Das beste Konzert des Jahres – Amorphis in Memmingen

Amorphis, Kaminwerk Memmingen, 2015

Amorphis, Kaminwerk Memmingen, 2015

Kennt ihr dieses Gefühl: ihr schwebt auf Wolken, das Grinsen hat sich in eurem Gesicht festgesetzt und ihr fühlt euch irgendwie als ob ihr an einer Flasche Met geschnüffelt hättet? Seit dem 06.12. hält dieses Gefühl unvermindert an und es liegt ausnahmsweise weder am besten Ehemann von allen noch an den Unmengen süßem Zeug, die man um diese Jahreszeit so verdrückt. Es kann also nur noch einen Auslöser geben – genau Musik.

Running Death, Kaminwerk Memmingen, 2015

Running Death, Kaminwerk Memmingen, 2015

Genau genommen war an diesem Abend ein Amorphis Konzert im Memminger Kaminwerk und der Weg dahin sowie das Ignorieren des rebellischen Magens haben sich mehr als gelohnt. Wir kamen genau rechtzeitig zum Auftritt der Vorband Running Death im Kaminwerk an und positionierten uns vorläufig locker im Raum. Die Jungs aus Kaufbeuren boten Thrash Metal, der direkt in Nacken und Beine ging und gute Laune machte. Sänger und Gitarrist Simon Bihlmayer überzeugte nicht nur mit Stimme und Gitarrenkunst, sondern auch mit dem Talent seine Musik grimassentechnisch perfekt zu unterstützen. Zum Abschluss ihres Auftritts brachten die Jungs auch noch ein tabuisiertes Thema zur Sprache: Masturbation. Gut, dass des jetzt au g’schwätzt isch. Zumindest bei den „Motörhead Boyz“ vor uns löste das eine wahre Bangorgie aus. Da kann man schonmal den Haargummi aus dem Haar nehmen.

In der halbstündigen Pause vor dem Auftritt von Amorphis brachten wir lieber ein wenig Abstand zwischen uns und die nicht mehr ganz standfesten, in aller Heimlichkeit rauchenden „Motörhead Boyz“, versorgten uns mit Getränken und fanden uns in der zweiten Reihe wieder – die Domäne der Groupiegirls und -boys wie wir noch leidvoll erfahren sollten. Um 21.15 Uhr enterten Amorphis dann die Bühne und legten mit „Red cloud“ vom neuen Album los. Die Jungs waren blendend aufgelegt und es folgte „Sacrifice“, ebenfalls vom neuen Album.

Tomi Joutsen, Amorphis

Tomi Joutsen, Amorphis

Meine Highlights waren allerdings andere Songs. Bei „On rich and poor“ herrschte Tanzalarm, was mir ob der Tanzwut der Dame vor mir eine geplättete Nase und Plattfüße einbrachte. „Enemy at the gates“ gehört zu meinen absoluten Lieblingssongs vom neuen Album und ich war begeistert als Amorphis es anstimmten. Leider war das orientalisch anmutende Riff etwas leise, das war aber auch alles was ich bekritteln könnte. Generell muss ich den Sound und die Tonleute wirklich loben. Sie hatten alles perfekt im Griff. „The four wise ones“ folgte direkt auf „Enemy at the gates“. Was soll ich sagen: Ich habe Tomi Joutsens Stimme ja schon häufig in den höchsten Tönen gelobt. Wahrscheinlich seid ihr schon alle total genervt davon – aber ich kann einfach nicht anders. Gesanglich liefert Joutsen in diesem Song – auch live – eine Meisterleistung ab. Man hat das Gefühl es stehen drei Sänger auf der Bühne. Dieses fiese Gezischel einerseits und die tiefen Growls andererseits, die irgendwo aus den Tiefen der Eingeweide zu kommen scheinen – phänomenal. Was für eine körperliche Leistung da auch dahintersteckt, konnte man ab und an sehen, wenn Joutsen in längeren Gesangspausen die Körperspannung etwas lockerte und dabei leicht zitterte.

Esa Holopainen, Santeri Kallio, Amorphis

Esa Holopainen, Santeri Kallio, Amorphis

Die Groupiefraktion vor und neben uns versuchte derweil Selfies zu schießen, auf denen sowohl der eigene Kopf als auch Tomi *Herzchen* Joutsen zu sehen sein sollte. Also es waren so circa 30 bis 40 Versuche Die andere Groupiefraktion war damit beschäftigt Gitarrist Esa Holopanien durch dezent lautes Brüllen seines Namens nach jedem Song auf sich aufmerksam zu machen. Auch weit ausholende Tanzgesten und theatralische Griffe ans Herz gehörten zum Repertoire des Esa-schau-ich-bin-wegen-dir-da-Programms. Vor der Zugabe erbarmte sich der solchermaßen angeschmachtete und trennte sich von seinem Plektrum. Allerdings warf er es leider hinter die Gruppe, was ein lustiges auf dem Boden mit dem Handy Herumkriechen und leuchten nach sich zog. Die allgemeine Aufregung nutze Groupie number next um weiter Richtung Bühne vorzudrängeln – und als eine kleine Rangelei und Treterei entstand, vor der ich lieber flüchtete – fühlte ich mich vollends an alte Boygroupzeiten erinnert. Ähalso nicht dass ich mich da auskennen würde.

Niclas Etelävuori, Amorphis

Niclas Etelävuori, Amorphis

Zurück zum Wichtigsten an diesem Abend. Der geilen Musik. Ich hätte Esa Holopainen noch ewig beim Gitarre spielen zusehen und – hören können – er hat übrigens wieder eine besonders geile Gitarre dabei gehabt. Den Gedanken ebenfalls zu kreischen, in der Hoffnung er überlässt sie mir, habe ich aufgrund des Peinlichkeitsfaktors und der geringen Erfolgschancen schnell verworfen. Dann doch lieber sparen. Auch Keyboarder Santeri Kallio gefiel mir gut. Es ist cool zu sehen, wie er in die Musik förmlich eintaucht und so schnell auch nicht wieder auftaucht. Schlagzeuger Jan Rechberger leistete unterdessen schweißtreibende Schwerstarbeit am Schlagzeug und ließ sich auch durch Joutsens Fotografiererei nicht aus dem Takt bringen. Bassist Niclas Etelävuori sorgte unterdessen für Spaß beim Tonmann und Gitarrist Nummer zwei, Tomi Koivusaari, sorgte gegen Ende für Hektik beim Instrumentenbeauftragten, denn seine Gitarre hatte Blessuren davongetragen und musste ausgewechselt werden. Joutsen plauderte außerdem locker flockig aus, dass Esa während die Band am Mittag die Memminger Cafés ausprobierte, ein Schläfchen hielt.  Tja, was ist nur aus dem guten alten Rock’n‘ Roll geworden?

Als Amorphis auch noch „Silent Waters“ spielten – juhuuuuu – war ich höchst entzückt. Ganz anderer Song vom Charakter her, eine neue Facette von Joutsens Stimme. Sanft wie ein flauschiges Taschentuch umschmeichelte sie unsere Ohren. Es folgte das flotte „My Kantele“ und bei „House of sleep“, dem Abschlusssong vor der Zugabe, war Gänsehaut pur angesagt. Selbst Joutsen war einigermaßen sprachlos bei der schönen Gesangseinlage des Publikums. Die Zugabe eröffneten Amorphis mit „Death of a king“ – live noch besser als auf CD und ein absoluter Ausrastgarant. Zum endgültigen Abschluss folgten dann noch „Silver bride“ und „The smoke“. Man konnte nicht glauben, dass fast 2 Stunden vergangen waren. Für mich war es das beste Konzert, das ich je gesehen habe.

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9 Gedanken zu “Das beste Konzert des Jahres – Amorphis in Memmingen

  1. Flauschiges Taschentuch? Bei Metal? Lese ich da richtig? Hrmpf…. den Song müsst ihr mir aber mal vorspielen (würde sich Samstag anbieten ;-)).
    Aber ich bin immer noch am schmunzeln bei der Vorstellung, dass Du den Gitarristen anschmachtest, er Dein Schmachten erhört und näher kommt, Du ihm die Gitarre entreisst und er verduzt zurückbleibt…. hihi….
    So, nun aber mal Schluss mit den Albernheiten. Das Konzert hört sich nach einem vollen Erfolg an und es freut mich, dass das Jahresende bei Dir so gut ausklingt. Da hat sich die Anfahrt und der lange Abend ja auf jeden Fall gelohnt – und wenn auch die Augen am Montag bei der Arbeit schwer waren, war der Nachhall des Konzerts das bestimmt wert.
    P.S.:: Zurück zu den Albernheiten – Groupies? Ehrlich wahr? Durch Deinen Blog erkenne ich am Metal ganz neue Facetten….

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    • Wahrscheinlich hängt es noch ein wenig von der Band und den Musikern ab, aber leider gibt es auch beim Metal Groupies. Anders kann man die Leute vor uns einfach nicht bezeichnen. Und was ich ihnen nie verzeihen werde: die Stinker haben ein Plektrum und zwei Setlisten abgestaubt. Nur gut das mir das nicht wichtig war… 😉

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    • Ja, das Konzert war definitiv der perfekte musikalische Jahresabschluss. Och, flauschig und Metal vertragen sich durchaus. Das Verhältnis von Flausch und Metal muss halt stimmen…oder so :-). So, du meinst ich müsste mir das mit dem Anschmachtetrick noch überlegen? Naja, im April gibt’s die nächste Chance. ich werde dann wohl trainieren gehen. Ja, Groupies gibt es offensichtlich fast überall – und in jedem Alter, was mich noch mehr verblüfft hat.

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  2. Ja, das Konzert war durch und durch gelungen. Sehr guter Sound, Leute die voll mitgehen und eine Band die alles gibt. Man hat es Amorphis angesehen, dass es ihnen Spaß gemacht hat. Und sie haben gezeigt wie eine gute Zugabe aussieht: das Zugpferd des neuen Albums, also die Single Auskopplung als Zugabe zu bringen – wie genial ist das denn. Dementsprechend hat der Saal getobt. Auch aus meiner Sicht das beste Konzert des Jahres.

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  3. Klingt ja nach einem tollen Konzert und vor allem nach einem Ausgleich für den Auftritt in Stuttgart. Wär’s meine Richtung, bekäme ich ja glatt auch mal Lust drauf.
    Lustig wie immer auch das Publikum. Da gibts schon Kurioses und auch eher Unerwartetes.

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    • Komm einfach mit, außerdem haben wir dann zwei Arme mehr die nach Plektrum & Co haschen können 🙂 Und die Rockfabrik (da gehen wir das nächste Mal) ist eine schöne Location, wenn Amorphis nicht was total falsch machen gibt es einen guten Sound, es ist Clubatmosphäre – also nicht so riesig. Außerdem muss man sich ja auch mal was trauen – ich sag nur „whale ahead!“ 🙂

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