Winterdoom – „Sundown Pleasures“ von Phantom Winter

Doom/Sludge/Drone/Noise
Veröffentlicht: 16.9.2016
Golden Antenna Records
https://www.facebook.com/wintercvlt


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Sundown Pleasures

Die letzten Töne von „Sundown Pleasures“ sind verklungen, die Augen schauen die Unendlichkeit und die Gedanken kreisen. Man merkt, die meinen es ernst. Was um alles in der Welt haben Phantom Winter da bloß auf ihre Hörerschaft losgelassen?

Doch von vorne. Stand das Debut noch deutlich unter dem Eindruck der Omega-Massif-Auflösung und der Spannung, wie die denn mit Gesang klingen, das meine ich rezeptionsseitig, so kann sich „Sundown Pleasures“ zweifellos davon lossagen. Das bedeutet nicht, dass die einschlägigen und liebgewonnen Elemente aufgegeben wurden. Doch gibt es gegenüber „Cvlt“ eine merkliche Weiterentwicklung, was auch gut so ist. Stillstand gibt es hier nicht.

Wichtiger Bestandteil der Lieder und auch ein wichtiges Anliegen der Band sind die politischen und gesellschaftskritischen Texte. Neben Themen wie Atheismus, was im Genre wohl keine Seltenheit ist, geht es hier auch mal um Feminismus im Lied „Bombing The Witches“ mit dem Aufhänger der Hexenverbrennungen. Das dürfte wohl eher ungewöhnlich, wenn nicht gar ein Novum sein. Dazugibt es immer interessante und passende Zitate, die eingespielt werden und die Thematiken ergänzen. Daumen hoch dafür.  Bands ohne Aussage gibt es wahrlich schon genug und solche, die auch mal unbeliebte Themen mit unbeliebter Meinung aufgreifen viel zu wenig.

Musikalisch präsentiert sich „Sundown Pleasures“ als apokalyptischer Mahlstrom, der einen unweigerlich mit jedem Lied weiter in die Tiefen zieht. Phantom Winter verstehen es wirklich eine bedrohlich-hoffnungslose Stimmung zu erschaffen. Stilmittel ist dabei das bekannte und sehr im Vordergrund stehende Gekeife und Schreien, stets im Wechsel zwischen fast schon Kreischen und Brüllen. Auf der Instrumentenseite kommen bösartige Riffs und verloren klingende Leadgitarren dazu. Dabei geht die Reise quer durch verschiedene Genres wie Doom, Sludge und Drone. Auffällig ist, dass auf eine klassische, feste Struktur mit vorgegebenem festen Schlagzeugrhythmus zu großen Teilen verzichtet wird (etwa in „The Darkest Clan“). Andererseits kann es auch mal ordentlich grooven wie in „Wraith War“. Ruhige Momente sind zwar selten, aber es gibt sie. In erster Linie dienen sie wie im Titellied als Kontrast und Spannungsaufbau zu den unglaublich harten, chaotischen Passagen, die darauf folgen.

Mit seiner im Ohr hängenbleibenden Leadgitarre fast schon eingängig und vielleicht am ehesten mit den „Cvlt“-Stücken vergleichbar kommt oben erwähntes „Bombing The Witches“ daher. Skeptisch war ich im Vorfeld wegen der Ankündigung, dass sich auf dem Album auch ein Noise-Drone-Lied finden wird. Das ist eigentlich nicht so meine Welt. Die sechs Minuten „Black Hole Scum“ warten aber mit einem tragfähigen dröhnend-quietschenden Gerüst auf und enden im völligen Chaos. Überzeugend. Ein würdiges Ende schließlich bildet „Black Space“. Es dürfte zu den trostlosesten Liedern gehören, die ich je gehört habe.  Melancholische Gitarren wechseln sich ab mit Passagen scheinbar reinen Krachs. Das ganze endet in einem anschwellenden und beschleunigenden Schlussteil, der an Intensität schier nicht zu überbieten ist.

Also, was haben Phantom Winter da denn nun abgeliefert? Deutlich kompromissloser noch als der Erstling „Cvlt“ – finsterer, härter, kälter, verzweifelter, trostloser klingt „Sundown Pleasures“, stellenweise wie das vertonte Nichts. Gleichzeitig wirkt es auf gewisse Art auch komplexer oder vielleicht auch progressive durch ungewohnte Liedstrukturen, die weit vom Standard abweichen; in jedem Fall aber ist es deutlich ausgereifter als der Erstling und bleibt bei aller Eingängigkeit gewohnt schwer verdaulich.

Quelle: Soundcloud-Kanal von Golden Antenna


Lieder:

  1. Sundown Pleasures (8:14)
  2. The Darkest Clan (6:36)
  3. Bombing The Witches (4:18)
  4. Wraith War (4:28)
  5. Black Hole Scum (6:17)
  6. Black Space (10:52)

Band:

christof – drums
andreas – guitar/bewitched screams
christian – haunting growls
martin – bass
björn – guitar/cleaning gear

 

 

 

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