Post Folk aus Tatarstan: Hunnar von Baradj

Folk Metal/Progressive Metal/Melodic Death Metal
Veröffentlicht: 19.06.2019
Eigenproduktion
facebook.com/baradjband/
https://baradj.bandcamp.com/


 

BARADJ-Hunnar-Cover-400x400Heute habe ich endlich mal wieder ein wenig Folk Metal im Gepäck. Wobei – ein wenig? Das neue Album „Hunnar“ der Band Baradj aus der russischen Provinz Tatarstan umfasst immerhin 14 Songs. Und Folk Metal? Also nur mit einer Schublade kommen wir hier bei Weitem nicht aus. Da müssen wir schon noch einige weitere Schubladen öffnen und vielleicht auch eine ganz neue Schublade zimmern. Die des Post Folk Metals, hier in der Spielart des „Tatar Ethnic Metal“, zum Beispiel. Häh? Wasndasnuwieder?

Baradj kreieren einen ganz eigenen Sound aus Elementen des Progressive Metal, Post Metal, Melodic Death Metal, Folk Metal und Ambient Elementen. Was erst einmal ein wenig viel klingt, vereint sich zu Songs, die oftmals eine sphärische Entrücktheit und Weite transportieren, wie zum Beispiel der Titeltrack „Hunnar“, „Dunay“ oder „Tengri“. Daran hat der extrem hallige Gitarrensound einen großen Anteil, der sich durch das gesamte Album zieht. Dazu kommen jede Menge melancholischer und entrückter Cleanparts, die gern mal ein Ambientfeeling entfalten. Kurioserweise habe ich mich beim Hören tatsächlich ab und zu an Ahab erinnert gefühlt, obwohl das alles eigentlich gar nicht zusammenpasst.

Songs wie „Altynchach“, „Juketaw“ oder „Bolgar Dalasy“ betonen etwas mehr den Folkaspekt, der in eine balkanische Richtung geht und durch cleanen Gesang und entsprechende Gitarrenparts transportiert wird. „Bolgar Dalasy“ birgt den Folk außerdem im Rhythmus. Insgesamt sind die Folkanteile aber eher dezent gehalten. Wer die üblichen „Ohoh“ Chöre und feuchtfröhliche Schunkelmelodien erwartet, ist hier definitiv verkehrt. Auch die zahlreichen Instrumentals wie „Khiyal-Tulu“ oder „Khiyal-Tedrehon“ – es gibt insgesamt sieben davon – tragen zur folkig-entrückten Stimmung bei. Huh – wie oft man das Wort „Folk“ in so einem Absatz doch unterbringen kann…

Bei all der sphärischen Entrücktheit gibt es auf „Hunnar“ aber auch die Songs, die einen mit Wucht und Härte wieder aus den Wolken holen. „Attila“ zieht das Tempo merklich an. Wüste Growls peitschen aus den Lautsprechern. „Juketaw“ oder „Tengri“ spielen mit dem Wechsel zwischen Growls und Cleangesang zwischen langsamen und schnellen Passagen und bringen tiefe Gitarren, aggressive Growls und hier und da ein wenig Rock und dort und da ein bisschen Death und Black Metal mit ein.

„Hunnar“ bietet einen gelungenen Mix aus verschiedenen Stilrichtungen. Baradj kreieren hier einen eigenen Sound, der natürlich auch von den speziellen folkigen Einflüssen herrührt. Ungeduldig darf man nicht sein, denn die Songs brauchen manchmal einige Augenblicke, bis sie sich entfalten. Man sollte also Zeit mitbringen und sich auf die Musik einlassen. Baradjs Post Folk hebt sich aber erfrischend ab. Daumen hoch.

Youtube Channel von Baradj


Tracks:
1. Hunnar
2. Dunay
3. Khiyal – Tulu
4. Attila
5. Khiyal – Ildico
6. Altynchach
7. Khiyal – Altynchach
8. Juketaw
9. Khiyal – Tedrehon
10. Tengri
11. Khiyal – Qubrat Khan
12. Bolgar Dalasy
13. Khiyal – Boiek Bolgar
14. Khiyal – Boygala ham

Band:
Djonathan Lindaive – Gesang, Gitarre
Anton Lisin – Schlagzeug
Aleksey Lozhenkov – Gitarre
Ruslan Latypov – Bass

Ein eiskalter Hauch: „Ruins“ von Marianas Rest

Melodic Death Metal
Veröffentlicht: 26.04.2019
Inverse Records
https://marianasrest.com/


MARIANAS-REST-Ruins-400x400Bah. Seid ihr auch schon genervt von diesem ekelhaften Frühlingswetter? Bunte Blumen, Sonnenschein. Puh. Schmerzt in den Augen. Ich genehmige mir da erstmal eine gehörige Dosis lindernden grauen Nebel und ein wenig zehenabfrierende Kälte. Wenn ihr auch etwas davon haben wollt – bitte. Am 26.04. veröffentlichen die finnischen Melodic Death Metaller Marianas Rest ihr zweites Album namens „Ruins“. Die Band stammt aus der finnischen Hafenstadt Kotka und so scheinen auch die acht Songs auf „Ruins“ von der rauen, nebligen, wilden Ostsee inspiriert. Mit den Ruinen sind allerdings keine verwitternden Steine auf irgendeiner vergessenen Wiese gemeint, vielmehr stehen sie für den gebrochenen Geist. Das Album beschreibt den Prozess vom Moment des Brechens bis hin zum Ende. Klingt qualvoll? Hoffentlich trifft das nicht auf die musikalische Umsetzung zu.

Gleich beim ersten Lied „Kairos“ ereilte mich das, was ich den „Hab ich dich Moment“ nenne, denn der Song zog mich sofort in seinen Bann. Gastsprecher Niilo Sevänen (Insomnium) trägt den Beginn des Gedichts „Darkness“ von Lord Byron vor:

„I had a dream, which was not all a dream.
The bright sun was extinguish’d, and the stars
Did wander darkling in the eternal space,
Rayless, and pathless, and the icy earth
Swung blind and blackening in the moonless air.“

Und dann setzt Gastcellist Timo Virkkala ein und spielt eine herzerweichende, melancholisch-verloren klingende Melodie. Die Welt wirkt klein und intim. Kann es einen stimmungsvolleren Einstieg in den Untergang des eigenen Geistes geben? Ich sage nein! Plötzlich weitet sich der Blick mit dem Einbrechen der anderen Instrumente und ein kleines Inferno aus Drumblasts, Tremolopicking und Synthis bricht los. Ein klagendes Riff und ein hoffnungslos verhallendes Gitarrensolo werden immer wieder vom erwähnten wilden Inferno überrollt. Der ein oder andere dissonante Akkord wird eingestreut, um das Unbehagen weiter zu schüren. Und dann ist da noch Sänger Jaakko Mäntymaa. Wuh. Er schreit, screamt, screamt fies, growlt, spricht, flüstert. Harsch, poltrig, fies, verzweifelt, lockend. Alles scheint irgendwo aus den tiefsten Tiefen der wunden Seele zu kommen und ergießt sich mit einer Intensität über den Hörer, dass das Herz wahlweise vor Schreck, Andacht, Staunen oder Schmerz zu einem eisigen Klumpen gefriert.

„Kairos“ zeigt von Beginn an, was die Finnen auf „Ruins“ bieten. Verträumt-melancholische Gitarrenmelodien wie auch in „The Spiral“ oder „Restitution“. In „Hole in Nothing“ wagt man sogar so etwas wie einen Doppel-Lead, was der Sache Power verleiht. Oder die Gitarre nimmt die Gesangsmelodie auf und es ergibt sich ein reizvolles Spiel wie in „Shadows“. Natürlich darf auch das ein oder andere ohrenschmeichelnde Solo nicht fehlen, wie das in „The Defiant“ oder das in „Omega“. Besonders das in „Omega“. Immer wieder arbeiten Marianas Rest mit doomigen Parts, die Liedern wie „The Spiral“ oder „Hole in Nothing“ Wucht und Kraft verleihen. Ha – und hier ist er wieder, der Doom. Er hat uns noch nicht verlassen. Während „The Spiral“ zum Ende hin ziemlich dramatisch wird und episch ausklingt, weckt die schon fast hoffnungsfroh zu nennende doppelläufige Gitarrenmelodie in „Hole in Nothing“ die kurze Hoffnung, dass doch noch alles gut wird. Aber eben nur kurz, dann versackt man irgendwie im Nebel.

Dissonante Akkorde lassen uns nicht nur in „Hole in Nothing“ das Blut in den Adern gefrieren und verbreiten Kälte und Unwohlsein. Auch in „Shadows“ oder „Omega“ machen die Finnen davon Gebrauch und erzeugen eisige Stimmung. Und immer wieder diese verzweifelten Screams wie wir sie in „Shadows“ oder „Restitution“ hören. Puh,  die gehen echt durch Mark und Bein und wieder zurück. Sehr stimmungsvoll. Im letzten Song „Omega“ treiben Marianas Rest das Spiel zwischen Stimme und Instrumenten noch einmal perfekt auf die Spitze. Dissonante Gitarren, gesprochene Worte, die den Hörer direkt zu adressieren scheinen, leise tickende Drums. Die Stimme wird zu einem growligen Keuchen, einem röchelnden, gutturalen Anklagen und dazu setzt das Cello ein. Da passt einfach alles.

Marianas Rest haben mit „Ruins“ ein Album erschaffen, bei dem einem beim Hören die Meeresbrise eiskalt um die Nase weht. Die Songs strahlen Melancholie und ein unwohliges Frösteln aus, nicht ohne auch immer wieder einen Hoffnungsschimmer aufzutun. Ab und an ergeben sich ein paar Längen. Dann plätschert alles so vor sich hin. Auch das Repertoire an Riffs und Akkorden könnte hier und da etwas variantenreicher sein. Dennoch. Die klagenden Gitarren, die träumerisch-melancholischen Melodien und der unglaublich intensive Gesang kreieren eine dermaßen eindringliche Atmosphäre, dass das Album einen so richtig packt und mitnimmt.

YouTube Channel von InverseRecordsFIN: https://www.youtube.com/channel/UCYkKGD-Ao38KxSxMBeghWDA


Tracks:
1. Kairos
2. The Spiral
3. Hole in Nothing
4. The Defiant
5. Unsinkable
6. Shadows
7. Restitution
8. Omega

Band:
Nico Mänttäri – Gitarre
Harri Sunila – Gitarre
Niko Lindman – Bass
Jaakko Mäntymaa – Gesang
Aapo Koivisto – Keyboards
Nico Heininen – Schlagzeug

The Burning Cold over Stuttgart – Omnium Gatherum Tour 2018

Nothgard

Nothgard

Der Melodic Death Metal Konzertabend stand unter keinem guten Stern. Nicht nur, dass ich es am Tag zuvor beim Sport dermaßen übertrieben hatte, dass ich nur noch auf allen Vieren kriechen konnte. Auch mein Magen-Darm-Trakt beschloss mich im Stich zu lassen. Natürlich alles kein Grund nicht zum Omnium Konzert zu gehen – mit dem Kopf nicken geht ja noch und darauf kommt es schließlich an. Vollgepumpt mit Imodium ging es also in den clubCann.

Der Auftritt der ersten Vorband Nothgard war schon in vollem Gang, als mein Mann und ich eintrafen, sodass wir von den Melodic Deathern aus Deggendorf leider nicht mehr allzu viel mitbekamen. Immerhin erlebten wir noch den verzweifelten Versuch, die versammelte Schwabengemeinde zu einem Circle Pit zu bewegen. „Wir wollen Bewegung sehen.“ Das zog sich durch den kompletten Abend, doch jede der drei Bands perlte daran ab, die als eher nicht so extrovertiert geltenden Schwaben zum Tanzen zu bringen. Da half keine Erpressung („Die anderen haben es auch alle hinbekommen“) und kein Sarkasmus („Das war der kleinste Circle Pit, den ich je gesehen habe. Wenn sich zu dem einen vielleicht noch ein zweiter gesellen könnte…“). Omnium Sänger Jukka Pelkonen versuchte es mit einem freiheitlichen pädagogischen Ansatz „Wir bangen jetzt gemeinsam voll ab – und wer sich traut, kann hier vielleicht auch einen Circle Pit eröffnen.“ Es nützte alles nichts. Das Publikum erwies sich als tanzresistent.

Tuomas Saukkonen

Tuomas Saukkonen

In der Pause schoben wir uns weiter nach vorn. Wobei ich positiv anmerken muss, dass der clubCann nicht so vollgestopft war, dass man sich nicht mehr regen konnte. Auch der Sound war klasse und ausgewogen. Großes Lob. Als Nächstes stürmten die finnischen Melodic Death Metaller von Wolfheart die Bühne. Gefiel mir gut. Ausgefeilte Songs mit Doom- und Blackmetal Anteilen und ein Auftritt, der Laune machte. Bassist Lauri Silvonen bewies eine Engelsgeduld. Ich weiß nicht, wenn man mir 5 Minuten ins Nasenloch filmen würde… Ähm. Ja. Beeindruckend war auch der Gitarrengurt von Gitarrist und Sänger Tuomas Saukkonen. Der bestand nämlich aus einer Kette aus Eisengliedern. Wirkt sehr martialisch und saucool, aber aua. Mein Mann nur lapidar:“Es heißt doch ‚Heavy Metal'“. Tja, auch wieder wahr. Allerdings lenkten zwei Herren direkt vor mir meine Aufmerksamkeit vom Geschehen auf der Bühne immer wieder ab. Der eine drehte ein Video auf seinem Smartphone und gab der Band mit Handzeichen Regieanweisungen. Da diese das frecherweise ignorierte, verlegte er sich aufs Tanzen und Bangen. Da kommt sicher ein Blockbuster dabei heraus. Sein Kumpel faszinierte durch seinen ausgefeilten Tanzstil. Eine Mischung aus „Hol dein imaginäres Lasso raus“, Techno und Bangen. Herrlich. Und da er in den langsamen Teilen schon immer etliche BPM schneller war, wurde es in den schnellen Passagen richtig witzig.

Omnium Gatherum

Omnium Gatherum

Wir erreichten die zweite Reihe pünktlich zum Auftritt von Omnium Gatherum. Die Melodic Deather sind ja auf Platte eher nicht so mein Ding – aber live die absolute Abrissbirne. Ich hatte ja das Glück Omnium schon einmal live erleben zu dürfen. Die Herren aus Finnland transportieren von ihrer Bühne herunter eine unglaubliche Energie und Kraft. Es macht irre Spaß, zuzuhören und zuzuschauen. Sänger Jukka Pelkonen ist ein echtes Biest. Er bangt, schreit, feuert das Publikum an. Er ist unheimlich interaktiv und leutselig, zeigt immer wieder ins Publikum, als wäre es sein gesetztes Ziel für den Abend mindestens einmal auf jeden im Raum gedeutet zu haben. Sein liebster Zeitvertreib – neben dem Singen – ist aber das Hörner abklatschen mit dem Publikum. Und man kann sich schon auch mal Nase an Nase mit dem Sänger wiederfinden, wenn man ganz vorn steht. Aber auch der Rest der Band versprüht eine wahnsinnige Energie. Einzig Gitarrist Joonas Koto thront eher in sich gekehrt über dem Geschehen und entlockt seiner Gitarre herrliche Melodien. Damit niemand etwas verpasst, weist Sänger Jukka Pelkonen auch meistens durch Fingerzeig darauf hin, dass jetzt ein Gitarrensolo kommt und lässt es sich auch nicht nehmen, Teile auf seiner Luftgitarre mitzuspielen oder die Gitarristen anzufeuern. Allerdings muss ich noch auf ein ernstes Thema hinweisen: misshandelte Bässe. Erkki Silvennoinens Bass wurde offensichtlich nicht gut behandelt, wie eine dicke Lage Tape an einem Flügel des Basses und die zu großen Teilen abgeblätterte Farbe beweisen. Das arme Instrument tat mir von Herzen leid. Andererseits wirkte es eigentlich ansonsten recht munter. Vielleicht doch kein Grund zur Sorge. Zwischendurch entstand sogar ein wenig Wackenfeeling als jemand beim Bangen sein Bier verschüttete und sich ein kleiner See bildete. Zum Schlammrutschen fehlte allerdings noch der Dreck. Neben einigen Songs vom neuen Album wie „Over the Battlefield“ „The Burning“ „Gods go first“ oder „Fearless Entity“ spielten die Finnen natürlich auch einige alte Kracher wie „Frontiers“, „Skyline“ „Nail“ und als Zugabe „Luoto“ und „New Dynamic“. Eine ausgewogene Mischung. Auch das Verhältnis zwischen schweren Walzen und flotten Nackenbrechern machte Spaß. Ein rundum gelungener Melodic Death Metal Abend. Aus Nostalgiegründen riefen wir zum Abschluss noch einmal „Whale ahead!“ und gingen dann tierisch ab. Mit dem Kopf nicken geht jetzt auch nicht mehr. Was soll’s?! Ein großes Dankeschön geht noch an unseren Freund – nennen wir ihn Moorin – dass er extra seine Geburtstagsparty verschoben hat, um uns das Ganze zu ermöglichen.

Diese Diashow benötigt JavaScript.

 

Düster, aggressiv und heavy – Sorgir von Skálmöld

Pagan Metal/Folk Metal/Melodic Death Metal
Veröffentlicht: 12.10.2018
Napalm Records
https://skalmold.is/


Ja! „Sorgir“ von Skálmöld ist da. Es ist das fünfte Album der Isländer und es kommt wirklich genau zur richtigen Zeit, denn es soll düster, aggressiv und heavy sein und das brauche ich grad dringend. Neulich im Gitarrenunterricht: „Du spielst da grad den fröhlichen Akkord, gell, da klingt das nicht mehr so richtig düster.“ Bah, jetzt schleichen sich schon ungewollt fröhliche Akkorde ein – und alles, was ich mir denke ist: „Klingt irgendwie komisch?!“. Nee, nee, nee, ich muss mir dringend eine ordentliche Packung Dreck, Düsternis und Evilheit verpassen, nicht dass diese schleichende Helenisierung (und das hat nichts mit Griechen und nur was mir Schlager zu tun) noch fortschreitet.

Sorgir“ bedeutet „Sorge“ und deutet schon an, wohin die musikalische Reise geht. Aber die Isländer spielen nicht einfach planlos drauf los, sondern es steckt noch mehr dahinter. Das Album teilt sich quasi in zwei Teile: „Sagnir“ und „Svipir“. Es gibt jeweils vier „Sagnir“ (Geschichten) und vier „Svipir“ (Geister) Songs und wiederum jeweils zwei – einer aus jedem Teil – bilden ein Paar, das ein und dieselbe Geschichte aus unterschiedlichen Perspektiven erzählt. Einmal aus der Sicht der Person, der das Ganze widerfährt, und einmal aus der Sicht eines anderen Wesens. So, genug der Theorie… Lobend und voller Begeisterung muss ich auch noch das wunderschöne und liebevoll gestaltete Artwork von Kristján Lyngmo erwähnen. Sehr hochwertig und sehenswert!

Der Opener „Ljósið“ (Licht) löst dann auch sofort das gegebene Versprechen ein und haut uns ein schnelles, hartes Riff um die Ohren. Dazu gesellen sich Sänger Björgvins charakteristische, rhythmische Sprechgrowls, Baldurs Schreie und der glasklare, wunderschöne Chorgesang. „Sverðið“ (Schwert) macht mit gemächlicher Schunkelmelodie weiter. Was allerdings an dem Song so richtig Spaß macht, sind die Doppelleads und die vielschichtigen Gitarren, die sich immer wieder ineinander verweben. Fröhliche Folkmelodien sucht man allerdings auf „Sorgir“ tatsächlich vergeblich. Auch „Sverðið“ hat trotz Schunkelmelodie eine eher unheilvolle Stimmung. Mit „Brúnin“ wird es wieder zackiger und Gitarrist Þráinn Árni Baldvinsson haut sein erstes atemberaubendes Hochgeschwindigkeitssolo raus, während Drummer Jón uns mit seinen Doublebasses traktiert. „Barnið“ gefällt mir, weil der Song sehr von den Drums und vom Rhythmus dominiert wird. Er ist schwer, schleppend, drückend, die Gitarren schweben unheilvoll im Hintergrund und dann Bäm! Solo! „Skotta“ ist eine Wundertüte voll Unheil, Gänsehaut und ungutem Gefühl. Tempotechnisch pendelt der Song zwischen stampfenden Passagen und affenartigem Tempo mit Drum- und Gitarrensalven und rasendem Tapping. Gegen Ende taucht das Hochgeschwindigkeitstapping nochmal im Hintergrund auf. Im Vordergrund Cleangesang. Durch die verschiedenen Geschwindigkeiten ergibt sich ein eigentümlich verschobenes Gefühl. Herzklopfen pur.

Die beiden Highlights auf einem Album voller Highlights sind „Móri“ und „Mara“. Heidewitzka – echt. „Móri“ baut langsam und bedächtig durch dumpfe Trommel und anschwellende Gitarren eine unheilvolle Spannung auf. Gastsängerin Ragnheiður Steindorsdottir schafft dann durch ihren Gesang, unterlegt von einer Oboenmelodie, einen schon fast heilig wirkenden Moment, der etwas Tragisches in sich birgt. Und dann hauen die Gitarren und Björgvins Growls gewalttätig mitten rein. Der Hammer. Das Ganze ist so bombastisch, dass man sich fragt „Was soll da jetzt noch kommen?“ Wie „Móri“ besticht auch „Mara“ durch eine gut durchdachte und ausgeklügelte Komposition. „Mara“ ist Härte und Brutalität gegen Weichheit und Traurigkeit. Der von einem Break eingeleitete cleane Gitarrenteil ist dermaßen zum Heulen schön. Doch auch hier lauert schon wieder die Tempokeule und Gitarrist Þráinn Árni Baldvinsson haut nochmal alles raus, was die Finger, Saiten, das Plektrum und die Gitarre nur hergeben und fabrizieren können. Mir fallen einfach keine Superlative mehr ein, deshalb lasse ich es und bleibe mit meiner Gänsehaut hier sitzen.

Sorgir“ ist düster, aggressiv und heavy. Folkig ist das Album auch, aber durch die Blume und nicht mit der Axt. Skálmöld packen jede Menge haarsträub-Akkorde aus und arbeiten mit meisterhaften Tempowechseln und Überraschungseffekten, die eine unheilvolle Gruselatmosphäre schaffen. Typisch für die Isländer ist die riesige Bandbreite beim Gesang: rhythmische Growls, Screams, Cleangesang oder einfach Geschrei – es ist alles vorhanden. Baldur und Björgvin im Wechsel und Zwiegebrüll sind einmalig gut. Stimmige und harmonische Doppelleads und drei Gitarren, die sich vielschichtig ergänzen plus Hochgeschwindigkeitssoli und Ohrenbluttapping, die einem die Schlappen ausziehen, runden das Ganze perfekt ab. Kompositorisch sind die Songs der Isländer ausgeklügelt, kurzweilig und überraschend und im Fall von „Móri“ und „Mara“ mit einem irren Spannungsbogen versehen. Skálmöld erzählen mit ihrer Musik Geschichten und auch wenn der Text natürlich eine wichtige Rolle spielt, benötigt man ihn oft gar nicht, um die Geschichte nachzuempfinden und zu verstehen. Sie sind kalt, hart, abweisend, anrührend, gänsehautverursachend und zum Heulen schön.

YouTube Channel von Napalm Records https://www.youtube.com/user/napalmrecords


Tracks:
1. Ljósið
2. Sverðið
3. Brúnin
4. Barnið
5. Skotta
6. Gangári
7. Móri
8. Mara

Band:
Snæbjörn Ragnarsson – Bass, Gesang
Jón Geir Jóhannsson – Drums, Gesang
Baldur Ragnarsson- Gitarre, Gesang
Gunnar Ben – Keyboards, Oboe, Gesang
Þráinn Árni Baldvinsson- Gitarre, Gesang
Björgvin Sigurðsson- Gesang, Gitarre

Ein Hauch von Vergänglichkeit und Ewigkeit – Queen of Time von Amorphis

Melodic Death Metal/Dark Metal/Progressive Metal/Folk Metal
Veröffentlicht: 18.05.2018
Nuclear Blast Records
http://amorphis.net/


Queen of Time

Queen of Time

Donnerstagnachmittag. Im Briefkasten liegt das neue Album „Queen of Time“ von Amorphis. „Yippie“, denke ich mir. Das Tagwerk ist bereits erledigt, genug Zeit  und Ruhe also, um gleich mal reinzuhören. Schon die Hülle ist zum Sterben schön und ich verweile einige Zeit in andächtiger Betrachtung. Ich lege die Scheibe ein und drücke auf „Play“, flacke mich aufs Sofa und schließe die Augen. Die ersten Töne erklingen. Schöööön. „Ding-dong“. Dieses Türklingelgeräusch gehört definitiv nicht zum Konzept des neuen Werks der Finnen. DHL liefert die neue Garderobe. Kurz kämpfe ich mit mir, doch die nörgelnde Stimme des Pflichtbewusstseins siegt und ich höre „Queen of Time“ nicht auf dem Sofa, sondern während ich die neue Garderobe zusammenschraube. Und was soll ich sagen – ich musste wirklich aufpassen, dass ich mir vor lauter Begeisterung und Glückseligkeit nicht in den Finger dremle.

Das 13. Studioalbum von Amorphis entstand, wie schon das Vorgängeralbum „Death of a King“, in Zusammenarbeit mit Produzent Jens Bogren. Seine Handschrift ist auf „Queen of Time“ unverkennbar und man muss wirklich sagen: Amorphis und Bogren, das passt wie Arsch auf Eimer. Das Album ist noch einen Tick progressiver und epischer als sein Vorgänger und trotzdem absolut Metal. Es klingt definitiv wie die logische Weiterentwicklung von „Death of a King“. Neben bekannten Elementen wie der Flöte (Chrigel Glanzmann von Eluveitie), folkigen oder orientalisch anmutenden, eingängigen Melodien und Killerriffs, bietet „Queen of Time“ uns den Auftritt von Saxofonist Jørgen Munkeby und von Texter Pekka Kainulainen, der in „Daughter of Hate“ einige Worte spricht. Dazu kommen Chorgesang und Orchester. Außerdem stehen Keyboarder Santeri Kallio und sein Instrument deutlich mehr im Vordergrund als noch zuvor. So übernimmt er häufiger das Hauptriff und es gibt auch das ein oder andere Keyboardsolo. Aber natürlich kommen auch die Gitarren der Herren Holopainen und Koivusaari nicht zu kurz.  Inhaltlich geht es laut Gitarrist Esa Holopainen um „Kosmische Mächte, an die die Menschen vor langer Zeit glaubten, vom Aufstieg und Fall der Kulturen. Sie (die Biene, Anm. T!B!B!) steht für den Mikrokosmos, der dennoch kataklysmische Veränderungen auslösen kann. Der Fall von Weltreichen, der von einem kleinen sprießenden Samen eingeläutet wird. Der Schmetterling, der einen Hurrikan auslöst.“ So erklärt er das Albumcover.

Es fällt mir wirklich schwer einzelne Songs hervorzuheben, denn jeder von ihnen geht ins Ohr und setzt sich dort unerbittlich fest. Der Opener „The Bee“ startet mit einer sphärischen Frauenstimme, doch ruckzuck donnert Tomi Joutsen mit einem brachialen Röhrer mit Macht dazwischen. Ein Refrain, der hängenbleibt, gesellt sich dazu und ein wuseliges Keyboardriff begleitet alles und verbreitet ein Flair nicht von dieser Welt. In reizvollem Gegensatz zur Progressivität steht der Kehlkopfgesang von Albert Kuvezin und bringt eine schamanistisch-archaische Note in den Song ein. Zu meinen persönlichen Höhepunkten des Albums zählen jedoch „Message in the Amber“, „Daughter of Hate“, „Heart of the Giant“ und „Grain of Sand“. „Message in the Amber“ beginnt mit einer leichten, folkigen, verträumten Gitarrenmelodie und Joutsens sanftem, melancholischem Gesang, bevor er seine Growls aus den tiefsten Tiefen auspackt und uns unvermittelt eine ordentliche Packung verpasst. Chor und Orchester verleihen dem Song eine ganz eigene, wunderschöne Erhabenheit, die durch die Verzerrung der Stimmen hier und da einen leicht spacigen Einschlag bekommt. Gleichzeitig ist „Message in the Amber“ sehr druck- und kraftvoll. „Sister of hate“ startet mit einem knappen Orgeleinstieg und Joutsens zartschmelzender Stimme. Doch dann wird es schnell schwarzmetallisch. Fiese Screams zischen uns entgegen. Das Saxofonsolo hätte ich jetzt nicht gebraucht – traue nie einem Instrument, das aus Metall besteht, sich aber immer noch als Holzblasinstrument ausgibt. Nee, mag ich einfach nicht. Aber das ist Geschmacksache. Kombiniert mit einem wunderbar melancholischen Gitarrenriff und ein bisschen Chorgesang ergibt sich eine reizvolle Mischung aus Aggressivität, Melodik und Melancholie. Mit diesem Gegensatz spielen Amorphis ohnehin sehr gern und sehr gekonnt. Auch „Heart of the Giant“ bedient sich dieses Stilmittels. Einem verträumten Gitarrenintro folgen kraftvolle Streicher, energischer, aufpeitschender Chorgesang und ein Gitarrenriff wie aus dem Märchenbuch. Der Refrain wird getragen von Joutsens melancholischem Klargesang und seinen druckvoll herausgehauenen Growls. Ergänzt wird das Ganze durch ein Keyboard- und ein Gitarrensolo. Der ganze Song ist sehr energiereich und entfaltet eine cineastisch anmutende Kulisse. „Grain of Sand“ wirkt dagegen wieder roh, archaisch, bedrohlich und bodenständig, spielt aber ebenfalls mit den genannten Gegensätzen. Ein Duett bietet das Album auch noch. In „Amongst Stars“ umschmeicheln sich die Stimmen von Gastsängerin Anneke van Giersbergen und Tomi Joutsen und ergeben ein stimmiges Ganzes.

Amorphis haben wieder einmal ein Mörderding rausgehauen. Die Kombi aus flirrenden Synthiklängen, mal verträumt-melancholischen, mal aggressiv-druckvollen Gitarrenriffs, folkigen und orientalischen Melodien ist einfach nur gelungen. Auch wenn man die ein oder andere Kombi schon mal gehört hat, wirkt nichts an dem Album aufgewärmt und wiedergekäut. Orgel, Chor und Orchester verleihen den Songs eine Erhabenheit und Schönheit, die das Herz schneller schlagen lässt. Elemente wie der gesprochene Text in „Sister of Hate“, Albert Kuvezins Kehlkopfgesang oder Glanzmanns Flöte fügen einen schamanistisch-archaischen Touch hinzu. Und dann ist da natürlich noch Joutsens Ausnahmestimme. Ob fiese Screams, dunkle, bellende Growls, gequälter, schmerzerfüllter oder melancholischer, glasklarer Klargesang – Joutsen zieht einen unweigerlich in seinen Bann und treibt einem beinahe die Tränen in die Augen vor Begeisterung. Der Mann könnte „Alle meine Entchen“ growlen, würde dabei immer noch Begeisterungsstürme auslösen und nichts von seiner Würde einbüßen. Das Konzept vom Aufstieg und Verfall wird durch die Musik zur Gänze transportiert. Aus jedem Ton klingt ein Hall von Ewigkeit, etwas aus der Zeit Gehobenes, das über allem steht.


Tracks:
01. The Bee
02. Message In The Amber
03. Daughter Of Hate
04. The Golden Elk
05. Wrong Direction
06. Heart Of The Giant
07. We Accursed
08. Grain Of Sand
09. Amongst Stars
10. Pyres On The Coast

Band:
Tomi Joutsen (Gesang)
Esa Holopainen (Gitarre)
Tomi Koivusaari (Gitarre)
Santeri Kallio (Keyboards)
Olli-Pekka „Oppu“ Laine (Bass)
Jan „Snoopy“ Rechberger (Drums)

YouTube Channel von Nuclear Blast Records https://www.youtube.com/channel/UCoxg3Kml41wE3IPq-PC-LQw

YouTube Channel von Nuclear Blast Records

YouTube Channel von Nuclear Blast Records

Song des Monats 12/17

Im November wurde endlich eine unverzeihliche Lücke in meinem Fundus an Metal Alben geschlossen. Mein Mann schenkte mit zum Geburtstag “Fi’mbulvintr” von King of Asgard. Warum dieses wunderbare, 2010 erschienene und absolut zu empfehlende Album noch fehlte? Keine Ahnung. Es gibt keine vernünftige Begründung dafür – denn seit ich es habe, läuft es rauf und runter und hin und her. Deshalb kommt der Dezembersong also von den schwedischen Melodic Death und Pagan Metallern King of Asgard.

„Einharjar“ ist ein echter Pagan Metal Hammer und hat alles, was ein Song braucht, um mich froh zu stimmen. Ein Riff, das sich für die nächsten sechs Wochen im Kopf fest fräst, eine äußerst gefällige Melodie, vorwärts preschende Gitarrenwände. Das Ganze wird gekrönt von Karl Beckmanns markerschütternden „Einharjar“ Rufen und seinem äußerst tollwütige Geknurre im Mittelteil – schön untermalt von Palm Mutes, gefolgt von einem kleinen Gitarrensolo.

Silence, hark and behold
Shattered fields, substantial darkness… and a swallowed sun
A sudden void, a sacred ground… where Death has sung

Einharjar – Die before us one and all
Einharjar – Chosen to die by the glimpse of an age
Einharjar – Die before us one and all
Einharjar – Reunite, we all shall fall

Härjafader, a woven fate in the hall of the slain
Härjafader, and a shadow of a thousand…
…when the Wolf comes!

A glance cold, dreaful to witness… and to hold
Since dawn of time, awaiting… yearning unfold

Einharjar – Die before us one and all
Einharjar – Chosen to die by the glimpse of an age
Einharjar – Die before us one and all
Einharjar – Reunite, we all shall fall

Inhaltlich geht es, wie in vielen Songs von King of Asgard, um den Tod auf dem Schlachtfeld – in diesem Fall eines nicht näher bezeichneten Herrn namens Einharjar. Nein, natürlich weiß der in der nordischen Mythologie bewanderte Teilzeitwikinger, dass es sich bei den Einharjar um die in der Schlacht ehrenvoll gefallenen Krieger handelt, die von den Walküren direkt und ohne Umwege nach Walhall geleitet werden. Dort kämpfen und saufen sie und gehen dem guten alten Odin dann bei der Schlacht am Ende aller Zeiten (Ragnarök) zur Hand. Jetzt reicht es aber mit der Geschichtsstunde. Zückt die Äxte! Viel Spaß beim Hören!

Quelle: Youtube Channel von Metal Blade Records: https://www.youtube.com/channel/UCSldglor1t-5E-Gy2eBdMrA