Heathen Crusade Tour. Moonsorrow in Ludwigsburg.

Ville Sorvali, Gesang und Bass, Moonsorrow

Ville Sorvali, Gesang und Bass, Moonsorrow

Wir schreiben das Jahr 2018. Eine Horde Finnen und Iren brach in den ersten warmen Tagen des Aprils zu einem heidnischen Kreuzzug durch Europa auf. Moonsorrow und Primordial riefen ihre Anhänger auf, ihnen zu folgen. Und so bestiegen auch wir unser Stahlross, verließen unser kleines Dorf, in dem wir momentan im Exil leben, und ritten gen Rockfabrik Ludwigsburg, um Moonsorrow zu sehen. Gut, laut unserer Eintrittskarte handelte es sich zwar um die „Heaven Crusade Tour“ statt um die „Heathen Crusade Tour“, aber Fehler passieren nun mal, und wir ließen uns nicht verwirren und auf Irrwege leiten.

Nikita Kamprad, Gesang und Gitarre, Der Weg Einer Freiheit

Nikita Kamprad, Gesang und Gitarre, Der Weg Einer Freiheit

Um 19.30 Uhr eröffneten Der Weg einer Freiheit mit „Einkehr“ den schwarzmetallischen/paganmetallischen Abend. Ich kannte die Jungs vorher nicht und muss sagen, gefiel mir sehr gut, was da geboten wurde. Melodischer Progressive Blackmetal. Sehr meditativ. Häufig stand ich einfach nur mit geschlossenen Augen da und ließ alles auf mich einregnen. Auch Bassist Nicolas Ziska pendelte mit seinem Bass bisweilen entspannte 10 Zentimeter über dem Boden. Aber Vorsicht! Ich möchte an dieser Stelle eine dringende Warnung aussprechen: Zu tiefes Bangen in der ersten Reihe ist schlecht für die Zähne! „Einkehr“ folgten „Skepsis, Part I“, „Zeichen“ und „Requiem“. Den Auftritt beschloss „Aufbruch“. Mir gefiel der Wechsel zwischen entspannten, melodiös-ruhigen Passagen und brachialen Blackmetal Tremolo Picking – Doublebass Blastbeat Wänden, die einen gnadenlos an die Wand bliesen, sehr gut. Die Lichtshow war perfekt darauf abgestimmt, so dass man bald nicht mehr so richtig wusste „Bin ich das? Oder bin ich der Typ neben mir?“ Allerdings entwickelten wir die schlüssige These, dass das Blitzlichtgewitter hauptsächlich dazu diente, die lila Gitarre von Gitarrist Nicolas Rausch zu kaschieren – oder war sie doch schwarz? Wer weiß… Nach dem Auftritt wurde ich noch auf ein Problem aufmerksam, mit dem sich viele Blackmetal Bands herumschlagen müssen – die Zeit. Auf den Hinweis eines Fans, dass es schade sei, dass Der Weg einer Freiheit Teile eines Songs ausgelassen hätten, antwortete Bassist Nicolas Ziska, man habe schließlich nur 45 Minuten. Ja – das reicht halt mal grad für 1 1/4 Songs bei manchen Bands.

Der Weg Einer Freiheit, Rockfabrik Ludwigsburg

Der Weg Einer Freiheit, Rockfabrik Ludwigsburg

Die Umbaupause gestaltete sich zur Nervenprobe. Im Hintergrund wurde die Tonspur einer finnischen Soap eingespielt. Zumindest klang es so. Eine männliche Stimme jammerte, flehte und lamentierte – und strapazierte die Nerven aufs Äußerste. Damit sollte wohl sichergestellt werden, dass alle Weicheier, die dieser Folter nicht standhielten, den Raum verließen. Sie sind des Kreuzzuges nicht würdig. Eisern hielten wir durch. Die Hosen der Crew pendelten zwischen „How low can you go“ und „Hang ‚Em High“. Schnell wurde noch eine Art schwarzes Pümpelbecken an den Drums befestigt. Der uns von anderen Konzerten wohlbekannte Roadie „Mathias“ (wir nennen ihn so – vermutlich heißt er wie jeder anständige Finne Mika oder Klaus Kevin) checkte Drums und Mikros und hängte noch schnell eine kleine Gardine ums Schlagzeugpodest auf. Das sorgte für eine heimelige Atmosphäre. Leider verzichtete er aber auf die Geranienkästen. Und dann trat SIE in mein Leben. Eine handgefertigte, finnische Ruokangas Custom V in rot. Was für eine Schönheit.

Mitja Harvilahti, Gitarre, Moonsorrow

Mitja Harvilahti, Gitarre, Moonsorrow

Nach einigen Unstimmigkeiten beim Gitarrencheck und einem ausgiebigen Test der Nebelmaschine – hüstel -, enterten Moonsorrow mit ihren üblichen blutbeschmierten Gesichtern endlich die Bühne. Und mit ihnen natürlich die Ruokangas Custom V, die praktischerweise direkt vor meiner Nase schwebte. Zusammen mit ihrem Besitzer Mitja Harvilahti. Die Finnen eröffneten ihren Auftritt mit „Pimeä“. Am Funksender von Gitarrist Janne Perttilä musste noch ein wenig gebastelt werden, aber dann konnte auch er ordentlich Gas geben. Verfolgt von Mathias‘ besorgtem Blick. Es folgten „Ruttolehto“, „Suden Tunti“ und „Kivenkantaja“. Zu meiner persönlichen Freude spielten Moonsorrow auch „Mimisbrunn“. Was für ein Wahnsinnssong. Laut Sänger und Bassist Ville Sorvali ein Song zum Relaxen. Ich war und bin wieder einmal begeistert von Moonsorrow und ihrer Bühnenpräsenz und Spielgewalt. Man wird unweigerlich angelockt, mitgerissen, eingesogen. Harvilahti fegte über die Bühne wie ein wild gewordenes Irrlicht, animierte das Publikum oder poste erhaben über unseren Köpfen, die rote Gitarre majestätisch nach vorne gereckt. Manchmal stand er dann wieder minutenlang da und sang und spielte mit geschlossenen Augen – völlig versunken in der Musik. Auch Perttilä hat eine ganz eigene Ausstrahlung. Er erinnerte mich jedes Mal an eine der verrückten Figuren aus den russischen Märchen. Mal wackelte er wie eine Marionette durch die Gegend und grinste dabei hintergründig, mal feuerte er das Publikum an. Und dann ist da noch Ville Sorvali. Sein Krächzen und Zischen ging durch Mark und Bein. Sein Gesicht, mal schmerzerfüllt, mal gequält. Sein Blick so intensiv, so vernichtend, dass man unweigerlich in Gedanken die eigenen Verfehlungen der letzten Tage durchgeht. Er würde sich auch als Lehrer gut machen. Man spürt einfach vom ersten Ton an, dass er seine Musik mit jeder Faser seines Körpers lebt. Es folgte ein Geburtstagsständchen des Publikums für Keyboarder Markus Eurén. Um nicht zu viel unpassende Fröhlichkeit aufkommen zu lassen, verkündete Sorvali dann, dass wir alle irgendwann sterben müssen. Er, Markus, das Publikum – wir alle. Es folgte „Kuolleiden Maa“, der Song über das Land der Toten. Mit dieser optimistischen Zukunftsaussicht verließen Moonsorrow dann auch die Bühne. Wie? Sechs Songs und 1 1/4 Stunden schon um? Ein wirklich intensives, mitreißendes Konzert. Meditativ, aufpeitschend, aufwühlend, musikalisch exzellent. Wenn ihr die Chance habt, die Finnen einmal live zu sehen – ergreift sie! Es lohnt sich wirklich! Die Gardine wurde vom Drumpodest entfernt und zusammengeknüllt – aber das wird Mathias mit seinem Reisebügeleisen sicher wieder richten.

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