Schluss mit guter Laune – Antikult von Fäulnis

Black Metal
Veröffentlicht: 10.3.2017
Grau / Soulfood
http://www.sickblackart.de


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Antikult von Fäulnis

Einstiege in ihre Alben bekommen Fäulnis ja immer gut hin, das muss man ihnen lassen. Auch bei Antikult, dem neuesten Werk, ist der mit dem knackig-kurzen Metropolis wieder gelungen – sägende Gitarre, Punkriff, Norwegen ’94 und schon ist man mittendrin im Verzweiflungsmoloch. Besser wird es im Verlauf von Antikult auch nicht. Ein Lied klingt hoffnungsloser als das andere – Melancholie, Leid, Leere, aber auch Aggressivität, Wut und Zorn ergeben ein mitreißendes Emotionsgebräu.

Aber kommen wir doch endlich mal zur Musik an sich. Blackdoompunkrock. So bezeichnen Fäulnis ihre Musik selbst und das kommt auch gut hin. MS Fäulnis beispielsweise geht von rasendem Black Metal mit typischer Leadgitarre in knarzenden Punkrock über – inklusive Mitgröhlpassagen. Herrlich traurig-verzweifelt klingende Leadgitarren werden allerorts geboten. Besonders schön, wie ich finde, im Mittelteil von Kadaver. Das begeistert mich sowieso mit wehmutsvollem Hochgeschwindigkeitsschrabbel, Break hin zu verzweifeltem Schreien, besagten Leads und Wechsel zwischen Geknüppel und Breakdowns, übergehend in absolute Gänsehaut. Mann, mann, mann. Bei Arroganz von unten gefällt mir besonders gut die Weiterleitung des Eingangsstampfakkords in ansprechende Arpeggios. Unterschwellig kündigt sich schon der Live-Mitschrei-Teil an, der dann mit einem Break einsetzt:

Fahr mal raus, raus ans Meer,
geh in die Fluten, weil es Zeit ist
Zieh die Schuhe aus und geh ins Meer,
geh in die Fluten, weil es Zeit ist!

Wunderbar. Aber auch danach schon wieder Gänsehaut mit den genialen Black-Metal-Leads.

Reine Verzweiflung folgt mit Das Nagelkratzen. Naja, bei dem Titel. Schön metallisch eingeleitet wird’s schnell zappenduster und ab Minute Nummer Zwei  kommt ein richtig schönes Motiv, das sich mehrmals intensivierend wiederholt. Sehr doomig kommt Block 19, Mahlstrom daher.  Ein simples, effektives Metalriff leitet perfekt den hoffnungslosen Teil mit klagender Leadgitarre, die atmosphärisch schwer an Below the Sun von Ahab erinnert – meine persönliche Assoziation wohlgemerkt. Wo wir gerade bei Vergleichen sind: Wer Agrypnie mag, wird Galgen, kein Humor (Daumen hoch für den Titel) lieben. Blackmetalliger (man kann alles zu einem Adjektiv machen) wird’s nicht mehr. Schnell, hart, auf den Punkt mit nettem Ausklang.

Die Krönung des Ganzen ist aber meiner bescheidenen Meinung nach der letzte Titel Der König. Nachdem oben erwähntes Das Nagelkratzen die Trostlosigkeitsmesslatte hoch gelegt hat, legt Der König noch eine ganze Schippe drauf. War beim Rest der Platte hier und da mal Gänsehaut, ist das hier durchgehend der Fall. Das hier

Der König kann nicht mehr schlafen
Der König spricht nie
Der König, ewiges Schweigen
Der König, grau, stirbt

unterlegt mit der wundervoll schwermütigen Leadgitarre, die dankenswerterweise auch noch häufiger wiederholt wird, lädt zum Einmümmeln und Verzweifeln ein. Grau in grau, trostlos, be- und niederdrückend – starker Tobak. Nun eine Spoiler-Warnung, weil das heute so muss und der Schluss des Liedes für mich etwas überraschend kam und das ganze nochmals versüßt hat. Das i-Tüpfelchen nämlich ist ein Ausschnitt aus Hildegard Knefs Frag nicht warum, das langsam mit einer Gitarrenrückkopplung übertönt wird. Hatte ich das Wörtchen „Gänsehaut“ schon erwähnt?

Man merkt es schon, mir gehen die Worte zur Lobhudelei aus. Ich muss sagen, bei aller Qualität von Snuff // Hiroshima legt Antikult nicht nur nach, sondern kann den Vorgänger sogar übertrumpfen. Klar, Geschmacksache und so. Im Vorfeld der Veröffentlichung hat Seuche, der Frontmann, verlauten lassen, dass er mit Snuff // Hiroshima nicht hundertprozentig zufrieden war. Zu klinisch rein und steril die Produktion, zu viel Potential verschenkt. Das würde ich persönlich nun nicht negativ auslegen, passen doch Klang und Inhalt meines Erachtens perfekt zusammen. Objektiv hat er aber in Teilen durchaus Recht. So klingt Antikult wenig überraschend wesentlich räudiger: Härter, dreckiger, verwaschener kommt das neueste Werk daher, wirkt dadurch metallischer, organischer und voluminöser. Etwas schade ist der in diesem Zuge deutlich in den Hintergrund gemischte Gesang, weswegen man die Texte nur schwer versteht. Aber wofür gibt’s schließlich das Textheft? Dem Gesamteindruck ist dieser Sachverhalt jedenfalls mehr als dienlich: Musik, Gesang – alles eine der Atmosphäre förderliche Einheit. Und gerade weil das Album weniger steril klingt und mit mehr Bums daher kommt, dazu noch die einzelnen Elemente aus Black, Doom, Thrash, Punk, Rock, etc. pp. so passend verquickt, gefällt es mir noch einen Tick besser. Übrigens, Texte: Die sind wieder weit mehr als schmückendes Beiwerk und könnten angemessener mit Schreien, Rufen, Kreischen, Sprechen von Seuche nicht vorgetragen werden. Man merkt, hier steckt viel Arbeit und Herzblut drin.

Jetzt aber genug: Antikult hören, aber pronto!



Quelle: Youtube-Kanal von harddriveprod

Lieder:

  1. Metropolis
  2. Block 19, Mahlstrom
  3. Galgen, kein Humor
  4. MS Fäulnis
  5. Im Auge des Sturms
  6. Kadaver
  7. Arroganz von unten
  8. Das Nagelkratzen
  9. Der König

Besetzung:

C. W. – Bass
H. P. – Schlagzeug
N. N. – Gitarre
M. R. M. – Gitarre
Seuche – Gesang

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