Dieses Wabern – Der freiwillige Bettler von Urfaust

Black Metal
Veröffentlicht: 25. November 2010
Ván Records


s-l1600

Der freiwillige Bettler
(Cover der LP)

Jüngst haben die niederländischen Urfaust – der Name bezieht sich übrigens auf den Urfaust von dem Goethe – ihr neues Werk „Empty Space Meditation“ veröffentlicht. Dadurch – also, eigentlich durch das coole Cover, seien wir doch ehrlich – bin ich, wie ich zu meiner Schande eingestehen muss, erst auf die gehypte (naja) Black-Metal-Band aufmerksam geworden. Die wollte ich doch unbedingt mal hören. Willkürlich hab ich mir irgendein älteres Album herausgesucht, denn wie der erfahrene Musikbegeisterte weiß: „Die alten Sachen waren viel cooler“. Gelandet bin ich wegen des Titels (Kriterium Nr. 2 nach dem Cover) bei „Der freiwillige Bettler“. Und war sofort begeistert. Warum? Das will ich gerne etwas ausführen.

Zunächst ein kleiner Teaser: Was für Musik erwartet einen wohl, wenn die Band ihre spärlichen Live-Auftritte abwechselnd als Seance, Ritual oder „Lo-Fi Black Magick“ tituliert? Wenn ihr jetzt an irgendeinen stinklangweiligen Klangmatsch mit der Klangqualität eines kaputten Küchenradios und irgendeinem doofen okkulten Esoterikquatsch denkt – falsch! Aber die Richtung stimmt.

Ich bin erstmal völlig unbedarft an das Album herangegangen. Das heißt: Ich habe mir nicht eine Sekunde Urfaust angehört, ehe ich „Der freiwillige Bettler“ gelauscht habe. Besonders überrascht hat mich deshalb weniger das fast durchgängig mittlere bis langsame Tempo, wo man doch bei Black Metal zumindest etwas Raserei erwartet. Nein, es war der Gesang: Der mutet doch irgendwie esoterisch-okkult (huch!) an. Wie ein predigender, teils auch opernhafter Singsang – mal rauer, mal sanfter, doch immer andersweltlich. Mal was anderes als das übliche Gekreische. Noch dazu passt diese Art von Gesang zum instrumentalen Teil wie die sprichwörtliche Faust aufs Auge.

Der ist nämlich monoton, monoton, monoton, monoton, monoton. Jedes einzelne Lied glänzt durch Abwesenheit von Abwechslung und Komplexität – aber: Das ist wie so oft überhaupt nicht schlimm, sondern hier sogar wesentliches und wichtiges Merkmal, ohne das die Musik nicht funktionieren würde. Denn wie immer, wenn ich monotone Musik bespreche, kommt bei dem Hören selbiger keine Langeweile auf. Das liegt nun aber nicht daran, dass es unglaublich tolle Einfälle gäbe oder ausgefuchste Riffs, gibt es nämlich nicht (gut, so ein paar coole Einfälle gibt es schon). Nein, das Geheimnis ist dieses magische Wabern. Die Musik legt sich wie zähflüssiger Äther um den Kopf und dringt in den Kopf, hypnotisch, psychedelisch, tranceartig. Das ist das faszinierende an dieser Platte oder Urfaust. Wenn man sich darauf einlässt, wacht man am Ende benommen aus einem unwirklichen Traum auf, mit dem Gefühl einem unheiligen Mahlstrom gerade noch entgangen zu sein. Um mal wieder einen Literaturvergleich zu bemühen, den ich, ich weiß, schon an anderer Stelle gebracht hatte: Mir ging es dabei wie bei The House on the Borderland von William Hope Hodgson, das von Seite zu Seite albtraumhafter und unwirklicher wird.

Trotz der oben beschriebenen, von Verderbnis erfüllten Grundstimmung gibt es doch emotional genügend Abwechslung zwischen den Liedern. Ob nun eher melancholisch-hoffnungslos wie bei Der Zauberer“, Untergangstimmung bei Der hässlichste Mensch“, oder gar beschwingt (naja, irgendwie relativ gesehen halt) wie bei Das Kind im Spiegel“ – neben all der Verderbnis gibt es genügend Nuancen. Auch mit dem Ein- und Aussetzen der einzelnen Instrumente wird geschickt gespielt – wenn etwa das Schlagzeug fast aussetzt und nur noch der mantrahafte Gesang mit eintönigen Gitarren samt Bass erklingt, intensiviert das die Wirkung noch ein gutes Stück. Überhaupt trägt die übersichtliche Instrumentierung samt wenig komplexen Liedwerks doch deutlich zur schaurigen Stimmung bei. Das trifft auch auf die ungeschliffene Produktion zu, die trotzdem noch eine klare Differenzierung der Instrumente erlaubt.

Fazit: Sehr obskur, schwarze Magie. Absolut empfehlenswert. Achja: Die neue Scheibe ist auch gut.


Lieder:

  1. Vom Gesicht und Rätsel
  2. Der freiwillige Bettler
  3. Das Kind im Spiegel
  4. Der Mensch, die kleine Narrenwelt
  5. Ein leeres Zauberspiel
  6. Der hässlichste Mensch
  7. Der Zauberer

Band:

IX – Gesang, Gitarren, Bass, Keyboard
VRDRBR – Schlagzeug

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