„…und Licht ist oft nur Schein“ – Mogontiacum von Nocte Obducta

Progressive Black Metal
Veröffentlicht: 8.7.2016
MDD Records
http://www.nocte-obducta.de


Nocte Obducta  - Mogontiacum (Nachdem Die Nacht Herabgesunken...)

Mogontiacum (Nachdem die Nacht herabgesunken)

Ich mach’s kurz: Nocte Obducta haben eine neue Platte veröffentlicht und ja, sie ist fantastisch. Fertig. Na gut, eine Langfassung gibt es dann doch noch, um dem ganzen gerecht zu werden:

Ein neues Album von Nocte Obducta ist jedes Mal aufs neue spannend, da man nie so sicher weiß, was einen wohl erwartet. Von Black Metal, wie er trver nicht sein könnte, bis zu psychedelisch waberndem Progrock ist ja so ziemlich alles schon da gewesen – so ist auch die Genreangabe oben eine Verlegenheitslösung. Eines ist aber gewiss: Die Qualität der Veröffentlichungen ist immer auf sehr hohem Niveau. So ging ich dann auch neugierig, aber ganz und gar nicht unvoreingenommen an das neueste Werk „Mogontiacum (Nachdem die Nacht herabgesunken)“ (ja, auch ein Untertitel ist wieder dabei) heran. Denn bereits im Vorfeld betitelte die Band ihr neues Werk als das wohl ambitionierteste der Bandgeschichte und verortete es als Nachfolger der beiden Nektar-Alben, die für mich immer noch zum besten gehören, was die deutsche Metalszene hervorgebracht hat. Passend dazu ist auch der Titel: Mogontiacum, das ist der alte Name für Mainz, also die Heimat der Band, und der Untertitel die Übersetzung von Nocte Obducta. Das lässt doch irgendwie auf ein die Bandgeschichte umfassendes Album schließen. So ganz daneben ist das auch nicht, denn schließlich wurde viel Schreibarbeit für Mogontiacum bereits zu Nektar-Zeiten erledigt und hätte dort tatsächlich nahtlos anknüpfen können.

Ganz und gar nicht zu den Nektar-Alben passt die Produktion des Albums. Das ist lobend gemeint. Denn wo Nektar 1 und 2 etwas steril und fast schon überproduziert wirkte, klingt Mogontiacum wesentlich dynamischer, handgemachter, analoger. Das tut dem Hörerlebnis gut, auch wenn vielleicht das ein oder andere Detail dabei flöten geht. Wenn’s schön analogig grummelt, rumpelt und brummt geht mir jedenfalls das Herz auf.

Stilistisch präsentiert sich Mogontiacum, wie man es von Nocte Obducta gewohnt ist, unglaublich vielseitig, abwechslungsreich und komplex. Wie insbesondere beim Vorgänger lassen sich Nocte Obducta Zeit, viel Zeit für den Liedaufbau und ausufernde Passagen, gerne mit intensiven, Synthesizerklängen verbunden – so etwa im instrumentalen Einstieg „Am Ende des Sommers“ und dem fast 20 Minuten langen Epos „Desîhra Mogontiacum“. Da wabert es schier endlos, die Musik gleitet ins Träumerische ab, alles ist irgendwie traurig-melancholisch-romantisch in Watte gepackt. Herausragend ist das endlose Gitarrensoli mit Bendings noch und nöcher in „Im Dunst am ewigen Grab der Sonne“ (und nicht nur dort). Schade, dass das Lied dann ausfadet, es hätte gerne noch einige Minuten länger anhalten dürfen.  Kräftig eingelullt von all der Gefühlsduselei weckt einen zwischendurch gekonnt das „Löschkommando Walpurgisnacht“. Was für ein Black-Metal-Kracher – und nur eins von zwei extrem kurzen klassisch-aggressiven Liedern, die vermutlich auf „Verderbnis“ auch nicht weiter aufgefallen wären – oder „A Blaze In The Northern Sky“. Auch zwei kleine Intermezzi, die sich wunderbar einfügen, gibt es in Form von Lethe, Stein und See Teil 1 und 2. Sie sind sehr ruhig gehalten und gewähren dem Hörer eine kleine Verschnaufpause.

Nocte Obducta scheuen auch nicht vor großer Dynamik zurück. Wo an der einen Stelle noch Elektro-Schlagzeug-Bass-Gitarren-Gesang-Wände dräuen, folgt gleich eine minimalistische Bass-Schlagzeug-Passage, so etwa in „Die Pfähler“ mit schön fuzzigem Bass oder stampfend in „Ein Ouzo auf den Nordwind“. Überzeugen kann wie gewohnt auch die Abteilung Gesang mit allem, was es zwischen Keifen und gesprochenen, ruhigen Worten so gibt. Große Abwechslung gibt es durch Gastsänger aus alten Zeiten, die so manche Erinnerung an alte Veröffentlichungen aufkommen lassen.

Nicht nur musikalisch, sondern auch lyrisch spielen Nocte Obducta schon immer in einer eigenen Liga. Die Texte sind wieder reich an Metaphern, schwelgen wie so oft in der Vergangenheit und sind auch losgelöst davon einfach nur schön zu lesen. „Desîhra Mogontiacum“ sei als repräsentatives Beispiel genannt – klasse.

„Mogontiacum“ ist kurzgefasst von herausragender Qualität, Nocte Obducta haben ihr eigenes Genre definiert. Prog Rock, Black Metal, was auch immer – alles dabei. Weit metallischer als „Umbriel“ bildet es eine Reise zurück zu Nektar 1 und 2. Trotzdem klingt es nicht einfach nach einem Wiedergänger aus alten Zeiten, sondern überzeugt mit Klang und Eigenständigkeit.


 Lieder:

  1. Am Ende des Sommers (09:13)
  2. Glückliche Kinder (07:18)
  3. Ein Ouzo auf den Nordwind (06:36)
  4. Lethe, Stein und See – Teil 1 (01:45)
  5. Löschkommando Walpurgisnacht (01:55)
  6. Desîhra Mogontiacum (19:02)
  7. Die Pfähler (06:56)
  8. Am Waldrand (01:35)
  9. Lethe, Stein und See – Teil 2 (02:53)
  10. Im Dunst am ewigen Grab der Sonne (05:43)

Band:

Flange – Keys, Vox
Heidig – Bass
Marcel – Gitarren, Vox, Keys, Bass
Stefan – Gitarren – Vox
Torsten – Vox
Alex, Mareike, Thomas – Zusätzliche Vox
Theisen – Zusätzliche Filter
Jan – Zusätzlicher Krach

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