Die Welt – ein Tor zu tausend Wüsten stumm und kalt! – Null & Void von 〇

Doom Metal, Black Metal
Veröffentlicht: 11.8.2014 (MC, Digital), 20.5.2015 (CD)
Vánagandr (MC), Pest Productions (CD)
https://0000000.bandcamp.com/


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Null & Void von 〇

Wenn sich eine Band 0 nennt und ihr erstes und bislang auch einziges Werk Null & Void (zu Deutsch soviel wie nichtig) nennt, das Cover mit grau-schwarzen Felsen, was erwartet einen da wohl? Richtig, melancholischer Black Metal. Aber nicht dieses in letzter Zeit sehr modische Teenie-Gedudel. Nein, ernster. Dazu später mehr. Aufmerksam geworden bin ich auf die Isländer wie folgt: Ich habe mich etwas über die Black-Metal-Szene auf der Insel tief im Atlantik belesen und bin dabei neben der Erkenntnis, dass alle Black-Metal-Bands Islands aus insgesamt nur maximal zehn verschiedenen Mitgliedern bestehen (insgesamt, nicht je Band!), über 0 gestolpert. Da ich als Funeral-Doom-Begeisterter immer für lange Lieder zu haben bin, war ich noch ohne den ersten Ton gehört zu haben angetan von Null & Void: gut 34 Minuten, ein Lied? Was soll da noch schiefgehen?

Nichts. Von Anfang bis Ende schleppt einen Null & Void durch eine steinerne Wüste voll Einsamkeit. Schmerz grüßt hinter diesem Felsen, Leid hinter jenem und die Trostlosigkeit dräut stets am Horizont. Meisterhaft komponiert, meist im mittleren Tempo, Themen immer mal wieder aufgreifend, kann man tief wie der Marianengraben im Klangteppich versinken. Anrührende Melodien, die hier mit voller Wucht in den Kopf drängen, schweben dort zerbrechlich und klirrend über allem und verstärken den beschriebenen Eindruck oft bis an den Rand des Erträglichen – vor allem in fast schon bis zur Ekstase crescendierenden Momenten (wie etwa ab Minute 30). Der Gesang tut sein übriges dazu, wechselt er doch passend zur Musik von zunächst elegischem Singsang zu verzweifeltem Kreischen. Nicht ganz umsonst habe ich als Überschrift eine Zeile aus Nietzsches Gedicht „Vereinsamt“ (er nannte es auch „Abschied“, „Heimweh“ und hatte noch viel mehr Titel) gewählt. Denn an dieses Gedicht musste ich gleich denken, als ich Null & Void gehört habe. Gedicht und Lied passen wunderbar zusammen und drücken die gleiche trostlose Stimmung aus. Schade, dass der Text nirgends zu finden ist.

In erstmal fast schon eigenartig anmutendem Kontrast zur traurigen Stimmung steht die wohlige Wärme, die sich durch Null & Void zieht und wofür vor allem der dumpfe Bass, aber auch die mich irgendwie an die Siebziger erinnernde Produktion verantwortlich ist. Auch wenn es gerade in der etwas schnelleren Passage nach etwa einer Viertelstunde durchblitzt: Klirrend kalt wie sonst im Genre üblich wird es hier so gar nicht. Und das passt einfach perfekt. Ob das so richtig Black Metal ist? Ehrlich gesagt: Völlig egal. Hier fügt sich alles zusammen. Ich wüsste nicht einen Punkt, wo ich zu negativer Kritik überhaupt nur ansetzen sollte. Deshalb: Ein Meisterwerk im Bereich melancholischer Musik.


Lieder:

1. Null & Void

Band:
D.G. – Gitarre
TMS – Schlagzeug
S.S. – Gesang
Ö.S. – Gitarre
H.K.F. – Bass

Von Hexen und Schwarzer Magie – „Into Dark Science“ von Phantom Winter

Winter Doom, Blackened Sludge
Veröffentlicht: 2.3.2018
Golden Antenna Records
www.phantomwinter.com


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Into Dark Science

Die letzten Töne von „Into Dark Science“ von Phantom Winter sind verklungen, etwas benommen geht der Blick irgendwohin und nirgendwohin. Etwas verstört, gleichzeitig begeistert und fassungslos. Déjà-vu! So ähnlich war das doch schon bei „Sundown Pleasures“, dem Vorgänger-Album. Sie haben es schon wieder getan. Und – Überraschung! – noch härter, noch extremer, noch finsterer. War „Cvlt“ schon beeindruckend frostig, insbesondere Wintercvlt hat bleibenden Eindruck hinterlassen, so hat „Sundown Pleasures“ diese Linie ohne Kompromisse fortgesetzt. Und nun wird eben noch eins oben drauf gepackt.

Lässt man sich auf „Into Dark Science“ ein, erwartet einen eine in Musik gegossene verstörende Reise in finsterste Winkel, albtraumhafte Landschaften, Nihilismus und seelische Abgründe. Das passt zur Inspiration durch die Autorinnen Sylvia Plath und Mary Shelley und fügt sich perfekt mit passenden Zitaten im Textbuch zusammen. Diese Melange aus extremer Härte ist gewiss nicht leicht verdaulich und setzt in der an extrem düsterer Musik nicht armen Doom-/Sludge-Landschaft ein bemerkenswertes Zeichen.

Altbekannt ist die Mischung aus Sludge-Doom-was-auch-immer härtester Gangart, gepaart mit fiesem Gekeife und wütendem Gebrüll mit einem ordentlichen Schuss schwarzer Tinte. Doch irgendwie ist „Into Dark Science“ anders. Vollgestopft ist das Album mit guten Ideen und Einfällen. Da treibt einem steinhartes Geschrabbel wie bei Ripping Halos From Angels oder The Craft And The Power Of Black Magic Wielding die Freudentränen ins Gesicht, ersteres noch mit wunderbar schrägen Leads zu Beginn. Im gesprochenen ruhigeren Teil von The Initiation Of Darkness setzt nicht nur eine Flöte (?) Akzente, nein, das Gesprochene ist am Ende auch noch mit dem Gitarrenrhythmus synchron. Glocken gibt es auch noch. Begeisterung stellt sich ein angesichts der zahlreichen kleinen, wohldurchdachten Details.

Auch melancholischer wird es an der ein oder anderen Stelle, etwa bei dem an Avalanche Cities erinnerenden Into Dark Science. Eine schöne Melodie und ein paar ruhige Momente bieten hier den geeigneten Kontrast zur unbändigen Härte. Der ruhigen Momente gibt es nämlich auch gar nicht so viele auf dem Album. Das ist auch gar nicht schlimm, sondern trifft meinen Geschmack aufs Exakteste. Die Entwicklung hin zu mehr Härte fühlt sich richtig an, unterstützt die trostlose, düstere Atmosphäre und passt einfach vorne und hinten. Dafür sorgt auch, dass die Musik gefühlt vielschichtiger und abwechslungsreicher geworden ist. Da darf es auch mal etwas vollgeladener, fast bombastisch werden, wie beim Ende von Frostcoven mit fast schon Mitsingqualitäten. Überladen wird es aber, das sei gesagt, an keiner Stelle. Dafür gibt es Gänsehaut- und Freudegrinsenspotential an allen Ecken und Enden. Wenn dann an manchen Stellen die fest gefügte Liedstruktur zerfasert und förmlich auseinander fällt, hat man genau dieses Gefühl: Alles zerbricht, nichts bleibt zurück. Nur Fassungslosigkeit und ein leerer Blick.


Quelle: Youtube-Kanal von Golden Antenna Records


Lieder:
1. The Initation Of Darkness
2. Ripping Halos From Angels
3. Frostcoven
4. The Craft And Power Of Black Magic Wielding
5. Into Dark Science
6. Godspeed! Voyager

Band:
Christof – Schlagzeug
Andreas – Gitarre, Bewitched Screams
Christian – Haunting Growls
Martin – Bass
Flo – Gitarre

Deep Calleth Upon Deep. Satyricon in Frankfurt.

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Satyricon, Batschkapp, Frankfurt

Nach den alten Klassikern, insbesondere Nemesis Divina hatte es mir angetan, habe ich Satyricons Treiben über Jahre nicht mehr wirklich verfolgt. Bis vergangenes Jahr das aktuelle Album Deep Calleth Upon Deep erschien. Skeptisch wegen der häufig eher kritischen Stimmen – verweichlicht, kein Black Metal mehr, Pop-Rock, etc. pp. – habe ich mir selbiges zugelegt und war begeistert. Nachdem also für den zweiten Teil der Europa-Tournee zu Deep Calleth Upon Deep ein Termin im schönen nahe gelegenen Frankfurt angekündigt wurde, hieß es nicht lange zögern und zuschlagen beim Kartenverkauf. Schließlich war es, wie ich mir sagen ließ, auch das erste Konzert in Frankfurt nach geschlagenen acht Jahren.

Der Abend des 14. März war gekommen, Beginn sollte um 20 Uhr sein. Ich war leider etwas länger unterwegs, als zuvor gedacht (wie, die Batschkapp ist vor Jahren ans Ostende von Frankfurt gezogen? Eine Stunde Fahrtzeit?). Doch die Stimmung war gut, spätestens als nach der inzwischen obligatorischen Sicherheitskontrolle am Eingang fröhlich auf Hessisch gegrüßt (Ei Gude!) wurde. Kurz vor halb Acht war der Andrang in der legendären Batschkapp noch überschaubar, die erste Reihe selbstverständlich trotzdem schon belegt. Blieb noch ein Platz in der zweiten Reihe neben dem freundlichen haarigen Biertrinker von nebenan. Die bunte Mischung aus Satyricon-, Immortal-, Rammstein- und Iron-Maiden-Shirts beäugend, war ich bereits auf die Vorband gespannt. Entgegen meiner sonstigen Angewohnheit hatte ich im Vorfeld nicht einen Ton angehört: Suicidal Angels aus Griechenland, klassischer Thrash Metal sollte es sein. Um viertel vor Acht ging es dann schon los und meine Herren, haben die einen Alarm gemacht. Kennt man es sonst von Auftritten der Vorbands, dass mit Ausnahme ein paar verrückter Fans (Oma, Onkel, Bruder) eher reservierte Höflichkeit im spärlich versammelten Publikum vorherrscht, ging es hier von Anfang an richtig zur Sache. Im passenden 80er-Dress überzeugten die Suicidal Angels mit hektischem Thrash Metal vom Feinsten, bei dem sogar textunsichere Konzertgänger nach wenigen Minuten vollhals mitgröhlen konnten (Seed! Of! Evil!). Highlight war neben Gus Drax’ Gepose und dem weißen Flying-V-Bass von Angel Lelikakis sicherlich der – Achtung! – Mosh Pit. Angesichts der Menge an Zuschauern und dass wir hier immer noch von einer Vorband reden eine reife Leistung. Ganz ohne mit Bier übergossen zu werden lief das Ganze dann auch nicht ab. Machte aber nichts. Abgehackter Schreigesang, Schrabbelriffs, Polka-Schlagzeug, weiße Adidas-Turnschuhe: Alles richtig gemacht und die Menge nach einer gefühlten Stunde ordentlich für den Hauptakt aufgewärmt.

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Nick Melissourgos von Suicidal Angels, Batschkapp, Frankfurt

Die etwas längliche Umbaupause wurde verkürzt vom Roadie, der die vor sich hin dudelnde Musik mit einem in herrlichstem British English vorgetragenen „I know you love it, but I fucking hate Iron Maiden“ kommentierte und dem Techniker, der den aufs Schlagzeug gerichteten Scheinwerfer mit einem gezielten Schubser den entscheidenden Millimeter bewegte. Das ist Einsatz!

Schließlich war des  dann soweit: Ein kurzes unheilvolles Intro und Satyricon entfesselten mit den Blastbeats der „Midnight Serpent“ vom aktuellen Album den Sturm und setzten eine unglaubliche Energie frei, die den Rest des Abends nicht mehr nachließ. Weiter ging’s mit „Our World, It Rumbles Tonight“, bei dessen Refrain dann auch die weniger singfreudigen Zeitgenossen in den Reigen einstimmten und erste pathetisch geballte Fäuste gen Himmel, naja, Dach gereckt wurden. Ein extrem hartes und aggressives Zeichen setzte dann „Black Crow On A Tombstone“. Haare flogen durch die Luft, mangels Länge zwar nicht die eigenen, was dem Mitkopfschütteln aber keinen Abbruch tat. Das mystische und düstere „Deep Calleth Upon Deep“ sorgte dann für eines der vielen atmosphärischen Highlights des Abends. Bei passender Beleuchtung und geschlossenen Augen konnte man hier herrlich in der Musik versinken – und Frosts leicht wahnsinnig wirkendem Double-Bass-Spiel bewundernd lauschen. Zu spüren war es in der Tat auch. Dann folgte die erste kleine Verschnaufpause. Überraschung Nummer 1: Das neue Material kommt bislang nicht minder gut an als das alte. Überraschung Nummer 2: Hier geht einfach jeder mit. Keine Schnarchnasen, keine Verweigerer. Überraschung Nummer 3: Der zwei Meter hohe und ebenso breite Herr vor mir ist so gnädig, sich die ganze Zeit über das Geländer zu lehnen, so dass stets freie Sicht herrschte. Überraschung Nummer 4: Kein peinliches Getanze der unmittelbar angrenzenden Leute, in das man unfreiwillig hineingezogen wird.

Viel mehr Zeit zu bilanzieren war dann auch nicht. Weiter ging es kraftvoll mit „Blood Cracks Open The Ground“, dem boshaften „Repined Bastard Nation“ und „Commando“ ehe mit „Now, Diabolical“ einer der rockigeren Hits gespielt wurde. Weiterhin textsicher und mitgehfreudig: das Publikum, insbesondere der Herr rechts vor mir mit stets überzeugend gereckter Faust. Weiterhin unglaublich tight zusammenspielend: Satyricon. Doch da die Herren auch nicht mehr so jung sind (ok, mit Ausnahmen), folgte erstmal ein weiteres kleines Intermezzo.

Den dritten Teil eröffnete „To Your Brethren In The Dark“. Mit der weiß-türkisfarbenen Beleuchtung wurde die finstere Stimmung des Lieds wunderbar eingefangen und das Mitwippen und Singen war eine reine Freude. Wegen der vielen Rhythmuswechsel und Breaks mutig für einen Live-Auftritt folgte „Dissonant“, ebenfalls von der aktuellen Platte. Das war für den ein oder anderen Headbanger entsprechend und sichtlich irritierend: Muss ich jetzt so? Ah, jetzt aber schön im… ah, ne schneller. Warum jetzt… was? Den ein oder anderen hilfesuchenden Blick später hat dann aber doch jeder in, nunja, seinen eigenen Rhythmus gefunden und der Stimmung im Publikum tat das natürlich keinen Abbruch.

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Satyricon, Batschkapp, Frankfurt

Als der Roadie von hinten mit der weißen Flying-V für Satyr angesprungen kam war klar: endlich Zeit für klassischen Black Metal! Ja, das haben die auch mal gemacht! Kram, den ich in und auswendig kenne! Mit den ersten Klängen von „Walk The Path Of Sorrow“ vom ersten Satyricon-Werk Dark Medieval Ages von immerhin 1993 ging deshalb wohl der Traum des ein oder anderen Anwesenden in Erfüllung. Und welche Energie da rüber kam: fantastisch. Und es zeigt: Trve Norsk Blakk Metal funktioniert live wunderbar. Doch damit nicht genug der Freude, kündigte Satyr nicht eines, nein, gleich zwei Lieder vom legendären Album Nemesis Divina (1996) an. Das, muss man jetzt dazu sagen, war meine erste Satyricon-Platte damals vor etwa 16 Jahren, also war ich, aber nicht nur ich, hellauf begeistert. Die Überraschung war dann groß als ausgerechnet ein Instrumental kam: „Transcendental Requiem Of Slaves“. Transzendent wurde es dann auch mit zahlreichen Einspielern vom Band (ja, schon klar, dass das heutzutage nicht mehr vom Band kommt) und spätestens als dann drei Gitarristen und ein Bassist in einer Linie nebeneinander einträchtig und monoton-entrückt spielten, konnte man in anderweltlichen Sphären schwelgen. Beeindruckend. Abschütteln und vorbereiten auf das nächste Highlight, denn als Satyricon-Fan war klar, was nun kommen musste: eine der, wenn nicht die Black-Metal-Hymne schlechthin: „Mother North“. Der rasende Einstieg dürfte wohl auch die letzte Schlafmütze im Publikum aufgeweckt haben und beim einmütigen Chorgesang machte dann auch wirklich jeder mit. Nach dem Break im Mittelteil zeigte Frost ein ums andere Mal seine Qualitäten als (Live-)Schlagzeuger und zog das Tempo wie ein wahnsinnig gewordener Derwisch auf Speed, Meth und Ecstasy gleichzeitig an. Ich vermeinte, den ein oder anderen Nacken brechen zu hören. Wahnsinnig intensive Atmosphäre und krönender Abschluss des regulären Teils. Das Klatschen und die Jubelgesänge wollten überhaupt keinen Abbruch mehr nehmen – wie übrigens immer und immer wieder an diesem Abend. Geniales Publikum.

So ließen sich Satyricon auch gar nicht besonders lange bitten, ehe die Instrumente wieder umgeschnallt und die Positionen erneut bezogen wurden: Zeit für die Zugaben. Beginn war „The Pentagram Burns“, gefolgt vom aggressiven „Fuel For Hatred“. Satyrs Aufforderung und die kreisenden Gesten des Bassisten Wargod waren kaum nötig, um jenen ausgelassenen Tanzritus namens Moshpit zu starten. Interessant hier die aufgerissenen Augen einer etwas zierlichen Person, die von der Erwartung, mitten im Sturm zu stehen, wohl nicht sonderlich angetan war und sich deshalb schleunigst an den vorderen Rand der Szenerie verkrümelte – während andere sich freudig erregt mitten ins Getümmel stürzten. Nach diesem denkwürdigen Augenblick etwas ausgepowert rundeten das geniale „To The Mountains“ und, um nochmal alle schön zum Mitsingen zu animieren, das rockige „K.I.N.G.“ das Konzert ab. Minutenlang dauerte der Applaus, das Jubeln und Klatschen an, Sprechgesänge wurden angestimmt und die in einer Linie angetretenen Musiker gebührend gefeiert. Frost stampfte noch etwas wie ein wütender Gnom auf den Brettern umher, um die Leute noch mehr anzustacheln und man merkte, wie die Begeisterung aufgesogen wurde.

Ich reihe dieses Konzert einfach mal ganz weit oben in der Liste der besten Konzerte, auf denen ich je war ein, denn das von der Vorband bis zum letzten Takt alles passt, kommt selten vor. Eine unglaubliche Spielfreude, technisch einwandfrei und Begeistern auf beiden Seiten der Bühne, so dass Band und Publikum wie eine Einheit, wie aus einem Guss wirkten. Fast schon ehrfurchtgebietend. Satyr merkte an, er freue sich auf das nächste Mal in der Batschkapp – und das tu ich auch.

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Satyricon, Batschkapp, Frankfurt

Duster im Kreis – „The Dismal Circle“ von Ophis

Death Doom
Veröffentlicht: 20.10.2017
FDA Records
http://ophisdoom.de/


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The Dismal Cricle

Tja, 2017 ist schon um, dabei ist zumindest in musikalischer Hinsicht noch lange nicht alles abgehandelt. Zum Beispiel ist in jenem Jahr das vierte Album der deutschen Death-Doom-Deibel (alles für die Alliteration) Ophis erschienen und gewiss würdig es hier zu würdigen. Ophis werden gerne in einem Atemzug mit Größen wie Paradise Lost, My Dying Bride oder Ahab genannt und es sind durchaus ein paar Ähnlichkeiten zu verzeichnen. Denn auch stilistisch, nicht nur in Sachen Können bestehen Parallelen. Ophis spielen eine dennoch eigene Mischung aus schwerfälligem Doom Metal, der unverkennbar Elemente des  Old-School-Death-Metal und hier wie da auch ein paar Sprenkler Funeral Doom enthält. Doch weg von Genre-Theoretisierung, hin zur Praxis: Sechs Lieder in gut einer Stunde Spielzeit erwarten den Hörer auf „The Dismal Circle“.

Zäh wie Teer ist der Einstieg in den Teufelskreis mit Carne Noir und Ophis beweisen gleich, dass sie nicht die Absicht haben, den Amigos Konkurrenz zu machen. Ähnlich Esoterics „The Maniacal Vale“ beginnt ein Abstieg in dunkle Gefilde. Anders als andere extremere Doom-Bands lassen Ophis aber hier schon durchblicken, dass Schneckengang nicht alles ist. Nach zwei Dritteln wird das Gaspedal auch mal einen Zentimeter weiter durchgedrückt und herrliche Death-Metal-Riffs mit Double-Bass-Untermalung aufgefahren – erinnert mich ein Wenig an Bolt Thrower. Sowieso zieht sich der Todeshauch durchs gesamte Album. Die genialen Death-Metal-Riffs geben sich die Klinke in die Hand. Besonders gelungen ist das bei Shrine of Humiliation oder The Vermin Age.

Extrem düster ist die Grundstimmung auf „The Dismal Circle“:  Hervorstechend ist dabei Engulfed in White Noise samt übrigens immer wieder stimmungsvoll eingesetzter Samples mit Schreien. Mein Highlight hier ist neben den majestätischen Leads der groovende, sehr heavye Kopfschüttelteil ab Minute Fünf. Das ist der Rhythmus, bei dem man mit muss. Leider dauert’s nur sehr kurz, erinnert dafür aber wohlig an alte Ahab-Glanztaten. Überhaupt, das ist nicht der einzige Mitgehteil, Ophis beweisen ihr Händchen für eingängige, harte Riffs

Aber auch Ruhepausen von der dahinwalzenden Todesmaschinerie gibt es genügend. Fast verträumt und schmerzhaft melancholisch wirkt der großen Platz einnehmende akustische Teil bei Ephemeral, übergehend in einen intensiven Schlussteil. In Kontrast zum sehr düsteren Rest des Liedes, stehen bei Dysmelian die atemberaubenden Leads am Ende. Auch hier gibt es keine Entschuldigung: eintauchen und mitleiden. Ebenfalls gut in diesen Reigen passt das oben erwähnte Engulfed in White Noise mit ruhigem Mittelteil und weltvergessener Melodie.

Der Ausklang des Albums schließlich greift den Grundgedanken von „The Dismal Circle“ auf: Verloren, trist und hoffnungslos wirkt die klagende Gitarre und bildet einen gelungenen Abschluss.

Ich gebe es zu. Ich war erst etwas skeptisch, weil ich Ophis erst spät für mich entdeckt habe und entsprechend verhalten reingehört habe: Die xte Death-Funeral-Doom-Band. Was kann da schon kommen? Und tatsächlich hat das Album den ein oder anderen Durchlauf gebraucht, um richtig zu zünden. Dafür dann aber umso flammender. Was Ophis von anderen Genrevertretern etwas unterscheiden mag ist die meisterhafte Mischung der verschiedenen Elemente. Vor allem der hohe Death-Metal-Anteil tut dem Album wirklich gut. Außerdem scheuen Ophis sich nicht, bei der Geschwindigkeit zu variieren und spielen nicht auf Teufel komm raus laaaaangsaaaam. Rückblickend ist „The Dismal Circle“ daher eines meiner Lieblingsalben des vergangenen Jahres.


Lieder:
1. Carne Noir
2. Engulfed in White Noise
3. Dysmelian
4. The Vermin Age
5. Ephimeral
6. Shrine of Humiliation

Besetzung:
Simon Schorneck (Gitarre)
Philipp Kruppa (Gesang, Gitarre)
Oliver Kröplin (Bass)
Steffen Brandes (Schlagzeug)

Gewaltig mystisch – Terraforming von Jupiterian

Sludge/Doom
Veröffentlicht: 15.11.2017
Transcending Obscurity Records
https://www.facebook.com/jupiteriandoom


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Terraforming

Terraforming heißt auf Deutsch soviel wie Erdbildung und bezeichnet den Prozess, einen Planeten mittels moderner Technik zu einem der Erde ähnlichen Planeten umzugestalten. Wer diesen Titel für ein Metal-Album wählt, verspricht in übertragenem Sinne also in der Tat weltbewegendes, vor allem aber gewaltiges. Damit nehmen Jupiterian den Mund auch beileibe nicht zu voll, denn urgewaltig schallt es tatsächlich aus Brasilien mit einer gekonnten Mischung aus Sludge, Doom und ein paar schwarz eingefärbten Versatzstücken. Der Titel und das Cover passen also, kommen wir zum Inhalt an sich. Sechs Lieder dräuen, allesamt in mittlerer Länge, den droneartigen Titeltrack mal ausgenommen.

Einsteigen will ich aber gar nicht mit dem ersten Lied Matriarch, sondern im Sinne eines gewagten umgedrehten Spannungsbogens mit Sol, dem letzten Lied, das mir schlichtweg am besten gefällt. Das liegt zuallererst am unglaublich wuchtigen Riffing. So düster auch alles klingen mag, muss man doch unwillkürlich grinsen, wenn die Walze mit ordentlich Bassfundament ins Rollen kommt. Melodisch wird’s dann auch noch, fast poppig mit getragenen Achteln. Sowieso können die Jungs bei aller Schwere auch die ein oder andere schöne Melodei hervorzaubern. Bestes Beispiel dafür ist Unearthly Glow, dessen Hauptriff mit ordentlich Ohrwurmcharakter daherkommt, bevor gegen Ende wundervolle Leads das Regiment übernehmen und unterlagert von einem Double-Bass-Teppich das Lied fast träumerisch ausklingen lassen.

Dieser Eindruck soll aber nicht täuschen, denn die Hauptstimmung von Terraforming ist dann doch eher im Bereich mit wenig Lux zu finden. Großteils geht es also finster zu, wenn es auch wie im Mittelteil von Us And Them sehr, sehr kurze Lichtblicke gibt. Bei dem Lied will ich auch kurz bleiben, wegen des genialen Einstiegs mit zunächst langsamer mystischer Gitarre, was nach wenigen Sekunden von wildem Gekloppe überlagert wird, um dann – Atem holen – in einem wohlgefälligen Groove aufzugehen.

Markenzeichen sind die typischen sludgigen, schrägen Gitarrenriffs, die mich ein ums andere Mal an die französischen Sludge-Kollegen Regarde Les Hommes Tomber erinnern. Besonders stark tritt das beim Einstieg Matriarch zutage. Das wird nach einem okkult wirkenden Intro von einem simplen, aber effektiven Bass-Riff dominiert. Über dem Basskeller schwebt wie eine bedrohliche Hornisse die eher dissonant klingende Gitarre, was ein wunderbar unheilvolles Bild ergibt. Als erstes Lied ist das wohlweislich gewählt, überrascht es doch zunächst und macht dann neugierig auf den Rest.

Alles in allem wird Terraforming wie es sich für das Genre gehört beherrscht von schweren Gitarren und stark verzerrtem Bass. Doch belassen es Jupiterian glücklicherweise nicht bei Heaviness alleine. Das würde das Album bei aller Liebe auch schlicht nicht tragen. Sie mischen geschickt Elemente aus anderen Musikrichtungen wie Black- oder Doom-Metal unter. Dabei gelingt ihnen das Kunststück, die Spannung durch immer neue Ideen bis zum letzten Lied hoch zu halten. Mit der mystisch-hypnotischen Atmosphäre, die sich durch Terraforming zieht, wird noch ein eigenes Markenzeichen gesetzt. Das hebt Jupiterian wohltuend von anderen Genrevertretern ab. Auch klingt das Album erstaunlich eingängig, hat viele Stellen zu bieten, die sich schon beim ersten Hören ins Ohr festbeißen und trotzdem genug Tiefe für viele, viele Wiederholungen. Im Gegensatz zu Exile von Regarde Les Hommes Tomber, das natürlich weit mehr an Black Metal angelehnt ist, ich sag’s gleich dazu, ist Terraforming auch nicht anstrengend, sondern leicht zu durchdringen. Bei dem Stoff ist das nicht einfach zu bewerkstelligen und verdient daher durchaus Beachtung.


Lieder:

  1. Matriarch
  2. Unearthly Glow
  3. Forefathers
  4. Terraforming
  5. Us And Them
  6. Sol

Band:
V – Gitarre, Gesang
R – Bass
A – Gitarre
G – Schlagzeug

Jenseitig – Mirror Reaper von Bell Witch

Funeral Doom Metal
Veröffentlicht: 20.10.2017
Profound Lore Records
https://www.facebook.com/BellWitchDoom


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Mirror Reaper

Bell Witch dürften Doom-Metal-Anhängern spätestens seit Four Phantoms ein Begriff sein. Ein Album, melancholisch, mit fast überirdischer Stimmung, das den Weg vierer Menschen in den Tod in ebenso vielen Liedern nachzeichnet. Bell Witch stechen aus der Doom-Metal-Masse heraus, weil sie eine einzigartige Atmosphäre schaffen. Ihnen gelingt das Kunststück, einen eigenen Klang hinzubekommen. Nicht zuletzt mag das an der ungewöhnlichen Band-Besetzung liegen. Ist es etwa im Black Metal durchaus mal üblich, keinen Bassisten zu haben (Sun Worship, Wiegedood), so ist dies bei Bell Witch genau umgekehrt: Gitarre gibt es nicht. Nur Gesang, Schlagzeug, Orgel und ein sechssaitiger Bass.

Nun haben Bell Witch mit Mirror Reaper nachgelegt und einen wahren Megalithen veröffentlicht. 83 Minuten, ein Lied. Ein monumentales Werk, dessen Entstehung alles andere als einfach war. In der Schreibphase ist der Ex-Schlagzeuger und -Sänger Adrian Guerra verstorben, was sich hörbar auf die Musik auswirkt. Auch darüber hinaus ist es sicher eine Mammutaufgabe ein kohärentes Lied über diese Länge zu schreiben. Und doch fiel die Entscheidung, das Material als einziges Lied zu veröffentlichen, tatsächlich erst kurz vor den Aufnahmen. Die Riffs und einzelnen Sektionen flossen laut Bell Witch schlichtweg auf natürliche Weise ineinander, so dass eine Auftrennung auf einzelne Lieder dem Gesamtwerk eher geschadet hätte.

Wie will man so ein Werk also besprechen? Man wird Mirror Reaper nicht gerecht, indem man einzelne Segmente herausgreift, weil es tatsächlich ein geschlossenes Werk ist. Deshalb an dieser Stelle der Versuch, die Besonderheit dieses Albums auch ohne feste Landmarken zu vermitteln.

Was Mirror Reaper komplett durchzieht, ist eine tiefe Traurigkeit, die sich aber deutlich von der hoffnungslosen Trauer unterscheidet, wie sie etwa bei Skepticism zu finden ist. Hier suhlt sich niemand im Elend. Nein, unter all der bittersüßen Melancholie verbirgt sich eine tiefe Schönheit, die ans Innerste rührt. Kurz, ganz kurz blitzt Dissonanz auf. Die Stimmung wandelt sich ins Düstere und löst sich doch wieder in traurige Erhabenheit auf. In anderen Sphären wähnt man sich durch die spirituelle Note, die durch dichte Orgelteppiche und insbesondere den ergreifenden Klargesang unterstützt wird. Schwerfällig kriechen monumentale Klangwellen dahin, wunderschöne Melodien verlieren sich in der Stille. Egal, ob 20 Minuten lang nur das sanfte Klagen mit wehmütiger Stimme zu hören ist, oder gigantische Klangbrocken auf einen einstürzen, ob in epischer Breite der Bass ätherische Elegien vorträgt und das Schlagzeug wie ein Donnerschlag hallt. Immer schwingt eine tiefe Betrübnis mit. Und wenn die einzelnen Noten im Crescendo verlassen verklingen, wird der Schmerz, der hinter diesem Werk steht, fast greifbar.  Mirror Reaper ist schier überwältigend mit Gefühlen beladen, was es zu außerordentlich schwerer Kost macht. Gleichzeitig ist es trotz der expressiven Emotionalität unglaublich in sich gekehrt, introvertiert und dadurch ein meditatives Erlebnis sondergleichen.

Man sollte sich in jedem Fall die Zeit nehmen, das ganze Werk am Stück durchzuhören. Dann ist es Musik, in der man sich verlieren kann, Zeit und Raum lösen sich scheinbar auf und der Strom der vermittelten Gefühle reißt einen unweigerlich mit und stößt Gedankenströme an. Mirror Reaper ist nicht irgendein Lied, nicht irgendeine Platte. Es ist Funeral-Doom-Metal, wie er besser kaum sein. Anders als die anderen und für mich ein neuer Maßstab.


Lieder:

  1. Mirror Reaper

Besetzung:

Dylan Desmond – Bass, Gesang
Jesse Shreibman – Schlagzeug, Gesang, Orgel

Song des Monats 09/17

Hymnen gibt es viele im Metal – Valhalla von Blind Guardian beispielsweise oder Number Of The Beast von Iron Maiden. Das Lied des Monats September fällt zweifelsohne ebenfalls in diese ominöse Kategorie der Hymnen: Mother North von Satyricon. Dieses Lied steht dabei nicht nur  für die Band, sondern für das Genre Black Metal.
Was macht das Lied denn nun aus? Die fast schon unverschämt eingängigen Leads  sind es, die sich gleich ins  Ohr fräsen und dort festsetzen. Selbst Tage, ja Wochen nachdem ich Mother North gehört habe, summe ich die Melodie noch vor mich hin. Dazu rasende Blast Beats aus Frosts Handgelenken und der perfekte Einstieg ist geglückt. Der stampfende, etwas aggressiver klingende Mittelteil rundet das ganze ab. Episch, majestätisch und mystisch zugleich geht es aufs Ende zu. Was aber wäre die Hymne  ohne den passenden Text zum Mitsingen?

Mother North
How can they sleep while their beds are burning?
Mother North
Your fields are bleeding

Memories… the invisible wounds
Pictures that enshrine your throne, gone

A future benighted, still they are blind
Pigeonhearted beings of flesh and blood
Keeps closing their eyes for the dangers
That threaten ourselves and our nature
And that is why they all enrage me

Sometimes in the dead of the night, I mesmerize my soul
Sights and visions, prophecies and horror
They all come in one

Mother North
United we stand (together we walk)
Phantom North
I’ll be there when you hunt them down

Der Text steht natürlich der Interpretation frei. Für mich geht es um Kritik an der Christianisierung Norwegens, aber auch um Naturverbundenheit und klar, Patriotismus. Da sieht man die Fjordlandschaft förmlich vor Augen und als Trve Norsk Black Metaller geht einem doch das Herz auf. Noch viel epischer als das Original klingt übrigens die Live-Version mit dem Nationalen Norwegischen Opernchor. Deshalb findet ihr die  unten eingebunden. Ich glaube, ich muss jetzt auch aufhören zu schreiben und nochmal Mother North hören. Und nochmal. Und nochmal. Und nochmal…

Quelle: Youtube-Kanal von Oytun Bektaş

Bis zum Äußersten – Endstrand von Valborg

Death Metal
Veröffentlicht: 7. April 2017
Prophecy


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Endstrand

Brutal, postapokalyptisch, primitiv – mir fallen viele schöne Adjektive ein, um Valborgs aktuelles Album Endstrand zu beschreiben. Valborg legen hier ein Stück Musik vor, dass sich ganz der Philosophie des „Weniger ist mehr“ verschrieben zu haben scheint. Oder aber, wo ist eigentlich dieses Äußerste, zu dem man es sprichwörtlich treiben kann? So, als wäre die Band auf der Suche danach gewesen, wie weit man musikalisch gehen kann. Von Totenmond bin ich da schon einiges gewohnt und just an selbige erinnert mich Endstrand auch ein wenig. Schwere Riffs poltern aus den Lautsprechern, Wiederholung reiht sich an Wiederholung, Komplexität gibt es hier nicht. Alles ist aufs Wesentliche reduziert: Düstere, verstörende Musik.

Apropos verstörend: Die Texte fügen sich wunderbar mit der Musik zusammen. Grobschlächtig, roh, vulgär, aber auch durchaus augenzwinkernd, um nicht zu sagen albern, unterstreicht das Gekeife die durch und durch böse Stimmung. Irgendwo zwischen Expressionismus, Dadaismus, Wahnsinn und reiner Provokation pendeln die Valborgschen lyrischen Ergüsse hin und her. Kostprobe gefällig?

Heil Satan

Das ist der Text von Orbitalwaffe. Oder hier:

Beerdigungsmaschine

Das ist der Text von – na? – Beerdigungsmaschine.

Besonders gut gefällt mir aber der Text von Bunkerluft, das sich im Übrigen musikalisch etwas abhebt. Es ist gespenstisch ruhig, verstörend und Bilder atomar verseuchter Landschaften, eines apokalyptischen Ödlands ziehen vor dem inneren Auge vorüber.

Gehirne aus Kristall warten tausend Jahre lang
Strahlenschlag
Neutrinosarg
Krustenschild
Die ganze Welt

Ohnehin wirkt das ganze Album wie das Destillat ungehemmter Wut und Bösartigkeit und schafft so ein echtes Bedrohungsgefühl. Das Atomkriegkonzept (ich interpretiere das mal rein) kommt gut rüber. Martialisch bis zum Exzess und irgendwie auch mystisch oder besser gesagt unwirklich angehaucht  geht es so durch die dreizehn Lieder. Bei dem reduzierten Ansatz bleibt die ein oder andere Länge nicht aus. Für Auflockerung sorgen immer mal wieder cleane Gitarren, die ein Fünkchen Melodie erahnen lassen. Und ganz so primitiv, wie es Ein-Akkord-Riffs vermuten lassen, ist es dann stellenweise doch nicht (Plasmabrand). Hervorheben will ich noch den unglaublich passenden Gesang, der von Sprechpassagen, über roboterartige Sequenzen bis zum meist bösartigen Schreien reicht.

Anstrengend ist Endstrand aber trotz aller Extravaganz nicht. Im Gegenteil, ich finde das Album recht eingängig. Dafür ist es aber in meinen Ohren fast einzigartig in der Musiklandschaft. Wer von den Texten nicht abgeschreckt ist und auf einfachen, wuchtigen Metal steht, der höre rein.

Lieder

  1. Jagen
  2. Blut am Eisen
  3. Orbitalwaffe
  4. Beerdigungsmaschine
  5. Stoßfront
  6. Bunkerluft
  7. Geisterwürde
  8. Alter
  9. Plasmabrand
  10. Ave Maria
  11. Atompetze
  12. Strahlung
  13. Exodus

Besetzung

Jan Buckard – Gesang, Bass
Christian Kolf – Gitarre, Gesang
Flroian Toyka – Schlagzeug

Klassiker: Stream from the Heavens von Thergothon

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Stream from the Heavens

Kürzlich hatte ich mal wieder Lust auf langsamen, sehr langsamen Metal und dachte mir beim Entlangstreifen am Plattenregal: Warum nicht mal wieder einen Klassiker und Wegbereiter einlegen? Skepticism? Esoteric? Funeral? Nein, Thergothons Stream from the Heavens ist es geworden. Warum ist das ein Klassiker? Und welchen Genres überhaupt? Nun, was sich auf der Platte findet ist Funeral Doom in Reinkultur:  Extrem zäh fließt es da aus den Lautsprechern, wenig Tempiwechsel, der Rhythmus ist teils kaum nachzuverfolgen, die Riffs sind dunkel und traurig, der Gesang besteht großteils aus abgrundtiefem Grunzen, ergänzt um Klargesang, der Bass ist dominant, verzerrt und sehr, sehr tief. Hier und da wird noch ein epischer Keyboardteppich ausgebreitet. Alle traditionellen Merkmale sind also da. Das ist sicherlich bei vielen Bands so. Was Thergothon so besonders macht ist schlicht der Zeitpunkt, zu dem Stream from the Heavens veröffentlicht wurde, nämlich 1994, wobei das Material durchaus schon etwas älter ist. Die erste Demo Fhtagn nagh Yog-Sothoth erblickte immerhin schon 1991 das Licht der Welt.

Was Stream from the Heavens auch heute noch so besonders macht ist wie so oft die dichte Atmosphäre. Basslastig, mal melancholisch, mal proggig wabert die Musik aus den Lautsprechern. Die Stimmung ist bedrückend, niederschmetternd, trostlos. Alles ist ein wenig extremer als bei herkömmlichen Doom-Veröffentlichungen: Langsamer, reduzierter, monotoner. Alles dient einzig und allein dem Zweck, Hoffnungslosigkeit zu verbreiten. Dabei grenzen sich Thergothon von Genrekollegen wie Skepticism durchaus ab. Sind die  besonders schwermütig, fast schon herzzerreißend traurig, so ist Thergothon eher auf der düsteren Seite zu finden.

Auch wenn Musik sich häufig gut über die Zeit rettet, stellt sich die Frage: Kann man das heute noch hören oder sollte man lieber gleich zu modernen Vertretern wie Evoken oder Ahab greifen? Besonders gewöhnungsbedürftig ist aus meiner Sicht die sehr eigentümliche Produktion des Albums. Klar, die passt irgendwie zum Ambiente mit ihrem schrägen Wabern, aber jedermenschs Sache ist das bestimmt nicht. Nach etwas Eingewöhnung konnte ich jedenfalls gut damit leben. Was nicht geht und fast die tolle Stimmung zerstört ist der Klargesang. Die ein oder andere Gesangsstunde hätte vielleicht gut getan, aber was soll’s. Schwamm drüber. Am Ende bleibt trotzdem ein zurecht als (r)evolutionär geltendes Album, das ein ganzes Genre mitgeprägt hat. Wer also auf die Extreme in der Musik steht, darf gerne mal ein Ohr riskieren. Insbesondere als Genre-Fan sollte man sich die Urväter ruhig mal geben. Zugänglicher sind die moderneren Zöglinge aber allemal.