens zartschmelzender Stimme. Doch dann wird es schnell schwarzmetallisch. Fiese Screams zischen uns entgegen. Das Saxofonsolo hätte ich jetzt nicht gebraucht – traue nie einem Instrument, das aus Metall besteht, sich aber immer noch als Holzblasinstrument ausgibt. Nee, mag ich einfach nicht. Aber das ist Geschmacksache. Kombiniert mit einem wunderbar melancholischen Gitarrenriff und ein bisschen Chorgesang ergibt sich eine reizvolle Mischung aus Aggressivität, Melodik und Melancholie. Mit diesem Gegensatz spielen Amorphis ohnehin sehr gern und sehr gekonnt. Auch „Heart of the Giant“ bedient sich dieses Stilmittels. Einem verträumten Gitarrenintro folgen kraftvolle Streicher, energischer, aufpeitschender Chorgesang und ein Gitarrenriff wie aus dem Märchenbuch. Der Refrain wird getragen von Joutsens melancholischem Klargesang und seinen druckvoll herausgehauenen Growls. Ergänzt wird das Ganze durch ein Keyboard- und ein Gitarrensolo. Der ganze Song ist sehr energiereich und entfaltet eine cineastisch anmutende Kulisse. „Grain of Sand“ wirkt dagegen wieder roh, archaisch, bedrohlich und bodenständig, spielt aber ebenfalls mit den genannten Gegensätzen. Ein Duett bietet das Album auch noch. In „Amongst Stars“ umschmeicheln sich die Stimmen von Gastsängerin Anneke van Giersbergen und Tomi Joutsen und ergeben ein stimmiges Ganzes.

Amorphis haben wieder einmal ein Mörderding rausgehauen. Die Kombi aus flirrenden Synthiklängen, mal verträumt-melancholischen, mal aggressiv-druckvollen Gitarrenriffs, folkigen und orientalischen Melodien ist einfach nur gelungen. Auch wenn man die ein oder andere Kombi schon mal gehört hat, wirkt nichts an dem Album aufgewärmt und wiedergekäut. Orgel, Chor und Orchester verleihen den Songs eine Erhabenheit und Schönheit, die das Herz schneller schlagen lässt. Elemente wie der gesprochene Text in „Sister of Hate“, Albert Kuvezins Kehlkopfgesang oder Glanzmanns Flöte fügen einen schamanistisch-archaischen Touch hinzu. Und dann ist da natürlich noch Joutsens Ausnahmestimme. Ob fiese Screams, dunkle, bellende Growls, gequälter, schmerzerfüllter oder melancholischer, glasklarer Klargesang – Joutsen zieht einen unweigerlich in seinen Bann und treibt einem beinahe die Tränen in die Augen vor Begeisterung. Der Mann könnte „Alle meine Entchen“ growlen, würde dabei immer noch Begeisterungsstürme auslösen und nichts von seiner Würde einbüßen. Das Konzept vom Aufstieg und Verfall wird durch die Musik zur Gänze transportiert. Aus jedem Ton klingt ein Hall von Ewigkeit, etwas aus der Zeit Gehobenes, das über allem steht.


Tracks:
01. The Bee
02. Message In The Amber
03. Daughter Of Hate
04. The Golden Elk
05. Wrong Direction
06. Heart Of The Giant
07. We Accursed
08. Grain Of Sand
09. Amongst Stars
10. Pyres On The Coast

Band:
Tomi Joutsen (Gesang)
Esa Holopainen (Gitarre)
Tomi Koivusaari (Gitarre)
Santeri Kallio (Keyboards)
Olli-Pekka „Oppu“ Laine (Bass)
Jan „Snoopy“ Rechberger (Drums)

YouTube Channel von Nuclear Blast Records https://www.youtube.com/channel/UCoxg3Kml41wE3IPq-PC-LQw

YouTube Channel von Nuclear Blast Records

YouTube Channel von Nuclear Blast Records

Song des Monats 04/18

Obscura haben mir live als Vorband von Sepultura so gut gefallen, dass der Aprilsong „Ten Sepiroth“ heute von den Landshuter Technic Death Metallern kommt. Ihr findet den Song auf dem wirklich großartigen Album „Akróais“, das 2016 veröffentlicht wurde. Dort trifft Rationalität auf Metaphysik, sturkturierter Technical Death Metal auf progressive Elemente. Alles dreht sich ums Universum und seine Schwingungen und um Eschatologie.

In „Ten Seprioth“ geht es um das Hervorgehen der verschiedenen Schöpfungsphasen aus dem Einen. Es geht um Licht, um Gegensätze, um hell und dunkel, männlich und weiblich. Ich habe das jetzt mal sehr laienhaft zusammengefasst. Wer sich näher mit dem Thema befassen möchte – fragt bloß nicht mich!

A crown, created with divine will
An infinite light of the creator

Through wisdom, from nothingness, a first revelation
An unbound flash widespread, sheer cataclysm

A vessel, made of comprehension
To give it grasp, of breadth and depth

Ten Sepiroth – A central state of unity
Ten Sepiroth – Amanations pure creation

Upholding the heavens, saturating the stars
In splendor bright glory, deliverance ascends
Sustaining the cosmos, a maelstrom of spirits
In newborn distress, emblazed sparkling spheres

Loving grace of inspiring vision
Withhold this victory in mere sincerity
To envision the concentric circles
Conscious alone the heretic

Through wisdom, from nothingness, a first revelation
An unbound flash widespread, sheer cataclysm
Ten Sepiroth – A central state of unity
Ten Sepiroth – Emanations pure creation

Bevor sich das Hirn jetzt vollends verknotet, wenden wir uns lieber der Musik zu. Der Song beginnt mit einem cleanen Gitarrenintro mit Bassuntermalung, nimmt dann aber recht schnell Fahrt auf und verpasst uns den Tritt in den Hintern, den wir gelegentlich brauchen. Rafael Trujillos Finger flattern Schmetterlingsflügeln gleich über das Griffbrett, das Schlagzeug bläst uns die Perücke weg und der Bass sorgt dann wieder für ein wenig Entspannung. Ein paar schöne Harmonien gibts auch noch und am Ende driftet der Song unbestimmt aus. Und weil es Spaß macht den Herren bei ihrer Arbeit zuzusehen, nutzen wir doch die Chance, dass es zu „Ten Sepiroth“ mehrere Videos gibt und betrachten den Song von allen Seiten genau. Sehr wissenschaftlich, oder? Viel Spaß!

YouTube Channel von RealmOfObscura: https://www.youtube.com/channel/UCVwhh7xGEaImvjBsdjQbe0w

YouTube Channel von RealmOfObscura

YouTube Channel von RealmOfObscura

YouTubeChannel von RealmOfObscura

Heathen Crusade Tour. Moonsorrow in Ludwigsburg.

Ville Sorvali, Gesang und Bass, Moonsorrow

Ville Sorvali, Gesang und Bass, Moonsorrow

Wir schreiben das Jahr 2018. Eine Horde Finnen und Iren brach in den ersten warmen Tagen des Aprils zu einem heidnischen Kreuzzug durch Europa auf. Moonsorrow und Primordial riefen ihre Anhänger auf, ihnen zu folgen. Und so bestiegen auch wir unser Stahlross, verließen unser kleines Dorf, in dem wir momentan im Exil leben, und ritten gen Rockfabrik Ludwigsburg, um Moonsorrow zu sehen. Gut, laut unserer Eintrittskarte handelte es sich zwar um die „Heaven Crusade Tour“ statt um die „Heathen Crusade Tour“, aber Fehler passieren nun mal, und wir ließen uns nicht verwirren und auf Irrwege leiten.

Nikita Kamprad, Gesang und Gitarre, Der Weg Einer Freiheit

Nikita Kamprad, Gesang und Gitarre, Der Weg Einer Freiheit

Um 19.30 Uhr eröffneten Der Weg einer Freiheit mit „Einkehr“ den schwarzmetallischen/paganmetallischen Abend. Ich kannte die Jungs vorher nicht und muss sagen, gefiel mir sehr gut, was da geboten wurde. Melodischer Progressive Blackmetal. Sehr meditativ. Häufig stand ich einfach nur mit geschlossenen Augen da und ließ alles auf mich einregnen. Auch Bassist Nicolas Ziska pendelte mit seinem Bass bisweilen entspannte 10 Zentimeter über dem Boden. Aber Vorsicht! Ich möchte an dieser Stelle eine dringende Warnung aussprechen: Zu tiefes Bangen in der ersten Reihe ist schlecht für die Zähne! „Einkehr“ folgten „Skepsis, Part I“, „Zeichen“ und „Requiem“. Den Auftritt beschloss „Aufbruch“. Mir gefiel der Wechsel zwischen entspannten, melodiös-ruhigen Passagen und brachialen Blackmetal Tremolo Picking – Doublebass Blastbeat Wänden, die einen gnadenlos an die Wand bliesen, sehr gut. Die Lichtshow war perfekt darauf abgestimmt, so dass man bald nicht mehr so richtig wusste „Bin ich das? Oder bin ich der Typ neben mir?“ Allerdings entwickelten wir die schlüssige These, dass das Blitzlichtgewitter hauptsächlich dazu diente, die lila Gitarre von Gitarrist Nicolas Rausch zu kaschieren – oder war sie doch schwarz? Wer weiß… Nach dem Auftritt wurde ich noch auf ein Problem aufmerksam, mit dem sich viele Blackmetal Bands herumschlagen müssen – die Zeit. Auf den Hinweis eines Fans, dass es schade sei, dass Der Weg einer Freiheit Teile eines Songs ausgelassen hätten, antwortete Bassist Nicolas Ziska, man habe schließlich nur 45 Minuten. Ja – das reicht halt mal grad für 1 1/4 Songs bei manchen Bands.

Der Weg Einer Freiheit, Rockfabrik Ludwigsburg

Der Weg Einer Freiheit, Rockfabrik Ludwigsburg

Die Umbaupause gestaltete sich zur Nervenprobe. Im Hintergrund wurde die Tonspur einer finnischen Soap eingespielt. Zumindest klang es so. Eine männliche Stimme jammerte, flehte und lamentierte – und strapazierte die Nerven aufs Äußerste. Damit sollte wohl sichergestellt werden, dass alle Weicheier, die dieser Folter nicht standhielten, den Raum verließen. Sie sind des Kreuzzuges nicht würdig. Eisern hielten wir durch. Die Hosen der Crew pendelten zwischen „How low can you go“ und „Hang ‚Em High“. Schnell wurde noch eine Art schwarzes Pümpelbecken an den Drums befestigt. Der uns von anderen Konzerten wohlbekannte Roadie „Mathias“ (wir nennen ihn so – vermutlich heißt er wie jeder anständige Finne Mika oder Klaus Kevin) checkte Drums und Mikros und hängte noch schnell eine kleine Gardine ums Schlagzeugpodest auf. Das sorgte für eine heimelige Atmosphäre. Leider verzichtete er aber auf die Geranienkästen. Und dann trat SIE in mein Leben. Eine handgefertigte, finnische Ruokangas Custom V in rot. Was für eine Schönheit.

Mitja Harvilahti, Gitarre, Moonsorrow

Mitja Harvilahti, Gitarre, Moonsorrow

Nach einigen Unstimmigkeiten beim Gitarrencheck und einem ausgiebigen Test der Nebelmaschine – hüstel -, enterten Moonsorrow mit ihren üblichen blutbeschmierten Gesichtern endlich die Bühne. Und mit ihnen natürlich die Ruokangas Custom V, die praktischerweise direkt vor meiner Nase schwebte. Zusammen mit ihrem Besitzer Mitja Harvilahti. Die Finnen eröffneten ihren Auftritt mit „Pimeä“. Am Funksender von Gitarrist Janne Perttilä musste noch ein wenig gebastelt werden, aber dann konnte auch er ordentlich Gas geben. Verfolgt von Mathias‘ besorgtem Blick. Es folgten „Ruttolehto“, „Suden Tunti“ und „Kivenkantaja“. Zu meiner persönlichen Freude spielten Moonsorrow auch „Mimisbrunn“. Was für ein Wahnsinnssong. Laut Sänger und Bassist Ville Sorvali ein Song zum Relaxen. Ich war und bin wieder einmal begeistert von Moonsorrow und ihrer Bühnenpräsenz und Spielgewalt. Man wird unweigerlich angelockt, mitgerissen, eingesogen. Harvilahti fegte über die Bühne wie ein wild gewordenes Irrlicht, animierte das Publikum oder poste erhaben über unseren Köpfen, die rote Gitarre majestätisch nach vorne gereckt. Manchmal stand er dann wieder minutenlang da und sang und spielte mit geschlossenen Augen – völlig versunken in der Musik. Auch Perttilä hat eine ganz eigene Ausstrahlung. Er erinnerte mich jedes Mal an eine der verrückten Figuren aus den russischen Märchen. Mal wackelte er wie eine Marionette durch die Gegend und grinste dabei hintergründig, mal feuerte er das Publikum an. Und dann ist da noch Ville Sorvali. Sein Krächzen und Zischen ging durch Mark und Bein. Sein Gesicht, mal schmerzerfüllt, mal gequält. Sein Blick so intensiv, so vernichtend, dass man unweigerlich in Gedanken die eigenen Verfehlungen der letzten Tage durchgeht. Er würde sich auch als Lehrer gut machen. Man spürt einfach vom ersten Ton an, dass er seine Musik mit jeder Faser seines Körpers lebt. Es folgte ein Geburtstagsständchen des Publikums für Keyboarder Markus Eurén. Um nicht zu viel unpassende Fröhlichkeit aufkommen zu lassen, verkündete Sorvali dann, dass wir alle irgendwann sterben müssen. Er, Markus, das Publikum – wir alle. Es folgte „Kuolleiden Maa“, der Song über das Land der Toten. Mit dieser optimistischen Zukunftsaussicht verließen Moonsorrow dann auch die Bühne. Wie? Sechs Songs und 1 1/4 Stunden schon um? Ein wirklich intensives, mitreißendes Konzert. Meditativ, aufpeitschend, aufwühlend, musikalisch exzellent. Wenn ihr die Chance habt, die Finnen einmal live zu sehen – ergreift sie! Es lohnt sich wirklich! Die Gardine wurde vom Drumpodest entfernt und zusammengeknüllt – aber das wird Mathias mit seinem Reisebügeleisen sicher wieder richten.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

 

Song des Monats 03/2018

Fast hätte es im März keinen Song des Monats gegeben, aber so hatten wir nicht gewettet. Der Song des Monats heißt dieses Mal „Marionette“ und kommt von Witherscape. Die Band wurde von Dan Swanö gegründet und dieser ist uns als Musiker (zum Beispiel Nightingale, Edge of Sanity, Bloodbath, Moontower) und auch als Produzent (Opeth, Dissection, Katatonia und Asphyx) bekannt.

„Marionette“ ist auf dem Album „The Northern Sanctuary“, das zweite das Swanö zusammen mit Ragnar Widerberg aufgenommen hat. Das Album lebt neben der schönen Gitarrenarbeit und den passend eingestreuten Progressive-Elementen vom Wechsel zwischen Cleangesang und Growls. Bei „Marionette“ erzeugt dies eine ganz besondere Stimmung. Clean umschmeichelt Swanös Stimme unsere Ohren zunächst, wirkt zurückhaltend, fast schon traurig. Und dann werden wir von den Growls förmlich weggeblassen und das mit einer Intensität und einem Ausdruck, daß mir beim Zuhören förmlich ein Klos im Hals steckt. Ich hoffe euch gefällt „Marionette“ auch und lege euch das gesamte Album hiermit nochmal wärmstens ans Herz.

Quelle: YouTube-Channel von Century Media Records, https://www.youtube.com/channel/UCnK9PxMozTYs8ELOvgMNKFA