Der Mensch als Mängelwesen – Als Tier ist der Mensch nichts von Unru

Unru – Als Tier ist der Mensch nichts

Black Metal
veröffentlicht: 1.4.2016 (CD/MC), 13.5.2016 (LP)
Supreme Chaos Records


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Als Tier ist der Mensch nichts

„Als Tier ist der Mensch nichts“ – ein prägnanter Titeln für ein prägnantes Album, der gleich noch zu Interpretationen einlädt. Laut Band geht es aber nur drum, dass der Mensch anthropologisch gesehen als Mängelwesen (frei nach Gehlen) in der Natur gar nicht überlebensfähig wäre, spezifischer noch, dass der Nachwuchs lange Zeit völlig hilflos ist. Doch ehe ich jetzt alle verliere, verlassen wir den Pfad der Anthropologie besser wieder ohne tiefer einzusteigen und wenden den Blick lieber auf das eigenwillige Cover von „Als Tier ist der Mensch nichts“. Dieses hat mit seiner Collage aus Menschenteilen schon für Aufsehen und Diskussionen gesorgt. Schön? Fraglich. Passend? Sicher.

Denn nicht minder eigenwillig sind die Musik und die Texte hinter dem Cover. Bei dem Titel ist schon zu erwarten, dass keine leichte Kost auf einen zukommt und das bestätigt sich schon nach den ersten Minuten: Das Album ist sperrig, kantig, ungeschliffen, düster und dreckig. Über allem steht dabei die organische Produktion, bei der alle Bestandteile der Musik eine Einheit ergeben. Als Beispiel sei angeführt,  wie wunderbar lebendig das Schlagzeug, übrigens in perfektem Zusammenspiel mit dem Bass, vor sich hin poltert – weit entfernt von den glattgebügelten Aufnahmen mit Trigger, bei denen man sich fragt, ob da nun ein Mensch oder eine Maschine dahinter steckt. So entsteht über die gesamte Spielzeit hinweg eine schwer zu beschreibende Stimmung. Irgendwie beengend-klaustrophobisch, irgendwie drohend-unheilvoll, irgendwie verschlossen und finster wirkt die Musik.

Ja, wie gesagt: ATIDMN ist sperrig. Wer sich darum bemüht, wird aber belohnt. Bei jedem Durchhören fallen mehr Details und Kniffe auf: kleine Melodien, Fills und Basseinlagen – insbesondere am Anfang von „Das Anna-Karenina-Prinzip“ – warten darauf, entdeckt zu werden. Insgesamt ist das Album sehr Black-Metal-lastig und es gibt immer wieder Zitate der einschlägigen Stilelemente, zum Beispiel am Ende von „Zerfall & Manifest“. Das sorgt dafür, dass das Album bei aller Verschlossenheit stellenweise doch irgendwie vertraut und eingängig klingt.

Dennoch hebt sich das Album deutlich vom klassischen Black Metal ab. Disharmonisch, verhallt und rau klingt „Zerfall & Manifest“, ist dadurch eher schwer verdaulich, aber ungemein fesselnd. Etwas aus der schwarzen Reihe fällt „Hēdonḗe“ und das nicht nur hinsichtlich des Titels. Große Teile des Liedes bestehen aus unstrukturiertem Klangchaos, mancher würde es als Lärm bezeichnen. Das geht über in schwere Death Metal-Riffs, es wird tiefst gegrunzt und mit der Double-Bass-E-Bass-Kombo gerumpelt. Im nächsten Moment wiederum droht das ganze völlig zu zerfasern und auseinander zu fallen. Sehr unerwartet, aber großartig – vor allem für Freunde des Death Doom.

Doch neben all der Finsternis gibt es auch etwas Wehmut: Bestes Beispiel hierfür ist „Das Anna-Karenina-Prinzip“. Melodische, eingängige Riffs bilden den Hauptteil des Liedes und hypnotisieren mit Hilfe der unermüdlich hingepfefferten Blast Beats. Immer und immer wieder wird das Hauptriff wiederholt, manchmal variiert. Verzweiflung klingt durch und man kann ganz tief eintauchen. Dieses Lied ist gewiss ein kleines Meisterwerk, das für mich jetzt schon zu den besten des Jahres gehört.

Man merkt dem Album an, dass die Lieder in Zusammenhang stehen. Hier wurde nichts dem Zufall überlassen und nicht einfach vor sich hin komponiert, um das Ergebnis dann in irgendeiner Reihenfolge aufs Vinyl zu pressen. Zwar handelt es sich soweit ich beurteilen kann nicht um ein Konzeptalbum im klassischen Sinne, ein musikalisches Konzept steht trotzdem ohne Frage dahinter. Wenn man dann noch Titel und Cover mit Musik und Texten in Verbindung setzt, reift der Gedanke: vielleicht ist der Mensch als Mensch ja manchmal auch nichts.

Quelle: Bandcamp-Seite von Unru


Lieder:

  1. Zerfall & Manifest (06:44)
  2. Das Anna-Karenina-Prinzip (12:30)
  3. Hēdonḗe (10:05)
  4. Totemiker (06:42)

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