Kebab-Vibes und Killergrowls – das neue Amorphis Album ist da

Amorphis Under the red cloud

Amorphis Under the red cloud

Endlich ist es so weit. Seit letzten Freitag steht das neue Album von Amorphis „Under the red cloud“ in den Läden. Ehrlich gesagt, je näher der Erscheinungstag rückte, desto deutlicher standen mir die Schweißperlen auf der Stirn – vor Angst. Nun ja, es ging mir leider schon sehr häufig so, dass ich Alben, die im Vorfeld so sehr gehypt und in den Himmel gehoben wurden, dann einfach – wie drücke ich das jetzt elegant aus – kacke fand. Aber nach einer intensiven Begutachtung der neuen Scheibe kann ich mir nun den Schweiß von der Stirn wischen und verkünden: Für mich gehört „Under the red cloud“ zu den drei besten Alben, die Amorphis je aufgenommen haben.

In Anknüpfung an Circle wurde der Härtegrad auf „Under the red cloud“ noch gesteigert ohne dabei die zarten, fragilen Melodien, die Amorphis ausmachen, unterzubuttern. Mit „Sacrifice“ ist auch der massentaugliche Hit mit an Bord: eingängig, zum Mitsingen, Härtegrad auch für Nicht Metaller erträglich. Auch wenn ich den Song ganz nett, äh annehmbar, äh in Ordnung – Mensch, mir fällt halt nix enthusiastischeres dafür ein – finde – so richtig mitgerissen haben mich andere Songs. Der Opener „Under the red cloud“ zum Beispiel wartet mit perlenden Pianoklängen, eingängiger Melodie und dramatischen Gitarren auf. Eine kleine Prise Epik darf auch nicht fehlen.

Wirklich weggebombt haben mich gleich mehrere Songs. Da wäre zum Beispiel „The four wise ones“. Tomi Joutsens stimmliche und gesangliche Leistung ist darin einfach der Oberhammer. Deathmetalgrowls die irgendwo tief aus Seele und Eingeweiden zu kommen scheinen (nicht weiter drüber nachdenken!), wirklich fiese Screams die einem die Eiseskälte den Rücken hinunter jagen – Growl ist eben doch nicht gleich Growl. Das Ganze wird garniert mit einer Doublebass-Wand und keltisch folkigen Anklängen. Puh – durchatmen.

Ein weiterer Kracher ist „Death of a king“. Den Song hatte ich ja im Blog schon einmal ausführlich vorgestellt und an meiner Begeisterung hat sich nichts geändert. Sithar, orientalische Melodie, Flöte, Bauchvibrationsgrowls = geil. Mit einem herzzereißenden Growl beginnt auch „Dark path“. Eine eingängige Pianomelodie begleitet uns fast durch den kompletten Song. Auch hier ist die stimmliche Leistung von Tomi wieder beeindruckend. Zu Growls und Screams gesellt sich sein wunderschöner Cleangesang. Der Song hat dem Liedtitel angemessen eine düstere Grundstimmung – und es ist fantastisch wie er sich zu Beginn langsam auftürmt, zu einem bedrohlichen Teppich aus Doublebasses, wummerndem Bass und schnellen, abgehackten Gitarren wird. Dann geht er über in einen pathetisch-feierlichen Modus bevor Santeri Kallios Piano eine Ebene höher transponiert seine Melodie ganz zart wieder aufnimmt. Dabei wird es von entspannten Gitarren begleitet. Die Snare Drum beschleunigt das Ganze langsam und mit einem Gitarrenslide nimmt der Song wieder an Fahrt auf.

…und noch mehr Kebab-Vibes. So nennen Amorphis übrigens die orientalischen Klänge, die sie in ihre Songs einarbeiten. Ein gelungenes Beispiel dafür, dass Death Metal, Progressive Metal und orientalische Vibes super funktionieren ist „Enemy at the gates“. Es wird getragen durch ein orientalisch anmutendes Gitarrenriff, den Wechsel von Cleangesang und Growls, prägnante, treibende Palm Mutes und das An- und Abschwellen aller Instrumente in Lautstärke und Intensität. Auch eine Flöte und die Keyboards verbreiten Basar-feeling.

Eine völlig andere Nummer ist „Tree of ages“. Es ist der folkigste Song auf dem Album. Folk Flair verbreitet dabei vor allem Chrigel Glanzmann von Eluveitie mit einer schönen hüpfigen Flötenmelodie, die von den anderen Instumenten clever unterstützt wird. Außerdem enthält der Song ein schönes Gitarrensolo.

Wer das Digipak sein eigen nennt, kommt in den Genuss eines weiteren wunderbaren Songs. „Winter’s sleep“ hat mich mit seiner melancholischen Melodie und dem genialen Kontrast zwischen zarten Pianoklängen und rauen, manchmal stakkatoartigen Gitarrenklängen sofort in seinen Bann gezogen. Der Song ist in den Strophen recht zurückgenommen, öffnet sich im Refrain, wechselt zwischen mal zartem, mal kräftigem Cleangesang, im zweiten Drittel gibt er dann mit eindringlichen Growls, einem mitreißenden Gitarren- und sich anschließenden Keyboardsolo so richtig Gas.

Es geht mir nicht oft so, dass ich mir bei jedem zweiten Song auf einer Scheibe denke „Wow, neuer Liebslingssong – oh, der auch…und der auch“. „Under the red cloud“ ist für mich der Hammer. Es ist alles dabei, was eine gute Amorphis Scheibe braucht: Death Metal, Progressive Elemente, zarte melancholische Melodien, Kebab-Vibes, harte und messerscharfe Riffs, folkige Elemente, Gesang und Growls in den verschiedensten Ausprägungen, treibende Doublebasses, wummernde Bässe und perlende Pianomelodien. Dabei kommt aber nie das Gefühl auf, dass Holopainen und Co lediglich kalten Kaffee frisch aufwärmen. Man hört den Jungs an – und sie haben das im Interview mit Rock Hard bestätigt – dass sie seit dem Einstieg von Tomi Joutsen 2005 komplett sind und sich seit dem immer weiterentwickelt haben. Außerdem hat Jens Bogren die Scheibe exzellent produziert, sie ist klanglich top.

Daumen und große Zehen hoch – wie komme ich jetzt eigentlich an den Play Button?

2 Gedanken zu “Kebab-Vibes und Killergrowls – das neue Amorphis Album ist da

  1. Tatsächlich bin ich noch gar nicht so richtig dazu gekommen mir das Album mal in Ruhe anzuhören, obwohl es schon einige Tage da ist. Wie immer muss ich mich bei Amorphis immer erst richtig reinhören. So ging mir beim schon vorab veröffentlichten Death of a king diese kleine Flöte anfangs auf den Nerv. Mittlerweile sind die kleine, irre Flöte und ich aber Freunde geworden. Die Songs sind alle durchweg gut, was selten bei Alben ist. Meist hat man ja doch immer ein, zwei Songs dabei wo man tendenziel weiterschaltet. Das ist hier nicht der Fall, was ich schon mal stark finde. Man merkt der Band auf jeden Fall die Entwicklung an, sie sind alle einige Schritte weiter gegangen. Was mir auch gut gefällt und das ist vielleicht sogar die Stärke des Albums, dass alle Instrumente stark aufspielen und eine Mega-Einheit ergeben.
    Ein echt starkes Album mit dem Potential das beste des Jahres zu werden.

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  2. Schön, dass das mit der Freundschaft zwischen dir und der Flöte doch noch geklappt hat :-). Ich habe schon häufiger festgestellt, dass die Songs, in die man sich erst einmal einhören muss meist die sind, die zu Lieblingssongs und treuen Begleitern werden. Also: beste Voraussetzungen :-).

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