Nimm den Hammer. MMXIX von Kilometer 94

Doom Metal / Sludge / Drone
Veröffentlicht: 19.01.2020
Eigenveröffentlichung


a3348483999_10„Hello, we are Kilometer 94 from Kiel. We make Krach.“ – Dieser akkuraten Selbstbeschreibung muss man fast schon nicht mehr viel hinzufügen, denn genau das, Krach, verpacken Kilometer 94 auf MMXIX in einer guten halben Stunde in zwei überlange Lieder. Etwas differenzierter will ich es dann aber doch angehen lassen. Getreu dem Motto „Take the hammer, numb yourself“ packen Kilometer 94 den Hammer auch tatsächlich aus und schwingen ihn langsam, dafür aber mit viel Wucht. Fast die ganze Spieldauer bewegt man sich am unteren Ende der Geschwindigkeitsskala und auch der Tonleiter. Gern zerfällt alles in Dröhnen, was aber nicht heißt, dass die Lieder ohne Struktur wären. An einigen Stellen wird der Vorschlaghammer eingepackt und der Groove setzt ein, was aber nicht darüber hinwegtäuschen sollte, dass es mehr ums Fühlen als ums Hören geht. Einem Horrorthema folgend werden immer wieder Sprachsamples eingespielt und es wird gespenstisch dissonant. Richtig packend wird’s aber bei simplen Hau-Drauf-Momenten wie im Mittelteil von The Putrid Stench Of Souls oder, ebenfalls ab der Mitte beim Kopfnicken-Geschrabbel To Bring Down The Leviathan – passender Titel übrigens. Das wird dann auch gebührlich ausgedehnt, bevor alles wieder in tiefste Töne und Stahl zerfällt. Achja, verhalltes Geschrei gibt es natürlich auch. Für jemanden wie mich, der reinem Noise eher abgeneigt ist, gibt es immer wieder genügend Halt mit durchgängigem Rhythmus, um nicht jämmerlich irgendwo im Tieftonsumpf zu versinken. Dazu regiert kompromisslose Härte, wenn’s sein muss. Nicht schlecht. Also, los geht’s: Take the hammer, numb yourself!

MMXIX by Kilometer 94


Lieder:
01. The Putrid Stench Of Idle Souls
02. To Bring Down The Leviathan

Doom² – [B O L T] vs. Morasth – Split

Doom/Drone/Noise/Sludge/Black
Veröffentlicht: 22.11.2019
dunk!records
https://wearebolt.bandcamp.com/
https://morasth.bandcamp.com/music


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[B O L T] und Morasth. Zwei Mal Dunkelheit, zwei Mal Verderbnis, zwei Mal tief versumpfen irgendwo im Dröhnen und Scheppern der Langsamkeit. Auf der Split-LP der beiden Genreverwandten hat jede der Gruppen ein Lied um die 20 Minuten, wie es sich wohl gehört – jedenfalls steigt gefühlt die Zahl der zweiliedrigen Splits mit 40 Minuten Laufzeit stetig an -, beigesteuert. Da kommt natürlich genremäßig zusammen, was zusammen gehört – und das Cover könnte kaum besser sein. Was wird also auf den beiden Vinylseiten, rein digital gibt’s natürlich auch, geboten?
Fangen wir doch mit [B O L T] aus Duisburg an. Die bezeichnen ihre eigene Musik unter anderem als repetitiv, experimentell, bedrohlich, düster und natürlich langsam. Eine ziemlich treffende Selbstbeschreibung. Denn zäh mäandert es da aus den Lautsprechern. Vor allem aber dröhnend. Zwei Bässe plus Schlagzeug. Das Rezept kommt entfernt bekannt vor, haben doch beispielsweise Bell Witch eine ähnlich Konstellation, wenn auch nur einen Bass. Zieht man das ab, bleibt allerdings nicht viel Gemeinsamkeit. Ja, der Bass dröhnt auch hier ganz ordentlich und es gibt jede Menge Doom. Funeral steckt aber nicht so sehr drin. Doch das Lied, „(06)“ betitelt, ist lang, sehr lang und, anders als ich das oft betone, nicht unbedingt kurzweilig. Es tost allenthalben und das Tempo ist in der Regel langsam, ganz, ganz langsam. Umso überraschender sind die eingestreuten Schlagzeug-Einlagen. Genre-untypisch gibt es immer wieder hektische Double Bass oder auch mal schmetternde Blast Beats, wobei sich der Bass in Sachen Geschwindigkeit unbeeindruckt zeigt. Da schimmert ein Hauch Black Metal durch, der der Klangmelange ganz gut tut. Stellenweise an das ebenfalls schwerfällige Wright Valley Trio aus Wiesbaden erinnernd, bietet sich ein düsterer Sumpf aus schwarzem Teer, aus dem es kaum ein Entkommen gibt. So lädt „(06)“ zum Verweilen ein und im Gegensatz zur freundlichen Kneipe nebenan ob man will oder nicht. Hypnotisiert mit Druck auf den Ohren gibt es nicht viel mehr, als sich in die undurchdringlichen Tiefen hinabziehen zu lassen.
Morasth aus Mainz und somit dem im Rhein-Main-Gebiet ansässigen vielleicht nicht unbekannt steuern „Ut in caligine terrae residam, tamen patria aether manet“ bei. Der Bandname kommt natürlich nicht von ungefähr. Dennoch zeigen sie sich im Vergleich mit [B O L T] ein Stückchen zugänglicher und sind, wenn auch nicht auf der sonnigeren, doch eher auf der doomigen als dronigen Seite des Lebens unterwegs. Die Songstruktur ist klarer ausdefiniert, Stringenz wird hier eher hochgehalten und ein schöner Break lässt aufhorchen. Selten ziehen die Morasth sogar das Tempo etwas an, fast schon rockig. In solchen und ähnlichen Momenten kann man gar nicht anders, als ordentlich mitzuwippen. Ganz anders als bei den Split-Kollegen schimmert hier und dort ein Anschein von Melodie durch den dickflüssigen, schwarzen Nebel. Vom vertonten Meenzer Frohgemut ist man freilich dennoch weit entfernt. Tiefe, tiefe Riffs wummern beständig vor sich hin, getrieben von Bass, Verzerrung und Schlagzeug.
Wer also Schnecken als irgendwie hektische Tierchen, Schwarz als doch etwas zu hell und Presslufthammer viel zu melodisch findet, der möge ein Ohr riskieren. Enttäuschung gibt es woanders.


Lieder:
1. (06) von [B O L T]
2. Ut in caligine terrae residam, tamen patria aether manet von Morasth

Konsequent – Zentrum von Valborg

Death Metal
Veröffentlicht: 17.05.2019
Prophecy Productions (Soulfood)


a2586591844_10Nach dem „Endstrand“ also das „Zentrum“. Valborg sind in der Metallandschaft sicherlich ein künstlerisches Phänomen, das von unverständigem Kopfschütteln bis zu grenzenloser Begeisterung eine große Bandbreite an Reaktionen bei den Hörern hervorruft. Was also bietet „Zentrum“ nach dem bis an die Grenzen primitiv-brutalen Dadaismusbrocken von Vorgänger? Cover und Songtitel lassen jedenfalls großartiges erahnen.
Es ist nach wie vor faszinierend, wie mit wenig Mitteln viel erreicht wird. Ja, die Musik ist großteils einfach, um nicht zu sagen stumpf. Das reicht von simplem Geballer wie beim Einstand „Rote Augen“ oder „Schwerter der Zeit“ zum doomigem Groove („Vakuum“). So weit, so „Endstrand“. Was aber deutlich auffällt ist zum einen, dass Ein-Wort-Texte nicht mehr vorkommen und die Lyrics nachdenklicher, gar tiefgründiger wirken, wie bei „Nahtod“ zu lesen:

Ich kann mich nicht erinnern
Woher wir kommen

Ich kann mich nicht erinnern
Wohin wir sollen

Sie geben der Musik, neben diversen anderen Stilmitteln, oft eine packende Mystik und Rätselhaftigkeit und geben ein Gefühl von Fremdartigkeit, das sich nur schwer in Worte packen lässt. Häufig sind die Texte aber auch einfach nur verdammt cool, wie „Ultragrab“ beweist:

Kein Verstand
Erde verbrannt

Ultragrab

Wie viel tatsächlich drinsteckt, ist nur schwer zu erahnen. Die Einflüsse sind vielfältig, die Ideenfindung vom Zufall geprägt. Für das Ergebnis ist das aber auch egal. Hilfreich dabei ist der vermehrt eingesetzte Klar- und Sprechgesang. Gefühlt steckt auch eine größere Bandbreite von Emotionen im Gesang.

Zum anderen wird die Atmosphäre unterstützt von zahlreichen Details wie Klangteppichen („Vakuum“) oder sanfter Elektroeinsatz („Alphakomet“). Diese Elemente bleiben für gewöhnlich angenehm im Hintergrund und sorgen so für die richtige Stimmung und Abwechslung ohne zu stören. Im Gegensatz dazu steht beispielsweise das gewaltige, monolithische Schallsignal am Ende von „Kreuzer“. Mehrfach ertönt es verzerrt, begleitet von leisem Ticken. Das gibt nicht nur beim ersten Hören Gänsehaut. Solche Komponenten haben wohldosiert die Endzeitstimmung auf „Endstrand“ schon perfektioniert und werden hier noch weit häufiger und deutlicher eingesetzt.

Das war jetzt viel zum Drumrum, aber was ist eigentlich nochmal der Kern der Valborgschen Musik? Der besteht nach wie vor aus viel Härte. Die kommt von einfachen, aber wirkungsvollen schweren Riffs, garniert mit viel, viel Bass. Stilistisch schwebt das irgendwo zwischen groovigem Death, schleppendem Doom und rasendem Black Metal. Düster und schwer, nahezu ohne leichtfüßige Momente (am ehesten noch bei „Nonnenstern“). Nun heißt es immer irgendwas von simpel, einfach, primitiv etc. pp. Das heißt aber noch lange nicht, dass Zentrum in irgendeiner Art und Weise eingängig wäre. Klar, wenn bei „Alphakomet“ das Stampfriff gezückt wird, kann man nicht widerstehen. Aber so richtig gezündet hat das Album erst nach und nach, wenn man die Vielschichtigkeit trotz aller Einfachheit kennen- und lieben lernt.

Durch und durch ähnlich zum Vorgänger ist „Zentrum“ also und doch durch und durch auch eine entscheidende Weiterentwicklung. Wo „Endstrand“ ganz brutal im Zeichen der Apokalypse stand, bietet „Zentrum“ Raum für eine vielfältigere Spanne an Stimmungen – gleichwohl ohne groß an Härte zu verlieren. Valborg machen in letzter Konsequenz, was sie machen wollen. Und das Resultat gibt ihnen Recht.

Lieder
1. Rote Augen
2. Alphakomet
3. Anomalie
4. Nahtod
5. Ultragrab
6. Nonnenstern
7. Kreuzer
8. Schwerter der Zeit
9. Vakuum

Band
Jan Buckard – Bass, Gesang
Christian Kolf – Gitarre, Gesang
Florian Toyka – Schlagzeug

Von sternlosen Nächten: „Ethic Of Radical Finitude“ von Downfall Of Gaia

Post Black Metal
Veröffentlicht: 08.02.2019
Metal Blade Records
downfallofgaia.com


a3641497769_10Downfall of Gaia sind schon eine Weile im Geschäft und bislang sicherlich wohlwollend in der Post (Black) Metallischen Szene gehört. Eine relativ einzigartige Mischung aus modernem Black Metal, Hardcore und irgendwas postigem als Markenzeichen, waren Downfall of Gaia dabei aber nie besonders zugänglich. Insbesondere Suffocating in the Swarm of Cranes, aber auch der nachfolger Aeons unveils the Throne of Decay waren glanzvoll, warfen aber mit eher sperrigen, ausgedehnten Gaze-Momenten mit wenig eingängigen Strukturen einigen Schatten. Erst Atrophy kam gefühlt kompakter daher. Mit dem neuen Werk Ethic of Radical Finitude ist zumindest der Titel wieder deutlich ausladender geworden, für die Musik trifft das aber nicht zu.

Leise, sehr leise ist der Einstieg mit Seducted by… und setzt trotzdem gleich die richtige Stimmung für das, was noch so kommt. Klar, es gibt viel Geknüppel, Raserei, Geschrei, wie man es so kennt und liebt. Das besondere sind aber die träumerischen Momente, die Hand in Hand gehen mit fast schon romantischen Titeln. Besonders beeindruckend sind diese Momente aus Wehmut, kuscheliger Behaglichkeit und Verzweiflungswut in Liedern wie Guided through a starless Night und Of withering violet Leaves. Dafür dass das nicht ausnudelt, sorgen durchdachte Dynamikwechsel und zahlreiche Spannungsbögen – bis hin zum gesprochenen Wort und… chorartigem Gesang? Das kam doch etwas überraschend, bildet aber einen perfekten Abschluss. Fragile Melodiebögen tasten sich immer wieder ins Ohr und setzen sich in den Hirnwindungen fest. Dafür haben die Jungs sicher ein Händchen.

Die nötige Wucht fehlt bei all der träumerischen Weltenflucht wie gesagt aber nicht. We pursue the Serpent of Time rumpelt ordentlich los, As our Bones break to the Dance sorgt genau für selbiges Knochenbrechen und wartet dann doch mit einem warmherzigen Gitarrensolo auf ehe Geschrammel mit Black-Metal-Raserei das wieder überbügelt. Auch die ein oder andere doomige Einlage sorgt für Abwechslung, nimmt aber dem blitzschnellen Riffing und der entrückten Ruhe nie die Bühne. Am klassischsten mag da noch The grotesque Illusion of Being sein. Das I-Tüpfelchen jedenfalls sind Nuancen wie etwa ein nachdenklich stimmende Piano.

Faszinierend ist, wie Downfall of Gaia einfach alles in Trümmer hauen und dazwischen ständig Ohrwurmmelodien einstreuen als wäre alles irgendwie ziemlich traurig und schlecht, aber doch auch gar nicht so schlimm. Perfekt.


Lieder:
1. Seducted by…
2. The grotesque Illusion of Being
3. We pursue the Serpent of Time
4. Guided through a starless Night
5. As our Bones break to the Dance
6. Of withering violet Leaves

Band:
Dominik Goncalves dos Reis – Gesang, Gitarre
Anton Lisovoj – Gesang, Bass
Marco Mazzola – Gitarre
Michael Kadnar – Schlagzeug

Die schnelle Dröhnung: „To Abide In Ancient Abysses“ von Naxen

Black Metal
Veröffentlicht: 07.11.2018
Verdens Aske, Vendetta Records
https://naxen.bandcamp.com/


a3217608762_10Naxen – ein, ähm, Schmerzmittel? Nein, das ist zwar das einzige, was man so unter dem Namen findet, aber hier soll natürlich nicht über Medikamente referiert werden, nein, es geht um brandneuen Black Metal aus Nordrhein-Westfalen. Denn noch im alten Jahr haben Naxen ihr erstes Demo-Tape zunächst digital und dann wie heute wieder üblich auch als limitierte Kassette veröffentlicht. Logo, Cover und Empfehlung von den Genrekollegen Ultha sind vielversprechend, also neugierig reingehört und erste Eindrücke gewonnen.

Das erste der beiden Lieder, „Great God Of Grief“, wartet mit viel Atmosphäre und melancholischen Leads auf. Dabei rast es die meiste Zeit mit Blast Beats vor sich hin. Richtig überzeugend ist die kurze akustische Passage mit träumerischer Melodie. Nach kurzer Zeit wird selbige von hektischem Schlagzeug unterlegt, um anschließend in den intensiven, gefühlvollen und nicht minder furiosen Schlussteil überzugehen. Gelungene 10 Minuten.

Nicht weniger intensiv, aber weit aggressiver gibt sich „Dawn Of New Despair“. Wo „Great God Of Grief“ den Fokus eher auf Melancholie legt, gibt es hier wütende Raserei und einen boshaften Midtempo-Abschnitte. Es ätzt und gallt richtig an allen Ecken und Enden. Im letzten Abschnitt fegt das schneidende Riffing, vorangetrieben vom polternden Schlagzeug und infernalischen Gesant, alles weg. Ein bisschen Oldschool-Atmosphäre kommt da schon auf. Zappenduster.

Naxen bieten auf „To Abide In Ancient Abysses“ sicher nicht die dollsten Ideen, erfinden das Genre auch nicht neu und machen nicht irgendwelche verrückten Sachen, um sich abzuheben. Nö, sie liefern einfach extrem guten atmosphärischen Black Metal, melancholisch, düster, aggressiv. Bei diesem Niveau und vielleicht sogar einer Steigerung (?) darf man jedenfalls zurecht gespannt sein auf den bereits für dieses Jahr angekündigten Full-Length-Release.


Lieder:
1. Great God Of Grief
2. Dawn Of New Despair

Band:
FT – Gitarre, Gesang
SM – Bass
LN – Gesang, Gitarre
ED – Schlagzeug

Die Welt – ein Tor zu tausend Wüsten stumm und kalt! – Null & Void von 〇

Doom Metal, Black Metal
Veröffentlicht: 11.8.2014 (MC, Digital), 20.5.2015 (CD)
Vánagandr (MC), Pest Productions (CD)
https://0000000.bandcamp.com/


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Null & Void von 〇

Wenn sich eine Band 0 nennt und ihr erstes und bislang auch einziges Werk Null & Void (zu Deutsch soviel wie nichtig) nennt, das Cover mit grau-schwarzen Felsen, was erwartet einen da wohl? Richtig, melancholischer Black Metal. Aber nicht dieses in letzter Zeit sehr modische Teenie-Gedudel. Nein, ernster. Dazu später mehr. Aufmerksam geworden bin ich auf die Isländer wie folgt: Ich habe mich etwas über die Black-Metal-Szene auf der Insel tief im Atlantik belesen und bin dabei neben der Erkenntnis, dass alle Black-Metal-Bands Islands aus insgesamt nur maximal zehn verschiedenen Mitgliedern bestehen (insgesamt, nicht je Band!), über 0 gestolpert. Da ich als Funeral-Doom-Begeisterter immer für lange Lieder zu haben bin, war ich noch ohne den ersten Ton gehört zu haben angetan von Null & Void: gut 34 Minuten, ein Lied? Was soll da noch schiefgehen?

Nichts. Von Anfang bis Ende schleppt einen Null & Void durch eine steinerne Wüste voll Einsamkeit. Schmerz grüßt hinter diesem Felsen, Leid hinter jenem und die Trostlosigkeit dräut stets am Horizont. Meisterhaft komponiert, meist im mittleren Tempo, Themen immer mal wieder aufgreifend, kann man tief wie der Marianengraben im Klangteppich versinken. Anrührende Melodien, die hier mit voller Wucht in den Kopf drängen, schweben dort zerbrechlich und klirrend über allem und verstärken den beschriebenen Eindruck oft bis an den Rand des Erträglichen – vor allem in fast schon bis zur Ekstase crescendierenden Momenten (wie etwa ab Minute 30). Der Gesang tut sein übriges dazu, wechselt er doch passend zur Musik von zunächst elegischem Singsang zu verzweifeltem Kreischen. Nicht ganz umsonst habe ich als Überschrift eine Zeile aus Nietzsches Gedicht „Vereinsamt“ (er nannte es auch „Abschied“, „Heimweh“ und hatte noch viel mehr Titel) gewählt. Denn an dieses Gedicht musste ich gleich denken, als ich Null & Void gehört habe. Gedicht und Lied passen wunderbar zusammen und drücken die gleiche trostlose Stimmung aus. Schade, dass der Text nirgends zu finden ist.

In erstmal fast schon eigenartig anmutendem Kontrast zur traurigen Stimmung steht die wohlige Wärme, die sich durch Null & Void zieht und wofür vor allem der dumpfe Bass, aber auch die mich irgendwie an die Siebziger erinnernde Produktion verantwortlich ist. Auch wenn es gerade in der etwas schnelleren Passage nach etwa einer Viertelstunde durchblitzt: Klirrend kalt wie sonst im Genre üblich wird es hier so gar nicht. Und das passt einfach perfekt. Ob das so richtig Black Metal ist? Ehrlich gesagt: Völlig egal. Hier fügt sich alles zusammen. Ich wüsste nicht einen Punkt, wo ich zu negativer Kritik überhaupt nur ansetzen sollte. Deshalb: Ein Meisterwerk im Bereich melancholischer Musik.


Lieder:

1. Null & Void

Band:
D.G. – Gitarre
TMS – Schlagzeug
S.S. – Gesang
Ö.S. – Gitarre
H.K.F. – Bass

Von Hexen und Schwarzer Magie – „Into Dark Science“ von Phantom Winter

Winter Doom, Blackened Sludge
Veröffentlicht: 2.3.2018
Golden Antenna Records
www.phantomwinter.com


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Into Dark Science

Die letzten Töne von „Into Dark Science“ von Phantom Winter sind verklungen, etwas benommen geht der Blick irgendwohin und nirgendwohin. Etwas verstört, gleichzeitig begeistert und fassungslos. Déjà-vu! So ähnlich war das doch schon bei „Sundown Pleasures“, dem Vorgänger-Album. Sie haben es schon wieder getan. Und – Überraschung! – noch härter, noch extremer, noch finsterer. War „Cvlt“ schon beeindruckend frostig, insbesondere Wintercvlt hat bleibenden Eindruck hinterlassen, so hat „Sundown Pleasures“ diese Linie ohne Kompromisse fortgesetzt. Und nun wird eben noch eins oben drauf gepackt.

Lässt man sich auf „Into Dark Science“ ein, erwartet einen eine in Musik gegossene verstörende Reise in finsterste Winkel, albtraumhafte Landschaften, Nihilismus und seelische Abgründe. Das passt zur Inspiration durch die Autorinnen Sylvia Plath und Mary Shelley und fügt sich perfekt mit passenden Zitaten im Textbuch zusammen. Diese Melange aus extremer Härte ist gewiss nicht leicht verdaulich und setzt in der an extrem düsterer Musik nicht armen Doom-/Sludge-Landschaft ein bemerkenswertes Zeichen.

Altbekannt ist die Mischung aus Sludge-Doom-was-auch-immer härtester Gangart, gepaart mit fiesem Gekeife und wütendem Gebrüll mit einem ordentlichen Schuss schwarzer Tinte. Doch irgendwie ist „Into Dark Science“ anders. Vollgestopft ist das Album mit guten Ideen und Einfällen. Da treibt einem steinhartes Geschrabbel wie bei Ripping Halos From Angels oder The Craft And The Power Of Black Magic Wielding die Freudentränen ins Gesicht, ersteres noch mit wunderbar schrägen Leads zu Beginn. Im gesprochenen ruhigeren Teil von The Initiation Of Darkness setzt nicht nur eine Flöte (?) Akzente, nein, das Gesprochene ist am Ende auch noch mit dem Gitarrenrhythmus synchron. Glocken gibt es auch noch. Begeisterung stellt sich ein angesichts der zahlreichen kleinen, wohldurchdachten Details.

Auch melancholischer wird es an der ein oder anderen Stelle, etwa bei dem an Avalanche Cities erinnerenden Into Dark Science. Eine schöne Melodie und ein paar ruhige Momente bieten hier den geeigneten Kontrast zur unbändigen Härte. Der ruhigen Momente gibt es nämlich auch gar nicht so viele auf dem Album. Das ist auch gar nicht schlimm, sondern trifft meinen Geschmack aufs Exakteste. Die Entwicklung hin zu mehr Härte fühlt sich richtig an, unterstützt die trostlose, düstere Atmosphäre und passt einfach vorne und hinten. Dafür sorgt auch, dass die Musik gefühlt vielschichtiger und abwechslungsreicher geworden ist. Da darf es auch mal etwas vollgeladener, fast bombastisch werden, wie beim Ende von Frostcoven mit fast schon Mitsingqualitäten. Überladen wird es aber, das sei gesagt, an keiner Stelle. Dafür gibt es Gänsehaut- und Freudegrinsenspotential an allen Ecken und Enden. Wenn dann an manchen Stellen die fest gefügte Liedstruktur zerfasert und förmlich auseinander fällt, hat man genau dieses Gefühl: Alles zerbricht, nichts bleibt zurück. Nur Fassungslosigkeit und ein leerer Blick.


Quelle: Youtube-Kanal von Golden Antenna Records


Lieder:
1. The Initation Of Darkness
2. Ripping Halos From Angels
3. Frostcoven
4. The Craft And Power Of Black Magic Wielding
5. Into Dark Science
6. Godspeed! Voyager

Band:
Christof – Schlagzeug
Andreas – Gitarre, Bewitched Screams
Christian – Haunting Growls
Martin – Bass
Flo – Gitarre